No One Heard the Scream

Spanien, 1973

  • Originaltitel: Nadie oyó gritar
  • Regisseur: Eloy de la Iglesia
  • Kamera: Francisco Fraile
  • Musik: Fernando García Morcillo
  • Drehbuch: Eloy de la Iglesia, Antonio Fos, Gabriel Moreno Burgos
  • Inhalt:

    »Nadie oyó gritar« beginnt in London. Hier verbringt Elisa, eine attraktive Blondine um die 40, ein paar Tage mit ihrem Liebhaber. Sie ist eine Art Edel-Callgirl, die sich ihr Luxusleben mit Männerbekanntschaften finanziert. Óscar (Casas) unterstützt sie finanziell — er trägt ihr Apartment, bezahlt ihren Wagen, Flugticket, Garderobe und gibt ihr ein großzügiges Taschengeld —, dafür verbringt sie monatlich ein Wochenende mit ihm. Eines Tages überlegt es sich Elisa jedoch anders und sagt ihren Trip nach London ab, um in Madrid zu bleiben. Das schnieke Gebäude, in dem sie wohnt, ist an den Wochenenden verwaist, denn außer ihrer Wohnung und der ihrer Nachbarn besteht es praktisch ausschließlich aus Büros. Nur der alte, fast taube Portier (Goyo Lebrero) im Erdgeschoss ist an diesem Freitagabend noch da. Elisa hat gerade eine Dusche genommen und möchte sich entspannen, als sie im Korridor vor ihrer Wohnung merkwürdige Geräusche hört. Als sie ihre Wohnungstüre öffnet, überrascht sie ihren Nachbarn Miguel (Parra) dabei, wie dieser seine soeben ermordete Frau Nuria (Asquerino) im Aufzugsschacht entsorgen will. Die entsetzte Elisa flüchtet sich in ihre Wohnung und verriegelt die Tür, doch Miguel kappt ihre Telefonleitung und verschafft sich mit einem Revolver bewaffnet Zutritt über ihren Balkon. Anstatt die lästige Zeugin zu töten, zwingt er sie, ihm bei der Beseitigung der Leiche zu helfen. Gemeinsam zerren sie Nurias Leiche aus dem Schacht, wickeln sie in einen Duschvorhang ein, verstauen sie im Kofferraum von Elisas Wagen und fahren zu einem See außerhalb der Stadt, wo Elisa ein kleines Sommerhaus sowie ein Boot ihr Eigen nennt. Auf dem Weg zum Pantano de San Juan werden Miguel und Elisa von der Polizei angehalten: Es hat einen Unfall auf der Schnellstraße gebeten, und die Beamten bitten die beiden, das beim Unfall schwer verletzte Ehepaar ins nächstgelegene Krankenhaus zu fahren. Nurias Leiche bleibt zum Glück unentdeckt. Als die beiden schließlich und endlich am See ankommen und die Leiche versenken, wittert Elisa ihre Chance, Miguel loszuwerden… — An dieser Stelle wendet sich das Blatt, »Nadie oyó gritar« schlägt einen neuen Ton an und etabliert eine schräge, aber nicht unglaubwürdige Liebes- bzw. Abhängigkeitsgeschichte, die letzten Endes nicht glücklich enden kann. Wie für de la Iglesia üblich, taucht noch ein aparter Mann (Tony Isbert) auf, der für ambivalente sexuelle Spannungen sorgt, und am Ende dreht sich das Karussell noch einmal in eine ganz andere Richtung. Mehr sollte nicht verraten werden. 

  • Autor: André Schneider
  • Review:

    Eloy de la Iglesias elegantester Thriller erinnert an die besten Werke Alfred Hitchcocks. Die Geschichte folgt einer attraktiven Frau (Carmen Sevilla), die sich gezwungen sieht, ihrem Nachbarn (Vicente Parra) zu helfen, die Leiche seiner ermordeten Frau zu entsorgen. Der für die damalige Zeit äußerst mutige Streifen wurde von den Zensoren der Franco-Diktatur gnadenlos verstümmelt. Dennoch schaffte es »Nadie oyó gritar« (zu Deutsch: »Niemand hörte Schreien«), die wiederkehrenden Kernpunkte in de la Iglesias Schaffen kongenial zu vereinen: die Kritik am spanischen Klassensystem, Sozialismus, Voyeurismus sowie latente Homoerotik in der Bildsprache. Dabei mixte der innovative Filmemacher einmal mehr die Genres: »Nadie oyó gritar« ist Thriller, schwarze Komödie, politischer Film, Drama, Roadmovie, Charakterstudie und psychologischer Horrorfilm in einem. Es fließt ein wenig Blut, hier und da wird die Spannungskurve fast schon peinigend in die Höhe getrieben, alles in allem bleibt der Streifen angenehm dezent und im wahrsten Wortsinne schön anzusehen. Hitchcock hätte es nicht besser machen können.


    »Nadie oyó gritar« startete am 27. August 1973 in den spanischen Lichtspielhäusern und fuhr einen ganz passablen Gewinn ein. Eloy de la Iglesia war es gelungen, zwei seiner Lieblingsschauspieler für seinen romantischen Thriller zu gewinnen: Vicente Parra hatte schon in La semana del asesino eine Glanzleistung gegeben, und Carmen Sevilla war die Heldin in »El techo de cristal« (1971) gewesen. Für beide Stars war es die letzte Zusammenarbeit mit dem Meister. Parra starb 1997 im Alter von nur 66 Jahren in Madrid; erst posthum wurde sein langjähriger Kampf mit der eigenen Homosexualität bekannt. Carmen Sevilla erkrankte an Alzheimer; die heute 86jährige soll 2012 nicht einmal mehr ihr eigenes Haus wiedererkannt haben und vegetiert mittlerweile in einer Altersresidenz vor sich hin.


    »Nadie oyó gritar« ist bemerkenswert gut gealtert; besonders die Farbdramaturgie und der Schnitt (Antonio Ramírez de Loaysa) sind und bleiben faszinierend. Die DVD ist als Import aus Spanien erhältlich, allerdings ohne Untertitel, so dass man des Spanischen schon mächtig sein sollte, um dieses Meisterwerk uneingeschränkt genießen zu können.

  • Autor: André Schneider
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