Italo-Cinema: 10 Jahre Jubiläums-Festival

Ein kleines Resümee zur 3-tägigen Filmsause vom 07.-09. Oktober 2016 in Nürnberg

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Es sollte, wie so oft, mit einem saftigen Begrüßungsschmaus in irgendeiner Nürnberger Gastronomie beginnen, um das Wochenende im cineastischen Bilderrausch mit Freunden, sowie alten und neuen Bekannten im gemeinsamen Beisammensein einzuläuten: der beliebte Filmfestival-Marathon im KommKino. Dieses Mal wurde im Zuge des heißen Herbstes - so versprach es ein Flyer der Spielstätte - das zehnjährige Jubiläum von Italo-Cinema gefeiert. Gleichzeitig dürfte aber auch das einjährige Bestehen der gleichnamigen Website Grund genug gewesen sein, um deren andauernden Erfolg gebührend unter Fans und Weggefährten zu zelebrieren. Das gezeigte Filmprogramm schmückte sich mit einer exquisiten Auswahl an bekannten Krachern und bisher weniger beachteten Perlen - ein breitgefächerter Fokus also, der allerdings in keinster Weise die immense Vielfalt des italienischen Kinos abzudecken versuchte, aber dennoch für fast jeden Besucher die ein oder andere Neu-Entdeckung bereitstellen konnte, egal auf welchem Genre-Steckenpferd man im Moment sattelte. Abgerundet wurde die Filmselektion vor jeder Vorstellung mit zeitgenössischen Trailershows - welche so manch verborgene Rarität ans Tageslicht brachte - und einer kleinen Tombola mit feinsten Filmpreisen fürs Heimkino, bei der sich die teilnehmenden Labels nicht haben lumpen lassen. 

AlienDen Auftakt lieferte Ciro Ippolito mit seinem sonderbaren Höhlenkraucher »Alien - Die Saat des Grauens kehrt zurück« - Italiens völlig inoffizielle, aber trotzdem höchst erfolgreiche Antwort auf Ridley Scotts weltweiten Kassenschlager. Dieser Film besaß nach meinen erster Sichtung - um die Jahrtausendwende herum - noch keinen allzu guten Stand, was aber auch auf die Präsentation einer abgenudelten VHS-Kassette aus dem Hause Greenwood und der inszenatorischen Abstumpfung (inkl. reichhaltiger gebotenen Visualisierungen auf dem Gewaltsektor anderer Genre-Verwandten) dank heftigerer Kanonenschläge aus der damaligen italienischen Terrorspielwiese, zurückzuführen ist. Völlig zu Unrecht, noch einen kleinen Reibach über eine bekannte Online-Verkaufsplattform mit dem raren Tape gemacht, wurde bei einem kollektiven Filmabend derselbe Film via DVD (zu diesem Zeitpunkt noch auf Börsen von farbarmer VHS auf Silberling gemastert) ins Rennen geworfen - und enttäuschte abermals. Es schien fast so, als würden Ippolitos bekannteste Regie-Arbeit und meine Wenigkeit in diesem Leben keine Freunde mehr werden - zumindest bis zur High-Definition-Wiederveröffentlichung, welche den Film bei mir wider Erwarten massiv in der Gunst steigen ließ. Vermutlich braucht dieses Werk eine gewisse Zeit, um sich völlig ohne störende Nebenwirkungen entfalten zu können, aber mittlerweile ist mir dieses sinnentleerte Kleinod richtig dolle ans Herz gewachsen. Egal ob die synthetischen Country-Dudeleien der Onions, die tapsigen Schauspielversuche der Protagonisten oder das apokalyptische Potzblitz-Ende - mit den Jahren schätzt man das alles dann doch um einiges mehr, als noch zu seinen pubertären Nischenfilm-Anfängen. Hinzu kommt, dass Ippolitos Alien-Klon im Kino - sei es dank der klaustrophobischen Höhlenaufnahmen oder dem drolligen Screamathon am Ende - dermaßen an Flair gewinnt, dass es im Endeffekt eine helle Freude war, diesen Film in seiner originalen Farbgebung auf der großen Leinwand zu bestaunen, zumindest wenn man ausreichend Geschmack für solch einen her(z)lichen Unfug hegt. 

