Duell ohne Gnade

Hong Kong, 1971

  • Originaltitel: Da Jue Dou
  • Alternativtitel:

    Ti Lung - Duell ohne Gnade (GER)

    Duel of the Iron Fists (USA)

    Revenge of the Dragons (USA)

  • Regisseur: Chang Cheh
  • Kamera: Kung Mu-To
  • Musik: Frankie Chan
  • Drehbuch: Chiu Kang-Chien
  • Inhalt:

    China in den 1920er Jahren. Bei der blutigen Auseinandersetzung zwischen zwei verfeindeten Familien kommt u.a. das Triadenoberhaupt Shen Tian Hung ums Leben. Sein jüngster Sohn, Tang Jen Chieh, ist bereit das Massaker „auf seine Kappe zu nehmen“. Er geht ins Exil, und will erst zurückkommen wenn die Sache vergessen ist. Sein Bruder Tang Jen Lin sagt ihm finanzielle Unterstützung zu, von der Tang Jen Chieh jedoch nicht einen Fen sieht. Stattdessen wird auf ihn ein Mordanschlag verübt. Jen Chieh kehrt in seine Heimatstadt zurück und stellt fest, dass er das Opfer einer Verschwörung ist…   

  • Autor: Frank Faltin
  • Review:

    Hongkong 1971: Raymond Chow hatte den Shaw Brothers den Rücken zugekehrt. Er wollte fortan „sein eigenes Ding durchziehen“ und gründete die „Golden Harvest Productions“. Um gegen die übermächtigen Shaws zu bestehen, musste Chow mit einem Glanzstück auf sich aufmerksam machen. Mit der Verpflichtung von Shaw-Regie-Routinier Lo Wei, legte Chow den Grundsein für ein Ereignis, das Hongkongs Filmwelt revolutionieren sollte. Was noch fehlte war ein Star der die Massen begeistern konnte. Ein unverbrauchter Typ der die Kinokassen klingen lässt. Diesen fand er, den 23jährigen Bruce Lee Siu-Lung.

     

    Raymond Chow konnte allerdings nicht einmal ansatzweise erahnen, welch Coup ihm damit geglückt war. Der im gleichen Jahr folgende Film „Die Todesfaust des Cheng Li“ brach nämlich sämtliche Rekorde an Hongkongs Kinokassen. Die Allianz - Chow, Lee und Wei - hatte ins Schwarze getroffen. Bruce war, quasi über Nacht zum Superstar geworden. Die Shaw Brothers werden sich (infolgedessen) nicht nur einmal „in den Arsch gebissen haben“. Schließlich bewarb sich Bruce (nach seiner Hongkong-Rückkehr) bei den Shaws. Diese erteilten ihm allerdings eine Absage, da sie mit den Vertragsbedingungen nicht einverstanden waren. Was hat Bruce eigentlich sonst noch mit den mit den Shaw Brothers zu tun? Nichts, aber Bruce gab dem Hongkong-Cinema den „entscheidenden Kick“, der es zum weltweiten Exportschlager werden ließ. Allein die Shaw Brothers „ballerten“ 1971 mehr als 40 Filme raus, dabei flossen ca. 3.000 Liter Filmblut. Die Farbstoffkapseln platzen im Minutentakt, und das „visuelle Sterben“ wurde ästhetisch schön.

     

    Das Heldenhafte Sterben, Treue und Freundschaft. Wer kann uns diese Eigenschaften besser lehren, als der Meister Chang Cheh? Und welcher Film verdeutlicht all diese Lehren in Perfektion?

     

    „Duell ohne Gnade“.

     

    Es ist stets eine große Herausforderung einen Text zu einem Film zu schreiben, über den eigentlich schon alles gesagt wurde. „Duell ohne Gnade“ ist zweifelsohne einer der beliebtesten Filme aus Hongkong. Ein Film der einen festen Platz in den Herzen der Martial-Arts-Fangemeinde hat, und mehrfach analysiert wurde. Somit möchte ich den „Hebel“ zuerst an einer Stelle ansetzen, die unterschiedliche Angaben innerhalb der Internetportale aufweist. „Duell ohne Gnade“ wird vornehmlich den 1930er Jahren zugeordnet. Ich würde (nach Rücksprache mit einem Asienexperten) den Schauplatz eher den 1920er Jahren zuordnen. Die Warlord-Ära, die darin entstandene Zeit von Allianz und Säuberung, bis hin zur anstehenden Herrschaft der Guomindang. Es war die „große“ Zeit von illegalem Glücksspiel, Prostitution und Drogenhandel. Shanghais Verbrecherwelt wurde von der „Grünen Bande“ kontrolliert. Drei mächtige Triadenbosse, „The three Lords“, beherrschten den Drogenhandel, bestachen die Polizei, und ließen linke Gewerkschafter töten. Auch das Opiumrauchen fand im Chaos der Warlordzeit eine rasche Verbreitung. Die Militärs nötigten mehrfach die Bauern zum Anbau von Mohnpflanzen. Der Rubel muss(te) schließlich rollen. Ich denke, dass sich diese Zeit sehr gut mit dem Schauplatz von „Duell ohne Gnade“ verbinden lässt. Denn auch dort ist die Verbrecherwelt alles andere als zimperlich. Von der Triadengröße Du Yuesheng werde ich euch später (wenn „Der Pirat von Shantung“ auf meiner Blu-ray-Sichtungs-Agenda steht) berichten.

