15. außerordentlicher Filmkongress des Hofbauer-Kommandos

Ein kleines Resümee zur 4-tägigen Filmsause vom 07.-10. Januar 2016 in Nürnberg

 

Das Hofbauer-Kommando lud nach einem Jahr Pause endlich wieder zu einem ihrer berühmt-berüchtigten Kongresse im Nürnberger KommKino ein. Ein Jahr lang war es still um diese extravagante Filmtagung gewesen und auch ich muss reumütig gestehen, mich vor dem Jahre 2015 auf keinem der vorherigen Kongresse eingefunden zu haben. Im Januar letzten Jahres wurde ich dann dennoch neugierig und musste mir das Spektakel, wenn auch nur für magere zwei Kongresstage, mit meinen eigenen Äuglein begutachten - danach gab es auch für mich kein Zurück mehr, viel zu sehr ist man in die dort herrschende nette Atmosphäre vernarrt und leckt sich die Finger nach den exquisiten Filmperlen, welche vom analogen Bildprojektor auf die Leinwand geworfen werden. Von da an war klar, dass ich, genau wie die vielen anderen über die Jahre hin pilgernden Stammgäste, wieder kommen werde. Am Donnerstag, dem 7. Januar 2016 war es dann endlich soweit: Das Hofbauer-Kommando lud zu ihrem 15. außerordentlichen Filmkongress und ich war dabei - vom Anfang bis (fast) zum Ende!

Ein fettes Programmpaket wurde von den Kommandanten schon im Vorfeld geschnürt, denn mit 15 Hauptvorstellungen von 35mm-Perlen über 4 Tage verteilt, ist man schon gut mit dem Verarbeitungsprozess bedient. Für Schlaf-Allergiker und die ganz Harten ging es nach der täglichen Hauptversammlung noch in die Nachspielzeit, um den Morgen mit einem digitalen Überraschungsfilmchen einzuläuten. Ich muss an dieser Stelle aber schweren Herzens zugeben, dass ich nach den Main-Features bis tief in die Nacht nicht mehr die Standfestigkeit für solche "After Hours" habe – vielleicht werde ich alt, vielleicht habe ich den Willen nicht mehr dazu oder vielleicht siegte über die Jahre hinweg dann doch endlich mal die Vernunft bei mir - wer weiß?




Kongresstag #1 (Donnerstag, 07.01.2016)

Die Vorfreude war schon immens groß, als ich das KunstKulturQuartier betrat und die Treppen zu den Lichtspielhäusern hinaufstieg. Schnell die Dauerkarte eingesackt, ein kleines Schwätzchen mit alten Bekannten im Foyer gehalten und hinein in den schon gut gefüllten Saal. Der inoffizielle Eröffnungsfilm stand auf dem Programm, welcher in vorherigen Ankündigungen nur mit Die Einäugige angepriesen wurde - aber der gewiefte Filmfan konnte sich schon denken, welcher schwedische Kracher hier die Tagung einläuten sollte und somit öffnete sich der Vorhang und Bo Arne Vibenius' "Thriller - Ein grausamer Film" flimmerte los.

Das es von diesem Film je eine deutsche Vertonung (samt Kinostart) gab, war mir bis vor kurzem noch unbekannt. Umso verblüffter war ich über den dt. Kinotrailer auf einer der letzten Grindhouse-Editionen aus dem Subkultur-Lager. Jedenfalls war es doch ein straffer Opener, welcher die Kongressgäste etwas spaltete. Sicher ist Vibenius' Film nicht mit Hochglanzoptik versehen, auch die Slow-Motion-Einsätze könnte man bemängeln und als Laufzeitstreckung auslegen, allerdings trugen diese für mich auch maßgeblich zur Intensivierung der gezeigten Gewalt bei, welche qualvoll wie ein Höllenritt an dem Schicksal der Hauptprotagonistin vollzogen wird und eben nicht mit Präzision in Sachen Schnellschnitt-Technik überzeugen muss. So ist die Geschichte von Frigga (Christina Lindberg) tragisch genug, wird sie doch schon in jungen Jahren vom einem Zuhälter ihrem Elternhaus entrissen, mit Heroin gefügig gemacht um die Kohle unfreiwillig mit ihrem Körper ranzuscheffeln und darüber hinaus noch Peinigungen aller Art über sich ergehen lassen muss. Da ist klar, dass das Fass irgendwann überläuft und so nutzt sie ihre Ersparnisse um Selbstverteidigung zu erlernen, eine rasante Fahrschulausbildung hinzulegen und in Sachen Schusswaffen eine gewisse Trefferquote abzufeuern - alles natürlich nur dienlich dem Hintergedanken, es gegen die Peiniger irgendwann mit Erfolg anwenden zu können. Die Gewalt eskaliert gegen Ende dann wahrlich und man drückt Frigga insgeheim auch beide Daumen, dass sie das gesamte Lumpenpack wegputzt. Auf alle Fälle ein sehr kühler Einstieg in das frivole Festivalprogramm - aber ein gelungener war es auf alle Fälle, wobei die deutsche Vertonung auch den ein oder anderen unfreiwillig-komischen Spruch zum Besten gab und somit diesen in Nihilismus-getauchten-Minimalismus etwas auflockern konnte.

