Von Angesicht zu Angesicht / Der Gehetzte der Sierra Madre

  • Komponist: Ennio Morricone
  • Label: Mask
  • Erscheinungsart: CD
  • Erscheinungsjahr: 1995
    • Tracklist:

      Faccia a faccia

      1 - Faccia a faccia (Titoli)

      2 – Preannuncio

      3 – Misterioso e ostinato

      4 – Clandestinamente

      5 - Faccia a faccia (Intermezzo)

      6 – Falso preannuncio

      7 – Attimi irripetibili

      8 – Scatto conclusivo

      9 - Faccia a faccia (Ripresa)

      10 – Seconda conclusione

      11 – Disperata nostalgia

      12 – Tensione sottintesta

      13 – Involuzione epica

      14 - Faccia a faccia (Finale)

      15 – Ballando sull’aia

      16 – Square Dance

       

      La resa dei conti

      17 – Titoli di testa (La caccia)

      18 – La vedova

      19 – Run man run

      20 – La corrida

      21 – Dopo la condanna

      22 – Primo deserto

      23 - La resa dei conti (Secondo caccia)

      24 – La condanna

      25 – La resa

      26 – Arriva Cuchillo

      27 – Caro dei mormoni

      28 – Secondo deserto

      29 – Titoli di coda (La resa dei conti)

      30 – Corri uomo, corri

  • Als ich mir diese CD vor etwa 20 Jahren kaufte kannte ich nur den ersten der beiden Filme der CD, VON ANGESICHT ZU ANGESICHT, und auch diesen nur eher flüchtig - Einmal gesehen auf einer VHS mit eher mäßiger Qualität (die übrigens bis heute die einzige Version des Filmes ist die ich besitze). Das Filmplakat zu DER GEHETZTE DER SIERRA MADRE hing zwar im Flur, aber der Film selber war mir völlig unbekannt. Ich legte also die CD ein – und war praktisch sofort verzaubert von dieser Musik. Schon mit den ersten Tönen tauchten Bilder vor meinem geistigen Auge auf, Bilder von einer Kutsche die durch eine Landschaft fährt, und deren Räder sich unaufhörlich drehen. So ähnlich hatte ich auch den Vorspann des Films in Erinnerung, deswegen dachte ich mir erstmal nichts dabei und lauschte weiter.

     

    Die ersten 16 Tracks liefen durch und ich war recht begeistert. Dann kam Track 17, der Titeltrack zu DER GEHETZTE DER SIERRA MADRE. Ein paar dunkle Töne einer Flöte, und die Stimme von Christy:

     

    Somewhere there is a land where men do not kill each other.

    Somewhere there is a land where men call a man a brother.

    Somewhere you will find a place where men live without fear

    Somewhere, if you keep on running, someday, you’ll be free

     

    Ich bekam damals eine Gänsehaut und ich bekomme sie heute noch. Was aber viel interessanter ist: Während der Bridge nach dem ersten Refrain dieses Titelstücks tauchten Bilder in mir auf, Bilder in denen Reiter einen Mann durch ein hohes Feld verfolgen. Vielleicht ein Maisfeld, auf jeden Fall versucht der Mann unterhalb der Oberfläche zu flüchten, während die Reiter oberhalb alles sehen können und das Feld durchforsten. Ihr könnt euch vorstellen wie erstaunt ich war, als ich den Film Jahre später das erste Mal sah – und die Szene zu dieser Musik genau so aussah …

    Ennio Morricone hat es also geschafft, eine Filmszene so kongenial in Musik umzusetzen, dass sogar ohne die Kenntnis des Films die dazugehörigen Bilder entstehen. Das, Freunde, das ist ganz ganz große Kunst!

