Der Perser und die Schwedin

Schweden, 1961

  • Originaltitel: Jeunesse perdue
  • Alternativtitel:

    Juventud sin mañana (MEX)

  • Deutsche Erstaufführung: 25. November 1966
  • Regisseur: Akramzadeh
  • Kamera: A. Chauhan, H. Shanawaz
  • Musik: Jan Håkansson, Åke Lemnell
  • Drehbuch: Akramzadeh
  • Inhalt:

    Moustafa (Akramzadeh), ein junger Medizin-Student aus dem Iran, hat in London alles andere als hartes Arbeiten im Sinn. Da er von seinen Eltern finanziert wird, kann er das Leben auf die leichte Schulter nehmen und treibt sich in den Bars von Soho herum, wo er eine Frauenbekanntschaft nach der anderen macht. Als er die hübsche schwedische Studentin Monica (Anna Longlands) kennenlernt, erfährt das unbeschwerte Dasein jedoch bald sein abruptes Ende, da die junge Frau ein Kind von ihm erwartet und die Leichtfertigkeit der Beziehung nicht akzeptieren kann. Da es außerdem beim Weiterkommen im Studium hapert, drehen ihm seine Eltern zusätzlich auch noch kurzerhand den Geldhahn zu. Moustafa neigt dazu, sich vor jeder Verantwortung zu drücken, daher kommen auf die werdende Mutter schwere Zeiten zu...

  • Autor: Prisma
  • Review:

    Filmtitel sagen sehr häufig alles oder gar nichts über den jeweiligen Verlauf aus und stellen für den Zuschauer bereits im Vorfeld eine recht wichtige Zutat dar. "Der Perser und die Schwedin" suggeriert auch für heutige Begriffe noch eine Art unterschwellige Brisanz oder Pikanterie, die es letztlich von der Regie zu halten gilt. Zur Entstehungszeit, beziehungsweise zum Zeitpunkt der Aufführung, dürfte bei dieser Produktion sicherlich noch einiges mehr an Zündstoff und Dramatik vermutet worden sein als heute. Das führt gedanklich wieder zurück zum deutschen Titel, der zwei Komponenten enthält, die potentiell für Aufsehen sorgen. Die zwei Begriffe "Perser" und "Schwedin" stehen indirekt-stellvertretend für das wahlweise Unbekannte, Verbotene, Komplizierte, Erotische oder Anziehende. Nach heutigen Maßstäben ist dies alles sicherlich relativ, doch auch für einen Film gilt die alte Binsenweisheit, dass sich die Zeiten eben irgendwann einmal ändern. Viele Produktionen mit kopflastigen Themen offerieren daher eine Halbwertszeit, die mitunter kürzer ist als die Laufzeit in Lichtspielhäusern. Folglich bleibt ein gewisser Glanz oft nur bestehen, wenn beispielsweise Charme, Brisanz, handwerkliche und inhaltliche Finesse oder einfach nur Unbeschwertheit auch nach mehreren Jahrzehnten noch mitschwingen. Handelt es sich bei dem lange Zeit in Vergessenheit geratenen "Der Perser und die Schwedin" also um ein solches Exemplar? Allein über den deutschen Titel lässt sich diese Frage nicht beantworten, transportiert er doch gleichermaßen einen diffus-bezeichnenden Charakter, vor allem aber eine eigenartige Mechanisierung von dem, was dort kommen mag. Der leichtfüßig klingende und dramatisch angehaucht wirkende Originaltitel "Jeunesse perdue" lenkt schließlich in ganz andere Bahnen der Erwartungshaltung.

     