 
Nach einer zweistündigen Verschnaufpause begann dann das offizielle Programm mit dem Vorwort zweier Hofbauer-Kommandanten, einer feschen XXX-Trailershow, welche den Saft in der Hose aufkochen ließ (u.a. durch "Scharfe Schwedenhäppchen"), damit man bestens auf den nächsten Film eingestimmt werden konnte: "Love in Action - Zieh' mich aus Herzchen". Dieser entpuppte sich als sehr launiger Porno mit Handlung, quasi ein Dirty Noir - wo wie in den klassischeren Film Noirs ein Privatschnüffler von einer gutaussehenden Frau angeheuert wird um einen Fall aufzuklären, nur das hier die Romantik an vielen Stellen etwas ausufernder gezeigt wurde, als in den 40er Jahren. Das die deutsche Vertonung dann auch noch Elmar Wepper und andere bekannte Sprecher an Bord hatte, konnte ich dem Streifen gleich noch mehr abgewinnen, denn bis auf die eingestreuten Hardcore-Sequenzen, verlief die Handlung doch recht straight und selbst die angesprochenen Harterotik-Einschübe vermochten irgendwie nicht zu langweilen, denn unterlegt mit grandioser Synchro, wechselnden Akteuren (und Stellungen), adretter Weiblichkeit und einem Plot-Twist, der mich förmlich in den Sitz presste, kam man bei der Sause gut auf seine Kosten und konnte den harten Schweden-Tobak von zuvor etwas besser verdauen.

 

Bevor die letzte Hauptpräsentation des Abends startete, bekam das Kongresspublikum noch einen schmackhaften Vorfilm präsentiert: "Bevor der Strip stirbt" - ein Kurzfilm der sich mit den Strip-Betrieben in der BRD auseinandersetzte, dabei zwar sehr zugeknöpft rüber kam, aber dennoch mit lustigen Blicken oder verheißungsvollen Statements wie „Der Straps – eine Erfindung aus Amerika! Wie so vieles!“ den Kongress vehement erheitern konnte.

 

   

Im Anschluss darauf folgte "Tabus der Nackten" (auch bekannt unter dem Titel "Sex mal Sex") von José Bénazéraf, eine Art Mondofilm mit einem Amerikaner zu Gast in Paris, wo dieser nach seinem langweiligen Büro-Job durch die Nachtclubs in der Stadt an der Seine tingelt – immer auf der Suche nach der großen Liebe und etwas Verruchtheit. Die Szenen mit dem Hauptprotagonisten waren sehr erheiternd, da er meist kein Fettnäpfchen ausließ und den Kinosaal damit in Entzückung versetzte, allerdings streckte Bénazéraf den Film mit ellenlangen Striptease- und Burlesqesequenzen, sodass ich doch schon etwas mit dem Schlaf ringen musste. Vielleicht war es auch die falsche Uhrzeit um mich mit solchem Stoff zu catchen, aber ich war leider nicht so wie das restliche Publikum vom Film begeistert.




