At Midnight I'll Take Your Soul

Brasilien, 1964

  • Originaltitel: À meia-noite levarei sua alma
  • Alternativtitel:

    À minuit, je possèderai ton âme (FRA)

    A mezzanotte possiederò la tua anima (ITA)

  • Regisseur: José Mojica Marins
  • Kamera: Giorgio Attili
  • Musik: Salatiel Coelho, Herminio Giménez
  • Drehbuch: José Mojica Marins, Magda Mei
  • Inhalt:

    Ein ganzes Dorf fürchtet nur einen Mann: den Totengräber Josefel Zanatas, genannt Zé do Caixao (Coffin Joe). Zé (José Mojica Marins) glaubt an nichts außer an seine eigene intellektuelle und willensstarke Überlegenheit gegenüber seinen gläubigen und abergläubischen Nachbarn, die er unterdrückt und vorführt, gelegentlich auch gewaltsam. Sein oberstes Ziel: einen männlichen Nachkommen zeugen, an den er seine Überlegenheit weitervererben kann.

     

    Doch seine Frau Lenita ist unfruchtbar, und so hat er ein Auge auf Terezinha, die Verlobte seines Freundes Antonio geworfen. Um sie zu bekommen, muss zuerst seine Frau weg, also betäubt er sie und tötet sie mithilfe einer Giftspinne, so dass es wie ein Unglück aussieht. 15 Tage später wollen Antonio und Terezinha Nägel mit Köpfen machen, bei einer wahrsagenden Zigeunerin wollen sie ihre Chancen für eine gemeinsame Zukunft erfragen, Coffin Joe begleitet sie. Die Zigeunerin prophezeit Antonio einen baldigen Tod und ein noch viel schrecklicheres Ende für Coffin Joe. Der hat es nun eilig, tötet seinen Freund, so dass die Polizei nun einen ersten Verdacht gegen ihn hegt.

     

    Terezinha ist ebenfalls überzeugt, dass Zé der Mörder ihres Verlobten ist, doch der lässt nicht locker. Er vergewaltigt sie und hofft nun, sie würde ihm einen Sohn gebären. Doch Terezinha kündigt ihm ihren Selbstmord an und spricht zuvor einen Fluch aus: um Mitternacht – am Tag der Toten – würde sie zurückkehren, um seine Seele holen.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    Die Handlung mag erst mal nicht so dolle klingen, doch Vorsicht, wir haben es hier mit einem äußerst beeindruckenden Film zu tun, gedreht von einem Exzentriker – um es mal milde auszudrücken – und der Schaffung einer brasilianischen Horror-Ikone: Coffin Joe alias José Mojica Marins. Und noch mal Vorsicht: nicht allen Legenden, die um diese Legende ranken, sollte man glauben. Den Meisten allerdings schon.

     

    José Mojica Marins wurde an Freitag, dem 13. im Jahr 1936 geboren. Seine Mutter beschreibt ihn als sehr sanftmütiges Kind, sein Bruder dagegen als Führungspersönlichkeit, die andere stets mitreißen konnte. Sein Vater war Filmvorführer, und so kam Marins schon sehr früh mit dem Kino in Berührung. Der erste wirklich schockierende Film, den er gesehen habe, sei ein Aufklärungsfilm über Geschlechtskrankheiten gewesen. Bereits im Alter von 12 Jahren drehte er seinen ersten Kurzfilm, Dutzende weitere folgten, gedreht auf 8mm oder 16mm. Sein Publikum: Kinder und Jugendliche aus der Nachbarschaft, die oft nur mit Hosenknöpfen oder Streichholzschachteln ihren Eintritt bezahlten. Zunächst ging es in diesen Filmen um Abenteuer oder Dramen, so auch in Marins ersten drei abendfüllenden Spielfilmen. Es ist nicht auszuschließen, dass es mehr gab, das Meiste aus dieser Frühzeit muss man als verloren betrachten.

