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Don't Count on Us

Italien, 1978

Originaltitel

Non contate su di noi

Regisseur

Sergio Nuti

Inhalt

Infolge eines zufälligen Zusammentreffens verlieben sich der tagträumerische Flauto (Sergio Nuti) und die leicht neben sich stehend wirkende Maria (Francesca Ferrari) Hals über Kopf ineinander. Dumm nur, dass Maria bereits seit längerer Zeit an der Nadel hängt, was wiederum dazu führt, dass das junge Liebesglück aufgrund der vorherrschenden Suchtproblematik zusätzlichen Belastungen ausgesetzt wird. Zu allem Überfluss greift Flauto dann auch noch kurzerhand zur unheilvollen Spritze, wodurch das sowieso schon angespannte Beziehungsgefüge vollends zu kollabieren droht... 

Review

Im April diesen Jahres veröffentlichte das österreichische Musik- und Filmlabel CINEPLOIT den seit über vier Jahrzehnten als verschollen gegoltenen Film NON CONTATE SU DI NOI ("Zähle nicht auf uns") erstmals in digitaler Form, nachdem dieser in Zusammenarbeit zwischen dem italienischen Label PENNY VIDEO, dem Produzenten Manfredi Marzano und der CINETECA NAZIONALE von den letzten beiden brauchbaren 35mm Kopien abgetastet und bildtechnisch aufbereitet wurde. Ursprünglich auf 16mm gedreht, musste der Film für seinen damaligen Kinoeinsatz auf ein paar wenige 35mm Filmrollen umkopiert werden, von denen dann wiederum nach einer gerade mal achttägigen Spielzeit fast allesamt von der Bildoberfläche verschwanden. Auf der gerade erst erschienen BD befindet sich zudem ein sehr bewegendes Interview mit Manfredi Marzano, in dem er ausführlich das tragische Schicksal des Films aufzeigt. Dabei merkt man Signore Marzano sofort an, wie sehr ihn die damalige Geschichte auch heute noch aufwühlt, denn am Ende des besagten Interviews treibt es ihm sogar fast die Tränen in die Augen.

 

"Weißt Du, ich hatte eine Art Traum, aber er sah so echt aus. Einer von denen, die Du hast, wenn Du richtig weg bist!"

 

Bei NON CONTATE SU DI NOI handelt es sich quasi um den ersten italienischen Film, der sich ernsthaft mit der zur damaligen Zeit nicht nur unter italienischen Jugendlichen immer drastischer werdenden Heroinproblematik auseinandersetzte. Die Idee für diesen Film stammte von dem bis dahin als Filmeditor, Regieassistent und Drehbuchautor bekannten Sergio Nuti, der den Film dann auch sogleich inszenierte - wobei NON CONTATE SU DI NOI wiederum seine erste und zugleich letzte Regiearbeit darstellen sollte. Obendrein übernahm er auch noch kurzerhand die Hauptrolle und wirkte neben Gianloreto Carbone und Francesca Ferrari am Drehbuch mit, in welches übrigens auch persönliche Erfahrungswerte der drei Verfasser miteinflossen. Frau Ferrari, die zugleich den Part der weiblichen Hauptrolle verkörperte, spielte nicht nur im Film Sergio Nutis Geliebte, sondern war mit diesem auch im wahren Leben liiert.

 

Gedreht wurde NON CONTATE SU DI NOI in den römischen Vororten Primavalle und Balduina, wobei sich die Dauer der Dreharbeiten über fünf Wochen erstreckte. Als Schauspieler verpflichteten Marzano und Nuti vornehmlich Laiendarsteller -die größtenteils der Drogenszene entstammten und somit auch selbst an der Nadel hingen-, was dem Film letzten Endes wiederum die entsprechende Authentizität verlieh, die beispielsweise dem quasi mit Starbesetzung (Helmut Berger, Corinne Cléry, Franco Citti und George Ardisson) inszenierten HÖLLENTRIP INS JENSEITS (1980) fehlte. Eine ähnliche Wirkung erzielte dahingegen das fünf Jahre später entstandene Drogendrama TOXIC LOVE (1983) von Claudio Caligari, in dem ebenfalls Laiendarsteller aus der Drogenszene das Sagen haben. Der größte Unterschied zwischen diesen beiden ähnlich gelagerten Heroindramen bestand in ihrem jeweiligen Erfolg, denn der leicht stoisch wirkende NON CONTATE SU DI NOI floppte wie bereits geschrieben aufgrund schicksalhafter Rahmenbedingungen, wohingegen der etwas emotionsgeladenere TOXIC LOVE zum absoluten Kult-Film avancierte. Ein weiterer Unterschied liegt in dem auf die jeweiligen Szenen gerichteten Fokus, wobei sich TOXIC LOVE eher allgemein mit dem Schicksal junger Heroin-Usern auseinandersetzt und  NON CONTATE SU DI NOI vordergründig die drogenbedingten Probleme einer suburbanen Liebesbeziehung beleuchtet. Zudem war HIV im Jahre 1978 augenscheinlich noch kein Thema, so dass in Sergio Nutis Film munter die Spritzen untereinander getauscht werden, wohingegen in TOXIC LOVE bereits jeder User fein säuberlich seine eigene Einwegspritze verwendet.