Kongresstag #2 (Freitag, 08.01.2016)

Der 1. Film des zweiten Kongresstages avancierte im Nachhinein auch gleich zu meinem Festival-Highlight – gemeint ist "Die spanische Fliege" von Carl Boese, welcher sich als äußerst launiger Schwank aus der Nachkriegszeit präsentierte und so einige grandiose Kalauersalven mit hoher Trefferquote ins Publikum abfeuerte. Es geht um vier hochrangige Herren aus der kleinen Gemeinde Daxburg, die unabhängig und ohne das Wissen der Anderen einen monatlichen Unterhalt an eine Tänzerin abdrücken müssen, damit der Skandal eines unehelichen Kindes nicht publik wird und ihr Ansehen gefährden könnte. Und bis sich der ganze Kuddelmuddel aufklärt, passiert noch so Einiges, wobei das Zwerchfell Höllenqualen durchleiden muss, da wirklich fast jede Witzelei sitzt - von den schauspielerischen Meisterleistungen der damaligen Zeit ganz zu schweigen, denn selten gingen Mimik & Gestik in Zeiten des deutschen Tonfilms nach dem Kriegsende so genial Hand in Hand.



Und weil der beste Film des Festivals eben erst gesichtet wurde, folgte danach ausgerechnet schon der schlechteste Streifen des Wochenendes, zumindest für mich. Altmeister Joe D'Amato musste diesen Mist mit Namen "Skandalöse Emanuelle – Die Lust am Zuschauen" verbocken und immerhin wäre er dieses Jahr runde 80 geworden, hätte ihn nicht eine fiese Herzattacke im Jahre 1999 dahingerafft. Zum Glück nahm sich das Hofbauer-Kommando diesen imaginären Geburtstag zum Anlass, dem Meister zu Gedenken und zu feiern, wobei sie drei extravagante Filmchen aus D'Amatos Pre-Porn-Ära für den Kongress auswählten. Leider weckte aber die skandalöse Emanuelle eher die Lust am Wegschauen bei mir, zu dröge war die Inszenierung, zu lasch der Erotik-Anteil und zu unspektakulär die gezeigte Geschichte. Enttäuscht war ich ebenfalls darüber, dass der Film in den 30er Jahren spielte und nicht in den feschen 80ern - da hätte man aus der Voyeur-Handlung sicher noch einiges machen können, aber so plätschert alles nur dahin - da vollbrachten die Endcredits dann einen so richtigen Befreiungsschlag!



Nach Speis und Trank ging es in die zweite Halbzeit des Kongress-Tages und es wurde wieder deutsches Kulturgut auf die Leinwand geworfen: "Das Spukschloss im Salzkammergut". Schon beim letztjährigen Buio Omega-Gastspiel im Münchner Werkstattkino flimmerte der Trailer zu diesem Prachtstück über den Screen und verzauberte unsere Sehorgane. Hans Billian drehte dieses amüsante Grusical in Zusammenarbeit mit Rolf Olsen, welcher am Anfang auch eine kleine Nebenrolle inne hatte. Allerdings stießen mir zwei Sachen doch etwas sauer auf, nämlich das Hannelore Auer nur zur erzählenden Nebenrolle degradiert wurde, obwohl sie wieder herrlich wie ein Bond-Girl gestylt ihre wenigen Filmmomente zelebrieren durfte und das sich der gruselige Anteil eigentlich nur auf eine klitzekleine Sequenz beschränkte, welche auch schon bei den einleitenden Credits am Anfang Verwendung fand und dadurch irgendwie später verpuffte. Von diesen zwei Kritikpunkten einmal abgesehen, war es wieder eine gemütliche Gaudi mit vielen zündenden Gags, bei der Udo Jürgens unfreiwillig den Unsympathen raushängen lassen darf, indem er seiner Angebeteten deren Karriere vermiesen will, damit sie ihm auf seiner Tournee begleiten soll. Natürlich sieht Udo am Ende seinen fiesen Schabernack ein, aber bis dahin wird viel getanzt und noch mehr gesungen - gute Unterhaltung aus deutschen Landen eben und das Kinopublikum war doch größtenteils very amused.



