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Yankee

Italien | Spanien, 1966

  • Alternativtitel:

    El yankee (ESP)

  • Deutsche Erstaufführung: 12. Oktober 1967
  • Regisseur: Tinto Brass
  • Kamera: Alfio Contini
  • Musik: Nini Rosso
  • Drehbuch: Alfonso Balcázar, Tinto Brass, Gian Carlo Fusco, Alberto Silvestri
  • Inhalt:

    Irgendwo in Mexiko an der Grenze zu den Vereinigten Staaten führt der Große Concho unbehelligt vom Gesetz eine Schreckensherrschaft. Dann jedoch reitet ein schwarzgekleideter Kopfgeldjäger in die Stadt und fordert den Tyrannen heraus. Bevor sich die beiden zum finalen Showdown gegenüberstehen, muss der hiesige Totengräber Schwerstarbeit verrichten...

  • Autor: Christian Ade
  • Review:

    Nicht allen italienischen Regisseuren war der Italowestern etwas, was man deren Metier hätte nennen können. Und doch gab es ausgerechnet dann hochinteressante Resultate zu bestaunen, wenn ein solcher Genre-Fremdling in den 60ern und 70ern einen Western gemacht hat. Schau nach bei Questi (TÖTE DJANGO). Schau nach bei Fulci (VERDAMMT ZU LEBEN, VERDAMMT ZU STERBEN). Schau nach bei Margherti (SATAN DER RACHE). Oder eben bei Tinto Brass.

     

    Sein erster und einziger Western datiert aus dem Jahr 1966. Damit steht YANKEE in der Chronologie noch vor Filmen wie NEROSUBIANCO, THE HOWL, CALIGULA oder SALON KITTY; eben jenen Werken, die Brass’ skandalesquen Hang zur Erotik und zur subversiven Kunst erst definiert haben.

    Der Giallo ICH BIN WIE ICH BIN, den Brass nur ein Jahr später mit Jean-Louis Triginant und Ewa Aulin in den Hauptrollen gedreht hat, ist ebensowenig ein Giallo von der Stange wie YANKEE ein typischer Spaghettiwestern ist. Wo ICH BIN WIE ICH BIN nicht fern von Antonionis BLOW-UP viel mehr psychedelischer Trip durch die ausgehenden Sechziger denn gepflegtes Murder Mystery sein möchte, tanzt bisweilen auch der YANKEE im Kanon der italienischen Bleiopern mit gesunder Eigenwilligkeit aus der Reihe.

     

    Dabei erzählt der Film im Grunde die klassische Geschichte und lässt auf der Klaviatur kaum eine Genre-Routine aus. Der feine Unterschied liegt im Detail. Und in vielen kleinen Szenen und Einstellungen, die Brass mit erfrischender Extravaganz montiert hat. Noch nicht ganz so experimentiell und Grenzen auslotend wie in spätereren Werken verfolgt Brass aber schon hier in Sachen Inszenierung deutlich erkennbar einen eigenen roten Faden. Genau dieser Umstand lässt YANKEE ungeachtet seiner altbekannten Handlung aus dem Pfuhl ähnlich gestrickter Bleiballaden herausstechen.

     

    Trademarks sind die vielen, leinwandfüllenden Extremzooms auf Gesichter, Dollarmünzen und Feuerbrünste. Aber auch die ein oder andere quälend unbequeme Szene wie die mit dem lebenden Skorpion auf glühendem Boden. Und vor allem lebt der YANKEE von der grandiosen Leistung seines Prota- und Antagonisten.

     

    „Und wenn du durch das Dorf reitest, versuch den Atem anzuhalten. Hier gehört sogar die Luft dem großen Concho und er mag es nicht, wenn jemand sie ihm wegatmet!“

     

    Ein Jahr zuvor auf der ganz großen Bühne war Adolfo Celi noch James Bonds Gegenspieler in FEUERBALL, eines meiner persönlichen Lieblings-007-Abenteuer, dann ernannte Brass ihn zum Großen Concho. Celi brilliert als eine Art mexikanischer Borderland-Caligula, der nicht nur eine Bande gesuchter Schwerverbrecher befehligt, sondern auch eine ganze Stadt samt Maus und Sheriff unter seiner Knute hat. Ein größenwahnsinniger, in einen protzigen Poncho gehüllter Sadist mit einer Vorliebe für Peitschen, Gold und drakonischen Strafen. Er hält sich für unbesiegbar. Bis ein raffinierter wie eiskalter Kopfgeldjäger in sein kleines Reich des Schreckens reitet...

     

    „Reite zurück zum Concho! Sag ihm, der Yankee macht das Geschäft allein. Jeder von euch hat seinen Preis und ich hol mir einen nach dem anderem. Sag ihm das! Und sag ihm weiter, dass ich mir seinen Kopf bis zuletzt aufhebe...“

     

    Und das ist der namenlose YANKEE. Gespielt vom markanten Franzosen Philippe Leroy, der uns aus der alten TV-Serie SANDOKAN und THE FRIGHTENED WOMAN, Schivazappas schick(ig)en Pop-Art-Erotik-Giallo aus den sadomasochistischen Endsechzigern, geläufig sein dürfte. Leroy kann den Dreitagebart getrost beim Barbier lassen; als (Gun-) Man in Black ist er trotzdem cool as fuck. Im Pingpong mit seinem mächtigen wie bösartigen Gegenspieler Concho haut er uns lässige Zynismen in Zeilenform im Minutentakt um die Ohren. Und beiderseits stapeln sie bis zum unausweichlichen letzten Duell die bleigefüllten Leiber zu Türmen im Grenzland.

     

    „Don Salvo, du bekommst Arbeit! Spann den Leichenwagen an!“

     

    Keine Sekunde Langeweile kommt auf, wenn sich der Große Concho und der Yankee zunächst mit sarkastischen Sprüchen, später in aller Härte bis aufs Messer bekriegen. Dabei ist YANKEE zwar ein brutaler, aber auch schwerunterhaltsamer Italowestern, der insbesondere durch Continis markanter, von nicht alltäglichen Einstellungen und Perspektiven geprägten Kameraführung sowie Brass’ eigenwilligen Inszenierungsstil veredelt wird. Dazu pfeifen aus Nino Rossis Score ein paar Ohrwurmmelodien, während Mirella Martin sich zeigefreudig gibt.

     

    Fazit: Quentin Tarantino führt den YANKEE nicht in der Top 20 seiner liebsten Italowestern. Der Film hat es auch nicht in die Liste der fünfzig essentiellen Spaghetti Western der hochgeschätzten Kollegen von der Spaghetti Western Database geschafft. Und dennoch hat Tinto Brass hier einen erstklassigen Genrebeitrag mit hohem Replay- und Unterhaltungswert abgeliefert. Die Geschichte ist zwar weder neu noch komplex, wird aber mit zynischer Härte erzählt. Vor allem Brass’ bisweilen extravaganter Inszenierungsstil wertet den Film deutlich auf und macht aus YANKEE einen Italowestern, den man gesehen haben sollte.

  • Autor: Christian Ade
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