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Der zweite Frühling

Deutschland | Italien, 1975

  • Alternativtitel:

    Les prouesses sexuelles du printemps (FRA)

    Second Spring

  • Deutsche Erstaufführung: 11. September 1975
  • Regisseur: Ulli Lommel
  • Kamera: Giovanni Narzisi, Lothar E. Stickelbrucks
  • Musik: Stelvio Cipriani
  • Drehbuch: Ulli Lommel
  • Inhalt:

    Der Lebemann und Klatschkolumnist Fox erlebt seinen verspäteten zweiten Frühling und er entschließt sich, zu heiraten. Seine junge und überaus schöne Frau Gertrud (Irmgard Schönberg) scheint sehr verliebt zu sein und glaubt, mit ihm das große Los gezogen zu haben. Doch die glückliche Stimmung schlägt bereits auf der Hochzeitsreise um, da immer wieder alte Gesichter aus der Vergangenheit auftauchen und das junge Glück unterwandern. Gertrud zieht sich daher mehr und mehr zurück und muss schnell erfahren, dass sie sich zu leichtfertig einer Illusion hingegeben hat, genau wie Fox sich eingestehen muss, dass eine Verjüngungskur in Form einer Ehe nicht funktionieren, und die verlorene Zeit auch nicht wieder zurück bringen kann. Gertrud reagiert immer abweisender, geht schnellstens eigene Wege, straft ihren Mann mit Verachtung, bis sie zu drastischeren Mitteln greift, die in Demütigungen und sexuellen Ausschweifungen gipfeln. Wer bekommt von wem einen Spiegel vorgehalten..?

  • Autor: Prisma
  • Review:

    Bei Ulli Lommels "Der zweite Frühling" liegt es durchaus im Bereich des Möglichen, dass man sich die Frage stellt, wo man eigentlich gelandet ist, da sich der Film doch sehr ungewöhnlicher Schauwerte bedient, die alles andere als herkömmlich wirken. Was Curd Jürgens angeht, so darf man sicherlich behaupten, dass diese Partizipation einer Kulturrevolution gleicht und insofern beispiellos geblieben ist, da man Unglaubliches zu hören und vor allem zu sehen bekommt. Dies äußert sich nicht nur in den teilweise außergewöhnlich ordinären Dialogen, sondern auch darin, dass der Hauptdarsteller sehr häufig tiefe körperliche Einblicke gewährt, damit im quantitativen Sinne sogar etliche der beteiligten Damen zu übertrumpfen versucht. Gut, am besten ist es wohl, direkt auf die netten Kostproben der Dialogarbeit hinzuweisen, die sich anfangs bei einem Besuch in der Sauna zeigen. Dort macht sich eine offensichtlich nymphomanisch veranlagte Dame sicherheitshalber komplett frei und spricht wahllos einige Männer an, da sie es ganz offensichtlich mal wieder ordentlich braucht. Fox und sein Freund Antonio beobachten dieses Spektakel interessiert aus der zweiten Reihe und es kommt eine Konversation dabei heraus, bei der einem aufgrund des offensiven Jargons nahezu Hören, und anschließend auch Sehen vergeht.

     

    Hierbei fallen einige Wörter aus dem Gossenton-Duden, die sozusagen von Drang und Namen sind. Curd Jürgens, aber vor allem Umberto Raho schenken sich bei den Griffen in unterste Sphären des speziellen Sprachgebrauchs rein gar nichts. Fast fühlt man sich einer Schockstarre nahe, bis ein FSK-12-Blow-Job und eine schnelle Sex-Szene folgen, aber es wird ja nicht nur dabei bleiben, denn der weltbekannte Hauptdarsteller soll in dieser Beziehung noch höchstpersönlich seine Fähigkeiten unter Beweis stellen, und einer jungen Dame beispielsweise »das Maul stopfen«. Es soll kein falscher Eindruck entstehen, denn es wäre zu einfach oder sogar ungerechtfertigt, Lommels Film lediglich als platten oder ordinären Sex-Reißer abzuqualifizieren, denn in dieser Geschichte steckt weitaus mehr Tiefgang, als auf den ersten Blick zu vermuten wäre. Aber dieses Fazit stellte sich auch erst nach dem mehrmaligem Anschauen heraus. Dass der Zeitgeist in dieser Produktion hin und wieder gerne das Regiment führt, lässt einen interessanten Mittelweg zwischen Qualitätsansprüchen und Unterhaltungsambitionen entstehen. Es kommt zu einer guten Schilderung von fatalen Illusionen und auch die Oberflächlichkeit der Schickeria wird ordentlich zerpflückt, ohne zu verzerrt oder unglaubwürdig zu wirken.