Auf zur letzten Hauptvorstellung des Tages, nämlich "Papaya - Die Liebesgöttin der Cannibalen". Es war Jahre her, seitdem ich die letzte Sichtung dieses stimulierenden Inselkrimis das letzte Mal vollzog und irgendwie stand er schon seit einiger Zeit wieder auf meinem Menüplan, wobei es mir dann doch sehr recht kam, dass "Papaya" zu Ehren D'Amatos auf dem vergangenen Kongress als trister Überraschungsfilm gezeigt wurde. Auch wenn die Farben der gezeigten Kopie sicher nicht mehr die frischesten waren, so konnte ich doch sofort wieder in diesen beschwingten Zauber eintauchen und mich vom unspektakulären Geschehen treiben lassen, wobei auch Aristides filmischer Aussetzer "Skandalöse Emanuelle" sofort wieder vergessen werden konnte. Jedenfalls besaß "Papaya" auch in dieser Nacht wieder die besondere Magie vorheriger Male, welche mich entschlackend im Kinosessel zurückließ. Deshalb habe ich diesem Film hier ein paar Zeilen mehr gewidmet.

 


Kongresstag #3 (Samstag, 09.01.2016)

Die Halbzeit beim offiziellen Programm des 15. Filmkongress des Hofbauer-Kommandos lag nun hinter uns, weiter ging es also am Samstag Nachmittag mit "Hörig bis zur letzten Sünde" von Lothar Gündisch und Hans Billian, ebenfalls eines meiner diesjährigen Kongress-Highlights. Ein Bankraub missglückt, zwei Ganoven werden dabei umgenietet und der Dritte im Bunde muss jetzt die Beute verstecken. Jetzt müssen die gebunkerten Kohlen natürlich wieder ran geschafft werden und es tauchen neben der Polizei noch allerhand andere dubiose Figuren auf, die großes Interesse an dem erklauten Zaster haben. Somit langweilt diese vergnügliche Räuberpistole zu keinem Zeitpunkt, wie auch, wenn die sensationellen Momente den ganzen Film überdauern - egal ob durch Vertonung, unfassbaren Szenen wie das schlecht gespielte Handgemenge zweier Damen, den einfühlsamen Charme eines Doppelspiel-betreibenden Anwalts oder die zahlreichen Nuditäten, welche in diesem Film absolut selbstverständlich eingefangen worden. "Hörig bis zur letzten Sünde" wurde frenetisch vom Publikum bejubelt und konnte sich auch in meiner Kongress-Bestenliste ganz weit vorn manifestieren.

 


Mit "Die Girls vom Crazy Horse" ging es auch gleich in die nächste Vergnügungsstätte und auch allgemein hatte ich das Gefühl, das sich dieser Kongress als heimliches Leitthema ein bisschen den Nachtclubs aus aller Welt widmen wollte, denn nach diesem Film folgten am selben Tag noch zwei anderer Vertreter mit vergleichbarer Branchenthematik und der Bénazéraf vom 1. Kongresstag versprühte ebenfalls eine sehr ähnliche Atmosphäre. Das "Die Girls vom Crazy Horse" eher wie eine Dokumentation mit komödiantischem Einfluss rüberkam, hätte ich anfangs sicher nicht erwartet. Eher dachte ich an eine konforme Stripsequenzen-Aneinanderreihung wie beim "Tabus der Nackten" - aber zu Glück lag ich falsch. So war es doch recht frivol mit anzusehen, wie der Reporter, welcher den Etablissement-Besitzer und seine weibliche Crew interviewt, immer wieder von den Grazien abgelenkt wird und seine Aufmerksamkeit somit fast nie auf seinen eigentlichen Job richten kann. Sicher gab es zwischendurch auch öfters fesche Tänze oder andere erotische Darbietungen, wobei der Höhepunkt der Kurzweil sicher der Auftritt des Bauchredners mit seiner (bemalten) Hand war – unfassbar mit was für einer köstlichen Stimmung diese Szene dann den Saal flutete und wir uns dabei in den Sitzen kugelten.



