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Zwiebel-Jack räumt auf

Italien | Spanien, 1975

  • Originaltitel: Cipolla Colt
  • Alternativtitel:

    El Cibollero

    Cry, onion!

    The smell of onion

    Spaghetti Western

    Il cipollaro

  • Deutsche Erstaufführung: 13. Februar 1976
  • Regisseur: Enzo G. Castellari
  • Kamera: Alejandro Ulloa
  • Musik: Guido De Angelis, Maurizio de Angelis
  • Drehbuch: Luciano Vincenzoni, Sergio Donati, Miguel de Charri
  • Inhalt:

    In Paradise City wird Öl gefördert, und das nicht zu knapp. Die gesamte Produktion ist in den Händen der Super Oil Company und ihres skrupellosen Besitzers Lamb (Martin Balsam), und wer sein Land nicht verkaufen mag, der hat flugs einen tödlichen Unfall und das Land gehört fortan Lamb. Der letzte in der langen Reihe der Unfälle war der Farmer Foster, nur hat der sein Land vorher noch an Zwiebel (Franco Nero) verkauft. Und dieser Zwiebel, so genannt wegen seiner unbändigen Liebe zu, man ahnt es, Zwiebeln, kommt jetzt nach Paradise City um Zwiebeln anzubauen. Den Handlangern Lambs gefällt das natürlich nicht, allerdings ist Zwiebel nach dem Genuss seines Lieblingsgemüses ähnlich unschlagbar wie Popeye nach dem Genuss von Spinat. Und auch ähnlich lustig …

  • Autor: Maulwurf
  • Review:

    Ein warmer Sonntag Nachmittag, ich habe eine anstrengende Bergtour in den Knochen und definitiv keine Lust auf einen ermüdenden oder gar anspruchsvollen Film. Das Auge fällt auf Erwin C. Dietrichs BETTHOSTESSEN, aber im letzten Augenblick drängelt sich Zwiebel-Jack vor, Franco Nero schiebt sich vor Ingrid Steeger*. Ob das eine gute Wahl war? Wir werden sehen …

     

    Zuerst mal fällt auf, dass man einen großen Hang zum Klamauk mitbringen sollte. Nicht der ohrfeigentriefende Billigklamauk der typischen italienischen Komödien à la Bombolo oder Jimmy il fenomeno, sondern mehr so den slapstickartigen Klamauk. Das heißt wir sprechen von im Zeitraffer gefilmten auf- und ab hüpfenden Menschen, von Motorrädern die (immer noch im Zeitraffer) in einem Affenzahn hintereinander durch ein Haus fahren, und wenn der Sheriff die Hand hebt und pfeift hält ein Motorrad, er steigt auf, das Motorrad fährt los und durch ein Loch in der Wand nach draußen, der auf den Rasten stehende Sheriff knallt gegen die Wand, fällt hinterrücks auf den Boden und wackelt mit den Beinen in der Luft. Diese Art Slapstick.

    Wer damit so gar nichts anfangen kann, und für wenn MÄNNER OHNE NERVEN die schlimmste Kindheitserinnerung ist, der sollte um diesen Film einen gaaaaaaaaaaanz weiten Bogen machen. Für die anderen gilt: Ganz ehrlich, das funktioniert sogar relativ gut.

     

    Zum einen liegt das daran, dass Castellari diesen Stil nicht inflationär einsetzt, sondern tatsächlich nur wenn es passt und die Szenen sowieso bereits turbulent sind, zum anderen vermitteln die Schauspieler, und hier in erster Linie Franco Nero, sehr viel Spaß an der Sache. Ich meine, ZWIEBEL-JACK ist halt nun mal kein Western! Er ist eine völlig abgedrehte Komödie mit Western-Aufhänger, nicht mehr und nicht weniger. Wer hier einen Italo-Western erwartet kann nur enttäuscht werden, dafür sorgt bereits das Setting im Umfeld von Ölbohrtürmen. Castellari spinnt die Figur des Trinità aus den Spencer/Hill-Western weiter, würzt sie gewissermaßen mit Zwiebeln ab, und stellt sie in ein noch viel surrealistischeres Universum als es bei den Barboni-Western schon der Fall war. Als da wäre das sprechendes Pferd Archibald (was bei weitem nicht so nervt wie in der unsäglichen Franco & Ciccio-Klamotte ZWEI TROTTEL GEGEN DJANGO) oder die mechanische Hand von Lamb, die an Dr. No erinnert. Überhaupt Balsams Figur des Lamb: Ich musste mehr als einmal an Chefinspektor Dreyfus aus den ROSAROTE PANTHER-Filmen denken, und etwa diese Art Humor wird hier auch gepflegt. Wer also über Inspektor Clouseau, Verzeihung: Chefinspektor Clouseau von der Surête lachen kann, der kann auch über ZWIEBEL-JACK lachen.

