Die Nonne

Frankreich, 1966

  • Originaltitel: La religieuse
  • Alternativtitel:

    Suzanne Simonin, la Religieuse de Denis Diderot (FRA)

    Suzanne Simonin, la religiosa di Diderot (FRA)

    The Nun

  • Deutsche Erstaufführung: 29. September 1967
  • Regisseur: Jacques Rivette
  • Kamera: Alain Levent
  • Musik: Jean-Claude Eloy
  • Drehbuch: Jean Gruault, Jacques Rivette
  • Inhalt:

    1750. Wie viele andere junge Mädchen muss Suzanne Simonin (Anna Karina) gegen ihren Willen und auf Wunsch ihrer Familie in ein Kloster. Jedoch verspürt die junge Frau keinerlei Berufung und prangert wenig später die eklatanten Missstände in ihrem Orden an, findet dabei sogar eine Verbündete in der Oberschwester (Micheline Presle). Als diese jedoch stirbt, wird Suzanne von deren sadistischer Nachfolgerin namens Schwester Sainte-Christine (Francine Bergé) terrorisiert, die die anderen Schwestern für alle erdenklichen Boshaftigkeiten mobilisiert. Nach einem langen Leidensweg gelingt es der Abtrünnigen endlich in ein anderes Kloster versetzt zu werden, doch auch dort gibt es ein böses Erwachen, denn sie wird mit den sexuellen Ausschweifungen der dortigen Oberin, Madame de Chelles (Liselotte Pulver), konfrontiert...

  • Autor: Prisma
  • Review:

    »Geloben Sie Gott Armut, Keuschheit und Gehorsam?« Die Antwort der Titelfigur Suzanne Simonin fällt auch nach mehrmaligem eindringlichen Fragen mit »Nein!« denkbar knapp, aber ebenso eindeutig aus. Auch ihre leidenschaftlichen Worte, die der puren Verzweiflung entspringen, können das bevorstehende Schicksal nicht abwenden, denn Familie und Kirche haben empfindlich über ihr zukünftiges Leben entschieden und es ist, als habe man ein Todesurteil vollstreckt. Isolation, Abgeschiedenheit und Terror sollen die junge Frau schließlich zum Einlenken und dem Annehmen des kirchlichen Deckmantels zwingen, doch hinter den Kulissen wird ohne Scheu über die wahren Gründe debattiert, die nur allzu weltlicher, sprich finanzieller Natur sind. Das noch zuvor erklungene, glorreiche Glockenspiel des Vorspanns verhallt schnell und der Ernst der Lage spitzt sich unangenehm zu, sodass Jacques Rivettes hochklassiger Beitrag unmittelbar an Massivität zunehmen kann. In diesem Zusammenhang behält man natürlich auch die bevorstehenden 135 Minuten Spielzeit im Auge, die ebenso wuchtig für diesen Leidensweg einer jungen Frau wirken und es stellt sich die Frage, ob sich aufgrund der zu erwartenden, oder besser gesagt naturgemäßen Einförmigkeit der Geschichte nicht einige Längen einschleichen werden. Das Setting Kloster bietet eben jene Eindrücke an, die Schwestern in ihrem Gelübde abzulegen haben, doch "Die Nonne" bietet trotz der eingeschränkten Möglichkeiten eine überaus starke Geschichte und erstaunlich dichte Charakterzeichnungen an, sodass der Film eine Spannung zu transportieren weiß, die sich wie ein schleichendes Gift entfaltet. Dies bekommt natürlich vor allem die tragische Protagonistin zu spüren, deren Schicksal fortschreitend immer unerträglichere Formen annimmt, auch für diejenigen, die einfach nur aus der zweiten Reihe zuschauen müssen.



    Die Struktur des Films ist geprägt durch eine hohe Dichte von Dialogen. Dabei werden Vergangenheit, Gegenwart und auch Zukunft rabenschwarz gezeichnet, bis ein nahezu destruktiver Charakter Überhand gewinnt. Lichtblicke sind rar gesät und wenn sich solche zeigen, sind sie ausschließlich dazu gemacht, um wenig später in Stücke zu zerfallen. Ansonsten beschäftigt sich der Verlauf mit dem Aufzeigen des peinlich genauen Einhaltens von Klosterregeln und unsentimentaler Härte, die so konträr zu dem Gespenst der Nächstenliebe steht, dem zwar alle vordergründig die Treue halten, sich aber in perfider Manier in andere Richtungen orientieren. Ungehorsam wird bestraft, streng bestraft, und es zeigt sich eine perfekt choreografierte Tendenz, die Realität einfach wegzubeten. Für eine durch und durch hohe Glaubwürdigkeit sorgt Hauptdarstellerin Anna Karina, die vor, aber insbesondere nach Eintritt ins Kloster, ein schweres Kreuz zu tragen hat. Die fragile Ausstrahlung der Dänin will hierbei perfekt zu den Anforderungen passen und man sieht ein zutiefst trauriges und verzweifeltes Wesen, welches in grotesker Art und Weise eben von jenem Glauben gebrochen wird, der so tief in ihr verwurzelt ist. Ihre Überzeugungen werden schließlich von der unerbittlichen Maschinerie der Kirche unterwandert und in diesem Zusammenhang kommen überaus eindringliche, aber auch ergreifende Szenen zum Tragen, die authentisch und schockierend wirken. Anna Karinas Leistung offeriert global gesehen die Sinnhaftigkeit einer Idealbesetzung und prägt den ohnehin hervorragenden Film außergewöhnlich gut durch Temperament, Resignation, Verzweiflung und Demut. Die Abwärtsspirale in der sie sich befindet wirkt unaufhaltsam und sorgt für pures Unbehagen. »Du bist nicht wert zu leben!«, ist nur eine der Aussagen, die sie von ihren Schwestern zu hören bekommt, als ihr alle Rechte innerhalb der Klostermauern aberkannt werden, die eigentlich für Schutz sorgen sollten.