Zur Primetime gab es dann Peter Baumgartners "...und noch nicht sechzehn", welcher mir recht gut gefiel und einige stimmungsvolle Momente aufweisen konnte, auch wenn ich in diesem Film etwas Struktur vermisste. Dennoch konnte sich der titelgebende Song "Sexy und noch nicht sechzehn" von Helen Vita dank Dauerbeschallung als kleiner Ohrwurm entpuppen, den meine Sitznachbarin immerhin schon nach dem dritten Mal frei mitsingen konnte. Sympathieträger wird man in dieser Tristesse dennoch keine finden, auch wenn Oberchauvi Johnny hier wieder sensationell von Arne Elsholtz vertont wurde, was dem Film noch zusätzlichen Zunder auf der Schundskala einbringt, auch wenn der Erotikanteil sich doch dezenter als erwartet präsentierte - gerade bei so einem Titel und erst recht bei einem Produzenten wie Erwin C. Dietrich. Crime, Liebelei und unerfüllte Träume am Rande des Nachtclub-Geschäfts, welches seinem tragischen Showdown auf einem kalten Güterbahnhof entgegen schippert.



Nach dieser geballten Ladung Psychotronik hätte es meinetwegen ruhig wieder etwas gemächlicher zur Sache gehen können, aber Joe D'Amatos letzter Kongressbeitrag "Blue Angel Café" driftete eher in eine dramatische Lifestyle-Kerbe. Angie (Tara Buckman) verguckt sich in einen Senator, eine heiße Liebelei entbrennt zwischen den Beiden, aber der dadurch ausgelöste Scheidungsskandal kostet den Guten sein Amt und damit auch seine Karriere. Nun muss Angie die Kohlen ran schaffen, denn ihr Liebhaber ist dermaßen von Selbstmitleid zerfressen, dass es auch den Zuschauer langsam anwidert. Tja, das sind die Schattenseiten solcher Affären - da muss die Prunkvilla bald gegen ein stinknormales Apartment eingetauscht werden, so was kann Rockröhre Angie schon mal missfallen. Der Anfang vom Ende quasi - aber ich mag solche fiesen Beziehungskisten, erst recht wenn sie aus Italien kommen und die seltene Fadheit der schrillen 80er Jahre einfangen. Zudem ist der Titelsong ein richtiger Hit geworden, welcher sich auch gut als Lückenfüller zwischen den beiden älteren 007-Songs von Carly Simon und Sheena Easton gemacht hätte, nur mit zehnjähriger Verspätung. Aber wir wippten dennoch andächtig mit den Köpfen zum Takt, auch wenn uns das gezeigte Schicksal der Protagonisten größtenteils kalt ließ. Allerdings konnte ich diesem D'Amato immerhin etwas mehr abgewinnen als das restliche Publikum, dessen Mehrheit sich über diese Dramatik aus der Distanz eher enttäuscht zeigte - und ja, Tara Buckman sah mal wieder very fantastic aus.



Bevor der stählerne Überraschungsfilm startete, erklärte Hofbauer-Kommandant Andreas in einer berauschenden Rede die Bedeutung dieser Klassifizierung und riss das Publikum, aber auch sich selbst dermaßen mit, sodaß wir mit großer Spannung auf die Titelauflösung via Screen warteten. Auch wenn ich bei den vorherigen Andeutungen erst fälschlicherweise annahm, es könnte sich um einen FrancoCiccio Streifen handeln, so war ich doch sehr beruhigt, dass es nur Alfonso Brescia's "Zwei Halunken im alten Rom" war. Auch wenn ich diesen historischen Klamauk-Gammlern aus Italien bisher nie allzu viel abgewinnen konnte, war dieser Streich zumindest noch mit der ansehlichen Femi Benussi besetzt, welche blank zu ziehen versucht, wo es nur geht. Kurzweil tritt zwar vereinzelt auf, wird aber sofort wieder im Dunst der albernen Hohlheiten erstickt. Allerdings gibt es auch noch schlechtere Werke aus dieser Epoche, weswegen mich Brescia's geschichtlicher Kalauer nicht gänzlich kaputt gespielt hat, für mich aber dennoch etwas weiter weg vom Rande der Erträglichkeit war - ähnlich wie beim restlichen Publikum, welches bis zum Ende ausharrte und nicht schon vorzeitig wie so manch ungestählte/r Zuschauer/in aus der Sichtung verschwand.




