Jungfrau unter Kannibalen

Frankreich | Deutschland | Spanien, 1980

  • Originaltitel: El caníbal
  • Alternativtitel:

    Manhunter - O Seqüestro (BRA)

    Sexo Caníbal (ESP)

    Chasseur de l'enfer (FRA)

    Il cacciatore di uomini (ITA)

    O Raptor (POR)

    The Devil Hunter

    The Man Hunter

  • Deutsche Erstaufführung: 05. Dezember 1980
  • Regisseur: Jesús Franco
  • Kamera: Juan Soler
  • Musik: Jesús Franco
  • Drehbuch: Julián Esteban, Jesús Franco
  • Inhalt:

    Das junge Starlet Laura (Ursula Buchfellner) wird aus ihrem Hotel entführt, und die Täter erpressen Lauras Produzenten. Der hängt jedoch sehr an seinem Geld und engagiert Vietnam-Veteran Peter Weston (Al Cliver), um möglichst Geld und Starlet zu retten. Zusammen mit seinem Kameraden Jack (Antonio Mayans) begibt sich Peter auf die Insel, wo die Entführer Laura festhalten. Doch auf der Insel treibt ein kannibalistischer Zombie sein Unwesen, der von den dortigen Eingeborenen als Gott verehrt und gefürchtet wird.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    „I wasn’t really expecting any of this!“
    (Antonio Mayans als Jack in “Jungfrau unter Kannibalen”)

     

    Ich bin ein großer Jess Franco-Fan, und als solcher gehört es eben auch mal zu meinen traurigen Pflichten einen der Filme (neben dem viel schlimmeren „Der Sex Playboy“, 1975) kritisch zu betrachten, die einfach nur furchtbar sind.

     

    Tief in den Dschungeln von Spanien lebt ein Eingeborenen-Stamm, den man wirklich als fortschrittlich multikulturell bezeichnen kann, denn er besteht aus hellhäutigen Spaniern, Roma, Dunkelhäutigen von Woher-auch-Immer, und angeführt wird der ganze Laden von einem der Pluspunkte des Films, der schönen Aline Mess. Die spricht zwar nicht, das muss aber kein Nachteil sein, jedenfalls nicht bei diesem Film. Die Dialoge sind nämlich grauenhaft, ganz gleich, welche Sprachfassung man schaut. „Jungfrau unter Kannibalen“ beruht auf einer Idee des spanischen Produzenten Julián Esteban, und mehr als eine Idee scheint auch nicht vorgelegen zu haben. Niemand kann vorsätzlich solche Dialoge schreiben, das wirkt alles komplett improvisiert. Am wenigsten fallen in dieser Hinsicht noch Ursula Buchfellner und Gisela Hahn negativ auf, und das will schon einiges heißen.

     

    Die Handlung, ich haue jetzt nur mal ein Beispiel raus: die Entführer dringen mit Strumpfmasken überm Gesicht (obwohl sie keinerlei Absicht haben, im späteren Verlauf ihre Gesichter zu maskieren) in Uschis Hotelzimmer ein. Die sitzt in der Wanne und wird von Werner Pochath mit einer Dosis Haarspray oder etwas ähnlichem betäubt. Ich weiß es nicht, ich war zu diesem Zeitpunkt längst fassungslos. Ein weiteres, sehr bekanntes Beispiel ist Antonio Mayans Vietnam-Referenz, die kaum schlechter gespielt sein konnte, völlig unwichtig für den Film ist und mal ehrlich, wenn der Mann ein Dschungel-Trauma hat, warum sollte er dann Hubschrauber-Pilot in einer (im Film nicht näher benannten) Dschungel-Gegend werden? Dann die Geschichte mit Mayans Bauchschuss im Helikopter, damit geht er später schwimmen, hat Sex mit dem Mädchen auf dem Boot (Muriel Montossé), tatsächlich trägt er auf dem Boot eine Badehose, und von Schussverletzung nichts zu sehen. Überhaupt sind die meisten Special Effects des Films lachhaft. Und wer soll eigentlich die Jungfrau im Film sein, ich tippe auf Melo Costa, der eine ausgesprochen schlechte Performance als „Pablito“ abgibt und bei Spaziergängen im Dschungel sein Maschinengewehr meist auf den Arsch seines Vordermannes gerichtet hält.

     

    Drei Produzenten hat Franco für diesen Quatsch gefunden, zum einen Julián Esteban, der – wie gesagt – Ideen-Geber dieses Filmchens war und für den Franco kurz zuvor „Lolita am Scheideweg“ (Eugenie - Historia de una perversión, 1980) gedreht hatte. Über letzteren ist er wohl auch an die deutschen Co-Produzenten von Lisa Films und Karl Spiehs geraten. Produzent No 3 ist natürlich Eurociné. Bei den Credits muss man vorsichtig sein, zum Beispiel wird hier Pierre Chevalier als Set Decorator und Art Designer benannt, aber abgesehen von dem kleinen Eingeborenen-Dörfchen gibt es eigentlich kein Set, aber vielleicht hat er ja den Totempfahl bemalt. Ebenso bei der Regie-Assistenz, wo neben Rosa Maria Almirall (Lina Romay) ein gewisser „Karl Schenkel“ auftaucht. Und plötzlich ist – nach sieben Jahren – Francos Ex Nicole Guettard wieder beim Filmschnitt dabei. Wer weiß. Juan Soler und Franco selbst haben bei ihrer Kamerarbeit jedenfalls sehr viel Zeit hinter oder in irgendwelchem Buschwerk verbracht.

     

    Habe ich schon Al Cliver erwähnt? Ja, der ist dabei. Und hier gibt mir Stephen Thrower ein kleines Rätsel auf, der „Jungfrau unter Kannibalen“ zeitlich vor „Mondo Cannibale Teil 3: Die blonde Göttin der Kannibalen“ ansiedelt. Meiner Ansicht nach hat Franco mal gesagt, Cliver wäre ihm bei Letzterem von den italienischen Co-Produzenten geschickt worden und er habe dort erstmals mit ihm zusammen gearbeitet. Und die beiden Filme machen trotz der ähnlichen Thematik eher nicht den Eindruck als wären sie Back-To-Back entstanden. Muss ich mir noch mal anschauen. Abgesehen davon, hätten die Italiener „Jungfrau unter Kannibalen“ gesehen, keinen Cent hätten sie Franco gegeben, um noch mal sowas zu drehen! Was schade gewesen wäre, denn Mondo Cannibale 3 ist schon etwas besser.

     

    An einem Punkt funktioniert jedoch die innere Logik des Films: warum sollte ein zombifizierter Kannibale sich die Mühe machen, eine Hose oder einen Lendenschurz zu tragen? Trotzdem, beim Schlusskampf zwischen Al Cliver und Kannibale Bertrand Altmann hätte ich mir deutlich weniger Schwanz gewünscht. Doch nichtsdestotrotz ist „Jungfrau unter Kannibalen“ bei allem Gezoome (und scheußlicher „Musik“) ganz ansehnlich fotografiert, auf seltsam-trashige Art unterhaltsam, nur ist es einer dieser Filme, wo man sich fast schon die alte, um 20 Minuten gekürzte Fassung zurückwünscht. Das Ding ist zu lang. Ich würde ihn mir aber jederzeit wieder anschauen, nur um Aline Mess tanzen zu sehen, und der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien scheint es da ganz genauso zu gehen.

  • Autor: Gerald Kuklinski
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