Amer - Die dunkle Seite deiner Träume

Belgien | Frankreich, 2009

  • Originaltitel: Amer
  • Alternativtitel:

    Amargo (BRA)

    Sofrido (BRA)

    Amer - Ein Albtraum aus Angst und Begierde

  • Deutsche Erstaufführung: 19. Januar 2012
  • Regisseur: Hélène Cattet, Bruno Forzani
  • Kamera: Manuel Dacosse
  • Musik: Bruno Nicolai, Stelvio Cipriani, Ennio Morricone
  • Drehbuch: Hélène Cattet, Bruno Forzani
  • Inhalt:

    Ein flirrendes Traumspiel über das Erwachen weiblicher Sexualität gelang dem belgischen Regie-Duo Cattet und Forzani, das drei Episoden aus dem Leben von Ana erzählt: Als Kind, zwischen Angst und Neugier pendelnd, wandert sie unmittelbar nach dem Tod des Großvaters durch dessen düster-verwunschenes Haus; als Jugendliche erfährt sie während eines schwül-heißen Sommerurlaubs in Südfrankreich erstmalig das Gefühl des Begehrtwerdens, sie genießt die Blicke der Männer und wird für ihre Wollust sogleich von ihrer Mutter (Bianca Maria D’Amato) geohrfeigt; als junge Erwachsene schließlich verwischen für Ana die Ebenen von Traum und Realität völlig, so dass sie, als sie sich eines Nachts in ihrem Elternhaus einer direkten physischen Bedrohung ausgesetzt sieht, unfähig ist zu handeln.

  • Autor: André Schneider
  • Review:

    »Amer« (zu Deutsch: bitter) ist in seiner delirierenden Sinnlichkeit geradezu verstörend. Die Filmemacher entfächern peu à peu einen surreal-rauschhaften Bilderbogen über Lust und Tod. Sie bedienen sich dabei den Stilmitteln des klassischen Giallo, jener wunderbaren italienischen Spielart des Thrillers, die sich vor allem in den Sechzigern und frühen Siebzigern größter Popularität erfreute. Ein wiederkehrendes Motiv der Gialli waren zum Beispiel die schwarzen Lederhandschuhe des Killers. Cattet und Forzani geizten mit Referenzen nicht, sie übernahmen sogar einige Originalmusiken von Cipriani, Nicolai und — wie sollte es anders sein — Morricone, um ihre detailverliebte Hommage abzurunden. Ein Film wie ein Mosaik für Cineasten. Über weite Strecken frei von Dialog und Musik, spielen die bemerkenswert abgemischten Geräusche eine zentrale Rolle: die Schritte auf sandiger Straße, das Meer in der Ferne, das Knautschen des Leders, knarrende Türen, Wind in den Baumkronen. Alles verdichtet sich zu einer Atmosphäre der ungreifbaren Bedrohung. Dazu »malt« Kameramann Manu Dacosse Bilder, die direkt aus den besten Werken Dario Argentos, Lucio Fulcis, Mario Bavas oder Sergio Martinos geklaut sein könnten.

     

    Es geht um Spiegelungen; am Ende ist Ana ihr eigener größter Feind, »Amer« ist, je länger er dauert, für den Zuschauer eine wild-betörende Stimulation. Wenn die jugendliche Ana (hervorragend gespielt von Charlotte Eugène Guibbaud) beinahe wie in Zeitlupe durch das Heer der Spalier stehenden Männer schreitet und sich an ihren lüsternen Blicken labt, wird die Straße zum Laufsteg. Spiegelbilder der Männerkörper, die sich im satten Rot der aufröhrenden Sportwagen reiben. Bilder-Stakkatos explodieren wie im Rausch zu fein gezirkelten Totalen, um sich dann in fast gewalttätigen Groß- und Detailaufnahmen, durch die in der grellen Sonne obszön der Schweiß perlt, zu verdichten: Ana zieht ihr kurzes Röckchen geziert-kess nach unten, um ihre Scham zu bedecken, fährt sich lolitahaft mit der Zunge über die Lippen — eine wahre Sternstunde des erotischen Arthaus-Kinos!

  • Autor: André Schneider
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