Kongresstag #4 (Sonntag, 10.01.2016)

Traurig, aber war - der letzte Kongresstag ist angebrochen, aber er hatte noch so manches Highlight zu bieten.

Den Anfang machte am späten Nachmittag Manfred Stelzer's "Die Perle der Karibik" von 1981, welcher sich als ein schier unfassbar-toller Genuss für viele Besucher entpuppte. Diethard muss als Bücher-Vertreter die Klinken putzen um seine Ware an den Mann zu bringen. Bei einem Kunden wird er auf dessen ausländische Gemahlin aufmerksam, die, wie ihm der Ehemann versichert, keine Probleme macht und zudem Gehorsam befolgt - nur deren Lächeln dem männlichen Ehepartner etwas zuwider ist, aber darüber kann getrost hinwegsehen, denn ansonsten scheint die Beziehung bestens zu funktionieren. Das es so einfach sei, sich eine Frau zu halten und damit mit dem gesellschaftlichen Ideal der Masse gleich zu ziehen, entzückt Diethard immer mehr. Schnell wird ein schmieriger Heiratsvermitteler (köstlich Alfred Edel) aufgesucht, der Frauentyp aus fernen Ländern festgelegt und schwupss wird die Exotin Banani von irgendeiner fernen Insel in die BRD importiert. Allerdings funktioniert das Zusammenleben mal so gar nicht nach Diethards Vorstellungen, womit der Ärger nicht lange auf sich warten läßt.

Zwar wird es im Filmtitel schon vorweg genommen, aber Stelzers in kalte Plattenbau-Ästhetik eingebettetes Sittenbild entpuppt sich als wahre Perle. Hier werden schauspielerische Glanzleistungen durch Lethargie und fehlende Emotionen hervor gerufen, Humor durch gesellschaftliches Unverständniss kalkuliert, um diese Tragödie mit einer satten Portion Unfassbarkeit zu mischen, welche bei den meisten Zuschauern wie ein Meteorit auf die Lachmuskulatur einschlug. Man muss es wirklich gesehen haben um es zu glauben, da helfen auch nicht die besten Zitate aus dem Film, um nur den geringsten Ansatz dieser kopfschüttelnden Sagenhaftigkeit davon erhaschen zu können. Ein unglaublicher Moment jagt den nächsten, Diethard Wendtland spielt den Hauptprotagonisten durch seine Unbedarftheit so glaubwürdig - es fängt schon damit an, wie steif er seinen Text ableiert, aber endet genauso gut in seiner aufbauenden Frustration Banani gegenüber, welche ihre Bräuche natürlich in die damalige BRD mitnimmt, sehr zum Missfallen Diethards, welcher erfolglos damit bemüht ist, seine neue Angetraute mit Erziehungs-Maßregelungen zu torpedieren. Für mich war dieser Film eine der schönsten Zelluloid-Erfahrungen des 15. Hofbauer-Kongresses.

 

Nach erfolgreicher Stärkung des Magens, wurde so langsam das Finish eingeläutet - aber was für eines. "Die Spalte" von Gustav Ehmck stand auf dem 15-gängigem Menüplan und er erschwerte wohl fast jedem Ansässigen die Verdauung. Ich selbst habe selten zuvor einen Film erlebt, welcher schon während der Sichtung diesen Katalysator der Verabscheung des Gezeigten in Gang setzt. Auch im Publikum musste das Ventil der Bestürzung nicht nur einmal lautstark aufgedreht werden. Ich selber bin mir auch nicht sicher, ob ich Ehmcks Werk noch einmal sehen möchte, was man diesem aber in jedem Fall zu Gute halten muss, denn die Message welche hier erzielt werden sollte, verfehlt das Gewissen des Zuschauers um keinen Millimeter – es ist dieses kompromisslose Zeigen des sehr bedauernswerten Schicksals einer jungen Frau, welche unfreiwillig in die allerfiesesten Prostitutionskreise die ich bisher im Film gesehen habe, hinein gezogen wird und diesen auch nicht mehr entfliehen kann, auch wenn sie es keinesfalls unversucht lässt. Ich erblickte selten zuvor einen dermaßen aufwühlenden Film, welcher einen so sehr in den Bann der Abscheu zog. Inszenierung,  Schauspiel, Storytelling – alles top, keine Frage. Aber wer möchte freiwillig nochmal in diesen Sumpf der ungeschönten Widerlichkeit baden?

