In Memoriam... Ennio Morricone

Filmhelden haben es leicht. Tarzan, Django und Luke Skywalker wurden fast mühelos Bestandteile der Popkultur, und werden es wahrscheinlich auch in Jahrzehnten noch sein. Wenn man bedenkt, wann der letzte wirklich erfolgreiche Tarzan-Film auf den Leinwänden zu sehen war, dann ist es vor allem in unserer schnelllebigen Zeit ein kleines Wunder, wie geläufig dieser Name heute noch ist …

 

Filmkomponisten haben es da deutlich schwerer. Die Melodien von Kassenschlagern wie DOKTOR SCHIWAGO oder LOVE STORY nisteten sich in den Ohren von Millionen von Kinogängern ein, und die entsprechenden Singles wurden in Stückzahlen verkauft, die so manchem Popstar ehrlichen Respekt abnötigte. Das waren aber immer nur zeitliche begrenzte Phänomene, 50 Jahre nach LOVE STORY ist der Film jenseits einer eingeschworenen Fangemeinde kaum noch bekannt, von der Musik ganz zu schweigen.

 

Aber neben Bernhard Hermanns bekanntem Thema für Hitchcocks PSYCHO und John Williams eingängiger Melodie für DER WEISSE HAI gibt es in weit über 100 Jahren Filmgeschichte ziemlich genau zwei Kompositionen, welche die Zeiten überdauern, und auch in Generationen noch Assoziationen wecken werden, unabhängig von den dazu gezeigten Bildern. Genauer gesagt eigentlich nur eine Komposition, nämlich John Williams Thema zu KRIEG DER STERNE. Das andere ist keine einzelne Komposition, sondern viel mehr ein Lebenswerk: Das Lebenswerk des italienischen Komponisten Ennio Morricone, der mit 91 Jahren am 6. Juli 2020 in seiner Heimatstadt Rom gestorben ist.

 

Das Oeuvre Ennio Morricones umfasst über 500 Filme in einer Zeitspanne von sage und schreibe 60 Jahren, und in diesen 60 Jahren hat dieser Ausnahmekünstler Werke geschaffen, die Teil nicht nur der Popkultur geworden sind, sondern tatsächlich in die allgemeine Gegenwartskultur eingegangen sind. Das gepfiffene Eingangsthema von ZWEI GLORREICHE HALUNKEN dürfte überall auf der Welt genauso bekannt sein wie das Harmonika-Solo aus SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD. Jill’s Theme, ebenfalls aus dem LIED VOM TOD, hat sogar zu den Lieblingsstücken meiner damals 70-jährigen Großmutter gehört, und das auf der Panflöte geblasene Titelstück aus ES WAR EIMAL IN AMERIKA ist in Fernsehdokumentationen bald genauso oft im Hintergrund zu hören wie das Stück Windfall der neuseeländischen Band Dead Can Dance. Die Scores zu Giuseppe Tornatores CINEMA PARADISO oder THE MISSION besitzen vielleicht nicht ganz die Eingängigkeit der vorgenannten Stücke, berühren aber den Hörer im gleichen Maße wie zum Beispiel Chi Mai aus Georges Lautners DER PROFI, und sind in Fernsehen und im Radio auch genauso oft zu hören.

 

Was die Musik von Ennio Morricone immer auszeichnet ist (und ich verwende bewusst die Gegenwartsform, da seine Musik niemals sterben wird), dass sie auch unabhängig von den gezeigten Bildern funktioniert. Vor vielen Jahren habe ich mir den Soundtrack zu VON ANGESICHT ZU ANGESICHT gekauft, der zusammen mit DER GEHETZTE DER SIERRA MADRE auf einer CD war. Letzteren Film kannte ich zu der Zeit noch nicht, aber während des überwältigenden Titeltracks Corri, uomo, corri sah ich vor meinem geistigen Auge einen Mann, der durch ein Kornfeld flüchtet. Der versucht, sich vor Reitern zu verstecken, und inmitten der Halme und Ähren verzweifelt versucht, so wenig Spuren wie möglich zu hinterlassen, und dessen Verzweiflung und Angst dabei immer größer werden. Wer den Film kennt kann sich meine Überraschung bei der Erstsichtung des Films vorstellen, als genau diese Bilder, die ich beim allerersten Hören im Kopf hatte, auf der Leinwand erschienen. Morricone hatte das Kunststück vollbracht, die Bilder des Films so in Musik zu übersetzen, dass auch der Zuhörer, der den Film nicht kennt, diese Bilder sieht. Ein unerhörter Vorgang, den ich noch bei keinem anderen Komponisten jemals erlebt habe, nicht in fast 50 Jahren intensiver Beschäftigung mit Musik. Pink Floyd könnte mir da gegebenenfalls noch einfallen,  und vielleicht auch noch Klaus Schulze, aber sonst ...?

