KultKino - Das zweite 35mm-Spektakel im Filmcenter Dillingen

Ein kleines Resümee zur 35mm-Sause vom 4. Juni 2016

 

„Gleich vorweg... ich hatte mich schon Wochen zuvor auf diesen Tag gefreut, nicht nur weil es vier knackige Streifen im allerschönsten Filmformat gab, sondern weil auch viele Filmfreunde und Gleichgesinnte zum besagten Event hin pilgerten, wobei sie dem Hindernis von langen Wegen und Fahrten regelrecht trotzten, um bei diesem Spektakel "live" mit dabei zu sein.“

Mit diesen Zeilen begann ich das Review zur letztjährigen Erstausgabe vom KultKino-Festival in Dillingen (an der Donau) und sie passen natürlich wie die Faust aufs Auge zur diesjährigen Wiederholung. Erneut gab es vier knackige Streifen von 35mm serviert, inklusive vielen Specials und genug filmhungrigen Besuchern - die Zeichen standen also wieder recht gut für eine amtliche Zelluloid-Sause.

Nachdem sich unser Grüppchen zuvor mit griechischen Speisen für die kommenden Stunden stärken konnte, ging es auch schon in Richtung Kino - wo man mit Festivalleiter Bernd gleich ein kleines Schwätzchen hielt und umgehend die Tickets einsacken konnte. Dieses Mal zog man in einen größeren Saal um, welcher mit nostalgischem Ambiente und pompöser Leinwand auftrumpfen konnte. Und dann ging es auch schon ruckzuck los - mit tollen Einfällen wie Gewinnspielen, stilechten Trailern vor dem Hauptfilm (und da waren einige fesche Highlights vertreten, ich sage nur »Die Magd vom Heiligenblut«, »Saison in Salzburg«, »Wargames« oder »Muttertag«), einer 2-minütigen Doku-Rarität aus den 40er Jahren über ein Ochsen-Rennen quer durch Dillingen und Florian Bahr hielt eine kurze (und zum Schluss sehr gesangsbetonte) Einführung zum 1. Film des Tages. Na dann, los geht's!

 

Frankensteins Kampf gegen die Teufelsmonster (Gojira tai Hedora)
Japan 1971, dF, 35mm, R: Yoshimitsu Banno, D: Akira Yamauchi, Toshie Kimura, Hiroyuki Kawase, Keiko Mari, u.a.

Hydrox, ein fieses Monster welches durch die Aufnahme von Müll und Abfällen aller Art eine enorme Wachstumssteigerung erlangt, terrorisiert Japan. Das Militär ist machtlos - da muss schon Godzilla anrücken, um den umweltverschmutzenden Unhold in die Schranken zu weisen, aber die unbarmherzigen Kloppereien zwischen den beiden Riesenungeheuern, bringen leider keine nennenswerte Erfolge für die gute Seite. Ein Professor kann inzwischen herausfinden, dass Hydrox eine sehr hohe Empfindlichkeit gegenüber Elektrizität zu besitzen scheint...