(Ich hatte diesen Film aufgrund seines niederschmetternden Effekts anfangs etwas schwächer bewertet, was ich allerdings im nach hinein als ungerecht dem Werk selbst gegenüber empfand, wobei man sicher einige Momente brauchen wird, um einen klaren Gedanken nach der Erstsichtung zu fassen.)

 

So düster wie der Kongress am Donnerstag mit "Thriller" begann so schien er wohl auch zu enden, aber zum Glück hatte Ernst Hofbauer entschiedend etwas dagegen. Sein Reportfilm "Mädchen beim Frauenarzt" ließ uns die zuvor servierte Erschütterung schnell wieder vergessen und trieb das Publikum in einen lang anhaltenden Freudentaumel des Überschwangs. Die kessen Episoden aus der Praxisarbeit eines Gynäkologen waren weitesgehend von Kurzweil und Jubelei unter ihrem Deckmantel der Aufklärung geprägt, welche sich bei mir auch sofort unter den besseren Dokumentationen ähnlich gelagerter Tabuthemen der damaligen Zeit manifestieren konnte. Hofbauer gelingt hier dieser feine Spagat zwischen Unterrichtung einer Allerwelts-Thematik und der frivolen Unterhaltung, welche man im richtigen Kontext dazu ziehen kann. Somit konnte man bestaunen, wie besorgte Eltern ihrer minderjährigen Töchter mit Verdacht auf Schwangerschaft einweisen lassen oder unfreiwillig fiese Geschlechtskrankheiten in Umlauf geraten – allerdings immer mit einer augenzwinkernden Methode an den Zuschauer gebracht. Ein sehr gelungener (offizieller) Abschluss des letzten Kongresstages.

Im Anschluss folgten allerdings noch die 16mm-Zusatzfilme der FWU (Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht), welche bei den Hauptspielzeiten mangels Projektionstechnik leider unter den Tisch fallen mussten. So bekam man dennoch die entfallenen Vorfilme präsentiert, halt nur zum Ende.

Zuerst gab es mit "Die Pfütze" einen warnenden Lehrfilm über Pädophilie, welcher toll gespielt war und eine ungewoht heftige Intensität zu erzeugen vermochte. In kalten Schwarzweiss-Bildern sieht man wie ein anständig wirkender Erwachsener an einem Schulhof einen kleinen Buben anspricht, ihm in Form eines ausländischen Modellflugzeugs den Himmel auf Erden verspricht und ihn daraufhin in sein Auto locken kann, womit dessen traumatische Erlebnisse seinen Gang nehmen werden. Verbüffend mit welcher Durchlagskraft diese knapp 15 Minuten inszeniert wurden und man mitfühlend dem Kleinen die Daumen drückt, sich aus den Klauen des drohenden Unheils zu befreien. Aber es ist ein FWU-Film, welcher mit Happy-End sicher nicht dieselbe Wirkung in der Penne erzeugt hätte. Danach folgte "Von Liebe ganz zu schweigen", wo es darum geht, welche Probleme im sozialen Umfeld durch eine frühe Schwangerschaft enstehen können. Etwas trist wurde uns dieser verändernde Lebensabschnitt eines weiblichen Teenagers nahe gebracht, welches aber von seiner damaligen Aktualität im heutigen Zeitalter sicher nicht allzu viel eingebüßt haben dürfte, aber ich war irgendwie froh, dass dieser Kurzfilm vor Hofbauer's "Mädchen beim Frauenarzt" nicht gezeigt werden konnte - er hätte (bei mir) die nachfolgende Sichtung des Reportfilms sicher in irgendeiner Weise beeinträchtigt.

Als Abschiedsgeschenk mit den mahnenden Worten: „Da müßt ihr jetzt durch!“ wurde den Willigen und Unkaputtbaren noch mit "L.A. Tool & Die" ein Vintage Gay Porn der frühen Achtziger von digitaler Projektion serviert. Allerdings beflügelte der Film nach knapp 20 Minuten meinen Appetit auf etwas Nahrhaftes, womit allerdings ein schmackhafter Kebab aus dem fränkischen Istanbul-Restaurant gemeint ist, welches löblicherweise immer bis in die Morgenstunden geöffnet hat.