LauraNach anschließender Kurzdiskussion unter den angereisten Fans, wartete nach der Verschnaufpause auch schon die nächste Vorstellung auf ihre Besucher. War die italienische Körperfresser-Variante für ihren Status doch recht gut besucht, hatte für einen Frauenknastfilm aus den Händen Bruno Matteis wohl nur noch die abgebrühte Dauerkarten-Elite Lust und Ausdauer. Das es zu einer derartigen Tour de Force ausarten würde, dieses Machwerk durchzustehen, hätte ich mir - trotz erheblicher Vorwarnungen aus dem eigenen Bekanntenkreis - dann doch nicht träumen lassen. Hier passt eigentlich so gut wie gar nichts zusammen, als ob zwei total verschlissene Zahnräder vergeblich versuchen ineinander zu greifen. Egal ob Story-Aufbau, Schauspielerei oder versöhnlich-stimmender Erotik-Anteil - hier kann man schon von Versagen auf ganzer Linie sprechen, lediglich in der musikalischen Untermalung konnten - dank Luigi Ceccarellis Gespür für düstere Bassgrooves - einige löbliche Akzente gesetzt werden. Manche Sequenzen muteten sogar nach einem derart verrauschten Trip an, sodass Kopf und Füße teilweise andächtig zum Rhythmus mitwippten. Leider blieb dies dann auch der einzige Pluspunkt an Matteis misslungenem Gefängnisdümpler, nicht mal Lorraine De Selle konnte mich in irgendeiner Weise ermuntern, sehe ich sie doch sonst eigentlich recht gern in ähnlich gelagerten Rollen. Hier ist sie mir erheblich zugeknöpfter als sonst - von Laura Gemser mal abgesehen, die Anfang der Achtziger Jahre zunehmend ihren Zenit überschritten hatte und mich hierbei ebenso wenig begeistern konnte. Und Franca Stoppi? Ich konnte sie noch nie so richtig leiden, was wohl auch damit zusammenhängen mag, dass sie immer wieder die gleiche Leier an unausstehlichen Charakteren aus dem Effeff herunter rattert - oder besser gesagt auslebt, denn was anderes scheint sie nicht zu können. Eine Wohltat für mich, wenn ihr - meistens gegen Ende - der längst überfällige Scheitel gezogen wird. Ansonsten war das meine dritte und voraussichtlich letztmalige Sichtung von »Laura - Eine Frau geht durch die Hölle«, kein Wunder das manche Leute Herrn Mattei nach diesem Film abschreiben, ohne seine besseren Ausschüttungen kennengelernt zu haben. Sogar die angekündigte Bonus-Sichtung musste danach entfallen, weil der Film mich und wohl fast alle restlichen Besucher kaputt spielte, nuff said! 