     

    Somit macht CIPOLLA COLT als durchgeknallte Komödie tatsächlich Spaß: 3 Reiter verfolgen Franco Nero auf seinem Fahrrad. Er rast im Zeitraffer durch die Straßen und immer um die Pferde herum. Dann umkreist er ein Haus, die Reiter hinterher. Erster Durchgang: Erst Franco Nero, dann die Reiter. Zweiter Durchgang: Erst die Reiter dann das Fahrrad. Klingt hier relativ dröge, macht beim Sehen aber Laune weil witzig gefilmt. Erstklassig ist dann die Szene, in der Nero mit seinem Fahrrad auf einen Platz kommt auf dem verschiedene Röhren liegen. Er fährt in eine Röhre hinein – und kommt aus einer anderen heraus. Dann fährt er in die nächste Röhre rein – und kommt aus einer wieder anderen Röhre auf einem kleinen Pony heraus. Mit dem Pony geht es in eine weitere Röhre – und natürlich dann mit dem Fahrrad wieder raus. Abgedreht, irrwitzig, völlig idiotisch – und saulustig!

     

    Klar, nichts alles ist so komisch, und so mancher Rohrkrepierer stößt einem doch gelegentlich etwas sauer auf. Aber die Grundmischung, das Grundrezept, das passt. Dazu kommt die deutsche Synchro aus dem Hause Brandt, mit Thomas Dannemann auf Franco Nero und vielen Berliner Kneipensprüchen zum Ablachen. Weiters die erwähnte gute Laune die vor allem Nero rüberbringt, und dann kann die Sause starten. 

     

    Und für alle die Lust haben sich ein wenig in Filmanalyse zu üben: Ist schon mal jemanden aufgefallen, dass die Sujets von KEOMA und ZWIEBEL-JACK sich ziemlich ähneln? Beide Filme sind fast zeitgleich entstanden und haben das gleiche Team Regisseur/Hauptdarsteller. Auch die Musik ähnelt sich in einigen Momenten, ist sie ja auch beide Male von den de Angelis-Brüdern (die dann als Olivier Onions(!) Pop-Karriere machten …).

    In beiden Filmen wird eine Stadt von einem Brutalinski beherrscht, und ein Fremder kommt und räumt auf. In beiden Filmen werden die Handlanger durch 3 immer gemeinsam auftretende Oberhandlanger befehligt, in beiden Filmen ist der Versuch aus der Stadt herauszukommen und den Nachbarort zu erreichen überlebenswichtig, in beiden Filmen ähneln sich die Figuren in den Nebenrollen. Klar, das sind Stereotypen wie man sie aus unzähligen US-amerikanischen und italienischen Western kennt. Aber hier, bei diesen beiden direkt aufeinanderfolgenden Filmen, könnte man fast den Eindruck bekommen, dass Castellari ausprobieren wollte ob er ein und dieselbe Geschichte in zwei Extremen erzählen kann: Auf der einen Seite das apokalyptisch-nihilistische Drama im Peckinpah-Style, auf der anderen Seite die megaharte Komödie mit Slapstick- und Marx Brothers-Elementen …

     

    Nichtsdestotrotz gilt: Hirn ausschalten, Spaß haben, und um Himmels willen keinen Western erwarten …

     

    * Kennt hier jemand Peter Fratzschers ANDRÉ SCHAFFT SIE ALLE mit Franco Nero UND Ingrid Steeger? Aber ich schweife ab …

  • Autor: Maulwurf
  • Veröffentlichungen:

    Die Einzel-Blu-Ray von Koch Media bietet die italienische Kinofassung (italienisch mit deutschen Untertiteln oder komplett deutsch) sowie die deutsche Langfassung. Die italienische Fassung ist mit 79 Minuten Laufzeit um knappe 12 Minuten kürzer als die deutscher Version, unter anderem fehlt die komplette Verfolgungsjagd mit dem Fahrrad. Des weiteren sind enthalten diverse Trailer, der deutsche Vorspann, sowie ein halbstündiges Interview mit Enzo G. Castellari.

  • Autor: Maulwurf
  • Filmplakate

    Links

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