     

    Die Wende folgte 1964. Oder eigentlich schon 1963 als der ursprünglich recht gläubige Katholik Marins zu spät zu einer Messe erschien und der Priester ihn der Tür verweisen wollte. Marins entgegnete, er wolle erst sein Gebet beenden, woraufhin der Priester ihn wüst zu beschimpfen begann und ihn innerhalb der Kirchmauern verfluchte. Das blieb nicht folgenlos. Die Figur des Coffin Joe gebar aus einem Alptraum Marins, wie auch viele andere Szenarien in seinen folgenden Filmen. Joe/José/Zé glaubt an nichts. Das macht er auch seinem Freund (eigentlich eher ein Freund seiner Frau) klar als dieser ihn ungläubig nennt. Zé entgegnet, er könne gar kein Ungläubiger sein, da er nie an etwas geglaubt habe, außer an sich selbst. Deswegen würden ihn auch alle fürchten, es sei seine Stärke und sein Wille, im Gegensatz zu der abergläubischen Demut der anderen, die seine Überlegenheit spüren könnten. An Bescheidenheit leidet Coffin Joe jedenfalls nicht. Doch zurück zur Kirche.

     

    „At Midnight I’ll take your Soul“ beginnt chaotisch. Erst ein Monolog von Coffin Joe selbst, dann eine Titelsequenz, wo die Darsteller während Ausschnitten ihrer späteren Sterbeszenen benannt werden, dann die verrückte Zigeunerin, die den Zuschauern rät, den Film vor Mitternacht zu verlassen, bzw. am besten gleich. Dann lernen wir Coffin Joe und seine Frau kennen. Joe will Fleisch, und das am heiligen Freitag. Seine Frau ist damit nicht einverstanden, hat aber gelernt zu gehorchen. Und so sitzt er am Fenster, begeht genüsslich ein „fleischliches“ Sakrileg, während er hohnlachend die betende Prozession auf der Straße beobachtet. Oh Mann, der Text droht zu lang zu werden. Kürzen wir also ab: es geht nicht zimperlich zu in „At Midnight I’ll take your Soul.“ Bei einem Kartenspiel trennt Zé einem zahlungsunwilligen Verlierer mit einer abgebrochenen Flasche die Finger ab. Der Mord an seiner Frau, eine ECHTE (allerdings nur eine, da kann Marins in Folgefilmen mit mehr aufwarten) Giftspinne krabbelt über eine gefesselte und geknebelte Darstellerin. Der Mord an seinem Freund – er zieht ihm einen Schürhaken über den Schädel – nachdem er höhnisch verkündet, was ihm seine Gläubigkeit genutzt habe, ER sei der Stärkere. Antonio lebt aber noch, also muss er in die Badewanne, bekommt zunächst noch ein paar Mal die Birne auf den Badewannenrand geknallt, bevor er ertränkt wird. Bei einer Kneipenschlägerei drückt Zé seinem Kontrahenten die Dornenkrone einer Christus-Figur ins Gesicht, bevor er ihn kriechen lässt. Und vor der Schändung Terezinhas geht es ebenfalls recht gewalttätig zu.

     

    Zur Figur: charakteristisch für den Zé de Caixao sind sein langer Umhang, ein hoher Zylinder und seine überlangen Nägel. Außerdem schwellen die Adern in seinen Augen vor seinen Gewaltausbrüchen an. Sein oberstes Ziel, wie bereits erwähnt, einen männlichen Nachkommen mit seinen überlegenen Genen zu zeugen. Die Suche nach der perfekten Partnerin, die seinen Standards gerecht werden kann, wird in der Fortsetzung eine größere Rolle spielen. Der Legende nach war erst ein anderer Darsteller für die Rolle vorgesehen, doch nachdem dieser abgesagt habe, spielte Regisseur Marins die Rolle selbst – und er ist perfekt dafür. Marins Mienenspiel ist herausragend, seine Gestik und Theatralik mehr als sehenswert, hat was von Shakespeare in seinen dunkelsten Stunden. So hat er seine stärksten Momente auch in lebhaften Monolog-Sequenzen, wenn er Gott, Geister, den Teufel, ja die ganze Welt, herausfordert.