EngelDer zweite Festivaltag bot dafür wieder einige Highlights mehr und nachdem wir gerade noch pünktlich den Kinosaal enterten, begann auch schon meine erste Neuentdeckung über den Screen zu flimmern, welche den akuten Schlafmangel schnell vergessen ließ. »Die heißen Engel« von Tonino Cervi war definitiv pure Lebenslust, die damals auf Zelluloid verewigt wurde. Vielleicht war die Kopie ein wenig rot-/braunstichig, aber das tat der zunehmenden Freude an diesem Spektakel keinen Abbruch. Zum Inhalt sei nur soviel verraten, dass zwei Frauen einen gestohlenen Ring mit ausreichend Gewinn an den Mann bringen wollen, dabei von einem Sprüche klopfenden Taxifahrer unterstützt werden und von einer Verrücktheit in die nächste stolpern. Dazu noch etwas Italo-Starpower mit Elisa Mainardi, Giancarlo Prete und Claudio Cassinelli, sowie einem traumhaft schönem Soundtrack von Vince Tempera (inkl. einem fetzigen Live-Gig der Ur-Formation von Goblin im Bixio-Studio) - fertig ist das zehn Jahre eher entstandene und frivole, italienische Pendant zu Martin Scorseses »Die Zeit nach Mitternacht«. Nur das im Mittelpunkt nicht Griffin Dunne durch eine verrückte Nacht hastet, sondern hier zwei adrette Mädels besetzt wurden, die beim Zuschauer von Beginn an die Sympathiepunkte einheimsen. Sara Sperati kennt der eingefleischte Italo-Crime-Fan bestimmt aus Luciano Ercolis »Killer Cop«, wo Stelvio Cipriani sie sogar mit einem äußerst hinreißendem Theme bedachte, sowie aus Stelvio Massis »Mark il poliziotto«. Reichhaltig an Produktionen war ihre Filmkarriere leider nicht gewesen, aber an ihre Performance aus »Die heißen Engel« wird man sich gerne zurück erinnern. Der wahre Stern am Himmel ist allerdings ihre Kumpeline Angela, gespielt von der wunderschönen Susanna Javicoli, die mit dieser Komödie ihr Leinwand-Debüt feierte. Den ganzen Film war ich am überlegen, woher ich diese Grazie denn kennen könnte und kam auf keine zufriedenstellende Lösung, also wurde nach der Vorstellung gleich mal das mobile Netzwerk angeworfen, woraufhin ich traurigerweise feststellen musste, dass die Gute vor über zehn Jahren an Nierenkrebs verstarb. Was für eine Ausstrahlung, was für ein Talent und dann muss man in ihrer Vita lesen, dass sie in ihrem wohl bekanntestem Credit - von »Suspiria« ist hier die Rede - nach nicht mal zehn Minuten gemeuchelt wird. Doch Cervi wusste zum Glück schon fünf Jahre zuvor wie man solche Damen richtig positioniert, denn mit »Queens of Evil« gelang ihm ein zutiefst schöner Grusler mit allerlei psychedelischen Anleihen, und hat man Silvia Monti, Ida Galli, sowie Haydée Politoff jemals umwerfender gesehen? Auch weiß der gute Tonino, inwieweit er dem Spiel der beiden Ladies vertrauen kann, und so tragen Javicoli und Sperati fast den gesamten Film alleine, egal in welch' schmierige Situation sie schlittern. Höhepunkt ist dabei sicher die private Transvestiten-Party, wo ich fälschlicherweise Claudio Undari als Tuntenchef identifizierte, wobei der Part an Giorgio Albertazzi ging, welcher mit Make-Up allerdings tatsächlich den grimmigen Hundar-Ausdruck im Gesicht hatte - verblüffend, absolut verblüffend. Leider ist der Streifen im deutschsprachigen Raum zu einer ziemlichen Rarität degradiert worden, existieren hierzulande wohl nur VHS- und Kinoauswertung. Da der Film jedoch total verzückend in unsere Muttersprache übersetzt wurde, möchte ich diese Fassung nicht missen und mit einer ausländischen Veröffentlichung ersetzen wollen - vielleicht erbarmt sich ja ein mutiges Label in Zukunft dieser Perle, zu wünschen wäre es definitiv. 

HeroinWeiter ging es mit »Heroin«, einem mir bis dato noch unbekanntem Italo-Krimi mit Marc Porel, George Hilton, Anna Maria Rizzoli und Al Cliver. Regie führte Gianni Martucci, von dem ich aus seiner äußerst kurzlebigen Filmografie nur noch den schundigen Psychothriller »Trhauma« kenne, der in der Tat kein großer Wurf war. Doch dank der deutschen Schnoddersynchro wurde hier oftmals Tacheles gesprochen und ebenso so ohne Umschweife gehandelt, wobei die umwerfende Madame Rizzoli leider total verschenkt wurde. Diese spielt hier eine Dame aus dem leichten Gewerbe, doch der frisch aus dem Knast entlassene Porel will sie aus diesen Kreisen wieder raus hauen und macht daraufhin ein zwielichtiges Geschäft mit Don Ciccio, welcher die Fäden im örtlichen Drogen- und Prostitutionsbusiness zieht. Ihm zur Seite steht ein aalglatter Al Cliver, immer selbst überprüfend, ob die Pomade in seinem klebrigen Scheitel noch adrett sitzt, aber ebenso hemmungslos, wenn es darum geht, die Befehle vom Boss auszuführen. Die Story ist banal und die Laufzeit für dieses dünne Handlungsgeflecht definitiv zu lang, aber im Kinosaal spielte »Heroin« seine Trümpfe blendend aus und konnte die Anwesenden mit einer Menge an lustigen Ansagen beglücken, welche auch noch am späteren Abend als Gassenhauer mit Evergreen-Charakter zum Schmunzeln animierten. Kein Film für die Ewigkeit, aber als launiges Nachmittagsvergnügen im Kino oder vor der heimischen Flimmerkiste bestens geeignet - ich denke, so läßt man dieses Spätwerk aus der Poliziotteschi-Schublade treffend beschreiben. 