Gleich vorweg, ich mag die meisten Kaijus ja wirklich sehr gerne, weil ich damit meist nostalgische Kindheitserinnerungen verbinde und diese Filme fast immer eine Menge Wohlfühl-Charme abfeuern können. Hier musste ich mich aber wahrlich durch die zweite Hälfte quälen, zu sehr zog sich die Inszenierung für meinen Geschmack in die Länge und konnte sich gegen Ende vielleicht mit ein paar lauen Schmunzeleien gerade noch so über Wasser halten, aber das Ruder wurde meines Erachtens dadurch dennoch nicht herum gerissen. Nun, wo lag die Wurzel der hervorgerufenen Langeweile denn begraben? Der Film fängt in der Tat vielversprechend an, es gibt eine fesche Hippie-Disko mit traumatischen LSD-Effekten, knallige Songs dudeln in die Lauschorgane, das Smog-Monster Hydrox (Hedorah im Original) ist ein emotionsloser Mutanten-Scherge, welcher äußerst bedrohlich daher kommt und mit seiner ruhigen Präsenz eine bedrückende Boshaftigkeit erlangt, das japanische Militär bekommt mal wieder so gut wie nichts gebacken und verballhornt sich damit auf amüsante Weise selbst. Ein taktisch-unterhaltsamer Schachzug, welchen die große Streitmacht aus den US of A in Situationen wie diesen sicher niemals wählen würde. Trotzdem schlug die Keule der Fadheit knallhart zu, was wohl auch gegen Ende der monotonen Inszenierung geschuldet sein dürfte, wo ich feststellen musste, dass der Geschichte doch arg die Ideen ausgingen - zu sehr wird die letzte halbe Stunde in die Länge gezogen um eine adäquate Gesamtlaufzeit zu erreichen. Vielleicht war ich auch noch nicht in a good mood für die Sichtung und die zahlreich angereisten Kaiju-Fans mögen mir diese doch eher schroffen Worte verzeihen, da ich insgeheim trotzdem ein Fan von feinstem asiatischen Zertrümmerungs-Kino bin - vielleicht schaut es bei der nächsten Sichtung schon wieder anders aus!

 

Die Rache der 1000 Katzen (La noche de los mil gatos)
Mexiko 1972, dF, 35mm, R: René Cardona Jr., D: Hugo Stiglitz, Anjanette Comer, Zulma Faiad, Christa Linder, u.a.

Hugo scheint von Beruf ein reicher Playboy zu sein - jedenfalls sieht man ihm im gesamten Film nur seinen Hobbys nachgehen, denn Kohle scheint er genug zu haben, dazu noch einen schicken Helikopter, ein riesiges Schloss fernab der Großstadt und jede Menge Charme um die holde Weiblichkeit zu verführen. Die schicke Idylle trügt allerdings, denn Hugo möchte seine Trophäensammlung, bestehend aus den enthaupteten Köpfen seiner beendeten Romanzen erweitern und seine unzähligen Katzen, welche in einem Verlies zusammen gepfercht worden, müssen ja schließlich auch noch gefüttert werden...

Das hätte ich mir niemals träumen lassen, diese mexikanische Schlonzperle mal auf der großen Leinwand zu sichten - aber KultKino macht's möglich! Im Grunde genommen ist Cardonas Film ein Flickwerk aus Belanglosigkeiten und unfassbaren Momenten der Bizarrerie. Frauen werden von Hugo erst betört, dann bedroht und später zu Mettgut für seine putzigen Haustiere verarbeitet - dazwischen behält geraspeltes Süßholz, ungewöhnliche Anbaggereien durch Stalking per Helikopter und Schachspielen mit dem geistig-zurückgebliebenem Hausdiener die Oberhand, während der Film wahllos und ohne jegliche Form der Stringenz von einer Unglaublichkeit zur nächsten hastet! Stiglitz spielt seinen Part ohne jeglichen Ansätze von Emotionen herunter und wurde in der deutschen Vertonung von Urgestein Hartmut Neugebauer synchronisiert, welcher von manisch-psychopathisch bis schmierig-berechnend alles in seinem Repertoire abdeckt. Ein Film, welcher die meisten Besucher mit Sicherheit massiv verstören konnte, aber sein Unterhaltungspotenzial auf jeden Fall vor dem Abendessen bestens auszuspielen vermochte - wir hatten zumindest unseren Spaß an diesem herrlichen Unfug. Auch darf ich nicht vergessen zu erwähnen, dass Cardonas Beitrag zum zweiten KultKino-Streich definitiv die hübschesten Ladies an Bord hatte, da war sich dann wohl doch jeder einig!

