Jedem seine Hölle

Frankreich | Deutschland, 1977

  • Originaltitel: À chacun son enfer
  • Alternativtitel:

    Cada uno con su infierno (ESP)

    Autopsia di un mostro (ITA)

    To Each His Hell

    Autopsie eines Monsters

  • Deutsche Erstaufführung: 14. März 1980 (DDR)
  • Regisseur: André Cayatte
  • Kamera: Maurice Fellous, Ennio Guarnieri
  • Musik: Vladimir Cosma
  • Drehbuch: André Cayatte, Jean Curtelin
  • Inhalt:

    Die neunjährige Tochter von Madeleine und Bernard Girard (Annie Girardot und Bernard Fresson) fällt einem Entführer in die Hände. Die verzweifelte Mutter appelliert per Fernsehansprache an die Öffentlichkeit und wendet sich außerdem an die Polizei. Wenig später gehen eine hohe Lösegeldforderung und Instruktionen ein, die detailliert beschreiben, wie die Girards ihre Tochter wieder zurück bekommen. Obwohl alle Forderungen eingehalten wurden, findet Madame Girard am Übergabeort nur noch ihr totes Kind, eingeschnürt in einen Plastiksack. Das Mädchen wurde erdrosselt. Wut und Verzweiflung lassen die Familie Girard nach einigen Tagen selbst aktiv werden und sie versuchen, dem Mörder auf die Spur zu kommen. Da das Mädchen keinerlei Verletzungen aufweist und niemand ihr Verschwinden bemerkt hat, entsteht der Verdacht, dass die Neunjährige möglicherweise mit einem Bekannten mitgegangen ist. Wer ist der Täter..?

  • Autor: Prisma
  • Review:

    André Cayattes Drama punktet von der ersten Minute an mit einem rasanten Tempo, welches Hauptdarstellerin Annie Girardot höchstpersönlich vorlegt. Ihre halsbrecherische Geschwindigkeit bildet sogleich den Zeitraum des Vorspanns, man sieht sie in ihrem Wagen, der auf Kollisionskurs mit anderen Autos geht, rote Ampeln werden überfahren und andere Fahrzeuge einfach aus dem Weg gehupt, bist sie in der Redaktion eines TV-Senders ankommt, wo sie ihre Geschichte vor der Öffentlichkeit schildern möchte. Für Sensationen und publikumswirksame Storys, wird schließlich das laufende Programm geändert, denn es soll sich ja für jeden Beteiligten lohnen. Vor der Kamera wird das geboten, worauf man vermutlich spekuliert hat. Eine verzweifelte Frau fleht einem Unbekannten um einen Deal an, damit sie ihre kleine Tochter wieder unbeschadet in die Arme schließen kann. Gleich auffallend ist die besondere Anspannung und innere Schieflage der französischen Schauspielerin Annie Girardot, von der man sich bereits im Vorfeld eine besondere Leistung verspricht. »Warum tut man uns das an?« Eine rhetorische Frage, die ein Vater in Richtung seiner ebenso verzweifelten Frau richtet, auf die es aber keine plausiblen Antworten gibt. Außerdem blickt er mit einer etwaigen horrenden Lösegeldforderung schon einmal auf auf den existenziellen Ruin Der Zuschauer prognostiziert einige Schritte weiter und sieht insgeheim das Ende einer Familie voraus, die bis gestern noch ganz normal leben konnte. Die Medien und die scharfen Urteile der breiten Öffentlichkeit dominieren den weiteren Verlauf, sowie der Blick auf eine Familie, die sich noch keinen Zusammenbruch erlauben kann. Richter, und am liebsten auch selbsternannte Henker, finden sich in der Masse, eine verwirrte Frau behauptet beispielsweise, dass sie die Entführerin sei und dass es sich um ihr eigenes Kind handle. Die vielen ungeordneten Informationen und Hinweise machen auch den Zuschauer mürbe, weil eine hysterische Stimmung in der Luft liegt.

     

    Bevor es zu irgend welchen Hintergrundinformationen bezüglich der Tat kommt, oder ob es denn überhaupt eine solche gewesen ist, werden die Charaktere vorgestellt, beziehungsweise sie tun dies recht eindrucksvoll selbst. Kurze Rückblenden zeigen die Zeiten, in denen noch alles in Ordnung war, in denen man eine klassische, nicht aufgesetzte Familienidylle wahrnehmen kann, doch plötzlich ist alles anders. »Auf was wartet er nur?«, hört man Madame Girard in einer wütenden Hilflosigkeit fragen, doch das Phantom lässt nach wie vor auf sich warten. In solchen Situationen ist tatsächlich das Warten das Schlimmste, denn die Gedanken fangen an zu rotieren und treiben die unerträglichsten Blüten. Die pessimistische Note dieses Verlaufs findet die Krönung schließlich mit einer hohen Lösegeldforderung, beziehungsweise mit weiteren Instruktionen, was trotz der herbeigesehnten Gewissheit zu allgemeiner Erleichterung führt, schließlich klammert man sich an den Gedanken, dass das Kind noch lebt. André Cayattes Inszenierung präsentiert sich ganz im Stil großer französischer Beiträge, denen wie hier ein klarer und beinahe akribischer Aufbau zugrunde liegt. "Jedem seine Hölle" nimmt sich trotz anfänglichen Tempos die Zeit, sich ordentlich entfalten zu können und manchmal sogar ausladende Tendenzen anzunehmen. Reißerische Elemente finden kaum Verwendung und die Lösegeldübergabe, die im Film bereits zu einem recht frühen Zeitpunkt illustriert wird, gipfelt in einer inszenatorischen Meisterleistung, die aus Gründen der plastischen Betrachtung mehr erschüttert und nachhallt, als zu vermuten gewesen wäre. Was ab sofort geschieht, nimmt überaus irritierende und verstörende Züge an, vor allem da die Emotionen einer Mutter für den Zuschauer seziert werden. Die verletzende Sachlichkeit eines Kommisar Bolar, alias Hardy Krüger, und die altbekannten Hyänen der Presse, die sich auf das stürzen, was man im Volksmund als buchstäbliche Überreste beschreibt, tun das Übrige dazu.