AsphaltNach sättigendem Speis und Trank, sowie viel Gesprächsstoff unter den zahlreich mitgekommenen Kinobesuchern, ging es in die zweite Halbzeit des Abends, aber auch des Festivals. Mit Antonio Margheritis »Asphalt-Kannibalen« gab es sogar einen richtigen Blockbuster des italienischen Terrorkinos zu bestaunen, den ich auch schon seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr geschaut habe. Zwar konnte ich mich noch an wenige Handlungsfragmente erinnern, allerdings hätte die Aufführung insgeheim dennoch als Erst-Sichtung bei mir durchgehen können. Und ich war erstaunt, wie gut dieser Film doch über die letzten 35 Jahre gealtert ist. John Saxon war in dieser Epoche als Darsteller meistens eh' eine Wucht, aber als "Show Stealer" geht hier definitiv Giovanni Lombardo Radice durch, denn was der Gute hier mit wenig Mimik und Gestik abliefert, ist durch und durch als glanzvolle Verkörperung eines Traumata-geschädigten Soziopathen zu bezeichnen. Da reicht nur ein kleines Funkeln im Blick von ihm aus, um dem Zuschauer die schauderhafte Fratze des angekurbelten Wahnsinns aufzuzeigen, auch wenn Radice zu diesem Zeitpunkt noch auf sonderbare Rollen wie abonniert schien. Auch der Handlungsablauf trampelt nicht auf der Stelle herum, sondern schreitet - begleitend durch animalische Kriegsrückblenden - immerzu voran und gipfelt in einer mörderischen Hetzjagd quer durch eine amerikanische Großstadt. Das die Kinofassung in ihren bissigen Momenten leicht entschärft wurde, war vielleicht das einzige Übel was mir beim Wiedersehen von Margheritis apokalyptischer Action-Dramatik aufgefallen ist, denn ansonsten gefiel mir der Ansatz - von der Gesellschaft ausgestoßene Kriegsheimkehrer zu tollwütigen Bestien zu machen - verdammt gut. Neben dem ebenfalls hervorragendem Post-Warhammer »Jäger der Apokalypse«, ist dieser Film wahrscheinlich der letzte richtig große europäische Hit vom guten Antonio gewesen, welcher es bis dato genau wie Bava Senior glänzend verstand, aus einem minimalen Budget das maximale an Effektivität herauszuholen - nämlich pure Energie und grenzenlose Kinomagie. 

