Los violadores del amanecer

Spanien, 1978

  • Originaltitel: Los violadores del amanecer
  • Alternativtitel:

    The Dawn Rapists

  • Regisseur: Ignacio F. Iquino
  • Kamera: Fernando Cobo
  • Musik: Enrique Escobar
  • Drehbuch: Ignacio F. Iquino
  • Inhalt:

    Eine Gruppe von 5 Jungendlichen – vier Jungen und ein schwangeres Mädchen – machen die Vororte von Barcelona unsicher. Sie rauben einem Polizisten seine Pistole, welche sie dann für ihren ersten Raubüberfall und eine Gruppenvergewaltigung nutzen. Doch das ist erst der Anfang. Angeregt durch selbst erlebte häusliche Gewalt, pornographische Schriften und eigener Perspektivlosigkeit kommen sie insbesondere bei der Verübung von Vergewaltigungen auf den Geschmack, wobei sich ihr gesamter Frust entlädt.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    Das hier wird schwierig, wie man wohl schon anhand der Inhaltsangabe erahnen kann. Wir kennen das aus Italien, Filme über gewalttätige Jugendliche und den meist vergeblichen Versuchen von Eltern, Polizei oder Staat, sie auf den rechten Weg zurückzuführen. Das geht von gelungenen Werken wie Fernando Di Leos „Note 7 – Die Jungen der Gewalt“ bis zu exploitativem Plumpaquatsch wie Renato Savinos „The Children of Violent Rome.“

     

    In Spanien begann die Zeit solcher Filme etwas später, Ende der Siebziger bis Ende der Achtziger. Daraus entstand das Genre des „Cine Quinqui“, dessen wichtigste Vertreter José Antonio de la Loma mit etwa „Perros callejeros I + II (Straßenköter) oder Eloy de la Iglesia mit „Angst, nachts auszugehen“ (1980) sowie „El Pico I + II (Overdose, 1983/84) sind. Aber auch Regisseure wie Carlos Saura, Vicente Aranda oder Pedro Almodovar streiften dieses Genre in ihren frühen Jahren. Der nihilistischste Vertreter dieses Genre dürfte jedoch Ignacio F. Iquino sein, und „Los violadores del amanecer“ (übersetzt in etwa Vergewaltiger der Dämmerung) sein böses Meisterwerk. Wobei das Wort Meisterwerk schwer über die Lippen kommt.

     

    Unklar ist mir die Intention dieses Films, das Fehlen von Untertiteln oder Audiospuren in einer mir verständlichen Sprache erschwert das Ganze selbstredend. Dabei sind die Ingredienzien durchaus bekannt. Perspektivlose, gewalttätige Jugendliche, eine machtlose Polizei, Opfer, die auf der Strecke bleiben, da sich niemand für ihr Leid zu interessieren scheint. Wir befinden uns aber am Ende der Franco-Diktatur, und das macht nachdenklich. Jugendliche, die angesichts eines erst kürzlich erfolgten Systemzusammenbruchs ohne Perspektive dastehen und plötzlich – nach Jahrzehnten der Zensur – unvermittelt mir Hardcore-Pornos uns Gewaltfilmen konfrontiert werden. Eine Polizei, die zum Einen aus Anzugträgern besteht, die keine Waffe tragen dürfen und zum Anderen aus uniformierter Militärpolizei, die keinen Gebrauch von der Schusswaffe mehr machen darf, solange es kein Anzugträger genehmigt hat. Zwischendrin präsentiert uns Iquino die Aufnahmen von einer Demonstration, in der spanische Bürger gegen diese „Neuerungen“ (Pornographie, Jugendgewalt, Vergewaltigungen) protestieren und die Kastration von Sexualstraftätern fordern. Was will er uns damit sagen? Wie schön es vorher unter Franco war? Unwahrscheinlich, denn zugleich greift er in seinem Film das Abtreibungsverbot und das religiös motivierte Schweigen der Familien von Opfern von Sexualstraftaten an.

     

    Seine Ernsthaftigkeit kann man Iquinos Film nicht absprechen. Zu sorgfältig sind die Charaktere und deren Probleme gezeichnet, auch für die psychischen Folgen, die die Vergewaltigungsopfer der Jugendbande davontragen, nimmt er sich viel Zeit. Im Gegenzug nimmt er sich allerdings ebenso viel Zeit für die Gewaltdarstellungen selbst. Minutenlange Vergewaltigungsszenen sind das Offensichtlichste, diese sind noch gewürzt mit Gürtelauspeitschungen, einer versuchten Vergewaltigung durch die schwangere Lagarta an einem der weiblichen Opfer, und schließlich Nekrophilie. Weiterhin streift er das Thema Inzest – Lagarta, gespielt von der tatsächlich schwangeren (wie wir uns in zahlreichen Nacktaufnahmen und bei einem Blowjob versichern können) trägt das Kind ihres Vaters in sich, durfte es aufgrund der geltenden Gesetzgebung aber nicht abtreiben. Wer nun meint, das Ganze klänge als wäre es nur sehr schwer ansehbar, oh ja, das ist es und doch glaubhaft und mit dem nötigen Ernst umgesetzt, was fast schon wieder ein Phänomen ist.

     

    Ebenfalls ein Phänomen ist es, dass gerade die (gedemütigten) Frauen dieses Films teils beachtliche Karrieren hinlegen konnten. Opfer No. 1, gespielt von „Linda Lay“ brachte es zwar nur zu sieben Filmen bis 1981 – u. a. in José Antonio de la Lomas bereits erwähntem „Perros callejeros“ und Iquinos „Emmanuelle y Carol“ - allerdings würde ich nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, dass sie nicht unter anderem Namen weiter machte. Opfer No 2 und No 3 - Mireia Ros und Eva Lyberten - sind bis heute unterbrochen in Kinofilmen und TV tätig, ebenso wie Alicia Orozco. In kleineren Rollen sieht man Antonio Molino Rojo („Garringo, der Henker“, 1969; „Sandokan“, 1963) als Vater des Jugendlichen Rafi und Silvia Solar („Labyrinth des Schreckens“, 1975; „Cannibal Terror“, 1980) als Mutter eines der Opfer.

     

    Von „Las violadores del amanecer“ erschien kürzlich eine spanische Blu-ray, die wohl auf einer HD-Ausstrahlung des in Barcelona ansässigen katalanischen Senders 8TV zurückgeht. Wie bereits erwähnt, gab es leider weltweit keinen weiteren Vertrieb für diesen Film, weswegen ausschließlich der spanische Ton existiert.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Links

    OFDb
    IMDb

    Bitte Kommentar schreiben

    Sie kommentieren als Gast.