Die Marquise von Sade

Schweiz, 1976

  • Originaltitel: Die Marquise von Sade
  • Alternativtitel:

    Le portrait de Doriana Gray (FRA)

    Das Bildnis der Doriana Gray

    Dirty Dracula

    Doriana Grey

    Ejaculations

    Erotismo - Schloß der blutigen Begierde

    Marquise de Sade

  • Regisseur: Jesús Franco
  • Kamera: Peter Baumgartner, Jesús Franco
  • Musik: Walter Baumgartner
  • Drehbuch: Jesús Franco
  • Inhalt:

    Doriana Gray und deren siamesische Zwillingsschwester, die gleich nach der Geburt von ihr getrennt und in das Irrenhaus des Dr. Orloff gebracht wurde, verbindet eine sexualsymbiotische Beziehung. Doriana ist frigide und füllt ihre jugendlichen Lebensgeister mit den Säften ihrer zumeist weiblichen Liebhaber auf, die anschließend sterben. Ihre hypersexuelle und schwachsinnige Zwillingsschwester erlebt diese Momente mit und sehnt sich nach dem finalen Orgasmus durch die todbringende Leidenschaft Dorianas.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    Nachdem Erwin C. Dietrich bei einem Spaziergang in Rom und dem Anblick eines gewissen Filmposters herausgefunden hatte, dass Jess Franco neben „Frauengefängnis“ noch einen zweiten Film mit seinen Produktionsgeldern gedreht hatte, hätte die Zusammenarbeit zwischen Franco und Dietrich ein jähes Ende finden können. Doch man sprach sich aus, und der gewaltige finanzielle Erfolg von „Frauengefängnis“ sprach zudem für eine Fortsetzung der Produzent/Regisseur-Beziehung der Beiden. Zudem machte Franco eine Versöhnungsgeste, und die heißt „Die Marquise von Sade“ bzw. „Das Bildnis der Doriana Gray.“ Während der Dreharbeiten zu „Die Sklavinnen“ filmte Franco mit ein paar der gleichen Darsteller und weitgehend in eigener Handarbeit diesen wohl persönlichsten Beitrag für Dietrich und machte ihn dem Produzenten zum Geschenk.

     

    Man darf allerdings nicht vergessen, dass Erwin C. Dietrich ein Geschäftsmann ist, und er selbst gab auch zu, mit diesem Geschenk nicht sehr verantwortungsvoll umgegangen zu sein. Francos Film enthielt Hardcore-Szenen und wieder diese mit eigener Hand gefilmte Wackelkamera, und Dietrich sah wohl Probleme bei der Vermarktung. Er erstellte eine gekürzte Fassung, die nur deshalb noch auf eine Lauflänge von 72 Minuten kam, weil er die Hardcore-Szenen mit ein paar harmlosen Alternativ-Einstellungen von Lina Romay ersetzte, während im Hintergrund einfach der Ton der Pornoszenen weiterlief. Somit ist diese Softversion von der Lauflänge her nicht allzu viel kürzer als die Hardcore-Fassung, und in dieser Form brachte Dietrich den Film zunächst ins Kino. Dietrich erzählt im Bonusmaterial auf der DVD/Blu-ray, dass er erst im Interview mit Peter Blumenstock für das Buch „Obsession: The Films of Jess Franco“ (Lucas Balbo, Christian Kessler, Peter Blumenstock) von diesem darauf aufmerksam gemacht wurde, dass „Die Marquise von Sade“ ein echtes Schätzchen ist, da dieses Werk so sehr die Handschrift seines Machers trägt. Anschließend ließ Dietrich den Film wieder zu seiner Ursprungsform herstellen und versah ihn zudem mit neu aufgenommenen englischen und französischen Tonspuren für die DVD-Veröffentlichung. Lt. Dietrich wurde „Die Marquise von Sade“ so erstmalig – unter dem Titel „Doriana Gray“ – der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ob das so korrekt ist, da bin ich mir nicht sicher, denn meiner Ansicht nach sind die VHS-Tapes von VFL oder X-Rated älter. Egal. Ähnlich wie bei „Wilde Lust bzw. Mädchen im Nachtverkehr“ muss man die alten Kinofassungen jedenfalls als zensierte Fassungen bezeichnen.

     

    Die Story, die „Die Marquise von Sade“ erzählt, ist weder neu noch sonderlich schlüssig. In gewisser Weise ist sie eine Neuauflage von Francos „La Comtesse Noire“ und verrückte Schwestern gibt es bei Franco hier weder zum ersten noch zum letzten Mal. Darauf kommt es aber gar nicht an, denn „Doriana Gray“ ist einfach schön gefilmt, mit vielen Großaufnahmen (hust) seiner Hauptdarstellerin Lina Romay, die hier eine Doppelrolle spielt. Apropos Großaufnahme, Martine Stedil ist hier in ihrer ersten und einzigen Hardcore-Szene zu sehen – zusammen mit Ramon Ardíd alias Raymond Hardy – und doch hat Franco anscheinend zwei Darstellerinnen bei dieser Szene verwendet. Beim Lippenspiel mit Hardys Penis, das ist sie, bei der zunächst etwas von weiter weg und anschließend herangezoomten Penetrationsszene, das ist sie ebenfalls. Die Totale von dem eindringenden Penis, während man zusätzlich ein sehr haariges und feuchtes Rektum sieht, das ist sie nicht. Nicht ihre Haar- und Hautfarbe, achtet mal drauf. Entweder ist das Lina Romay oder die Dame, die die Krankenschwester der verrückten Doriana-Doppelgängerin spielt. Ich tippe auf Letztere, denn Linas Schambehaarung ist in diesem Film ziemlich gestutzt. Ja, der Teufel steckt im Detail. Nicht gebraucht hätte ich dagegen die Szene mit Peggy Markoff, denn besonders hier sind die deutschen Dialoge mal wieder schrecklich.

     

    In einer kurzen Rolle als Dr. Orloff ist Ronald Weiss zu sehen, und verdammt, der Mann kann sprechen! In einem Interview – ich glaube auf der „Frauengefängnis 3“-DVD (Des diamants pour L‘enfer, 1975) – hat Franco erzählt, was für ein toller Schauspieler das sei, aber dann frage ich mich, warum ihm Franco so gut wie nie Dialog gab. Insgesamt ist „Die Marquise von Sade“ ein stimmungsvoller Erotikfilm mit ebenso schönen wie spontanen Bildern, bei dem das Fehlen einer schlüssigen Story wohl nur Franco-Hasser stören wird.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Veröffentlichungen:

    Die Blu-ray aus Ascot-Elites „Jess Franco Golden Goya Collection“ enthält beide Fassungen des Films in hervorragender Bild- und Tonqualität. Im Bonusmaterial finden sich Ausschnitte von Interviews mit Erwin C. Dietrich, Jesús Franco und Lina Romay zu diesem Film. Dabei handelt es sich um Ausschnitte eines längeren Features, dass bereits auf der DVD von VIP zu finden war. Daneben eine Bildergalerie und Franco/Dietrich-Trailer. Nicht viel, aber dafür – wie eigentlich alle Titel der Reihe – sehr preiswert.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Links

    OFDb
    IMDb

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