LusthausDas mitternächtliche Schauvergnügen wurde in die Hände von Renato Polselli und seinem »Lusthaus teuflischer Begierden« gelegt. Zu gern erinnere ich mich noch an das erste Terza Visione - Festival, wo diesem verrauschten Kammerspiel in etwa derselbe Slot zugeteilt wurde, wahrscheinlich in heimlicher Hoffnung die übrigen Anwesenden komplett zu verstören. Damals spielte Polsellis Werk seine Trümpfe mit einer derartigen Fassungslosigkeit - in Bezug auf die Vertonung manch teilnehmender Darsteller - aus, sodass ich mich noch während laufenden Sichtung fragte, was denn zur Hölle hier los sei? Verantwortlich dafür - und ebenfalls einiger vorgenommener Änderungen in puncto Erotik und Handlungsablauf - war Alois Brummer, ein deutscher Produzent, Drehbuchautor und Regisseur zahlreicher schmuddeliger Filmchen. Heraus kam dann dieser pulsierende Thriller, der im kleinsten Raume seine psychedelische Poesie auf die Spitze trieb und schon zu diesem Zeitpunkt genauso viele Besucher verzücken und gleichzeitig total abnerven konnte. Ich gehörte da noch zu den Schwärmenden, hatte daraufhin in der Zwischenzeit ein paar Polsellis mehr gesehen - fand manche ganz gut, andere weniger - und kann deshalb behaupten, den Großteil seiner 70er Jahre Werke zu kennen, allerdings ohne diesen Bestandteil seiner Schaffensperiode gnadenlos abzufeiern, denn für mich gab es da mehr Schatten wie Licht - aber Geschmäcker sollen ja bekanntlich verschieden sein. Da Nikolas - ein sehr verdienstvoller Mitarbeiter des KommKinos - die ramponierte Kopie extra für diese und nachfolgende Vorstellungen restauriert hatte, war ich natürlich gespannt, inwieweit mich dieser Film wieder einnehmen könnte oder ob er dieses Mal doch an mir vorbeigehen wird. Beides traf nicht zu, viel eher war ich vom Hitchcock-mäßigen Aufbau angetan, welchen ich beim ersten Mal - dank der delierenden Zustände in der filmischen Konzeption und dem tropischen Klima im Kinosaal - komplett verdrängte. Den sprichwörtlichen Wahnsinn, welchen man Polselli gerne anzuhängen vermag, konnte ich dieses Mal nicht spüren und by the way, ich war - trotz fortgeschrittener Stund' und akutem Schlafmangel - hellwach. Dennoch verspürte ich weder Wiedersehensfreude, noch eine Art Repulsion gegenüber diesen Film, allerdings habe ich - dank nachwirkender Gespräche - zunehmend das Interesse an Renatos früheren Werken zurück gewonnen, zumindest dahingehend war das Wiedersehen im Lusthaus dann doch gewinnbringend für mich.
 

VenusMit etwas mehr Schlaf auf der Habenseite, ging es mit sonntäglicher Frische in den letzten Festivaltag, wo noch zwei kleine Breitbild-Highlights auf die hungrige Meute warteten. Zu erst konnte man »Venus im Pelz« von Massimo Dallamano auf der großen Leinwand bestaunen und zwar im Originalformat, welches im TV oder auf DVD immer elendig verkackt wurde. Das dieses (sado-)masochistische Drama in Scope noch zig mal besser als je zuvor abschneidet, sollte spätestens nach dieser Aufführung klar sein. Der Status eines innigen "Heartbreaker" wird dieser Film sicherlich nicht mehr bei mir erlangen, aber dank dieser Sichtung konnte Dallamanos Verfilmung von Sacher-Masochs berühmter Novelle, einiges an Wohlgefallen in mir auslösen. Mit dem Filmende kann ich mich dennoch nicht so richtig anfreunden, da stößt die hervorgerufene Message bei mir - dank zunehmender Realitätslosigkeit - größtenteils auf Unverständnis, erst recht im 21. Jahrhundert. Laura Antonelli legt hier übrigens eine stylische Gratwanderung aufs Parkett: Anbetungswürdig und in vielen Szenen mit einem noblen Anteil an stilsicherer Erotik ausgestattet, dafür in manchen Sequenzen auch irgendwie herunter gerockt ausschauend und mit derartig unsympathischer Spielweise gesegnet. Dennoch bleibt sie für mich die Balance-haltende Schlüsselfigur, auch wenn sie sich gegen Ende mit ihrer rebellierenden sexuellen Ausschweifung etwas verzockt. Régis Vallée spielt ihren Gemahl Severin, der schon seit seiner frühen Kindheit ein gestörtes Verhältnis zur normalen Sexualität hegt, was sich in anfänglichem Voyeurismus wieder spiegelt, aber im kommenden Filmverlauf mit immer mehr aufkeimenden Tabus einen Bruch mit seiner Herzdame heraufbeschwört, bis diese ihren Mann der eigenen Eifersucht überführen möchte und damit das Band der Treue durchtrennt. Was danach kommt, wird sicher keiner vergessen der den Film bis zum Ende gesehen hat - ein peitschender Faustschlag ins Gesicht des Betrachters. Neben Dallamanos eindringlicher Inszenierung, fiel mir noch die musikalische Untermalung von Gianfranco Reverberi sehr positiv auf, welche ich im andauernden Filmverlauf fälschlicherweise noch Morricone zugeschrieben habe, da hat mich wohl die grüne Stecknadel etwas zu sehr gepiekst. Ebenso hat Kameramann Sergio D'Offizi mal wieder großartiges geleistet, denn seine Bilder schmücken den ganzen Film mit technischer Raffinesse und traumhaften Einstellungen, in denen man augenblicklich auf Dauer verharren möchte. 

