Mitten in Deutschland: NSU - Die Täter

Deutschland, 2016

  • Alternativtitel:

    Die Täter - Heute ist nicht alle Tage

  • Regisseur: Christian Schwochow
  • Kamera: Frank Lamm
  • Drehbuch: Thomas Wendrich
  • Inhalt:

    Jena nach der Wende: Viele Jugendlichen verlassen die neuen Bundesländer um im Westen ihr Glück zu suchen. Andere bleiben und rutschen von der Schule direkt in die Arbeitslosigkeit. Sie fühlen sich vom Staat im Stich gelassen, leben in den Tag hinein und suchen nach Alternativen. Eine dieser Jugendlichen ist Beate Z., die gemeinsam mit ihrer Mutter in einer kleinen Mietwohnung lebt. Gemeinsam mit ihrer Freundin, Sandra, hängt Beate mit Punks und Linksradikalen ab und beteiligt sich an Aktionen gegen die Nazi-Skins aus ihrem Umfeld.

     

    Bei einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme im ortsansässigen Winzerclub lernt Beate jedoch einen der Skinheads, Uwe M, näher kennen. Es entwickelt sich eine Beziehung, die Beate in die rechte Szene führt. Dort findet sie Halt und Bestätigung, aber auch abgrundtiefen Hass. Als Uwe B. zu dem Paar stößt lautet ihr Motto: „Taten statt Worte“.

  • Autor: Frank Faltin
  • Review:

    RECHTER TERROR IN DEUTSCHLAND – DIE ZEIT VOR DEM NSU

     

    Gegenwärtig wird der deutsche Rechtsterror vornehmlich mit dem NSU verbunden, dafür sorgt z. B. die bekannteste Suchmaschine des Inet. Doch Rechtsterroristen sind seit Jahrzehnten im „Land der Dichter und Denker“ aktiv und deren bewaffneter Kampf reicht zurück bis in die 1970er Jahre. In diesem Jahrzehnt formierten sich neonazistische Gruppierungen, wie die „Deutschen Aktionsgruppen“, die „Aktionsfront Nationaler Sozialisten“ und die „Nationalsozialistische Kampfgruppe Großdeutschland“. Zudem wird von einigen „Experten“ die „Hepp-Kexel-Gruppe“ zum Kreis rechtsextremistischer Terrorgruppen gezählt. Diese Aussage ich schlichtweg falsch! Odfried Hepp und Walter Kexel hatten sich mit Gründung der Gruppe vom Hitlerismus losgesagt und zum antiimperialistischen Befreiungskampf aufgerufen. Man wollte durch gezielte Anschläge den Abzug der US-Truppen aus Deutschland provozieren. Zudem muss man entschieden gegen die Behauptung sprechen, dass die „Hepp-Kexel-Gruppe“ aus der „Wehrsportgruppe Hoffmann“ entstanden sei. Weder Odfried Hepp, Walter Kexel, Dieter Sporleder, Hans Peter Fraas, Helge Blasche oder Ulrich Tillmann waren jemals Mitglieder der (von Karl-Heinz Hoffmann gegründeten) WSG. Hepp und Fraas sind zwar mit Hoffmann im Libanon gewesen, aber das ist eine ganz andere Geschichte.

     

    Diese Klarstellung mindert natürlich nicht die Gefahr, die von der „Wehrsportgruppe Hoffmann“ ausging, denn obwohl die WSG im Januar 1980 vom damaligen Bundesinnenminister, dem FDP Politiker, Gerhart Baum, verboten wurde, entwickelte sich dieses Kalenderjahr zum blutigsten des deutschen Rechtsterrorismus. Weniger als drei Monate nach dem Oktoberfestattentat (am 26. September 1980) erschoss das ehemalige WSG-Mitglied, Uwe Behrendt, den Verleger Shlomo Lewin und dessen Lebensgefährtin, Frida Poeschke, mit der Begründung, dass Lewin die WSG Hoffmann immer wieder angeprangert hat, wie z. B. in der italienischen Zeitschrift „Oggi“. Uwe Behrendt floh anschließend zur „WSG-Ausland" in den Libanon, wo Hoffmann und seine Leute mit den Palästinensern zusammenarbeiteten. Dass Behrendt für den späteren Tod von Kai-Uwe Bergmann hauptverantwortlich ist, sollte kein Geheimnis sein. Wie Behrendt später selbst zu Tode kam, muss ich allerdings mit einem dicken Fragezeichen versehen, denn die Allzweckdiagnose Selbstmord spukt mir einfach zu oft durch die Geschichte des (unabhängig ob links- oder rechtsextremen Ideologien folgenden) deutschen Terrorismus.

