The Shepherds of Calamity

Frankreich | Griechenland, 1967

  • Originaltitel: Oi voskoi
  • Alternativtitel:

    Os Pastores da Desordem (BRA)

    Les pâtres du désordre (FRA)

    I voski (ITA)

    Thanos and Despina (USA)

  • Regisseur: Nikos Papatakis
  • Kamera: Jean Boffety, Christian Guillouet
  • Musik: Pierre Barbaud
  • Drehbuch: Nikos Papatakis
  • Inhalt:

    Die verarmte Katina versucht für ihren Sohn Thanos (George Dialegmenos) eine Heirat mit der Tochter des reichen Landbesitzers Vlahopoulos zu arrangieren. Doch Thanos ist nur ein kleiner Schäfer, der für einen anderen Landbesitzer arbeitet, und Vlahopoulos wünscht sich für seine Tochter Despina (Olga Karlatos) einen wohlhabenden Bräutigam. Ein weiterer Kandidat für Despina wäre Yankos, doch nur Thanos weiß, dass der Soldat Yankos heimlich die Schafe seines Vaters tötet, unter anderem aus der Herde, die Thanos für ihn hütet.

     

    Vlahopoulos hat dagegen längst Arrangements getroffen, Despina mit einem Freund seines Sohnes zu verheiraten, der zu einer Beamtenfamilie gehört und aus der Großstadt stammt. Als Thanos beschuldigt wird, seine eigene Herde und seinen Hirtenhund getötet zu haben, entdeckt Despina sein Herz für ihn und will ihm zur Flucht verhelfen. Doch Thanos reagiert nicht wie erwartet, er entführt Despina und das ganze Dorf macht Jagd auf ihn und die von ihm vermeintlich geschändete „Hure.“

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    Schon nach Nikos Papatakis‘ „In Hell“ (Gloria Mundi, 1976) hatte ich mir vorgenommen, unbedingt diese erste Hauptrolle von Olga Karlatos zu sehen, die sie ebenfalls als die große Schauspielerin zeigt, die Karlatos in ihren ersten Rollen nun mal war. Es ist mehr als nur schade, wie sich die Richtung ihrer Karriere – wahrscheinlich aufgrund von fehlenden hochwertigeren Angeboten von Seiten der Produzenten– später entwickelte. Karlatos war eine wirklich große dramatische Darstellerin mit unwahrscheinlichem Potenzial.

     

    Kraftvoll spielt sie in „Oi voskoi“ ihre Rolle als Despina, die zunächst recht einfach beginnt. Despina soll heiraten, nach dem Willen ihres Vaters einen wohlhabenden Mann, den sie nie zuvor getroffen hat. Als ihr Bruder ihr nach der Verkündung der Verlobung vorwirft, wie sie so etwas nur tun könne, entgegnet sie ihm, sie habe sich ihre Familie doch auch nicht selbst aussuchen können. Sie bekräftigt dies, indem sie ihrem Vater – ohne jegliche Ironie - für seine Entscheidung dankt, mit den Worten „Ich liebe dich, du bist mein Herr, du bist Gott.“ Und doch verläuft nur kurze Zeit später alles ganz anders.

     

    Thanos entführt Despina, die ihm zuvor ihre wertvolle Verlobungskette schenken wollte, damit er sie auf seiner Flucht vor der Polizei verkaufen und ein neues Leben beginnen kann. Er steckt Despina in ein nuttiges Outfit, zwingt sie in Stöckelschuhen durch die Berglandschaft und traktiert sie mit Stockschlägen. So brechen sich Despinas bisher unterdrückte Gefühle ihre Bahn, innerhalb weniger Stunden lernt sie ihrer Wut freien Lauf zu lassen, zu schreien, zu bitten, zu hassen, zu lieben, zu intrigieren und zu betrügen - bevor sie in einem letzten Kraftakt zusammen mit Thanos, von den Dorfbewohnern als Hure beschimpft, vom eigenen Vater und Bruder gejagt, den entscheidenden Schritt in die Freiheit wagt: den Tod.

     

    Natürlich bietet der Film noch weitere interessante Charaktere. Despinas Vater, dem sein Ansehen über alles geht, und der aufgrund der Tatsache, dass er der wohlhabendste Mann im Dorf ist und andere das auch deutlich spüren lässt, sich nicht allzu großer Beliebtheit erfreut. Man weidet sich förmlich an seinem Unglück und muss ihn nicht erst dazu drängen, seinen Sohn um einen Ehrenmord an seiner Schwester zu bitten. Thanos, der Schäfer, will seiner Armut entfliehen und nach Australien auswandern, was seine Mutter aber unterbindet. Teil der ganzen Tragik sind zudem auch all die Missverständnisse um Despinas Freier, denn Thanos hat im Grunde kein Interesse an ihr. Überhaupt ist sein Charakter ziemlich unberechenbar, mal ist er voller Wut gegen seine Unterdrücker, dann wirft er sich ihnen plötzlich zu Füßen und bittet sie um Vergebung.

     

    „The Shepherds of Calamity“ ist natürlich auch ein politischer Film, und in einigen Dialogen viel zu sehr in Richtung Kunstfilm aufgezogen, um ein reines Drama zu sein. Dabei gelingt es Papatakis durchaus, der eher kargen griechischen Landschaft eindrucksvolle Bilder abzuringen und kontroverse Inhalte zu kolportieren. Ein Schäfer, der seine Herde verliert, kann von seinem Gutsherren verhaftet werden lassen, offenbar gilt das als eine Art von Diebstahl. Düsenjäger ziehen über den fernen Himmel, und der Schäfer schreit zu ihnen, „schau auf uns herab, wir verhungern hier unten.“ Im Dorf kommt es fast zu einer Eskalation, als sich die Gäste eines Cafés daran zurückerinnern, wer während des zweiten Weltkriegs mit den Nazis kollaboriert und Nachbarn denunziert hat. Erstaunlicherweise bietet der Film eine solche Vielzahl an weiteren Anspielungen und Themen, dass es überrascht, dass sich das Endergebnis nicht darin verheddert.

     

    Regisseur Nikos Papatakis wurde 1918 in Addis Ababa, Äthiopien geboren, wo er später gegen die italienischen Faschisten kämpfte. Seine Eltern waren beide griechischer Abstammung. 1939 emigrierte er nach Frankreich, wo er von 1951 bis 1954 mit Anouk Aimée liiert war. Seine erste Regiearbeit „Les Abysses“ (Die Abgründe, 1963) basierte auf Jean Genets „Die Sklaven“ und war damals beim Filmfestival in Cannes im Programm, die sich jedoch im letzten Augenblick weigerten, den Film zu zeigen. Papatakis hatte 1954 auch Jean Genets (einzigen) Kurzfilm „Un chant d’amour“ (Ein Liebeslied) produziert. Bei den Dreharbeiten zu „Oi voskoi“ lernte er Olga Karlatos kennen, mit der er dann von 1967 bis 1982 verheiratet war. 2010 starb er im Alter von 92 Jahren.

     

    Und Olga Karlatos selbst – wie gesagt – kraftvoll und obendrein wunderschön. Unbedingt ansehen.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Links

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