    Im Französischen hört sich selbst der schlimmste Kraftausdruck, geschweige denn die dramatischste Andeutung noch wie Musik an. Angesichts der Anspielung auf die "Verlorene Jugend" kommt es zu einer bemerkenswert gut konstruierten Assoziationskette. Was als Warnung und Corpus Delicti vom Film transportiert werden will, stellt in einer vollkommen natürlichen Umkehrreaktion das interessante Element dar, welches den Zuschauer anlocken soll. Wie es im Leben so ist, ist schließlich immer gerade das reizvoll, was man nicht haben kann. Sicherlich geht es zu weit zu behaupten, dass die Veranschaulichung von Situationen, Konstellationen und schwieriger Interaktion im Film die erstrebenswerte Komponente im Verlauf darstellt. Vielmehr sind es die beinahe exotischen und oppositionellen Fragmente, die ihre Wirkung erzielt haben dürften. In Zeiten gesellschaftlicher Korsetts und teilweise unausweichlicher Konventionen, sind es bereits Kleinigkeiten wie eine international schimmernde Weltstadt wie London, Darsteller unterschiedlicher Nationen und Handlungen der nicht alltäglichen Sorte, aber auch Kontroversen, die das gedankliche Ausbrechen im Kinosaal garantieren konnten und das wohlgemerkt mit einfachsten Mitteln. Genau hier gibt der Film seine diskreten, aber eleganten Stärken an den interessierten Zuschauer zurück. Da der deutsche Mercator-Verleih Akramzadehs Werk erst 1966 in die Kinos brachte, ist anzunehmen, dass der günstige Zeitpunkt für den Film verspielt wurde, denn was 1961 noch für extravagante Unterhaltung gesorgt haben dürfte, war in einer Zeit im schnellen Wandel fünf Jahre später etwas überholt. Zu diesem Zweck bekam "Der Perser und die Schwedin" auch ein weitgehend unnötiges vamp over verpasst, welches diese interessante Arbeit für heutige Begriffe verwässert.

     

    Die Regie fungiert innerhalb der Grenzen dieses Beitrags als Allround-Talent, schließlich sieht man Akramzadeh nicht nur als Verantwortlichen, sondern auch als Schauspieler, Cutter oder Drehbuchautor. Sicherlich ist einer solchen Mehrfachanforderung generell der nötige Respekt zu zollen, jedoch besteht die Gefahr, dass ein zu deutlicher Stempel aufgedrückt wird. In diesem Fall trifft dies sicherlich auch zu, aber angesichts der Tatsache, dass man bei einem schnellen Blick auf die Filmografie dieses Herrn erfährt, dass es sich jeweils um Premieren handelte, sieht das Ergebnis ungewöhnlich stilvoll und authentisch aus. Die Basis stellt das London der beginnenden 60er-Jahre dar, eine Off-Stimme berichtet im Stil eines Sensations-Reporters über die Vorzüge dieser einmaligen Stadt, allerdings gleichzeitig über die lauernden Gefahren. Als Mittel der Wahl stilisiert der Verlauf die Jugend als Elixier des Films hoch. Eine Reise zwischen Realität und Illusion kann beginnen. Der Vorspann listet eine Reihe von Darstellern, die unbeschriebene Blätter waren und blieben. Dem Empfinden nach kommt es gerade deswegen zu wesentlich stichhaltigeren Leistungen im Bereich der zwischenmenschlichen Interaktion - ob im positiven oder negativen Sinn. In diesem Zusammenhang bleibt zu betonen, dass man es wohl selten mit einer Truppe von Laiendarstellern zu tun hatte, die überraschenderweise derart leichtfüßig und greifbar agieren konnte wie hier. Die Konstellationen ergeben sich im Dunst halbseidener Bars und in eindeutigem Ambiente wie von selbst, Lebenshunger und Unternehmungslust bringen die Protagonisten zusammen. Unter konträren Erwartungshaltungen kommt es schließlich sehr schnell zu Desillusionierung und Lethargie, Konsequenzen und dem freien Fall zurück in die unschöne Realität. Im Großen und Ganzen sieht man ein Konglomerat aus vielen Populär-Themen, also den sogenannten Kindern der damaligen Zeit.

     

