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Destinazione Piovarolo

Italien, 1955

Alternativtitel:

Destination Piovarolo

Inhalt

Drei Jahre hat Antonio La Quaglia (Totò) auf die Auswertung seines Tests zum Bahnhofsvorsteher gewartet, und nun, im Jahre 1922, ist es endlich soweit. Er hat zwar unter allen Teilnehmern nur den letzten Platz belegt, doch er bekommt seinen eigenen Bahnhof: Piovarolo. Das kleine Dörfchen in den Appeninen ist jedoch nicht so, wie er es im Reiseführer nachgelesen hat, ununterbrochen Regen, und nur lokale Züge halten am Bahnhof, denn niemand will nach Piovarolo und niemand kommt von dort weg. Einzige Ausnahme ist die Lehrerin Sara (Marisa Merlini), die bei ihrer ersten Begegnung gleich eine Beschwerde gegen Antonio formuliert, da sie beim Aussteigen aus dem Zug gestürzt ist, weil er die Pfeife zu früh blies.

 

Antonio hat Ambitionen und wie sein Vorgänger träumt er nur davon, so schnell wie möglich befördert und somit aus Piovarolo abgezogen zu werden. Eine erste Gelegenheit scheint sich zu ergeben als der alte Ernesto im Sterben liegt, der als junger Mann als Garibaldis Trompeter in der Schlacht von Calatafimi war, während des Zuges der Tausend. Ernesto ist Zeitzeuge des Garibaldi-Zitats „Nein, Nino (Bixio), hier machen wir Italien oder wir sterben hier“. In seiner Calatafimi-Uniform will Ernesto Garibaldi im Jenseits gegenübertreten, doch seine Mütze ist längst von Ratten gefressen. So bittet er Antonio um seine Stationsvorstehermütze als Ersatz. Antonio will nicht, doch dann begegnen ihm zwei Sozialisten, die von Ernesto politisch profitieren wollen. Dieser solle nur das Zitat in „Nein, Nino (Bixio), hier machen wir unser sozialistisches Italien oder wir sterben hier“ abändern. Antonio wittert seine Chance und überlässt Ernesto die Mütze, dafür sollen die Sozialisten ihren Einfluss geltend machen, ihm einen besseren Bahnhof zu verschaffen. Der Deal scheint perfekt, bis zwei Vertreter der Partito Popolare Italiano auftauchen, doch nach einem Telegramm, dass den Zusammenschluss von Sozialisten und Partito Populare verkündet, ist das neue Garibaldi-Zitat geschmiedet und Antonio wurde der Posten des Bahnhofsvorstehers von Neapel versprochen. Doch leider ist es Samstag, der 28. Oktober 1922, der Tag der Machtübernahme durch Mussolini.

 

Unter Mussolini bessern sich Antonios Chancen auf eine Versetzung nicht, ganz im Gegenteil. Zwar erhält er zunächst einen Brief, der besagt, er sei nun Stationsversteher von Rocca Imperiale, doch dies ist keine Versetzung, sondern nur eine Umbenennung des Ortes Piovarolo. Als Nächstes erfährt er, dass er seine Stellung verlieren könne, wenn er nicht innerhalb von zwei Monaten heirate, um Mussolinis Familienbild unter Staatsangestellten zu erfüllen. Zudem erfolgten Beförderungen nun automatisch, nämlich mit der Geburt jedes zweiten gezeugten Kindes. Antonio macht sich also auf die Suche nach einer Frau, und noch scherzt er darüber, dass ihm wohl nur die Lehrerin bliebe, die ihn einst angeschwärzt hat. Schnell stellt er fest, dass die noch verfügbaren „Dorfschönheiten“ nicht nach seinem Geschmack sind. Auch vor einer dreifachen Witwe, deren drei Ex-Männer nebeneinander auf dem Ortsfriedhof liegen nebst einem noch leeren Grab für No 4, nimmt er Reißaus.

 

Lehrerin Sara erhält ihrerseits ebenfalls einen Brief. Sie ist Mitglied der faschistischen Partei, doch ihr Vater war Jude, und so wird ihr nahegelegt, einen katholischen Italiener zu heiraten, um durch einen Namenswechsel den vermeintlichen „dunklen Fleck“ ihrer Vergangenheit zu tilgen. So ergreift nun sie die Initiative, und bald sind Antonio und Sara verheiratet. Antonio wird indessen mitgeteilt, dass er von nun an von jeder Beförderung oder Versetzung ausgeschlossen sei, da er mit einer „Angehörigen einer nichtarischen Rasse“ verheiratet ist.