     

    In beiden Scores, die meines Erachtens zu seinen besten gehören, ist diese Kunst zu finden. Auch in VON ANGESICHT ZU ANGESICHT entstehen beim Hören Bilder, werden mit Tönen Geschichten erzählt, und diese Geschichten erzählen die Story des Films auf ihre ganz eigene Art und Weise. Somit schafft Morricone mit dieser Musik mehrere Dinge gleichzeitig: Beim Anschauen des Films untermalt und intensiviert er die Szenen, und beim bloßen Hören der Musik erzählt er die Geschichte des Films mit Hilfe von Tönen. Und wenn man die CD nur im Hintergrund laufen lässt, als Wohnzimmerbeschallung, sogar dann funktionieren die meisten der Stücke. Sie schaffen dann eine ganz eigene Atmosphäre, irgendwo zwischen spanisch-mexikanischem Western-Flair und dunklem Ambiente, naturgemäß mit starker Betonung auf ersterem.

     

    Bei VON ANGESICHT ZU ANGESICHT müsste meines Erachtens der Score des gesamten Films enthalten sein, bis hin zum obligatorischen Saloongeklimper, einem etwas überflüssigem Harmonika-Solo sowie einem Square Dance (gibt es in dem Film wirklich eine Szene mit einem Square Dance?). Die Titelmusik taucht mehrmals und in verschiedenen Variationen auf, wird dabei aber nie langweilig. In vielen seiner großen Musiken legt Morricone mehrere Melodien übereinander, lässt die unterschiedlichen Linien kunstvoll ineinander fließen, und erzeugt so einen großen Teppich aus vielen Flicken, dessen Bestandteile perfekt miteinander abgestimmt sind. Hier nicht. Bei den Titoli von VON ANGESICHT ZU ANGESICHT konzentriert er sich auf den treibenden und harten Rhythmus, der das Wagenrad und damit die Kutsche rollen lässt. Ein Chor setzt ein, dann eine Trompete, aber die Grundmelodie ist immer da und wird nur variiert, was zu einer ungeheuren Dynamik und Wucht führt. Aber schon beim dritten Track, “Misterioso e ostinato“, kommt wieder die Lust am Spiel vor, tauchen wieder die übereinandergelegten Klangfolgen auf die für Morricone so typisch sind. Hier kann man sogar als Amateur Kompositionslehre studieren … OK, ein paar Lückenfüller sind wie immer dabei, Stücke die im Film Szenen akustisch untermalen, aber auf einer Soundtrack-CD eher klingen wie eine Mischung aus Instrumente stimmen und gequälter Katze. Aber insgesamt gesehen ist der Score abwechslungsreich und dabei in sich sehr homogen. Es wird wie schon erwähnt eine ganz eigene Stimmung erzeugt, die düster und beunruhigend ist, und in vielen Momenten auch als Score eines Noir durchgehen könnte. Der italienischen Variante eines Noir …

     

    DER GEHETZTE DER SIERRA MADRE müsste komplett auf der CD enthalten sein, zumindest fehlt nichts Essentielles. Der Stierkampf, die unterschiedlichen Themen der Verfolgungsjagden (neben den Titoli also auch das Thema das mit der harten Stratocaster eingeleitet wird), der Chor der Mormonen … Alles enthalten. Abschließend noch das Titellied auf italienisch, und danach hat man so richtig Lust bekommen den Film mal wieder zu sehen. Auch hier ist der Gesamteindruck sehr homogen, alle Tracks könnten auf Dauerschleife im Hintergrund durchlaufen und es gäbe keine störenden Ausnahmen. Wie bereits angedeutet wird eine bestimmte Stimmung erzeugt, werden Bilder erzeugt, auch und gerade wenn die Musik im Hintergrund läuft.

     

    Somit gibt es eigentlich keinen Grund sich diese CD nicht ins Regal zu stellen. Kennt man die Filme nicht, so werden sie beim Zuhören musikalisch erzählt. Und kennt man sie, wird man die Musik sowieso öfters hören wollen.

  • Autor: Maulwurf
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