Das alte Gewehr

Frankreich | Deutschland, 1975

  • Originaltitel: Le vieux fusil
  • Alternativtitel:

    O Velho Fuzil (BRA)

    El viejo fusil (ESP)

    Frau Marlene (ITA)

    A mulher, o amor e o ódio (POR)

    The Old Gun (USA)

    Vengeance One by One

    Abschied in der Nacht

  • Deutsche Erstaufführung: 06. November 1975
  • Regisseur: Robert Enrico
  • Kamera: Étienne Becker
  • Musik: François de Roubaix
  • Drehbuch: Robert Enrico, Pascal Jardin, Claude Veillot
  • Inhalt:

    Der Chirurg Julien Dandieu (Philippe Noiret) lebt mit seiner Frau Clara (Romy Schneider), Tochter Florence (Catherine Delaporte u. Caroline Bonhomme) und seiner Mutter im besetzten Frankreich des Jahres 1944. In seinem Krankenhaus behandelt er jeden, auch verwundete Partisanen der Resistance.

     

    Immer wieder suchen französische Kollaborateure in seiner Klinik nach solchen Partisanen, zerren diese aus ihren Betten, um sie anschließend hinzurichten. Da Julien nicht auf deren Warnungen hört, droht man ihm, seiner Familie etwas anzutun. So bittet er einen Freund, seine Familie in Sicherheit zu bringen, auf das Familienschloss auf dem Land.

     

    Eine Woche später will Julien seine Familie dort besuchen und findet in der Dorfkirche die Opfer eines Massakers vor. Auf dem Schloss erwartet ihn allerdings noch Schlimmeres. Er wird Zeuge eines grausamen Verbrechens an seiner Frau und seiner Tochter - verübt durch eine versprengte Einheit einer SS-Panzerdivision auf dem Rückzug - das er hilflos aus einem Versteck heraus beobachtet.

     

    Halb wahnsinnig vor Schmerz will er Rache nehmen und isoliert die Täter im Schloss. Mit dem alten Jagdgewehr seines Vaters und unter Nutzung der zahlreichen Geheimgänge im Schloss macht er sich auf die Jagd.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    Dem französischen Regisseur Robert Enrico („Die Abenteurer“, 1967) ist mit „Das alte Gewehr“ ein Meisterwerk gelungen, das allerdings Anlass zu ein paar Randbemerkungen gibt. Denn es ist ihm eine Täuschung gelungen, die man als Filmfan bemerkenswert finden muss.

     

    Der Film spielt im Jahre 1944, Frankreich wird von den Deutschen heimgesucht, einige Franzosen sind Kollaborateure, andere wiederum Resistance-Kämpfer, das Gros macht jedoch eine schweigende Mehrheit aus. Zu der scheint auch Protagonist Julien Dandieu zu gehören, zumindest wenn man die verfälschende Synchronisation der westdeutschen Fassung außer Acht lässt. Der Mann ist unpolitisch, steht nur auf dem Standpunkt, dass er als Arzt jeden Verwundeten behandeln muss, egal ob Deutscher oder Resistance-Kämpfer. Das zeigt sich unter anderem auch darin, dass sein deutscher Wehrmachtskollege Doktor Müller (Karl Michael Vogler) ähnlich vorgeht. Berufsethos.

     

    Dandieu will seine Frau und seine Tochter auf dem Familienschloss in Sicherheit wissen, doch die Rechnung geht nicht auf. Was er dort Sehen und erleben muss, ist nicht nur für ihn sondern auch für den Zuschauer schwer zu ertragen. Worin besteht also die erwähnte Täuschung?

     

    Es ist egal, wann oder wo Enricos Film angesiedelt ist, denn es ist eine reine Rachegeschichte mit jedoch deutlich mehr charakterlichem Tiefgang als andere Vertreter seines Genres an den Tag legen – zumindest was die Hauptprotagonisten betrifft. Was die Darstellung der im Schloss befindlichen Deutschen angeht, so war das einer der Gründe, warum dieser Film bei der deutschen Filmkritik auf Ablehnung stieß, und leider nahm man das auch zum Anlass vor der westdeutschen Veröffentlichung unter dem Titel „Abschied in der Nacht“ ein paar Zensuren und Dialogänderungen vorzunehmen. In der DDR dagegen dürfte man den Film uncut sehen.

     

    Somit muss man ausnahmsweise mal dem katholischen Filmdienst (zumindest in einem Punkt) zustimmen, der in „Das alte Gewehr“ „keinen wahren Antikriegsfilm“ sah. Denn es stimmt, Krieg oder Politik interessiert den Hauptprotagonisten Dandieu nicht, er will Rache.

     

    Fairerweise sollte man erwähnen, dass Dandieu kein Charles Bronson ist, sondern angesichts des gewaltigen Schocks, den er (und der Zuschauer) erleiden mussten, kaum noch bei Verstand. Eindrucksvoll wird dies durch eine Szene belegt, in der er nach dem Gesehenen zurück in die Kirche flieht, wo er die übrigen Dorfbewohner als Leichen vorgefunden hat, ein Anblick des Entsetzens. Doch nun ist ausgerechnet dieser Ort des Schreckens für ihn eine vorläufige Zuflucht, jedenfalls nachdem er die Statuen von Jesus und der Madonna zerschlagen hat.

     

    Wie nah Dandieu dem Wahnsinn ist, belegen die Rückblenden, in denen er sich an Frau und Kind zurück erinnert. Diese verwirren sich immer mehr, so dichtet er seiner Frau eine Affäre an, in einer Szene bezeichnet Florence ihre Mutter als ihre Schwester, man erlebt eine Trennung (die vermutlich nie stattgefunden hat), dann ist Clara gar nicht seine Frau sondern die Frau seines Freundes (Bruders?), mit der er nur eine flüchtige Affäre hatte, usw. Sprich, seine Gedanken springen unentwegt und unkontrolliert umher, die Realität verschwimmt.

     

    Diese Rückblenden erfüllen natürlich hervorragend den Zweck, uns den Unterschied in der Wahrnehmung von Tätern und den Opfern vor Augen zu führen. Florence und Clara waren für die Täter nur irgendwelche Frauen, nur zwei Opfer von vielen. Die Rückblenden zeigen dagegen die Vielschichtigkeit dieser zwei (oder drei, wenn man Dandieu mitrechnet) Leben, die dort zerstört wurden, ihre Liebe und ihre Bedeutung füreinander. So versteht man dann auch, wie Dandieu scheinbar unbekümmert die eintreffenden Resistance-Kämpfer in die Irre schickt, denn die im Schloss gefangenen Soldaten gehören nur ihm allein und seinen Rachegelüsten.

     

    Mit US-Plakaten und -Titeln wie „The last Straw“ (offenbar an „Straw Dogs“ angelehnt) oder „Vengeance...One by One“ musste Enricos Film somit wohl rechnen, womit er allerdings das italienische „Frau Marlene“-Plakat verdient hat, ist mir nicht so ganz klar. „Das alte Gewehr“ ist ein eindrucksvolles und schwer verdauliches Werk, das man aber unbedingt mal gesehen haben sollte. Und ich hoffe, Ihr kommt schneller drauf als ich, wo in aller Welt man diesen Darsteller schon einmal gesehen hat, dem Dandieu in der Küche den Kopf am Waschbecken eindonnert. Ein großartiger Film, trotz Romy Schneider.

  • Autor: Gerald Kuklinski
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