Wer erschoss Salvatore G.?

Italien, 1962

  • Originaltitel: Salvatore Giuliano
  • Alternativtitel:

    O Bandido Giuliano (BRA)

    La mafia (MEX)

    O Bandido da Sicília (POR)

    Der Fall Salvatore Giuliano

  • Deutsche Erstaufführung: 05. Juli 1963
  • Regisseur: Francesco Rosi
  • Kamera: Gianni Di Venanzo
  • Musik: Piero Piccioni
  • Drehbuch: Suso Cecchi D'Amico, Enzo Provenzale, Francesco Rosi, Franco Solinas
  • Inhalt:

    Sizilien 1950: auf einem Hinterhof in Castelvetrano, Sizilien wird die Leiche von Salvatore Giuliano, einem seit langem gesuchten Seperatisten und Banditen mit Mafiaverbindungen gefunden. Noch im Tod umklammert er seine Waffe. Die Carabinieri geben bekannt, Giuliano bei einem Schusswechsel in Notwehr getötet zu haben.

     

    Reporter befragen die Anwohner, doch die haben in der Nacht nur drei einzelne Pistolenschüsse gehört und eine halbe Stunde später eine Salve aus einem Maschinengewehr. Es bestehen somit Zweifel an der Version der Carabinieri, die durchaus ein Motiv hätten, denn Giulianos Bande hat in den vergangenen sieben Jahren den Tod von hunderten Carabiniere auf dem Gewissen.

     

    In Rückblenden werden Ereignisse aus der Geschichte Giulianos erzählt. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Massaker von Portella della Ginestra, verübt am 1. Mai 1947, als Giulianos Bande das Feuer auf Anhänger der Volkspartei und Kommunisten, die ihren jüngsten Wahlerfolg und den Tag der Arbeit feierten, eröffnen ließ. Dabei gab es elf Tote und dreißig Verletzte, unter ihnen auch Kinder.

     

    Kurz nach Beginn des Prozesses gegen eine Reihe von Giulianos Anhängern im Sommer 1950 wird dann seine Leiche gefunden. Nach der Festnahme des engsten Vertrauten des Bandenchefs – Gaspare Pisciotta (Frank Wolff) – tauchen Aussagen und Indizien auf, Pisciotta habe im Auftrag der Mafia seinen Freund getötet, unterstützt von den Carabinieri. Doch viele Fragen sind noch offen, die Aussagen widersprechen sich, und vor allem scheint es an Beweisen zu fehlen.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    „Wer erschoss Salvatore G?“ ist wohl einer der ersten und wichtigsten Vertreter des Mafiafilms. Der dokumentarisch angelegte Spielfilm erzählt nach einem Drehbuch von Francesco Rosi, Franco Solinas, Enzo Provenzale und Suso Cecci D’Amico die Geschichte einer der wichtigsten Figuren im Befreiungskampf Siziliens. Rosi drehte den Film an Originalschauplätzen in Montelepre, Castelvetrano und Portella della Ginestra, kleinen Dörfern nicht weit von Palermo entfernt. Bei den zahlreichen Darstellern handelte es sich weitgehend um Laien, die Ausnahme bilden da lediglich Frank Wolff als Gaspare Pisciotta und Salvo Randone als Richter am Gerichtshof von Viterbo. Man erfährt durch den Film viel über die sizilianische Geschichte jener Zeit, über die relevanten Orte und die beteiligten Personen. Spannung und Dramatik wird durch die Geschehnisse und deren Umsetzung selbst erzeugt, weniger durch stilisierte Dramaturgie.

     

    Über die Person des Salvatore Giuliano sollte man wissen, dass dieser für die Sizilianer damals ein Volksheld war. Der ursprünglich in Brooklyn geborene Giuliano kämpfte nach der Heimkehr seiner Familie nach Italien zunächst als Separatist für die EVIS, einer Freiwilligenarmee für die Unabhängigkeit Siziliens (1943 – 1945). Nach dem Sieg sagte man den Mitgliedern von EVIS Amnestie für alle politischen Verbrechen zu, doch Giuliano selbst hatte bereits 1943 einen Polizisten getötet, der ihn beim Schmuggeln von ein paar Säcken Mehl anhielt. So blieb Giuliano im Untergrund und wurde zum Kidnapper, Erpresser und Schmuggler. „Er nimmt es den Reichen und gibt es den Armen“, sagt ein Bewohner von Castelvetrano in Rosis Film zu einem Reporter. Nach dem Massaker an Mitgliedern der Linken und Kommunisten am 1. Mai 1947 in Portella della Ginestra kippt die Stimmung, und Giuliano hat Hundertschaften von Polizisten und Militärs gegen sich. Die Mafia lässt ihn fallen, obwohl – wie man im späteren Verlauf erfährt – diese anscheinend den Befehl zu diesem Massaker gegeben hat.

     

    Obwohl es bei der späteren Gerichtsverhandlung im Film nicht mittelbar um den Mord an Salvatore G. geht sondern um die Anklage gegen Mitglieder der Bande wegen des Blutbads in Portella della Ginestra, gelingt es dem Richter im Film naturgemäß nicht, die Umstände des Todes Giulianos aus der Verhandlung auszuklammern.