    Da sie sich dem allgemeinen Willen nicht beugen will, beziehungsweise es aus tiefstem Glauben nicht tun kann, kommt es zu Lügengeflechten, Verleumdungen, gewaltsamen Übergriffen und nacktem Terror. Da alle Beteiligten die Blanko-Absolution von oben zu haben glauben, rechtfertigt sich jedes noch so unmenschliche Verhalten. Zu guter Letzt wird schließlich der Teufel selbst bemüht, um das Verhalten der Abtrünnigen zu rechtfertigen, bis schließlich eine peinliche Untersuchung des Falls anberaumt wird und Schwester Suzanne Simonin in einem anderen Kloster untergebracht wird, da die weibliche Dominanz innerhalb der isolierten Klostermauern durch die über allem stehende, externe männliche Herrschaft gebrochen wird. Insgesamt gesehen kann es nicht weltlicher zugehen, als an jenen heiligen Orten und im Endeffekt spielt es keine Rolle, wo die Protagonistin landen wird, da sich überall Machtkämpfe und innere Gewissenskonflikte aufbäumen. Der unausweichliche Wechsel zu einen neuen Orden ist weniger der Tatsache geschuldet, dass man Schwester Suzanne schützen will, sondern die Obrigkeit muss mit aller Gewalt einen Skandal vermeiden. Ein progressiveres Kloster soll nun die beruhigende Wirkung haben, doch auch hier findet sich nichts als innere Gegenwehr. Ab diesem Zeitpunkt greift die bekannte Schweizer Schauspielerin Liselotte Pulver ins Geschehen und das Leben der Titelfigur ein und entgegen ihres bestehenden Images sieht man eine absolut losgelöste Leistung Pulvers, die vielleicht selten so überzeugend und vor allem provokant wahrzunehmen war, außerdem mit der Suche nach Körperkontakt irritiert, wo sie nur kann. Unter ihrer Leitung etabliert sich also der Eindruck, als ob man es weniger mit einem Kloster, als mit einem luxuriösen Freudenhaus zu tun hätte, in welchem das ausschweifende Leben der Madame de Chelles Überhand gewonnen hat. Eine ausgezeichnete Darbietung!



    Generell ist zu sagen, dass die schauspielerischen Leistungen in der Oberklasse anzusiedeln sind und bekannte Namen wie Micheline Presle, Francine Bergé, Christiane Lénier, Wolfgang Reichmann oder Francisco Rabal veredeln den Verlauf mit einer Reihe von Präzisionsauftritten in Form dichter Charakterzeichnungen. Obwohl der weltliche und regelrecht sexuell aufgeladene Wind im neuen Kloster weniger bedrohlich wirkt, als die unbekömmliche Radikalkur des vorigen Gefängnisalltags, wittert man angesichts böser Vorahnungen anders geartete Gefahren, die sich auch nach kurzer Zeit als Ruhe vor dem Sturm präsentieren werden. Das Schildern dieser hochwertig im Bilde festgehaltenen Kontrastprogramme erfährt jeweils eine prominente Durchleuchtung und lässt die nächste Etappe mit Spannung erwarten. Zwar erscheint es ungewiss, wie diese letztlich aussehen mag, doch es wird auch vollkommen klar, dass es für die Hauptfigur kein Spaziergang sein wird. Jacques Rivette bedient sich klassischer Stilmittel und spielt geschickt mit subtilen Andeutungen, die sich wiederkehrend in der eigenen Fantasie fortführen. Insbesondere die teilweise deftige Exposition im psychologischen Bereich sorgt für die anvisierte Unruhe und viele der Charaktere sind bei einem mentalen Drahtseilakt zu beobachten. Der Weg zum Ende ist schließlich genauso grausam, wie das Finale selbst und es wirkt unterm Strich fast schon erschreckend, dass diejenige Person, die die Berufung angeblich nicht gehört haben will, die einzige Heilige in der Arena der Selbstinszenierer, Gotteslästerer und Machthungrigen sein und büßen wird. "Die Nonne" ist insgesamt ein Film, der den geschichtlichen Kontext auffällig ernst nimmt und aufgrund der exzellenten Bearbeitung eine hohe Glaubwürdigkeit vermittelt, daher die uneingeschränkte Absolution des Zuschauers durchaus verdient. In in allen Belangen wirklich ganz hervorragender und - wenn man so will - seriöser Beitrag.

  • Autor: Prisma
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