Die Nacht der offenen Särge

Frankreich | Spanien, 1972

  • Originaltitel: Drácula contra Frankenstein
  • Alternativtitel:

    Dracula prisonnier de Frankenstein (FRA)

    Dracula contro Frankenstein (ITA)

    Dracula Against Frankenstein

    Dracula vs. Dr. Frankenstein

    Drácula contra el Dr. Frankenstein

    Screaming Dead

    Dracula, Prisoner of Frankenstein

  • Deutsche Erstaufführung: 07. März 1975
  • Regisseur: Jesús Franco
  • Kamera: José Climent
  • Musik: Bruno Nicolai, Daniel White
  • Drehbuch: Paul D'Ales, Jesús Franco
  • Inhalt:

    Dr. Rainer Frankenstein (Dennis Price) – in Begleitung seines Monsters (Fernando Bilbao) und Diener Morpho (Luis Barboo) - will die Welt mithilfe einer neuen Superrasse erobern. Dieses Mal versucht er dies durch die Gedankenkontrolle von Vampiren, beginnend mit dem erst kürzlich von Dr. Seward (Alberto Dalbés) gepfählten Grafen Dracula (Howard Vernon). Frankenstein erweckt den Grafen, indem er seine Fledermausgestalt in dem Blut einer Nachtclubsängerin badet, die sogleich sein nächstes Projekt wird. Schließlich versuchen sich die Vampire aus dem hypnotischen Bann des Doktors zu befreien, indem sie einen Werwolf zu Hilfe rufen. Enttäuscht über diesen Verrat will Frankenstein seine Geschöpfe nun vernichten.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    Der ab November 1971 entstandene (danach wird es in Bezug auf Nachdrehs unklar) „Die Nacht der offenen Särge“ ist ein Film, der einen komplett improvisierten Eindruck macht. Ausgehend von der Grundidee, die bekannten Universal-Monster Frankenstein/Frankensteins Monster, Graf Dracula und den Werwolf zusammen zu führen, bekommt der Zuschauer es mit wenig bis komplett unlogischer Handlung, wortkargen Szenarien und Stehgreif-Kameraführung zu tun. Im spanischen Original könnte man fast schon von einem Stummfilm sprechen, die deutsche und die englischsprachige Fassung fügen noch ein paar wenige Dialogzeilen und Monologe hinzu.

     

    Das bedeutet aber nicht, dass der Film keinen Spaß macht, ganz im Gegenteil – falls man Franco-Fan ist. Zum Einen bekommt man zahlreiche bekannte Locations aus der frühen Siebziger-Phase Francos zu sehen, Gebäude und Landschaften, die man beispielsweise auch in dem unmittelbar zuvor entstandenen „Eine Jungfrau in den Krallen von Zombies“, dem anschließenden „Eine Jungfrau in den Krallen von Vampiren“ oder dem Follow-up „Eine Jungfrau in den Krallen von Frankenstein“ zu sehen bekommt. Franco-typisch sind auch die Sub-Themen des  Films, z. B. das Element der Gedankenkontrolle oder der Anschein, man habe es mit verschiedenen Realitäten zu tun. Einerseits scheinen wir uns in einem osteuropäischen Bergdorf zu befinden, und Dr. Seward und Dracula machen den Eindruck, einer vergangenen Epoche zu entstammen. In anderen Szenen wiederum wird jedoch die Gegenwart deutlich, etwa beim Szenario mit der Nachtclub-Sängerin (die eine alte Daniel White-Nummer zum Besten bringt) oder wenn Dr. Frankenstein in seiner Limousine die Gegend unsicher macht.

     

    Die Darsteller des Films agieren von der Regie alleingelassen, und dementsprechend macht irgendwie jeder was er will. Alberto Dalbés gibt wie gesagt seinen Dr. Seward wie aus dem 19. Jahrhundert, auch eine Patientin – anscheinend ein früheres Dracula-Opfer – taucht auf, eine Szene, die an den Dr. Seward und Agra aus „Vampyros Lesbos“ erinnert. Dennis Price als Dr. Frankenstein wirkt dagegen sehr tapsig und muss sich ständig an irgendwelchen Türrahmen festhalten – war der Mann während des gesamten Drehs betrunken? Howard Vernon spielt den Grafen Dracula mit ununterbrochen weit aufgerissenen Augen und ständig geöffnetem Mund mit Vampirfängen, ein äußerst bizarrer Anblick. Hier sei besonders eine Szene erwähnt, in der Dracula von Dr. Frankenstein auf den Rücksitz seines Autos verfrachtet und mit Cape und Zylinder ausgestattet wie ein erstarrter Zombie wirkt, der mit weit geöffnetem Rachen auf Fliegenjagd ist. Frankensteins Monster Fernando Bilbao hat eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit Peter Boyle in Mel Brooks „Frankenstein jr.“, und der Werwolf sah für mich irgendwie eher wie ein unrasierter Obdachloser aus, was zudem sein kurioses Schauspielerpseudonym „Brandy“ erklären würde. Luis Barboo wirkt als grimassierender Morpho unfreiwillig komisch und eine Szene, in der er eines von Dr. Frankensteins Opfern in einen Ofen schiebt, haben wir so ähnlich in „Comtesse Perverse“ gesehen.

     

    In die deutschen Kinos kam „Die Nacht der offenen Särge“ erst 1975, mit einigen Änderungen bei der Vertonung. Wie bereits erwähnt, ein paar (wenige) Dialogsätze mehr, Monologe, die man auch in der englischsprachigen Version findet, aus Graf Dracula wurde Graf Sartana, aus Dr. Frankenstein wurde Dr. Exorcio, und die Zigeunerin bekommt einen Namen, Amira. Letztere wird gespielt von Geneviève Robert, welche kurze Zeit später in Francos „Quartier des Femmes“ (Lovers of Devil’s Island) die Hauptrolle bekam. Seit 1976 ist sie mit Ivan Reitman (Ghostbusters) verheiratet. Als Filmmusik für „Die Nacht der offenen Särge“ mussten bereits bekannte Bruno Nicolai-Tracks aus „Nachts, wenn Dracula erwacht“ und „Marquis de Sade: Justine“ herhalten.

     

    Am Ende bleiben – wie schon viele Rezensenten vor mir bemerkten – unzählige offene Fragen. Eine der offensichtlichsten: was ist mit Britt Nichols, die eine Vampirin spielt, die im Sarg gleich schräg hinter Dracula liegt und deren Existenz irgendwie niemand zur Kenntnis nimmt? Befindet die sich auch in einer alternativen Realität? Seltsam. Und wieso dankt Dr. Seward am Ende dem lieben Herrgott für seine Hilfe bei der gemeinsamen Vernichtung des Bösen, denn beide haben im Finale absolut nichts dazu beigetragen. Die wichtigste Frage bleibt natürlich, ist „Die Nacht der offenen Särge“ ein guter Film, den man uneingeschränkt Freunden und Bekannten weiterempfehlen kann? Ähhh...klar kann man. Unter Umständen muss man sich anschließend aber neue Freunde suchen.

  • Autor: Gerald Kuklinski
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