 

"Ich sah uns beide, wir spazierten während wir reisten. Wir wechselten ständig den Ort. Endlich waren wir frei von diesem Scheißverhalten. Wir hatten einen Weg gefunden, immer zusammen zu sein..."

 

Sergio Nuti zeigt in seinem Film die Verwandlung des Ideals eines kollektiven Zusammenlebens einer verirrten Jugend in einen endlosen Alptraum, was wiederum durch die politischen und sozialen Rahmenbedingungen der damaligen Zeit bedingt war. Dabei spiegeln sowohl die beteiligten Darsteller als auch die Aufnahmen der gezeigten Lebenswelten diese existenzielle Leere wider. Der eigentliche Fokus des Films liegt aber zweifelsfrei auf dem Beziehungsgefüge zwischen der heroinabhängigen Maria und dem zunächst tagträumerisch wirkenden Flauto, dessen eigentlicher Vorname 'Giorgio' lautet. Dabei veranschaulicht Nuti die Unfähigkeit suchtkranker Menschen, sich ihren wahren Gefühlen hingeben zu können, da diese wiederum zumeist von der Sehnsucht nach dem nächsten Schuss dominiert werden. Zwar spürt Maria während ihrer täglichen Glücksmomente mehr als Sympathie gegenüber Flauto und erkennt dann auch die Probleme, die für eine glückliche Beziehung zunächst gelöst werden müssten; kann dies aber letztlich aufgrund der typischen Symptomatik ihrer Heroinabhängigkeit nicht in die Tat umsetzen, da gerade die Substanz 'Heroin' ein sehr hohes Abhängigkeitspotenzial mit sich bringt - welches natürlich auch immer im Kontext komplexer Wechselwirkungen sozialer und biologischer Prozesse zu betrachten ist. Somit dreht es sich in Marias Leben in erster Linie immer nur um Stoff, was wiederum ihre gerade erst kurz zuvor gefassten Änderungsvorsätze ein jedes Mal dahinsiechen lässt. Für den auf Wolke sieben schwebenden Flauto entpuppt sich das Suchtverhalten seiner geliebten Maria als äußerst schmerzvoll, da er ständig Marias abhängigkeitsbedingten Stimmungswechseln ausgesetzt wird, die wiederum aufgrund der inneren Zerrissenheit ihrer Persönlichkeit unausweichlich sind. In ihrem tiefsten Innern träumt auch Maria von einer glücklichen Zukunft mit dem bis dahin noch 'clean' lebenden Flauto, kann diesen Traum aber infolge des unwiderstehlichen Substanzverlangens nicht ernsthaft verfolgen - denn spätestens beim Einsetzen der Entzugserscheinungen dreht sich ihr Leben nur noch um die Frage, wie sie fortan wieder am schnellsten an Stoff für den nächsten Schuss gelangt. Dies ist dann auch die kritische Phase, in der Maria tagtäglich die Kontrolle über ihr wahres Empfinden verliert, was wiederum zur Folge hat, dass sie im Verlauf ihres Kontrollverlusts Dinge tut, die sie eigentlich gar nicht möchte. Für Flauto -der beispielsweise ohnmächtig mit ansehen muss, wie sich Maria vor seinen Augen mit einem geschäftstüchtigen Dealer vergnügt- stellen die täglichen Eskapaden Marias ein unaufhaltsames Martyrium dar, in dessen Folge er sowohl selbst in eine astreine Co-Abhängigkeit gerät als auch über kurz oder lang den unheilvollen Griff zum vermeintlich erlösenden Spritzbesteck wagt. Dass dies wiederum für die sowieso schon kurz vor dem Zerbersten stehende Beziehungsdynamik alles andere als förderlich ist, dürfte jedem klar sein, und so kommt es wie es kommen muss: Das Unheil nimmt unaufhaltsam seinen weiteren Lauf.

 

Zwar wirken die darstellerischen Fähigkeiten der meisten Beteiligten etwas eingeschränkt, versprühen dafür aber auch eine gewisse Authentizität, die dem Film wiederum eine leicht dokumentarische Note verleiht. Die überzeugendste Darbietung stammt dabei von Maurizio Rota -seines Zeichens Musiker und ehemaliger Sänger der italienischen Progressive-Rock Band 'Alberomotore'- der in der Rolle des suchtkranken Robby einen äußerst lebendigen Auftritt aufs Parkett legt. Und da mit Rota bereits ein talentierter Musiker mit von der Partie war, bekam dieser auch sogleich den Auftrag zum Einspielen der Filmmusik erteilt, woraufhin er zwei bemerkenswerte Kompositionen beisteuerte (Strade de' borgata  & Un fiore contro il vento), die sogar von der EMI auf einer 7" Single veröffentlicht wurden. Kommen wir noch einmal kurz auf den Produzenten Manfredi Marzano zu sprechen, da auch er es sich nicht nehmen ließ, selbst in einer kleinen Nebenrolle auf den Plan zu treten, um nach bestem Wissen und Gewissen den hartnäckigen Ermittler zu verkörpern. Abschließend sollte auch noch kurz erwähnt werden, dass kurzzeitig Bruce Springsteen für die Hauptrolle angedacht war, wobei sich die Macher dann aber letzten Endes doch noch umentschieden und lieber Sergio Nuti ins Rennen schickten.

 

Fazit: NON CONTATE SU DI NOI verdient seine besondere Stellung im geschichtlichen Kontext des italienischen Films zweifelsfrei.

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