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Wenn die Gondeln Trauer tragen

Italien | Vereinigtes Königreich, 1973

  • Originaltitel: Don't Look Now
  • Alternativtitel:

    Amenaza en la sombra (ESP)

    Ne vous retournez pas (FRA)

    A Venezia... un dicembre rosso shocking (ITA)

    Venecia rojo shocking (MEX)

    Aquele Inverno em Veneza (POR)

  • Deutsche Erstaufführung: 29. August 1974
  • Regisseur: Nicolas Roeg
  • Kamera: Anthony B. Richmond
  • Musik: Pino Donaggio
  • Drehbuch: Daphne Du Maurier, Allan Scott, Chris Bryant
  • Inhalt:

    John Baxter sondiert einige Dias, die ihn mit dem Zustand einer Kirche in Venedig vertraut machen. Während seiner Recherche überkommt ihn das Gefühl, dass seine Tochter, Christine, in Gefahr schwebt. Aufgeschreckt, von panischer Angst getrieben rennt er aus dem Haus. Sein Sohn, Johnny, mahnt den Vater zur Eile und lotst ihn in die Richtung eines Flachgewässers. Doch selbst der kleinste Windzug wird für John Baxter zu einer Barriere, gegen die er verzweifelt ankämpft, um den Weiher, den Ort des Ungewissen, den Platz allen möglichen Übels zu erreichen. Nur noch wenige Schritte trennen ihn, um seine plagende Ungewissheit aufzuhellen. Der Sprung ist Wasser, die tastende Suche, der grauenvolle Fund. Christine ist ertrunken und die letzten Belebungsversuche ihres Vaters folgen dem kleinen, blonden Mädchen mit dem roten Regencape in das Reich der Toten. Mit letzter Kraft schließt John das leblose Kind in die Arme und bewegt sich in Richtung Wohnhaus. Dort öffnet sich die Tür, Johns Frau, Julie, überschreitet nachdenklich die Schwelle, hebt den Kopf, blickt geradeaus, registriert das Unheil und stößt einen Schrei der Verzweiflung aus. Cut!

     

    Venedig: Das Ehepaar Baxter hat seinen Weg in die Lagunenstadt angetreten, da John (wie beabsichtigt) die San Nicolò Kirche restaurieren will. Bei einem Restaurantbesuch begegnen dem Ehepaar die Schwestern Wendy und Heather, welche Laura darauf hinweisen, dass sie deren Tochter gesehen haben. Sie sei in einer anderen Welt und es gehe ihr gut. Laura glaubt den Berichten der Frau (Heather) mit dem (scheinbar) zweiten Gesicht, bei John stößt die Geschichte allerdings auf Ablehnung. Die drei Frauen halten ihren Kontakt dennoch aufrecht und bei einem Folgetreffen prognostiziert Heather, dass John in großer Gefahr schwebt...

  • Autor: Frank Faltin
  • Review:

    „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ ist einer der erlesenen Filme, die unser Auge in besonders eindringlicher Weise schulen. Nicolas Roeg schärft unseren Blick für das Detail und  bringt uns das Übersinnliche näher, um es mit dem Realen zu messen. Ein Ergründen von Bildkompositionen, das der parallelen Erkenntnissuche hilfreich zur Seite steht, freilich unter der Vorrausetzung, dass der Rezipient dem Gesamtwerk aufgeschlossen gegenübersteht. Andernfalls macht eine Sichtung keinen Sinn, denn laut John Baxter „heißt sehen glauben“ und „nichts ist - wie es scheint“.

     

    Oberflächlich betrachtet ist Roegs Film ein von zahlreichen Fragezeichen durchzogenes Konstrukt, welches allerdings bei genauer Betrachtung eine präzise Vorgehensweise dokumentiert und schlussendlich das Gesehene absolut plausibel erscheinen lässt. Der Regisseur bietet dem Rezipienten zahlreiche Verweise, die ihm ein Chargieren zwischen Imagination und Realität verdeutlichen; Mosaiksteine bzw. Fragmente, die er (der Rezipient) abspeichert und zum gegebenen Zeitpunkt zusammenfügen kann. Kann: denn es kann auch sein, dass er das System des Films nicht akzeptiert und ihn im schlimmsten (!) Fall auf die lang ausgespielte Sexszene reduziert.

     

    „Don´t look now“ bietet bereits zum Auftakt einen radikalen Schnitt, der Vergangenheit und Gegenwart explizit trennt. Die Szene in der John Baxter die tote Christine in den Armen hält (dabei erinnert mich Sutherlands Mimik stets an Edvard Munchs Schrei-Gemälde) und ins Leere läuft. Ein dramatischer, ausschlaggebender Punkt, der mit Lauras erwiderndem Verzweiflungsschrei unterbrochen wird. Dieser rigorose Abbruch (der zugleich als Aufbruch in das Venedig der Gegenwart fungiert) stärkt die Wirkung der eingangs ausführlich beschriebenen Szene, deren Relevanz im weiteren Verlauf immer wieder betont wird.

     

    „…als hätte er gewusst was passiert war.“ (Laura Baxter)

     

    Das Ehepaar Baxter will das Trauma der schrecklichen Ereignisse überwinden und zieht vorübergehend in die Lagunenstadt, wo John seiner geplanten Restaurationsarbeit nachgeht. In einem Restaurant kommt es zu einem Zusammentreffen mit den beiden Schwestern Wendy und Heather, die Laura mitteilen, dass sie die kleine Christine soeben zwischen dem Ehepaar sitzen sahen. Dem Mädchen gehe es gut und es blickt aus einer parallelen Welt zu ihren Eltern. John zeigt sich erbost, Laura hingegen fasziniert und neugierig. Bereits die(se) Erstbegegnung der drei Frauen wird vom Kameramann, Anthony B. Richmond, in besonderer Weise hervorgehoben. Stets lenkt er den Blick auf die reflektierenden Glasflächen, welche am Ort der Zusammenkunft installiert sind, und offeriert anhand der Spiegelbilder die Existenz einer parallelen Welt.

     

    „…es ist wie eine Stadt in Aspik, von einer Abendgesellschaft übrig gelassen und alle Gäste sind fort und tot. Sie fürchtet diese Stadt.“ (Wendy über Heather)

     

    Der Schauplatz dieses großartigen Films ist ein Venedig, das sich als die Kehrseite urlauberischer Werbebroschüren vorstellt. Richmond kitzelt mit seinen Bildkompositionen den düsteren Zauber der Lagunenstadt hervor, die von einem getrübten Firmament umschlossen ist. