Dead Angel - Einbahnstraße in den Tod

Frankreich | Spanien, 1973

  • Originaltitel: Una gota de sangre para morir amando
  • Alternativtitel:

    Murder in a Blue World

    Satansbrut (GER)

    Le bal du vaudou (FRA)

    Clockwork Terror (USA)

    To Love, Perhaps to Die (USA)

  • Regisseur: Eloy de la Iglesia
  • Kamera: Francisco Fraile
  • Musik: Georges Garvarentz
  • Drehbuch: Eloy de la Iglesia, José Luis Garci, Antonio Fos, Antonio Artero, George Lebourg
  • Inhalt:

    Die ewig unterschätzte Sue Lyon gibt uns hier eine richtig kranke Schwester, also eine mordende Krankenschwester. Sie heißt Anna Vernia und erhält gleich zu Beginn des Films eine Ehrenmedaille für ihren vorbildlichen und aufopferungsvollen Umgang mit ihren Patienten. Im Anschluss an die Zeremonie braust sie mit Dr. Victor Sender (Sorel) in dessen Prachtschlitten zu einem Date davon. Victor arbeitet im gleichen Krankenhaus wie Anna und widmet sich einem ehrgeizigen Projekt: Gewalttätige Kriminelle sollen mit einer neuartigen Elektroschocktherapie zu friedfertigen Bürgern »umerzogen« werden. Die Handlung spielt in einem Madrid der (nahen?) Zukunft. Die Stadt ist ein Moloch aus Kriminalität und Gewalt. Eine Familie, die sich gemütlich »A Clockwork Orange« im Fernsehen anschauen möchte, wird von einer Horde Biker mit roten Helmen in ihrem Wohnzimmer überfallen. Die Angreifer zerstören die Wohnung, vergewaltigen Mutter und Vater, schlagen mit Peitschen um sich, krümmen jedoch dem kleinen Sohn der Familie kein Haar. Als wären diese Überfälle auf harmlose Bürger noch nicht genug, so geht auch noch ein Serienkiller um, der sich mit Vorliebe junge Burschen als Opfer aussucht; die Polizei geht davon aus, dass der Mörder ein sadistischer Homosexueller ist. In Wahrheit handelt es sich bei dem Täter um Anna. Diese ist nicht nur Krankenschwester, sie sammelt in ihrer Villa auch pop art. So ersteht sie bei einer Auktion ein Kunstwerk von Alex Raymond für »Flash Gordon«. Nach der Auktion steckt sie ihrem physisch gehandicapten Mitbieter Toni (Pons) ihre Telefonnummer zu und lädt ihn zu sich ein. Nachdem sie mit Toni geschlafen hat, lauscht sie seinem Herzschlag, während er schläft, und tötet ihn mit einem Skalpell. Die Leiche versenkt sie im Fluss, wird dabei jedoch von David (Mitchum) beobachtet, der ihr von nun an folgt. Ihr nächstes Opfer ist Bruno (Bravo), ein narzisstisches Unterwäschemodel, das Anna im Fernsehen gesehen hat. (Sein lebloser Körper fällt direkt neben das Buch, das Anna gerade liest, zu Boden: Vladimir Nabokovs »Lolita«. Ein schöner inside joke, denn Sue Lyon spielte seinerzeit die Titelrolle in Kubricks Verfilmung des Romans.) Obschon Anna sich immer noch regelmäßig mit Victor trifft, weist sie seine Avancen zurück, um abends als Mann verkleidet einen jungen Schwulen (Alfredo Alba) aufzureißen und ihn postkoital mit einem Stich ins Herz zu töten. Dieser Mord wird von David bezeugt, der sich in Annas Villa geschlichen hat und hinter einem Vorhang versteckt ihr mörderisches Treiben tatenlos beobachtet…


    An dieser Stelle beende ich meine Inhaltsangabe, um nicht allzu viel vorweg zu nehmen, aber das, was noch folgt, wird mit jeder verstreichenden Filmminute schräger und unbehaglicher.

  • Autor: André Schneider
  • Review:

    Die Jahre 1971 bis 1973 waren die produktivsten in der Karriere des spanischen Ausnahme-Regisseurs Eloy de la Iglesia. In dieser Zeit entstanden vier höchst bemerkenswerte Streifen, die zwar thematische Überschneidungen aufwiesen, tonal jedoch komplett unterschiedlich waren: »El techo de cristal« (1971), der erste dieser Filme, war ein verstörend-surrealer, beinahe experimenteller Gruselfilm, La semana del asesino war ein psychologisches Politdrama mit marginalen Anleihen beim Horrorgenre, und »Nadie oyó gritar« (1973) wurde ein Hitchcock’scher Thriller mit romantischem Anstrich. Dazwischen inszenierte de la Iglesia diesen bizarren Trip für den emsigen Produzenten José Frade (Marta, Gli occhi freddi della paura), der irgendwo zwischen psychedelischem Märchen, Science Fiction und Krimi mäandert. In englischer Sprache und mit einer bunt zusammengewürfelten Besetzung gedreht, war »Una gota de sangre para morir amando« von Frade für eine internationale Auswertung konzipiert worden, weshalb de la Iglesias Freiheiten ein wenig erweitert werden konnten; bis dato hatten all seine (rein spanischen) Filme erbittert mit den heimischen Zensurbehörden der Franco-Ära zu kämpfen gehabt. Dennoch war der damals 29jährige Filmemacher mit »Una gota de sangre para morir amando« nicht ganz zufrieden, da er sich dem Diktat des als dominanten und nicht kompromissfähigen Produzenten zu beugen hatte. Fünf Autoren schusterten am Drehbuch herum; José Frade wollte, dass das Gebräu mehr und mehr nach Stanley Kubricks »A Clockwork Orange« (1971) schmecken sollte — in Großbritannien lief der Film schließlich auch unter dem Titel »Clockwork Terror«, während er in den USA (unter anderem) als »Murder in a Blue World« zu sehen war. Doch sollte man sich von den vermurksten Titelspielereien nicht verunsichern lassen: »Una gota de sangre para morir amando« ist mitnichten ein Kubrick-Abklatsch, sondern ein eigenständiger, höchst faszinierender Film, den man mehr als nur einmal gesehen haben sollte. Atmosphärisch ist de la Iglesias morbide Zukunftsvision ein großer Wurf. Eine der einprägsamsten Sequenzen ist sicherlich jene, in der die in ein weißes Gewand gehüllte Sue Lyon der Morgensonne entgegen spaziert wie ein Todesengel, der sich in Unschuld wäscht. Die Morde sind geradezu poetisch inszeniert. Wenn Sue Lyon am Ende des Films blutüberströmt ein Gedicht von Edgar Allen Poe rezitiert und dabei Jean Sorel bzw. den Zuschauer anstarrt, erleben wir ein eindringlich-unvergessliches Stück Kino. Der spanische Originaltitel lautet übersetzt: »Ein Tropfen Blut, um liebend zu sterben«. Zwar ist die in England auf DVD erhältliche Fassung des Films gegenüber der spanischen Fassung leicht gekürzt (um etwa drei Minuten), allerdings gilt die Originalfassung inzwischen als verschollen, so dass dies augenblicklich die einzige Möglichkeit ist, diesen außergewöhnlichen Schocker vor die Augen zu kriegen.

  • Autor: André Schneider
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