     

    Finalisierend sei gesagt, dass (die in den 1980ern aktiven) CSU-Politikergrößen, Gerold Tandler und Franz Josef Strauß die Mitglieder der „WSG Hoffmann“ lange Zeit als „harmlose Spinner“ bezeichneten. Zudem sei man aufgrund der V-Leute über alle Schritte der „WSG“ informiert gewesen. Da die beschriebenen Taten nach dem Verbot der „Wehrsportgruppe Hoffmann“ begangen wurden, stellt sich natürlich die Frage ob der Verfassungsschutz die Lage (bis zum Verbot) nicht tatsächlich im Griff hatte?

     

    In tausenden von Jahren ist alles gleich geblieben.
    Nichts hat sich geändert, nur die Namen sind verschieden. (Slime)

     

    EIN TRIO FINDET SICH UND SEINEN WEG

     

    „In diesem Land tut sich nichts ohne Widerstand. Wir tun das Richtige und wir tun es jetzt!“ (Beate Z.)

     

    „Die Täter – Heute ist nicht alle Tage“ ist ein von Christian Schwochow inszenierter Fernsehfilm, der sich an den Ereignissen um Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt orientiert. Zugleich ist es der Auftakt zur „Mitten in Deutschland-Trilogie“, die im Frühjahr 2016 von der ARD erstausgestrahlt wurde. Gleich zu Beginn weist eine Texttafel darauf hin, dass der Film keinen Anspruch erhebt die Geschehnisse in jedem einzelnen Punkt authentisch wiederzugeben und fiktionale Elemente enthält. Aus diesem Grunde werde ich die Rollennamen als Beate Z., Uwe M und Uwe B. suggerieren, um eine gewisse Distanz zu den realen Personen aufzubauen, welche zugleich für einen besseren Überblick (Film und Realität) garantiert. Ergänzend sei angemerkt, dass sich die Darbietungen der drei Hauptprotagonisten mit den literarischen Beschreibungen überwiegend decken.

     

    Jenas Jugend wird nach der Wiedervereinigung mit dem Unbekannten der „Westlichen Welt“ konfrontiert. Scientology macht sich im Osten auf die Suche nach neuen Jüngern, und der „Koloss von Oggersheim“ spricht von blühenden Landschaften. Inmitten der „neuen Freiheit“ befinden sich die Freundinnen Beate Z. und Sandra. Der Unterschied zwischen den beiden jungen Frauen ist gravierend. Die eine, Sandra, glaubt an sich und an eine Zukunft, die andere, Beate, meint, dass eh alles keinen Sinn hat.

     

    Der Film beleuchtet die Phase nach der Wiedervereinigung bis hin zum ersten NSU-Mord. So werden wir z. B. mit dem gestörten Verhältnis zwischen Beate Z. und ihrer Mutter konfrontiert. Rainer Fromm und Udo Frank berichten in ihrem Buch „Die Zelle: Rechter Terror in Deutschland“, dass Beate Zschäpes Mutter, Annerose Zschäpe, wechselnde Männerbekanntschaften hatte. Sie heiratete Horst Petzold, überließ ihm Beate, studierte in Rumänien Zahnmedizin und betrog ihren Ehemann. Mit diesem Hintergrundwissen lässt sich der Hass, den Beate Z. gegenüber ihrer Mutter hegt, besser nachvollziehen, da uns der Regisseur diesbezüglich ein wenig „im Regen stehen lässt“.

     

    Das Familienleben von Uwe M. („Uwi ist wieder da.“) und Uwe B. wirkt hingegen überwiegend intakt. Uwe M. pflegt ein fürsorgliches Verhältnis zu seinem an den Rollstuhl „gefesselten“ Bruder, wird als wissbegierig und begeisterungsfähig dargestellt. Uwe B. verzichtet hingegen darauf seine Gehirnzellen einzusetzen und setzt meist auf ein kompromissloses und unkontrolliertes „Fressehauen“. Die beiden Männer sind in ihrer politischen Einstellung zwar konform, unterscheiden sich allerdings ganz deutlich in ihren Handlungen. Uwe B. handelt aus dem Bauch heraus und macht sich über die Konsequenzen keine Gedanken. Diese Verhaltensweise erinnert an eine (verallgemeinernde) Umschreibung von Michael Kühnen, der behauptete:

     