     

    Zur Entstehung: als Marins erklärte, er wolle den ersten brasilianischen Horrorfilm drehen und zugleich eine eigene nationale Horror-Ikone wie Frankenstein oder Dracula schaffen, nahm man ihn kaum ernst und bezweifelte, ob er den Film je fertig stellen würde. Doch Marins griff zu einem Trick: Amphetamine. Wie in vielen anderen Ländern auch, waren Amphetamintabletten im Brasilien der Sechziger noch legal käuflich, die empfohlene Dosis lag bei 2 Stück. Marins erhöhte auf 20 Stück – alle paar Stunden – und teilte die Crew in 12-Stunden-Schichten ein, er selbst drehte 24 Stunden täglich. So kam auch Oswaldo de Oliveira (in den Achtzigern selbst Regisseur u. a. von „Prison of Dead – Mädchen schutzlos hinter Gittern“ oder “„Ausbruch der Pantherkatzen) zu seinem Einsatz als zweiter Kameramann. Nach vier Tagen Drehzeit war „At Midnight I’ll take your Soul“ fertig, angesehen von der Endmontage. Marins selbst hatte ein verstauchtes Bein von einer der Szenen gegen Ende, wo er sich von einer Friedhofsmauer fallen lässt (ist im Film enthalten) und war nicht mehr fähig zu essen oder zu schlafen. Man brachte ihn ins Krankenhaus, wo man ihm etwas zum Runterkommen gab. Seitdem sei sein Leben allerdings etwas seltsam verlaufen, meint er selbst dazu. Ansonsten wurden ein paar Crew-Mitglieder verhaftet als sie für die Schlussszene in einem öffentlichen Park ein paar Bäume abholzten und Sträuche entwurzelten. Dieses gesamte Finale entstand – wie bis auf wenige Ausnahmen – auch der gesamte Film, in einem winzigen Studio. Es ist umso erfreulicher, dass hier mit so kleinen Mitteln – von 20 Scheinwerfern waren gegen Ende der Dreharbeiten nur noch zwei funktionstüchtig – ein so eindringliches Ergebnis entstanden ist.

     

    Im Jahr 1967 drehte Marins die Fortsetzung „This Night I’ll possess your Cadaver“ (Esta Noite Encarnarei no Teu Cadáver) in dem es noch deutlich heftiger zugeht, allerdings auch professioneller was die Inszenierung betrifft. Einerseits. Andererseits – Marins hatte eine verfallene Synagoge als neues Studio auserkoren, in dem sich offenbar seltsame Dinge zutrugen. Um festzustellen, wer als Darsteller geeignet sei und wer nicht, fanden dort unter der Anleitung Marins seltsame Mutproben statt. Darsteller wurden Giftspinnen, Schlangen und Fröschen ausgesetzt, es wurden Würmer und Asseln gegessen. Ein anderer Kandidat stellte sich in eine Wasserschüssel und umfasste dabei die von der Decke herabhängenden Drähte einer Glühlampe. Es sei aber nie jemand an einem seiner Sets gestorben, bemerkt Marins allerdings dazu. Nur im Umfeld seiner Filmdreharbeiten habe es im Laufe der Jahre ein paar Todesfälle gegeben, aber das sei nun mal Teil des Lebens. Jeder stirbt irgendwann mal, nicht seine Schuld.

     

    Die Figur des Zé de Caixao brachte es auf viele Filmauftritte und war ebenso Leitfigur einer 20 Jahre laufenden TV-Serie mit Horror-Episoden. Nichtsdestotrotz spricht man von einer Trilogie, da nur drei Filme die Story um Coffin Joe wirklich forterzählen. Neben dem hier besprochenen „At Midnight I’ll take your Soul“ (1964) und „This Night I’ll possess your Cadaver“ (1967) drehte Marins 2008 (eigentlich wohl schon 2006) die Fortsetzung „Embodiment of Evil“ (Encarnação do Demônio), welche auch in Deutschland auf DVD erschien – leider nur in stark gekürzter Form. Weitere Auftritte hatte Coffin Joe etwa in den Marins-Filmen “ Das Erwachen der Bestie” (O Ritual dos Sadicos , 1970), “The Bloody Exorcism of Coffin Joe” (Exorcismo Negro, 1974) oder (“Hallucinations of a Deranged Mind” (Delírios de um Anormal, 1978.) In “The Strange World of Coffin Joe” (O Estranho Mundo de Zé do Caixão, 1968) ist er trotz des Titels nicht dabei.

     

    Kommen wir zum Ende, meine Finger tun weh vom Tippen. Marins erste zwei Coffin Joe-Filme entsatnden zu einer Zeit als die Zensur in Brasilien noch milder gestimmt war und Käufern im Ausland das Zerschnippeln ofder Verbieten selbst überließ. In Brasilien selbt dagegen hatte Marins von Anfang an Probleme. Diese erfuhren einen ersten Höhepunkt mit “Das Erwachen der Bestie” (O Ritual dos Sadicos, 1970, lief mal im OmU auf arte), einem Drugsploitation-Film, der ein Problem ansprach, von dem Brasieliens Regierung nichts hören wollte – Drogen eben. Das Urteil der Zensurbehörde war vernichtend, die Hauptptotagonisten des Fiulms seine Junkies, Perverse und Prostituierte, der “erzieherische Wert” gleich null. Nach nur wenigen Aufführungen wurde “Das Erwachen der Bestie” für alle brasilianischen Distrikte verboten. Dem Nachfolger “Finis Hominis” (The End of Man) erging es nichtb besser. Für Marins war das ein gewaltiges Problem, da er nicht sehr geschäftstüchtig war, und – nach eigener Aussage – lebte wie ein Poet (“Ich war nie nüchtern”). Alles, was er in einen Film gesteckt hatte, war alles, was er besaß.

     

    So wurde es in den Achtzigern zunehmend schwerer für Marins, die Finanzierung für weitere Filme zu bekommen. Wie so manch andere vormals talentierte und erfolgreiche Regisseure wandte er sich in dieser Zeit dem Porno-Film zu. Zunächst folgte daraus 1984 „A Quinta Dimensão do Sexo“, ein Film, in dem zwei Chemiestudenten eine Droge entwickeln, die sie in sexbesessene Vergewaltiger verwandelt. 1985 dann ein Skandal, als er die erste Zoophilia-Szene in Brasilien drehte: in „24 Horas de Sexo Explícito“ schließen drei junge Männer eine Wette ab, wer von ihnen mit den meisten Frauen schlafen könne. Hierzu laden sie dreizehn „hässliche“ Frauen in ein Strandhaus ein, und schon kann es losgehen. Als einer von ihnen nach dem Wettbewerb heimkehrt, findet er seine Ehefrau beim Beischlaf mit dem heimischen Schäferhund vor. Er rächt sich, indem er ihren Lieblingsesel begattet. Die Darstellerin der Schäferhund-Szene war in Brasilien bereits eine vielbeschäftigte Pornodarstellerin, beklagte sich aber, dass niemand ihren Namen kenne. Marins soll zu ihr gesagt haben, wenn sie in seinem Film mitspielte, würde jeder wissen wer sie ist, aber gesellschaftlich wäre sie danach tot. Zudem erzählt der Kameramann, dass nach dem Dreh alle an Geschlechtskrankheiten von den dreizehn Frauen gelitten hätten – einschließlich der Crew. „24 Horas de Sexo Explícito“ wurde ironischerweise Marins finanziell erfolgreichster Film, und 1987 drehte er eine Fortsetzung.

     

    In den Neunzigern erfuhr die Figur des Coffin Joe eine erneute Popularität durch Veröffentlichungen in den USA und Europa. Marins reiste in dieser Zeit in Begleitung seines Bodyguards Satan zu vielen Festivals und genoss die Aufmerksamkeit, die ihm in Brasilien inzwischen eher versagt blieb. Aber bis zuletzt 2015 war er weiter als Regisseur, Darsteller und Autor tätig. Wer neugierig geworden ist, im Internet gibt es diverse DVD-Boxen mit Filmen von José Mojica Marins zu finden, zumeist in Portugiesisch mit englischen Untertiteln.

  • Autor: Gerald Kuklinski
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