 

Die Jahre ziehen ins Land, wir schreiben das Jahr 1955, und Antonio hat eine erwachsene Tochter (Irene Cefaro), die Schauspielerin werden will. Als sie im wahrsten Sinne des Wortes einen Stein ins Rollen bringt, wird durch Mundpropaganda schnell ein Erdrutsch daraus. Antonio lässt den Rapido 427 stoppen, der den italienischen Minister für Kommunikation der Democrazia Cristiana-Regierungspartei an Bord hat und hofft, nun die langersehnte Versetzung zu bekommen, weil er diesem durch das Anhalten des Zuges das Leben zu retten glaubt. Doch ob das angesichts der Tatsache, dass es gar keinen wirklichen Erdrutsch gab, gelingt?

Review

Domenico Paolellas „Destinazione Piovarolo“ ist ein Highlight unter den Filmen mit dem Komiker Totò, da er wirklich hervorragend recherchiert Bezug auf reale politische Ereignisse nimmt, und welchen Einfluss diese selbst auf einen kleinen Bahnhofsvorsteher haben, der von seinem Aufstieg im Leben träumt – vergeblich. Denn im Mittelpunkt steht mal wieder Totòs altbekannte Philosophie vom Abstrampeln des kleinen Bürgers, der - ganz gleich wer regiert – trotz allen Pflichtbewusstseins stets auf seinem Platz verbleibt: unten in der Gesellschaft. Die Inhaltsangabe ist diesmal deshalb so ausführlich ausgefallen, denn alle bekommen ihr Fett weg, ob Sozialisten, Republikaner, Faschisten oder Christdemokraten.

 

Diese Beschreibungen sollen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der gesamte Film im Bereich der Komödie verbleibt, die realen Bezüge bilden lediglich das I-Tüpfelchen, dass diese Komödie so perfekt macht. Zu den Highlights von Totòs Performance in „Destinazione Piovarolo“ ein paar Beispiele. Als die Mussolini-Faschisten ihm eine Plakette schicken, die er fortan an die Knöpfe seiner Bahnhofsvorsteher-Uniform heften soll, hält er einen abgeänderten Hamlet-Monolog, der mit „Sein oder Faschist-Sein“ beginnt und damit endet, dass er feststellt, dass sein Uniformmantel gar keine Knöpfe hat. Nach dem Fall der Faschisten folgt eine Szene, in der er einen Mussolini-Beamten an alte Versprechen erinnern will, doch der Betreffende erinnert sich natürlich an rein gar nichts. Als Totòs Frau Sara schwanger ist, verspürt sie einen Heißhunger auf Lamm alla Cacciatore, und als Totò dieses nicht besorgen kann, versucht er einer kleinen Katze einzureden wie sinnlos ihr Leben doch sei, so dass sie ihm nicht böse sein müsse, wenn er dieses jetzt beendet. Schließlich bringt ihm die Haushälterin des Dorfvorstehers doch noch Lammreste, welche dann allerdings die Katze frisst. Der christdemokratischen Minister des Jahres 1955 wird als Gutschwätzer dargestellt, der nach Sekundenbruchteilen alles vergisst, was ein einfacher Bürger wie Antonio ihm sagt oder was er diesem verspricht.

 

„Destinazione Piovarolo“ wurde auf Ferrania C.7-Film gedreht, mit Western-Electric-Sound und entwickelt vom Istituto Luce. Der Film war Teil eines Doppeldeals mit dem ebenfalls von Domenico Paolella gedrehten „Der Lebensretter“ (Il coraggio, 1955) mit Totó, Gino Cervi und Anna Maria Canale. Der Beginn des Films, in dem Antonio von seiner Stelle als Bahnhofsvorsteher unterrichtet wird, entstand im Hof der Villa Patrizi in Rom, welches damals tatsächlich Sitz der Staatsbahn war, heute anscheinend noch als Museum verwendet wird. Piovarole ist ein fiktives Dorf, gedreht wurde in der Gemeinde Mazzano Romano in Latium, Rom. Die Umbenennung des Bahnhofs und Piovarolos (während der Szenen im Faschismus) in „Rocca Imperiale“ weckte den Unmut der Gemeinde Cosentino an der Ionischen Küste, welche während des Mussolini-Regimes tatsächlich eine solche Umbenennung von Orts- und Bahnhofsnamen erfuhr. Die Produktion versicherte daraufhin, dass dies nur ein Zufall sei, angesichts der historischen Schlüssigkeit des übrigen Drehbuchs darf man das aber ruhig bezweifeln.

 

Finanziert wurde „Destinazione Piovarole“ seinerzeit von Aurelio de Laurentiis für D.D.L. im Vettrieb von LUX Film. Die Musik stammt von Angelo Francesco Lavagnino. Auch wenn die Inhaltsangabe nach schwerer kost klingt, ist das nicht der Fall. „Destinazione Piovarole“ ist leichtherzig-amüsant, auch ohne Berücksichtigung seiner historischen Bezüge. Die italienische DVD von Cristaldi Film verfügt über brauchbare englische Untertitel.

Links

OFDb
IMDb

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