NobodyUnd schon ging es zum Showdown über, mit einem Western der wohl der bekannteste Film des Wochenendes gewesen sein dürfte, nämlich »Mein Name ist Nobody« von Tonino Valerii (R.I.P.). Der einzige Zuschauer, für den dieser italienische Spätwestern vermutlich absolutes Neuland bedeutete, war höchstwahrscheinlich ich selbst. Anhand der Mundpropaganda einiger Anwesenden, gab es bezüglich dieses Films wohl schon im Vorfeld etwas Unbehagen aus der Chefetage eines anderen Genrefan-Portals, welche ein paar Tage später denselben Film von der Kinorolle los flimmern lassen wollten - ja, werte Leser, das sind die kleinen Grabenkämpfe hinter den Vorhängen des enthusiastischen Fan-Zirkus. Allerdings bezweifle ich dennoch stark, dass die 35mm-Vorstellung in Nürnberg eine Woche zuvor, dem "benachbarten" Düsseldorf dermaßen viel Laufkundschaft abgekocht haben sollte, also calm down. Warum Andreas diesen Klassiker unbedingt zu seinem Festival proklamierte, erklärte er in seiner Abschlussrede, denn einzig dieser Film sollte es damals gewesen sein, welcher seine Leidenschaft zum italienischen Kino endgültig entfachen sollte. Und wenn ich nicht schon vollständig im cinephilen Facettenreichtum des Stiefellandes versunken wäre, würde es mir nach dieser Sichtung sicherlich ebenso ergehen, denn was war dieser Streifen bitteschön für ein grandioser Ritt über das einsetzende Todesröcheln des Italowestern-Genres?! Viel Humor, dafür wenig Klamauk, ein fescher Showdown, der Morricone-Soundtrack zum niederknien, ein rührendes Ende mit Augenzwinkern, dazu in feinstem Scope schmachtenden Kamera-Einstellungen und noch so vieles mehr, machten diesen Film von einer 1a Kopie zum definitiven Abschluss-Kracher des 1. Italo-Cinema Festivals (nach neuer Zeitrechnung wohlgemerkt, zuzüglich der neun vorbeigezogenen Jahre). 

ICF VerlosungNach dem finalen Schmaus im etwas kleinerem Kreise, war es dann schließlich doch vorbei, egal wie lange manch einer es noch zu strecken vermochte. Acht erlesene 35mm-Projektionen wurden in weniger als 48 Stunden bestaunt, ein Teil davon als absolut hochwertige und unverzichtbare Kost im jeweiligen Filmgenre einzuordnen. So etwas mit sympathischen Gleichgesinnten - egal ob neugewonnene Bekanntschaft oder alte Weggefährten und Freunde - zu erleben, ist immer ein besonderes Ereignis und regt jedes Mal aufs Neue an, wiederholt einige Strapazen auf mich zu nehmen, um mehrmalig diesen Zusammenkünften im Jahr beizuwohnen. Abschließend nochmal der Dank an Andreas und Familie, dem KommKino mit all seinen fleißigen Vorführern und Helfern über das Wochenende, den beitragenden Labels für ihren gelungenen Output an Gewinnausschüttungen und natürlich den - von nah und fern - angereisten Genre-Befürwortern, denen Nürnberg nicht viiiiieeel zu weit weg war.

Ich hörte zum Schluss noch etwas von "same time - next year"? Ich drück' die Daumen!

PS: Mauritia war mal wieder etwas schneller >>klick<<

Tobias Reitmann