     

    Dieser stets begehrte Einblick hinter mögliche Kulissen wurde ziemlich oft angestrengt, fand aber genau so häufig eine ziemlich holprige, beziehungsweise unpräzise Darstellung in diversen Produktionen. Die Regie behält es sich vor, einen unempfindlichen Blick zu riskieren und diesen genauso nüchtern nahe zu bringen, was wiederum eine empfundene Glaubwürdigkeit zur Folge hat. Ob hier im Endeffekt zu viel hinein interpretiert ist in ein Szenario, in dem man den Schwanengesang des Curd Jürgens überdeutlich oder exemplarisch vernehmen kann? Es bleibt verspielte Ansichtssache. Zugegebenermaßen war Ulli Lommels Film bei der Erstansicht nahezu peinlich berührend und in vielerlei Hinsicht irritierend, da vermutlich alles außer einem Blick auf Curd Jürgens' blanken Hintern zu erwarten war. Naturgemäß fängt der Zuschauer unter derartigen Umständen an, über seriöse Weltstarbesetzung zu philosophieren, aber alles relativiert sich mit der Zeit, sodass unterm Strich ein progressiver Film mit sehr gewagter Darstellung und vielmehr mutigen Darstellern zurückgeblieben ist, der fahrlässig Grenzen überschreitet und sich ungern an konventionelle Gesetzte derartig gestrickter Filme hält.

     

    Curd Jürgens, der zu dieser Zeit mehreren Filmen beigewohnt hat, die heute eher in der Versenkung verschwunden sind und seinerzeit größere oder kleinere Flops waren, bestimmt die Geschichte im Einklang mit seiner außergewöhnlich schönen Partnerin Irmgard Schönberg, die man hier leider in ihrem ersten und gleichzeitig letzten Film begleiten, oder besser gesagt bewundern darf. Jürgens bringt die richtigen Voraussetzungen für einen Charakter wie den des verlebten Fox mit und weiß diese auch präzise zu transportieren. Der neue Lebensabschnitt soll nicht nur eine Kehrtwendung bedeuten, sondern gleichzeitig einen Schlussstrich im Bezug auf das bisherige ausschweifende Leben darstellen. Man sieht ihm an, zumindest die besten Vorsätze zu haben und dass er absolut darauf vertraut, dass ihm seine junge Braut dabei helfen wird, alles hinter sich zu lassen. Doch die Vergangenheit stellt sich in Windeseile nicht nur als Gegenwart, sondern auch als Zukunft heraus und zerstört die frische Ehe noch bevor sie überhaupt richtig anfangen konnte. Nach wenigen Tagen kommt bereits irgend eines, von Fox' abgelegten Flittchen daher, welches sich in der feudalen Villa einnistet und schließlich zu ganz bestimmten Diensten bereit steht, die nach alten Verhaltensmustern auch gierig in Anspruch genommen werden.

     