 

Harley Riders - Sie kannten kein Erbarmen (L'ambizioso)
Italien 1975, dF, 35mm, R: Pasquale Squitieri, D: Joe Dallesandro, Stefania Casini, Benito Artesi, Tony Askin, u.a.

Der Kleinkriminelle Aldo hat die Faxen dicke und will endlich selber fett abkassieren. Ein abhanden gekommener und bis zum Rand gefüllter Koffer mit weißen Schnüffeldrogen soll der große Wurf werden, aber der gehört dem ansässigen Don aus Neapel, welcher über diesen Umstand not very amused ist. Da Aldo nun Lunte an dem großen Zaster gerochen hat, trommelt er eine Truppe von Schlägern und kampferprobten Typen zusammen, um im Schutzgeld-Business erfolgreich Fuß fassen zu können und Don Enrico endgültig abzukochen...

Für mich schon im Vorfeld als Highlight des Tages gebrandmarkt, entpuppte sich Squitieris Crime-Drama zwar nicht als vollkommener Paukenschlag, aber dennoch als sehr unterhaltsame Genre-Kost aus Bella Italia. Schönling Dallesandro ist sowieso 'ne coole Sau, die Synchro aus dem Hause Schier-Film bleibt ein Volltreffer in Sachen Schmier, der Soundtrack rockt gewaltig zur grimmigen Szenerie und wurde sicher wieder in Eigen-Regie in der Vertonungsschmiede zusammen geklöppelt - zu oft traten wieder Songs aus anderen Streifen (sowie dem hauseigenen Backkatalog) auf, welche aber dennoch wieder glänzend zum Gezeigten passten. Wie so üblich in seinen Rollen als asozialer Krawall-Bruder, entgleitet Dallesandro auch hier wieder die Kontrolle über sein Handeln und dem dazugehörigen Machtfokus, sehr zum Bedauern von Madame Cassini, welche zwar wieder als Schönheit brillieren darf, aber im mittleren Handlungsverlauf etwas vernachlässigt wird. Auch stieß mir dieses Mal die Laufzeit von knapp 100 Minuten etwas übel auf, da man auch hier das Ganze um ein paar Minütchen hätte straffen können, um einen besseren Gesamt-Flow zu erzeugen. Allerdings sind auch gewisse Aufmerksamkeitsdefizite nach knapp drei Filmen am Stück nicht von der Hand zu weisen, dennoch war »Harley Riders« für mich persönlich der stimmungsvollste Film des Events - aber das dürfte als Fan des italienischen Films ja nicht wirklich überraschen!

Hier gibt es noch ein paar umfassendere Zeilen zum Film.

 

Party des Grauens (Death Weekend)
Kanada 1976, dF, 35mm, R: William Fruet, D: Brenda Vaccaro, Don Stroud, Chuck Shamata, Richard Ayres, u.a.

Zahnarzt Harry möchte mit dem Model Brenda ein zügelloses Wochenende in seinem schicken Landhaus verbringen. Auf dem Weg ziehen sie ein paar ortsansässige Rednecks beim Strassenrennen ab und laden so deren Missgunst auf sich. Auf dem Anwesen angekommen, ist Brenda ziemlich schnell von Harrys aufdringlichen Avancen genervt, woraufhin er ihr signalisiert wie der Hase hier laufen soll und dass sie die Koffer packen darf, wenn ihr das Rahmenprogramm nicht passt. Soweit, das jeder seiner eigenen Wege gehen kann, kommt es allerdings nicht, denn die Hinterwäldler vom verlorenen Road-Race nisten sich gewaltsam in der noblen Bude ein und wollen über das Wochenende von den beiden Stadtmenschen herzlich bespaßt werden - woraufhin es nicht lange dauert, bis die Situation endgültig eskaliert...