    Die Geschichte greift das Thema Alltag auf. Einen solchen, der vielleicht für viele die temporäre Realität darstellt, aber vor allem einen solchen, den sich möglicherweise viele als Realität wünschten, zumindest auf die verlockenden Fragmente des ausschweifenden Lebens bezogen. Die Protagonisten Moustafa und Monica finden sich, wie es andere auch tun, bilden mit der aufreizenden Bergitte eine herkömmliche Dreieckskonstellation, die ihre Erfüllung beim Thema Tragik findet. Unterschiedliche Voraussetzungen, Einstellungen und Erwartungen machen ein seit Ewigkeiten kolportiertes Thema zunichte, denn hier zeigt sich erneut, dass nicht immer nur zwei dazu gehören. In jedem isolierten Fall lassen sich daher auffällig einfach skizzierte Strategien herausfiltern, die diese Geschichte im Endeffekt so glaubhaft erscheinen lassen. Da wäre der gemeine Jäger, der seine Beute zielstrebig ausfindig macht und ungeniert mit ihr spielt, bis sie sich freiwillig ergibt, oder sich nicht mehr rühren kann. Ihr Widerstand wird schnell gebrochen und verwandelt sich in eine Art Leichtfertigkeit, die nur einen Plan verfolgt, nämlich den Eroberer an sich zu binden. Eine klassische Rechnung ohne den Wirt, denn leider stolzieren noch unzählige andere Objekte der natürlichen Begierde umher, die sowohl jagen, als sich auch ergeben. Die Szenerie ist aufgeladen mit erotischen Beilagen, kulturellen Reibungsflächen und klassischen bis ungewöhnlichen Rollenverteilungen innerhalb der Gesetze des Melodrams. Der Zuschauer fühlt naturgemäß mit dem unschuldigen Opfer eines doppelten Spiels mit, kann sich allerdings nicht der heimlichen Bewunderung für die Gegenseiten verwehren. Also geht die einfache Strategie der unkonventionell agierenden Regie vollends auf und es handelt sich um einen gelungenen Coup für die hier anvisierte Prominenz, die tatsächlich jeder einzelne Zuschauer bildet, da man sich in allen Belangen angenehm hofiert fühlt.

     

    Im Dickicht von Oberflächlichkeit und Leichtfertigkeit ist es vielleicht gerade gar nicht ein so reizvolles Thema, das sich resolut durch die Szenerie windet, denn die verzweifelte Suche nach Aufrichtigkeit, Sicherheit und vielleicht sogar Liebe konnte man schließlich dutzendfach in anderen Produktionen finden. So kommt es trotz des Auftauchens von moralischen Prinzipien, dramatischen Anwandlungen und echten gespielten Gefühlen nicht zum Umkippen der eigentlichen Strategie, hin und wieder zumindest strapazieren zu können. Es wäre zu viel gesagt, von einer ausgefeilten Theatralik- und Dramatik-Trickkiste zu sprechen, denn dafür kommen Oberflächlichkeit und Ehrlichkeit viel zu häufig sehr geschliffen in Einklang. Was insgesamt nun vielleicht eher unschlüssig klingen mag, soll jedoch die große Stärke und die besondere Qualität dieser Produktion auf all ihren Umwegen charakterisieren. Von Idee bis Stab sieht man mutige Tendenzen, die Geschichte wirkt insgesamt unaufdringlich und überrascht immer und immer wieder mit sehr stilvollen Bildstrecken. Als Zeitzeuge ist "Der Perser und die Schwedin" sicherlich ein Erfolg auf ganzer Linie, der von Dekadenz und falschen Untertönen nichts wissen will. Eher ist es der spontane Blick hinter die vielen Kulissen einer Weltstadt und hinter die Fassaden der Protagonisten, die stellvertretend für Jedermann stehen könnten, die nicht nur ihre Jugend und Unschuld, sondern auch ihre Hoffnung verloren haben. So stellen Monica und Moustafa lediglich eine immer wiederkehrende Parabel dar, die nicht nur der Film, sondern meistens das Leben selbst erzählt. Ob man nun von "Der Perser und die Schwedin", "Jeunesse perdue" oder in euphorisierter Eigenregie von "Le souffle de Londres" sprechen möchte, Regisseur Akramzadeh setzt seinem eigenen Werk diesbezüglich kaum Grenzen. Es entsteht keine Determination, da die nahezu improvisierte Leichtigkeit alles überlagert. Schließlich bleibt der unvoreingenommene Blick auf das gemeinsame Leben, das dem Vernehmen nach doch einfach nur schön sein sollte. Ein empfehlenswerter Beitrag, dessen schwarzweißer Nimbus in aufregenden Farben zu strahlen beginnt.

  • Autor: Prisma
  • Filmplakate

    Bitte Kommentar schreiben

    Sie kommentieren als Gast.