    Irmgard Schönberg als Gertrud beginnt ab diesem Zeitpunkt eine bedeutende Metamorphose durchzumachen. Die zunächst unscheinbare und nahezu unschuldig wirkenden Frau, die behütet wurde wie Kronjuwelen, verwandelt sie sich in eine kalt kalkulierende Gegnerin, die plötzlich aus dem Hinterhalt konspiriert und mit allen Mitteln daran zu arbeiten beginnt, ihrem Mann seine Heiligtümer zu rauben, um ihn systematisch zu zerstören. Zunächst vergiftet sie seinen über alles geliebten Hund, um seinen Stolz später mit noch drastischeren Mitteln zu brechen. Die Frage, warum diese Frau, die doch plötzlich alles im Überfluss zur Verfügung hatte, zu solchen Mitteln greift ist sehr interessant und in dieser Geschichte quasi der einzig greifbare Gegenpol zur hemmungslos dargestellten Mechanik in den Bereichen Interaktion und Zwischenmenschlichkeit. So entsteht der tiefere Sinn groteskerweise aus all der dargestellten Oberflächlichkeit und Gleichgültigkeit. Der Verlauf spitzt sich immer mehr zu und insbesondere Irmgard Schönberg provoziert den Zuschauer in äußerst auffordernder Manier, sodass festzustellen bleibt, dass diese (sozusagen) heilige Hure ziemlich unberechenbar wirkt, dabei sogar insgesamt eine ganz logisch wirkende Faszination aufbauen kann.

     

    Ulli Lommel gelingt es bei "Der zweite Frühling" eine sehr ansprechende Atmosphäre zu kreieren, die vor allem eins bewirkt, nämlich für Verwirrung und Unentschlossenheit zu sorgen. Bei allen Veranschaulichungen, die doch im Endeffekt ziemlich gewöhnlich, vielleicht sogar vulgär wirken und einer Sex-Posse genau so gut gestanden hätten, bleibt das tragende Element eine bemerkenswerte Eleganz, die diesen Film ungemein aufwertet. Herrliche Bildkompositionen, ein beneidenswertes Flair, die heißkalte Atmosphäre und die Liebe zum Detail bestimmen das komplette Geschehen, sonnengetränkte Kamera-Einstellungen und idyllische Momente beeinflussen die Szenerie, die wunderschöne Musik von Stelvio Cipriani wirkt wie ein Puffer zwischen der latenten Hysterie, die sich vor allem in Wort und Tat widerspiegelt, aber auch in der feinfühligen Diskretion der Emotionen. Was dieser vertrauten Geschichte ebenfalls zugute kommt ist, dass sie nicht um falsches Verständnis buhlt, aber diverse Eindrücke und Klischees richtiggehend diktiert. Dass die Regie zu schemenhaft vorgegangen ist, kann als Teil des Konzeptes betrachtet werden und insgesamt bleibt diesem sehr interessanten Spielfilm eigentlich nichts vorzuwerfen. Warum aber findet er sich im Sumpf der Belanglosigkeit wieder? Vermutlich liegt es an Curd Jürgens' Darbietung, die manchmal dazu verleitet, den Film voreilig abzuschreiben.

     

    "Der Spiegel" beäugte den Film seinerzeit mit zynischer Härte, er sei »der beste schlechte Film der Saison«, und vielleicht ist sogar etwas Wahres dran, wenn man die Schwemme an Produktionen betrachtet, die ähnliche Inhalte rauf und runter ratterten. Im Grunde genommen hebt sich "Der zweite Frühling" augenscheinlich wenig von anderen Filmen dieser Art ab, sondern reiht sich eher in die Riege der Plagiate ein, die nach Herzenslust inszenatorische und thematische Komponenten recycelten. Aber was solls? Lommels Beitrag hat zumindest rückwirkend gesehen einen nahezu unüberschaubaren Unterhaltungswert und ist im Bereich der kruden Progressiv-Beiträge in recht guter Gesellschaft gelandet. Einschätzungen zwischen kompromittierendem Trivial-Sex und tiefgründiger Gesellschaftskritik mit doppelbödiger Charakterzeichnung sind daher sowohl als auch gerechtfertigt. Eingefleischte Curd-Jürgens-Fans sollten aber vielleicht doch eher passen, da man das Dargebotene so schnell nicht wieder vergisst. Nicht, weil es nichts zu sehen und zu hören gibt, sondern weil hier das krasse Gegenteil der Fall ist. Die Prognose der Geschichte wirkt unerm Strich sehr sarkastisch, da die selbstverliebte und versnobte Schickeria Ihresgleichen wohl stets alles vergeben und verzeihen wird. In diesem Beitrag kann der interessierte Zuschauer letztlich alles zwischen Gut und Böse ausfindig machen. Ein eigenartig faszinierender Film!

  • Autor: Prisma
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