     

    Egal ob 1920er oder 1930er Jahre, aber was haben sich die Szenenbildner nur dabei gedacht, einen Dagobert Duck-Aufkleber ins Tattoostudio (von „Duell ohne Gnade“) zu platzieren? Der kapitalistische Enterich erblickte doch erst 1947 das Licht der Comicwelt. Dazu fällt mir ein wunderschönes Gemeinschaftszitat von Inge Morath und Arthur Miller ein:

     

    „Wir „kennen“ China nicht, solange uns noch Dinge auffallen und stutzig machen, an die kein Chinese auch nur die geringste Aufmerksamkeit verschwenden würde.“

     

    „Duell ohne Gnade“ geht mit einem schwungvoll-schmissigen Theme an den Start. Dessen Power und Dynamik erinnern an das grandiose „Pirat von Shantung“- Intro. Man registriert einen speziellen Stil, der den Zuhörer mitreissen und begeistern kann. Diese Musik stammt aus der Feder von Regisseur, Produzent, Schauspieler, Drehbuchautor und Filmmusikkomponist Frankie Chan Fan-Kei. Ein vielseitiger Typ, der mehr als 350 Filmscores kreierte.

     

    Frankies Klänge stimmen in dominanter Weise auf einen gandenlosen Martial-Arts-Klassiker ein. Spätestens nach der ersten gemeinsamen Einstellung mit Ti Lung und David Chiang (in Stile eines Western-Duells) sollte auch der letzte Zweifler überzeugt sein, dass hier ein ganz großer Film ansteht. Aus dem Zentralen heraus präsentiert Chang Cheh ein Rachethema, das mit den Eigenschaften eines Shakespeare-Dramas sowie einer griechischen Tragödie auffährt. Die Story und dessen Entwicklung sind prägende Stärken, die „Duell ohne Gnade“ vom üblichen Martial-Arts-Output (im positiven Sinne) abheben.

     

    Die Action- und Kampfsequenzen sind grandios choreographiert. Mit Yuen Cheung-Yan und Tong Kai hatte sich Chang Cheh zwei Topleute „ins Boot geholt“. Tong Kai war zu diesem Zeitpunk (1971) bereits in annährend 100 Filmen als Action-Regisseur tätig. Beide Choreographen tauchen in zahlreichen Filmen (auch) als Darsteller auf. Yuen Cheung-Yan ist übrigens immer noch aktiv im Filmgeschäft tätig. Die hervorragende, harte, rohe und schnörkellose Action wird durch die starke Schnitttechnik von Kwok Ting-Hung zusätzlich gestärkt. Also wetzt die Messer (aber fegt dabei nicht die Bierkannen und Chipstüten vom Tisch) und springt - gemeinsam mit Ti Lung und David Chiang – durch die Massakerbuden von „Shawhausen“.

     

    Chang Cheh zelebriert ein gigantisches Actionfest bei dem jeder „sein Fett abkriegt“. Denn wir wissen, als Hero kannst du durchaus eine Schlacht verlieren, aber niemals den gesamten Krieg. Das Finale darf demnach mit dem Tod seiner (bzw. seines) Helden enden aber: der Böse muss ebenfalls das Fressbrett ins Gras rammen. Das sind feste Shawprinzipien die auch weitestgehend eingehalten werden.

     

    Ti Lung liefert als Jen Chieh, ein gebrochener Mensch und Idealist, eine großartige Vorstellung ab. David Chiang agiert - als der dubiose Chien Nan - mit Ti Lung auf Augenhöhe. Ebenfalls klasse sind Chuen Yuen als Kan Wen Pin, Ku Feng als Tang Jen Lin und Cheng Kang-Yeh als Hsiao Mao. Die Shaw-Verrückten und die-hard fans werden (innerhalb von kleinen Rollen) bekannte HK-Cinema-Größen wie Chen Sing Cliff Lok, Lai Yan und Chen Kuan-Tai entdecken. Hiermit sind nur die global bekanntesten Namen erwähnt. Es gibt natürlich noch weitere gute alte Bekannte zu bestaunen.

     

    „Wir haben es geschafft. Wir haben alle getötet. Nur schade das niemand unseren Kampf gesehen hat.“ (Chien Nan / in der deutschen Synchronfassung, Ti Wang)

     

    Ich lasse mich schnell begeistern, verliere aber nie die Kontrolle. Trotzdem muss selbst ich, bei diesem grandiosen Finale, mit den Tränen kämpfen - denn es tut wirklich weh.

     

    „Duell ohne Gnade“ ist ein aufwendig gefilmter, und hervorragend inszenierter, Pionier für ein späteres Heroic-Bloodshet-Cinema. Wer diesen Film immer noch nicht gesichtet hat, und sich die Chance eines längst überflüssigen Rendezvous wieder entgehen lässt, dem kann ich auch nicht mehr helfen.

  • Autor: Frank Faltin
  • Veröffentlichungen:

    Die Blu-ray aus dem Hause FilmArt bietet eine sehr gute Bildqualität bei der auch die Körnung nicht zu kurz kommt. Der Ton (Deutsch und Mandarin) ist ebenfalls ausgesprochen gut. Zur deutschen Synchronisation sei gesagt, dass es sich um eine der Top-Arbeiten der Deutschen Synchron KG handelt. Danneberg, Thormann, Marquis, Elsholtz und Co. präsentieren sich in gewohnter Bestform. Als Extras werden der Original- und ein modernisierter Trailer (Mandarin) geboten. Der deutsche Trailer sollte ebenfalls auf dem Datenträger erscheinen. Leider wurde zum damaligen Zeitpunkt ein falsches Werbefilmchen an FilmArt gesendet. Da die Veröffentlichung bereits in den Startlöchern stand, und man die sehnsüchtigen Fans nicht länger warten lassen wollte - verzichtete man vorerst auf den Trailer. Dieser wurde später mit (und auf) der „Shaw Brothers Collector's Edition Nummer 4“ („Der Mann mit der Tigerpranke“) nachgereicht. 

  • Autor: Frank Faltin
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