 

Dabei hat sich Ennio Morricone in keinem Film das Recht heraus genommen, die gezeigten Bilder zu erdrücken, wie es John Williams so oft tut. Er hat immer die Bilder als Inspiration hergenommen und sie in Musik umgesetzt. Er hat die Wirkung der Bilder in Noten transponiert und potenziert, sie mythisch erhöht um ihre Wirkung zu verstärken. Morricone hat visuelle Emotionen in akustische Gefühle übersetzt. Was wäre DIE SCHLACHT UM ALGIER ohne das martialische Kriegsthema? Was wäre Tucos Suche nach dem richtigen Grabstein in ZWEI GLORREICHE HALUNKEN ohne das hypnotisch-ekstatische L’estasi dell’oro? Und was wäre MEIN NAME IST NOBODY ohne den Ohrwurm der Titelmusik, die einen wochenlang im Alltag begleiten kann und für ein leises Lächeln sorgt? So sehr, dass die Single 1974 in den deutschen Charts auftauchte, in der Schweiz sogar für sage und schreibe 14 Wochen. Dabei hatte Morricone niemals Berührungsängste in Bezug auf irgendwelche Genres. Gleich ob Komödie (EIN KÄFIG VOLLER NARREN), Kriegsfilm (… UND MORGEN FAHRT IHR ZUR HÖLLE), großes Gefühlskino (DIE BIBEL – GENESIS) oder Kriminalfilm (THE UNTOUCHABLES – DIE UNBESTECHLICHEN). Vom Barbarenfilm (RED SONJA) bis zum Politthriller (SACCO UND VANZETTI), vom Drama (IN DER GLUT DES SÜDENS) über die Erotikdokumentation (SESSO IN CONFESSIONALE) bis zur Nouvelle Vague-Komödie (GROSSE VÖGEL, KLEINE VÖGEL, wo der Cast gesungen wird). Vom Ohrenschmeichler im Stil eines Burt Bacharach (LA STAGIONE DEI SENSI) bis zum atonalen Gegenstück eines nervenzerfetzenden Psychothrillers (DAS ATTENTAT). Und natürlich immer wieder der Western – Der, von der seriösen Filmkritik so oft geschmähte, Italo-Western, dem Morricone seine Karriere zu verdanken hat, indem er als erster fort ging vom orchestralen Score hollywood’schen Zuschnitts, hin zu Geräuschen, die in einer Wildwest-Umgebung zu einer gängigen Geräuschkulisse gehören: Eine Maultrommel, eine knallende Peitsche, eine gepfiffene Melodie, das Hämmern eines Ambosses, und als Zusammenhalt ein schlichtes und elegantes Gitarrenthema auf einer Stratocaster. Mehr hat es nicht gebraucht um etwas von Grund auf Neues zu erschaffen, und um die Grundlagen der Filmmusik mal einfach eben so zu revolutionieren. Morricone selber hat einmal gesagt, dass er gerne komponiere – Das sei das einzige was er könne. Und auch wenn er sich in den letzten Jahren etwas zurückzog, so hat er doch auch bis in die Gegenwart immer wieder gezeigt was er kann: Quentin Tarantinos THE HATEFUL EIGHT habe ich bis heute nicht gesehen, aber während ich dies schreibe läuft im Hintergrund die Oscar-prämierte Titelmusik – und sie erzeugt Bilder in meinem Kopf. Bilder, von denen ich überzeugt bin, dass sie, wenn ich den Film jemals sehen werde, mit denen auf der Leinwand übereinstimmen werden.

 

Von, ich glaube, FÜR EIN PAAR DOLLAR MEHR heißt es, dass Sergio Leone ihn bat die Musik zuerst zu komponieren, damit er sie als Hintergrund bei den Dreharbeiten einsetzen kann: Als Stimmung für die Schauspieler, vor allem aber auch, um die Choreografie der Bewegungen auf die Musik abzustimmen. Eine Anekdote die klar zeigt, welchen Stellenwert Morricones Musik in den Filmen hatte, und immer haben wird. Wer dies nicht glaubt, soll einmal mit dem Auto durch ein (bevorzugt leeres) Parkhaus  fahren, während der Titeltrack zu DER CLAN DER SIZILIANER läuft. Oder über leicht gewundene Straßen in einer sonnigen Urlaubsregion, während die Titelmusik zu METTI, UNA SERA A CENA zu hören ist. Musik, die nicht nur Gebrauchsmusik für bewegte Bilder ist, sondern auch als eigenständiges Kunstwerk genauso stehen kann, wie als Untermalung und Bekräftigung des Alltags.

 

Mit Ennio Morricone ist einer der größten Musiker aller Zeiten von uns gegangen. Einer, der in einem Atemzug mit Johann Sebastian Bach und Lennon/McCartney genannt werden kann. Seine Musik wird die Zeiten überdauern, und ein schöneres Geschenk kann einem Musiker eigentlich gar nicht gemacht werden: Dass seine Melodien die Jahrhunderte überdauern werden. Ruhe in Frieden Ennio Morricone. Und da ich persönlich an einen Musikerhimmel glaube, stelle ich mir vor, dass auf dieser großen Wolke, auf der Johann Sebastian Bach, Jim Morrison und Jimi Hendrix eine gigantische Session machen, dass auf dieser Wolke gerade ein paar neue und sehr coole Melodien die Runde machen …

 

Maulwurf

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren