Werkzeug der Mächtigen

Italien, 1975

  • Originaltitel: Gente di rispetto
  • Alternativtitel:

    Gente de respeto (ESP)

    Les maîtres (FRA)

    The Flower in His Mouth (USA)

    The Schoolmistress and the Devil

    The Masters

    Die ehrenwerte Gesellschaft

    Ehrbare Leute

  • Deutsche Erstaufführung: 17. September 1977
  • Regisseur: Luigi Zampa
  • Kamera: Ennio Guarnieri
  • Musik: Ennio Morricone
  • Drehbuch: Leonardo Benvenuti, Piero De Bernardi, Luigi Zampa
  • Inhalt:

    Die junge Lehrerin Elena Bardi (Jennifer O’Neill) wird nun schon zum achten Mal versetzt, da ihre eher modernen Absichten mit den althergebrachten erzkonservativen Unterrichtsplänen- und Methoden kollidieren. Diesmal soll sie in einer kleinen sizilianischen Gemeinde unterrichten, die vorwiegend aus armen Leuten besteht, die für die Mächtigen des Ortes arbeiten oder gar nicht.

     

    Auf der Busfahrt dorthin wird sie von einem kleinen, schmierigen Broker verbal belästigt, der dasselbe Ziel hat, und nachdem sie nach ihrer Ankunft erneut von ihm mitten auf dem Dorfplatz vor aller Augen belästigt wurde, wird dieser tot aufgefunden – auf ebendiesem Platz, auf einem Stuhl sitzend, mit einer Blume in seinem Mund. Und diese hat eine besondere Bedeutung, nämlich dass Besucher der Stadt tabu sind. Ermittlungsrichter Occhipinti (Orazio Orlando) gefällt es natürlich gar nicht, dass dieser seit mehr als hundert Jahren nicht mehr gesehene „Brauch“ wieder eingeführt wurde und drangsaliert die neue Lehrerin.

     

    Untergebracht wurde Elena in einem seit vierzig Jahren leer stehenden Haus, das dem Avvocato Antonio Bellocampo (James Mason) gehört, und der scheint besondere Pläne mit Elena zu haben. Sie soll etwas Modernität und Bildung in den Ort bringen. Das ist nicht so einfach, denn zunächst kollidieren ihre Ansichten mit denen des Dekans, zudem erscheinen nur acht von ihren fünfunddreißig Schülern zum Unterricht. Mithilfe von Bellocampo besucht sie die armen Familien des Ortes, um herauszufinden, was die Kinder vom Schulbesuch abhält.

     

    Außerdem beginnt sie eine Affäre mit ihrem Lehrerkollegen Michele Belcore (Franco Nero). Und es gibt weitere Tote – samt und sonders Leute, die Elena Schwierigkeiten bereiten wollten, alle stets am Morgen auf dem Marktplatz als Leichen zur Schau gestellt - was Elena zu einem nicht geringen Ansehen und Machtstatus innerhalb der Gemeinde verhilft. Denn eines wird immer offensichtlicher: Elena steht unter der Protektion einer anscheinend sehr mächtigen Persönlichkeit der Mafia, ob es ihr passt oder nicht.

     

    Sie nutzt diese neugewonnene Macht, um einen Gesetzesentwurf in Gang zu bringen, der schon seit Jahren auf den Schreibtischen der Stadtverwaltung vor sich hin staubt und der bessere Lebensbedingungen und die Möglichkeit zur Immigration in andere europäische Länder für die Armen bringen soll. Doch es sind weitere Dinge mit diesem Gesetzesentwurf verknüpft, von denen Elena nichts weiß, und schließlich muss sie erkennen, dass sie nur das ahnungslose Werkzeug eines mächtigen Intriganten war, der im Hintergrund bleiben will.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    Regisseur Luigi Zampa (1905 – 1991) gehörte zu den wichtigsten aber in Deutschland eher weniger bekannten Vertretern des Neorealismus. Und während die italienische Kritik in den letzten Regiearbeiten Zampas einen künstlerischen Niedergang zu erkennen vermeinte, gehört dieser drittletzte Film von ihm zu den besten Mafia-Filmen, die ich seit langem gesehen habe und noch nicht kannte.

     

    „Werkzeug der Mächtigen“ entstand nach einer Romanvorlage von Giuseppe Fava, der auch die Vorlage für Florestano Vancinis „Gewalt – Die fünfte Macht im Staat“ lieferte. Der Hauptfokus liegt hier sowohl auf den Charakteren, als auch und hauptsächlich auf der überaus spannenden Geschichte. Denn genau wie die Hauptprotagonistin Elena, weiß der Zuschauer eigentlich gar nicht, was da vor sich geht und vor allem warum.

     

    Man stelle sich die Situation vor: eine Fremde kommt in die Stadt, eine neue Lehrerin, die anfänglich zu niemandem im Ort eine persönliche Verbindung hat und doch räumt ein großer Unbekannter im Hintergrund jedes Problem für sie aus dem Weg, sogar durch Mord.

     

    Und auch wenn es so manche zweifelhafte und einflussreiche Persönlichkeit im Ort gibt, sieht Elena nur zwei Hauptverdächtige: ihre Affäre, den Lehrerkollegen Michele Belcore, von dem sie sich wohl wünscht, er wäre ihr geheimer Beschützer. Und ihren Gönner Avvocato Antonio Bellocampo, der ihr schon bei der ersten Begegnung eine kuriose Geschichte erzählt. Das Haus, das er Elena zur Verfügung gestellt hat, kaufte er einst für seine Schwester als diese in einer Lebenskrise steckte und Nonne werden wollte. Aber sie starb kurz darauf und seitdem stand es vierzig Jahre leer, da in seinen Augen niemand würdig gewesen sei, im einstigen Haus seiner Schwester zu wohnen. Er habe gehofft, Elena sei würdig und nun, nachdem er sie getroffen habe, sei er sich sicher.

     

    Hier findet sich das einzige Manko der Story, nämlich die Offensichtlichkeit, wer hinter dem Ganzen steckt. Das schmälert die Spannung aber nicht, denn wir kennen ja das Motiv nicht und wissen genauso wenig, wie weit das Ganze noch geht und ob die junge Lehrerin unbeschadet aus dem ganzen hervor gehen wird. Morde werden dem Zuschauer – außer am Ende – nicht gezeigt, stattdessen gibt es das bizarre Szenario von hübsch drapierten Leichen auf dem Marktplatz. Wie schon in der Inhaltsangabe beschrieben, z. B. den Belästiger, mit einem Loch in der Stirn , im Anzug, relaxt auf einem Stuhl sitzend, eine Blume im Mund. Oder zwei Motorradfahrer, die Elena drangsaliert haben, später tot auf dem Marktplatz, auf ihren Motorrädern sitzend festgebunden, mit laufendem Motor, etliche Einschusslöcher im Körper. Der Reporter Profumo dagegen, der Elena mit seinen Fragen und durch Verfolgung belästigt, wird dagegen „nur“ verprügelt, denn zumindest hat er nicht den Fehler begangen, dabei Hand an sie zu legen. Sonst hätte er sich wohl ebenfalls unter den Marktplatzleichen befunden. Dieser Reporter Profumo wird von dem italienischen Knallchargen-Komiker Gino Pagnani dargestellt.

     

    Zu den Hauptdarstellern, “Werkzeug der Mächtigen“ ist definitiv die beste Rolle, in der ich Jennifer O’Neill bisher gesehen habe. Zunächst ist sie eigentlich (insgeheim) recht ängstlich wegen der Morde und der anfänglichen Ablehnung, die sie von den Dorfbewohnern erfährt, aber von Ermittlungsrichter und Polizei, die Elena verdächtigen, lässt sie sich nicht die Butter vom Brot nehmen. Gut dargestellt hat O’Neill auch, wie sie sich später von ihrer scheinbaren Macht vorübergehend korrumpieren lässt, obwohl sie die Quelle dieser Macht weder versteht noch kennt. Es war wohl auch diese starke Rolle, die Jennifer O’Neill zu ihrer anschließenden großen Rolle in Luchino Viscontis letztem Film „Die Unschuld“ (1976) verhalf.

     

    James Mason hat hier einen seiner bemerkenswerteren italienischen Auftritte als Gönner der neuen Lehrerin, möglicherweise trotz seines Alters sogar in sie verliebt und mit völlig undurchsichtigen Motiven bis zum Schluss. Ein wenig realitätsblind scheint die junge Lehrerin hier aber doch. Brilliant ist die finale Szene mit Mason im Garten seines Anwesens, wo wir mit einem völlig unerwarteten, zusätzlichen Rachemotiv konfrontiert werden.

     

    Franco Nero dagegen ist natürlich wie immer nett anzusehen, macht als Schauspiel-Profi auch nichts verkehrt, hat aber als Elenas Kollege und Liebhaber eine bemerkenswert unwichtige Rolle. Wichtig ist allenfalls seine Philosophie über die drei Wege, wie man in diesem Ort überleben kann, arm und als Handlanger der Mächtigen, selbst in die Reihen der Mächtigen aufrücken oder eben als Lehrer, der sich um seinen eigenen Kram kümmert, nichts hört, nichts sieht und auf den Tod wartend nach einem unbedeutenden Leben. Elena findet jedoch, es gäbe noch einen vierten Weg, nämlich die Wahrheit. Der Wahrheit ins Gesicht sehen, sie aussprechen, nicht vor der Wahrheit davonzulaufen.

     

    Den Ermittlungsrichter Occhipinti spielt Orazio Orlando, den man unter anderem in Francesco Barillis „Das Parfüm der Dame in Schwarz“ oder Elio Petris „Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger“ sehen kann.

     

    Gedreht wurde „Werkzeug der Mächtigen“ in der Festungsstadt Ragusa in Sizilien, der Name wurde jedoch im Film geändert, was etwas seltsam anmutet, denn man sollte meinen, jeder italienische Kinogänger würde Ragusa auf Anhieb erkennen. Selbst ich als absolute Erdkunde- und Auslandsniete habe die Stadt sofort erkannt.

     

    Produziert wurde der Film unter der Leitung von Carlo Ponti für dessen Unternehmen „Galaxy“, die Innenaufnahmen wurden in den Incir-Studios in Rom gedreht. Der Soundtrack von „Gente di Respetto“ kommt von Ennio Morricone, natürlich mit einem schmissigen Hauptthema.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Veröffentlichungen:

    Die Veröffentlichungslage von „Werkzeug der Mächtigen“ sieht allerdings so aus: in Deutschlands Heimkinos auf VHS. Die italienische DVD lt. ofdb nur mit italienischem Ton, was – wenn dem so ist - kurios wäre, da der der Film offensichtlich in Englisch gedreht wurde und im Internet durchaus ein englischsprachiger DVD-Rip zu finden ist. 2005 war der Film mal im Pay-TV zu sehen. Immerhin scheinen alle bisherigen Fassungen ungekürzt zu sein, also – eine deutsche DVD wäre nett.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Filmplakate

    Links

    OFDb

    IMDb

    Bitte Kommentar schreiben

    Sie kommentieren als Gast.