     

    Bezüglich des Massakers erzählt Rosi am Beispiel eines unbescholtenen jungen Schäfers, der zuvor noch nie ein Gewehr in Händen hielt, wie dieser schlichtweg durch die Nennung des Namens des Volkshelden Giuliano zum Mitkommen in dessen Unterschlupf in den Bergen überredet wurde. Es folgt eine rasche Einweisung im Umgang mit einer Schusswaffe, dann macht man sich auf den Weg zu einem unbekannten Ziel. Es wird den Beteiligten lediglich gesagt, sie könnten jetzt etwas Bedeutendes für ihr Land Sizilien tun. Vor dem Blutbad erlaubt sich Francesco Rosi eine gewisse künstlerische Freiheit, in dem er den Anführer der kommunistischen Volkspartei noch eine kurze Rede halten lässt – in der Realität hat diese Rede nicht stattgefunden, es wurde umgehend aus dem Hinterhalt auf die Menge geschossen, sobald diese den Versammlungsort erreicht hatten.

     

    Francesco Rosi erzählt „Wer erschoss Salvatore G.?“ in dokumentarischem Stil. Dabei beginnt er mit dem Auffinden der Leiche Giulianos und bringt dem Zuschauer dann dessen Geschichte in Rückblenden und in Form der späteren Gerichtsverhandlung gegen die mutmaßlichen Täter des Massakers von 1947 dar. Nicht vergessen sollte man als Zuschauer dabei, dass der Film von 1963 stammt, denn denkt man nach dem Film ein wenig länger über die Zusammenhänge und die Ergebnisse der Gerichtsverhandlung nach, gibt es da nicht nur die auch im Film benannten Lücken sondern Einiges erscheint gar ziemlich unlogisch. Aber Rosi erzählt das Ganze nüchtern, ergeht sich also weder in Spekulationen, noch folgt er der populistischen Meinung der Figur Giulianos als sizilianischem Volksheld. Nach über 40 Biographien über diese Figur und spätere Erkenntnisse weiß man heute mehr über die damaligen Zusammenhänge und die Verbindungen zwischen den damaligen Seperatisten, der Mafia, Carabiniere, Staatsanwälten etc., doch noch immer längst nicht alles. Eine der grundlegendsten Fragen wird gar nicht aufgeworfen – warum dieses Massaker am 1. Mai, wo liegt die Motivation? Vielleicht liegt die Antwort in Giulianos innerer Verbundenheit zu den USA, vielleicht konnte er sich aber auch einfach nicht den Befehlen der Mafiabosse über ihm widersetzen. Spätere Erkenntnisse haben auch den im Film als „Kleinen Anwalt“ benannten Mafia-Befehlshabers identifiziert, dessen Name damals nicht ermittelt werden konnte.

     

    Neben den bereits erwähnten zahlreichen Biographien führte diese Geschichte auch zu Mario Puzos Roman „Der Sizilianer“ und dessen Verfilmung von 1987 unter der Regie von Michael Cimino. Hier wird wieder die These des Volkshelden unterstützt. „Wer erschoss Salvatore G?“ erhielt neben zahlreichen Filmpreisen in seinem Heimatland Italien – Beste Regie, Beste Kamera, Beste Musik – auf der Berlinale 1962 den Silbernen Bären für die Beste Regie. Die Musik von Piero Piccioni ist hörenswert, wird aber jene verstören, die seine späteren Lounge-Tracks lieben – das hier ist völlig andersartig. Als Second Unit-Regisseure sind Nando Cicero (der auch eine Nebenrolle spielt) und Franco Indovina benannt, Regie-Assistent war Roberto Pariante. Gedreht wurde „Salvatore Giuliano“ (OT) 1961, die Kino-Premiere in Italien fand am 28. Februar 1962 statt.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Veröffentlichungen:

    In Sachen DVD oder gar BD ist es im deutschen Raum grundsätzlich schlecht um die Filme Francesco Rosis bestellt. Ein Armutszeugnis! Im Juni 2015 konnte man aber eine Retrospektive mit sieben Rosi-Filmen im Babylon-Kino in Berlin erleben. Bei der Laufzeitangabe zu „Wer erschoss Salvatore G?“ des Babylon-Kinos muss es sich allerdings um einen Fehler handeln. Die alte deutsche Kinofassung war leicht gekürzt, aber auf 107 Minuten? Eher nicht - oder die haben eine Rolle versemmelt. Im Jahr 2013 wurde eine 4k-Abtastung vom Originalkameranegativ durch die Cinemateca di Bologna und die Film Foundation in Zusammenarbeit mit Francesco Rosi selbst vorgenommen. Einige Stellen des Negativs waren so stark von Schimmel befallen, dass man Ergänzungen von einer der Erstkopien vornehmen musste, gleiches gilt für die vom Essig-Syndrom betroffenen Tonstellen. Optisch ist mir das beim Ansehen aber lediglich an einer Stelle (ca. 99. Minute, kurz vor der Rückblende zum Mord an Salvatore G.) wirklich bewusst aufgefallen, wo das Bild für ein paar Sekunden deutlich unschärfer war. Zu bewundern gibt es diese 123-minütige Fassung von „Arrow Academy“ in Italienisch mit englischen Untertiteln, die man erstaunlich preiswert als Import bei einem bekannten Versandunternehmen (hüstel) erwerben kann.

  • Autor: Gerald Kuklinski
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