Kanada war schon immer ein Gütesiegel für grandiose Genre-Kost des unterschlagenen Films gewesen: David Cronenberg, Bob Clark und etliche Slasherfilme ab Ende der 70er Jahre seien hier mal nebenbei erwähnt. Mich persönlich faszinierte immer diese kalte Atmosphäre, welche die meisten Produktionen die in dieser Epoche da entstanden, ausstrahlten. Bei William Fruets Rape'n Revenge-Reißer »Death Weekend« verhält es sich ähnlich. Am Anfang herrscht noch eine positive Grundstimmung, wenn Brenda und Harry durch die Wälder cruisen und auch die Hillbillies wirken bis auf ihren Anführer Lep, gespielt vom großartigen Don Stroud, nicht sonderlich bedrohlich - aber die Stimmung schaltet von einem Moment zum nächsten schlagartig um und der gnadenlose Terror-Marathon beginnt. Während der materiell verliebte Kieferorthopäde denkt, die Sache mit ein paar Scheinchen aus der Portokasse wieder richten zu können, erkennt Brenda sehr schnell Ernst und Aushilfslosigkeit der Lage. Und plötzlich ist er da, der angesprochene Moment in dem die Stimmung ruckartig kippt und der menschenverachtende Trieb unaufhaltsam in einer seiner widerlichsten Form voran schreitet. Stroud spielt den Leader of the Gang sehr authentisch, dessen Schübe der Unberechenbarkeit mit fortgeschrittener Laufzeit zunehmen werden - was aber auch hier wieder glänzend von Hartmut Neugebauer bei der Stimmenvergabe der deutschen Fassung transportiert wird. Neugebauer also der Mann des Tages, wenn es um die stilsichere Vertonung abgedrehter Soziopathen ging (zumal wir ihn auch in diversen Trailern als Off-Sprecher vernommen haben). Das Ende war dann doch recht harter Tobak und somit alles andere als ein beschwingter Abschluss für die Besucher der zweiten KultKino-Ausgabe, aber definitiv ein nachhaltiger - so viel steht fest! 

 

Mit derart nihilistischen Zügen sollte eine solche Fete natürlich nicht enden, also sind wir noch in einem benachbarten Dillinger Pub abgesackt, wo ungeplant, bis zum sanften Rausschmiss dank Lokalschließung, noch bis in die frühen Morgenstunden erheiternd geplauscht wurde.

An dieser Stelle nochmal vielen Dank an Bernd und das Team vom Filmcenter Dillingen, welches mit absolut freundlichen, kompetenten und enthusiastischem Personal (wie schon im Jahr zuvor) aufwartete. Die ganzen feinen Gimmicks, wie der leckere (eigens fürs Festival kreierte) Hedorah-Eisbecher, die schicken Trailer und Gewinnspiele vor den Filmen, sowie die grandiose Atmosphäre über die gesamte Festival-Dauer, lassen natürlich auf eine baldige Wiederholung hoffen - auch wenn ich zum Schluss noch ein kleines Wermutströpfchen absondern muss: Bitte die Veranstaltung nächstes Jahr (falls der VVK nicht völlig aus den Nähten platzt) wieder im Dilli 1 stattfinden lassen. Es ist mit Abstand der gemütlichste Saal mit dem tollstem Komfort in der gesamten Republik, auch der Sound gefiel mir letztes Jahr darin etwas besser (natürlich wurde auf meinen Wunsch die Volume immer brav nachgeregelt, vielen Dank an die Junior-Chefin) und diese Nischen-Filme entfalten in einem (etwas) kleineren Saal meines Erachtens einfach viel besser ihr Potential, da die Reihen kompakter bestückt sind und sich der Gute-Laune-Faktor nicht erst durch die (uns völlig unverständlich) leeren-gebliebenen Plätze nach hinten kämpfen muss. Ansonsten natürlich wieder beide Daumen nach oben - es war mir wieder eine große Freude die schlauchende (Rück-)Reise für so eine schöne Veranstaltung mit in Kauf zu nehmen. Großes Lob an Euch! 

 

Tobias Reitmann