Bleibt als Fazit also mal wieder mein allergrößestes Lob an die Veranstalter, Beteiligten und Publikum, sowie absolute Begeisterung für das Gesehene. Ja, es war schon hart – 15 Filme plus etwaige Specials verlangen einem schon was ab, aber der Lohn dafür ist umso wertvoller, egal ob man seinen filmischen Horizont um ein Vielfaches erweitern konnte, mit vielen netten Kongressanten in Plauschereien verstrickt wurde oder auch einfach nur der Wirklichkeit für knapp 90 Stunden entfliehen durfte. Und wie ich auch schon anfangs erwähnte: Wer einmal einem außerdordentlichen Filmkongress des Hofbauer-Kommandos beiwohnen durfte, der wird definitiv wiederkommen wollen – soviel steht fest!

Danke für die schöne Zeit


PS: Da mit Andreas, Pacific Nil und meiner Wenigkeit gleich drei Leute von Italo-Cinema.de diese feine Veranstaltung besuchten, haben wir uns entschlossen auch hier den Listen-Fetisch etwas zu bedienen, weshalb man unten stehend unsere jeweilige Kongress-Hitparade mit aufsteigender Benotung einsehen kann. Zudem hat der gute Pacific Nil in seinem Filmtagebuch bei Dirty Pictures alle Sichtungen des Festivals etwas ausführlicher gewürdigt - einfach in seiner Rangliste auf den jewiligen Film klicken und man gelangt direkt zu der von ihm verfassten Besprechung.



Andreas Rick

15  Skandalöse Emanuelle - Die Lust am Zuschauen  (4)
14  Tabus der Nackten (4)
13  Zwei Halunken im alten Rom (5)
12  Die Girls vom Crazy Horse  (6)
11  Das Spukschloss im Salzkammergut  (6)
10  Mädchen beim Frauenarzt  (6)
09  Papaya - Die Liebesgöttin der Cannibalen  (7)
08  Blue Angel Café  (8)
07  Love in Action - Zieh mich aus, Herzchen  (8)
06  …und noch nicht sechzehn  (8)
05  Die Perle der Karibik  (8)
04  Hörig bis zur letzten Sünde  (8)
03  Die Spalte  (8)
02  Die spanische Fliege (8)
01  Thriller - Ein unbarmherziger Film  (9)


Pacific Nil

15  Blue Angel Café  (1)
14  Papaya - Die Liebesgöttin der Cannibalen  (2)
13  Skandalöse Emanuelle - Die Lust am Zuschauen  (2)
12  Zwei Halunken im alten Rom (4)
11  Thriller - Ein unbarmherziger Film  (4)
10  Die Girls vom Crazy Horse  (5)
09  Love in Action - Zieh mich aus, Herzchen  (6)
08  …und noch nicht sechzehn  (6)
07  Mädchen beim Frauenarzt  (6)
06  Die spanische Fliege (6)
05  Hörig bis zur letzten Sünde  (7)
04  Tabus der Nackten (7)
03  Das Spukschloss im Salzkammergut  (7)
02  Die Perle der Karibik  (8)
01  Die Spalte  (8)

--- Bonusfilme #1, #2, #3


Tobias Reitmann

15  Skandalöse Emanuelle - Die Lust am Zuschauen  (2)
14  Tabus der Nackten (3)
13  Zwei Halunken im alten Rom (5)
12  …und noch nicht sechzehn  (6)
11  Blue Angel Café  (6)
10  Die Girls vom Crazy Horse  (7)
09  Die Spalte  (7)
08  Love in Action - Zieh mich aus, Herzchen  (7)
07  Mädchen beim Frauenarzt  (7)
06  Papaya - Die Liebesgöttin der Cannibalen  (7)
05  Thriller - Ein unbarmherziger Film  (8)
04  Hörig bis zur letzten Sünde  (8)
03  Das Spukschloss im Salzkammergut  (8)
02  Die Perle der Karibik  (8)
01  Die spanische Fliege (8)

 

Tobias Reitmann