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Die Zeit der Geier

Italien, 1967

  • Originaltitel: Il tempo degli avvoltoi
  • Alternativtitel:

    Ringo... Era Seu Nome (BRA)

    Les vautours attaquent (FRA)

    Last of the Badmen (USA)

    Time of Vultures

    Zeit der Geier

  • Deutsche Erstaufführung: 25. Oktober 1968
  • Regisseur: Nando Cicero
  • Kamera: Fausto Rossi
  • Musik: Piero Umiliani
  • Drehbuch: Fulvio Gicca Palli
  • Inhalt:

    Obwohl Nando Ciceros ZEIT DER GEIER nicht zu Unrecht im Ruf steht, ein alles andere als zimperlicher Vertreter seiner Art zu sein, beginnt der Film sehr romantisch. Nämlich im Heu. Dort liegt nämlich der heißblütige Rancharbeiter Kitosh mit der Frau eines Kollegen. Als der tatsächlich Angetraute hinzukommt, wird's allerdings weniger heimelig. Es setzt vier Stockhiebe (mit zwei Zugaben) vom Don und Rancheigner Mendoza zur Abkühlung.

     

    Eine Lehre war es dem Womanizer offenbar nicht, denn noch am gleichen Abend wird er mit Schaum an den Händen neben einer Badewanne erwischt. Wäre alles ja nicht so schlimm, wenn in der Wanne nicht die Gemahlin von Mendoza himself gesessen hätte...

     

    Schluss mit Lustig: Versehen mit einem Brandzeichen am Allerwertesten wird Kitosh vom Hof gejagt. Kurz darauf schließt sich unser leicht naiver Schwerenöter dem stets schwarzgekleideten, sadistischen Outlaw Tracey an. Der verstrickt Kitosh immer tiefer in einen Strudel aus Verbrechen und Gewalt; bis es in einer verwaisten Abtei zum Showdown mit Don Mendoza kommt. Doch kann Kitosh sich wirklich auf seinen Kumpel in Schwarz verlassen?

  • Autor: Christian Ade
  • Review:

    „Tollwütige Hunde haben keine Freunde.“

     

    Nando Cicero, der am Anfang seiner Karriere öfters mal im spanischen Almeria vorbeischaute, um Bleiopern wie ZWEIMAL JUDAS, den vorliegenden ZEIT DER GEIER oder das ebenfalls mit George Hilton in der Hauptrolle besetzte STOSSGEBET FÜR DREI KANONEN zu drehen, verlegte sich Anfang der Siebziger zunehmend ins Komödienfach, wo er auffallend häufig mit unser aller Göttin Edwige Fenech zusammenarbeitete. Bis zu seinem Karriereende im Jahre 1983 füllte er seine Filmographie fleißig mit Titeln wie DIE BUMSKÖPFE oder DIE LETZTEN HEULER DER KOMPANIE.

     

    Wie gesagt: Damals in den späten Sechzigern hat noch nicht die Stunde der mehr, leider meist weniger lustigen „Bumsköpfe“ geschlagen. Nein, es herrschte die raue Zeit der Geier. Eine Zeit, wo man erst schießt- und dann noch nicht einmal fragt. Wo man ohne mit der Wimper zu zucken, die blinde Ex mitsamt Saloon abfackelt. Und wo man selbst dem besten Freund einen langsamen Tod durch Bauchschuss wünscht.

     

    Damit wären wir beim „Schwarzen Tracey“. Ein schwarzgekleideter Killer, der nicht nur an Epilepsie, sondern auch an Blutrausch und Frauenhass leidet. Keine Ahnung, welchen Narren unser eingangs erwähnter verstoßener Schwerenöter Kitosh ausgerechnet an diesem Sadisten gefressen hat, aber er läuft ihm hinterher wie ein kleiner Bruder, der auch mal mit den Großen spielen will. Und dass tut er letztendlich auch. Nur heißen die Spiele in diesem Fall nicht „Softball“ oder „Fang den Hut“, sondern „Gefängnisausbruch“, „Goldraub“, „Bleihagel“, „Frauen quälen“ und „Zeugen beseitigen“. Auch wenn Kitosh von der Grausamkeit seines neuen Buddys immer mehr entsetzt und angewidert ist; in einer Art Nibelungentreue geht es weiter.

     

    Da wäre sie wieder: Die (Revolver-)männerfreundschaft unter Anti-Helden, die am Ende unausweichlich in eine ganz und gar nicht mehr brüderliche Konfrontation münden wird. Schaut nach in DER TOD RITT DIENSTAGS (Lee van Cleef / Giuliano Gemma), VON MANN ZU MANN (wieder Lee van Cleef / John Phillip Law) oder VON ANGESICHT ZU ANGESICHT (Gian Maria Volonté / Tomas Milian). In DIE ZEIT DER GEIER sehen wir Lieblingsvillain Frank Wolff (als Tracey) und den uruguayanischen Bleioperstar George Hilton (als Kitosh) in diesen Rollen.

     

    Im Gegensatz zu den vorgenannten Klassikern findet man tiefgründige Charakterzeichnung und dramatische Entwicklungen in DIE ZEIT DER GEIER eher nicht. Cicero richtet den Fokus seiner Inszenierung nicht auf Tiefgang, sondern auf Ruppigkeit. Viel mehr möchte er sich den Leichenbergen widmen, die die Sechs- und Zweischüsser und die Granatwerfer unserer Antihelden-Dudes hinterlassen. Und natürlich auch den sadistischen Ausfälligkeiten des „Schwarzen Tracey“. Davon gibt es einige, wovon insbesonders die für Pamela Tudor ziemlich unangenehme „Glockenszene“ und ein Zimmermannsnagel in Erinnerung bleiben. Letzterer kommt zum Einsatz, als Franco Balducci ans nächstbeste Scheunentor genagelt wird. Ihr merkt schon: Der gute, alte Frank bekommt demnach massig Gelegenheit, den großen, bösen Wolf(f) zu spielen. Und auch Kitosh lädt sich mit zunehmender Laufzeit so einiges aufs Kerbholz.

     

    Handwerklich liefert Nando Cicero grundsolide Arbeit ab. Und auch der berüchtigte Demofilo Fidani darf hier den Beweis antreten, dass er – wenn das Budget stimmt – durchaus in der Lage ist, stimmige Sets zu erschaffen. Nur von Piero Umilani hat man schon packendere Scores gehört wie die Musik, die er für diesen Film geschrieben hat.

     

    Im Mittelteil zeigt der Film kleinere Ermüdungserscheinungen. So dauert beispielsweise der Überfall auf den Goldtransport deutlich zu lange. Doch dann kämpft man sich mit weiteren Wolff’schen Ausrastern zurück in die Spur und kredenzt final ein unterhaltsames Endspiel, welches jedoch aufgrund dem vernachlässigten Tiefgang in der Figurenzeichnung keinesfalls die epische Sprengkraft eines Schlussduell a la DER TOD RITT DIENSTAGS erreicht. Auch wirkt es etwas störend, dass abgesehen vom konsequent bösen Wolff kaum eine Figur eine klare Linie besitzt. Einige Reaktionen und Verhaltensweisen stehen dann doch im krassem Widerspruch zur Intention des jeweiligen Charakters. Was jedoch weniger nach guter Ambivalenz, sondern eher nach konfuser Figurengestaltung schmeckt.

     

    Doch genug gelästert. Klar dürfte sein, dass ein Western, in dem Wolff und Hilton Leichenberge produzieren, Eduardo Fajardo den Prügel schwingt und die hinreißende Femi Benussi eine Bettszene hat, natürlich trotzdem jeden Cent wert ist.

     

    FAZIT: Grundsolider Western über eine (Revolver-)Männerfreundschaft unter Antihelden, die dann selbstredend natürlich keine Spielfilmlänge überdauert. Den Mangel im Tiefgang in der Charakterzeichnung gleicht DIE ZEIT DER GEIER mit einer Extraportion Ruppigem aus und wartet mit Bleiopernstars wie Frank Wolff und George Hilton auf.

  • Autor: Christian Ade
  • Veröffentlichungen:

    Schon vor einigen Jahren im Rahmen der „Western Unchained“-Reihe auf DVD erschienen, lässt Koch Media DIE ZEIT DER GEIER nun in vollem HD und damit in besserer Bildqualität erstrahlen. Die Extra-Abteilung indes ist gleichgeblieben. Wie auf der DVD erzählt Darsteller George Hilton auch auf der BD zwölf Minuten lang von seiner Filmkarriere in Bella Italia, die ihn bekanntermaßen zu großer Berühmtheit im Metier des Western und Giallo geführt hat. Filmhistoriker Fabio Melelli setzt sich im Anschluss neun Minuten lang mit DIE ZEIT DER GEIER auseinander. Eine Bildergalerie mit seltenem Werbematerial gibt es zusätzlich zu begehen.

  • Autor: Christian Ade
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