     

    Ein Vater will Vergeltung und stellt sehr nachvollziehbare Überlegungen an, die perfide Möglichkeiten offenbaren. Als schließlich noch das Geld gefunden wird, das vergraben und nicht angerührt wurde, tun sich potentielle Abgründe auf, die plötzlich jeden in der Nachbarschaft und im familiären Umfeld als potentielle Täter ans Tageslicht fördern. Dieser ohnehin ausgezeichnet konstruierte Film bekommt einen Brillantschliff durch seine Darsteller, deren Anpassungsfähigkeit und Authentizität die Geschichte bemerkenswert prägen. Annie Girardot begeistert als verzweifelte Mutter, die am Ende keine zusätzlichen Emotionen oder Tränen mehr übrig hat. Sie wird mit Situationen, Worten und Taten konfrontiert, die selbst für den daneben stehenden Zuschauer manchmal kaum auszuhalten sind. In diesem Zusammenhang ist die hervorragende Dialogarbeit zu nennen, die immer wieder und ganz plötzlich sehr verletzende Formen annehmen wird. Die Leistung von Bernard Fresson als Monsieur Girard ist ebenfalls als hervorragend zu bezeichnen. Er fällt mit wesentlich heftigeren Emotionen auf, die der puren Ohnmacht entstammen. Der Impuls zur Vergeltung dominiert ab sofort seine Gedanken und man bekommt eine sehr temperamentvolle Darbietung geboten. Konträr dazu sieht man Michel, den Sohn des Hauses. Stéphane Hillel stattet diese Figur mit einer eigenartig lethargischen Note, aber bestechender Kontrolle aus und überzeugt mit introvertierten und ruhigen Gebärden. Schließlich bereichert ein wie üblich großartiger Hardy Krüger diese traurige Geschichte nach Art des Hauses. Seine Kommissar-Figur wird von ihm vollkommen sachlich und pragmatisch gezeichnet, sodass er unangenehm durch sein mangelndes, beziehungsweise nicht vorhandenes Fingerspitzengefühl auffällt. In Augenblicken der aussichtslosen Ratlosigkeit zwingt er die trauernde Mutter in eine Schraubzwinge namens Verhör und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund..

     

    Es wirkt nahezu erschreckend, wenn er Madame Girard von der bevorstehenden Obduktion der Leiche berichtet und dabei überhaupt keine Rücksicht auf ihre Befindlichkeiten nimmt. Sie argumentiert mit den Gedanken einer Mutter, wirft ihm im ersten Impuls vor, dass ihr Kind ihr gehöre und sie keiner derartigen Untersuchung zustimmen will. Unbeeindruckt kontert Hardy Krüger lediglich damit, dass das Mädchen nun Eigentum des Gerichts sei. Als er seinem fertigen Gegenüber schließlich erklärt, dass es für ihn nur drei Kategorien von Menschen gäbe, nämlich Verdächtige, Zeugen und Opfer, nimmt das Gespräch groteske Züge an. Da sie ihm die Kooperation verweigert, sei Madame Girard für ihn naturgemäß verdächtig und jeder, ob Befragte oder Zuschauer, bleibt vollkommen fassungslos zurück. Eine großartige Leistung des Deutschen, den man gerne häufiger in solchen Rollen gesehen hätte, die sich seiner speziellen Ausstrahlung in Form von Emotionsstarre bedient hätten. "Jedem seine Hölle" reißt schließlich gesellschaftskritische Ansätze an. Politische Debatten werden losgetreten, die den aufdringlichen Schaulustigen und Demonstranten von der Straße Gehör verschaffen wollen, nämlich der Wiedereinführung der Todesstrafe. Eine Radiomeldung verkündet, dass das Innenministerium im Fall Girard eine besonders feierliche Handhabung beschlossen habe und ruft Bevölkerung zur kollektiven Trauer auf. Unbeteiligte werden zu Ratgebern und es bäumt sich falsches Mitgefühl auf. Hinzu kommt, dass es erneut zu einer filminternen Abrechnung mit den Gepflogenheiten und skrupellosen Vorgehensweisen der Presse kommt. Die Sensationsgier wird von André Cayatte als gefräßiges Ungeheuer entlarvt und der Zuschauer darf sich auf einen Verlauf gefasst machen, der mitnimmt, bewegt und aufwühlt. Das Finale ist ein unglaublicher Schocker der intelligenten Sorte und schlussendlich hat man es mit einem der ganz großen französischen Beiträge par excellence zu tun. Überragend!

  • Autor: Prisma
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