    „Die Skinheads, die sind verrückt und dumm. Sie denken nicht mit den Köpfen, sondern mit dem Bauch. Sie können zwar gute Soldaten sein, aber keine brauchbaren Menschen.“

     

    Folglich muss Uwe M. seinen Kameraden oft zur Räson bringen. Uwe M. will zwar eine Faust zeigen, jedoch ganz sauber. Die Taten sollen sichtbar sein, aber niemals die Täter. Und dieses Ziel wird von dem Gebaren des Uwe B. deutlich gefährdet. Uwe M. besitzt jedoch ein Verantwortungsbewusstsein gegenüber seinem Freund und will ihn auf den (Vorsicht: Doppeldeutigkeit) rechten Weg bringen.   

     

    Wen die umfangreiche Verbrechensliste des Uwe Bönhardt interessieren sollte, dem empfehle ich das hervorragende Buch „Heimatschutz: Der Staat und die Mordserie des NSU“. Dort berichten Stefan Aust und Dirk Laabs übrigens auch, dass sich Bönhardt sehr wohl im Knast zur Wehr setzen konnte. Das im Film kommunizierte Knasttrauma scheint demnach eher fiktiv.

     

    TAG X

     

    In einem Video, das die lautlosen Techniken des Tötens in Zeitlupe darstellt und im Dunstkreis von Michael Kühnen vertrieben wurde, besagt der Off-Kommentar:

     

    „Der Werwolf ist friedlich und ruhig. Aber reizt ihn nicht zu sehr. Unrecht und Unterdrückung wecken ihn auf. Und wenn er erwacht, ist er unsere Macht. Und die Straßen sind rot vom Blut der Reaktion.“

     

    Dieses Zitat umschreibt die Taktik des Uwe M. recht gut. Das Agieren aus dem Untergrund, den Staat dort treffen wo es wehtut. Uwe M. lebt die nationalsozialistische Ideologie und wenn es sein muss, dann würde er die Gashähne selbst wieder aufdrehen. Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg. Um diesen erfolgreich beschreiten zu können, benötigt Uwe M. die passende Anleitung, welche er in den „Turner-Tagebüchern“ findet. Der Aufbau einer Untergrundzelle zum Zwecke des führerlosen Widerstands. Der Tag X, der Tag an dem man bereit sein Leben muss sein zu opfern, rückt (für Uwe M.) unaufhaltsam näher. Dieses, oft erwähnte rechte Martyrium lässt sich (u. a. lt. einer Aussage des ehemaligen FAP-Vorsitzenden Friedhelm Busse) mit dem Tod des Rechtsterroristen Frank Schuberth begründen.

     

    WENN SCHAUSPIELER ÜBER SICH HINAUS WACHSEN

     

    Anna Maria Mühe spielt die Rolle der Beate Z. inbrünstig und beinahe fanatisch. Es sind immer wieder Gefühle des Neids und der Ausweglosigkeit zu spüren. Der gesellschaftliche Erfolg ihrer Jugendfreundin drängt Beate Z. (aufgrund ihres eigenen „Versagens“) immer tiefer in die Frustration. Ein Gefühl, dass sie mit Hass und Gewalt beseitigen will.

     

    Zwei weitere famose Schauspielerleistungen bieten Albrecht Schuch (Uwe M.) und Sebastian Urzendowsky (Uwe B.). Es ist teilweise beängstigend wie es den beiden gelingt die Besessenheit der Charaktere zu vermitteln, denn wenn Uwe B. einen Bierhumpen in das Fressbrett eines Gastwirtschaftsbesuchers schleudert, dann kann es schon beim Zuschauen gewaltig wehtun.

     

    Zudem wirken die nachgestellten Situationen, wie der Aufmarsch von Jenas rechter Jugend, der Party-Pogo, sowie ein Liederabend, der einen Auftritt von Frank Rennicke suggerieren soll, sehr realistisch. Die Kameraleute und Schnitttechniker haben eine verdammt gute Arbeit geleistet.  

     

    Fazit: Eine exzessive und explosive Sternstunde des deutschen Fernsehens. Ein Film, bei dem Hass und Wut jederzeit authentisch spürbar sind.

     

    PS: Die gelegentlich, im Zusammenhang mit dem NSU, genannte Bezeichnung „Braune Armee Fraktion“ wurde übrigens erstmals, 2003, vom deutschen Innenministerium propagiert. Zur Inspiration diente die um Martin Wiese agierende, rechte Zelle „Kameradschaft Süd“.

  • Autor: Frank Faltin
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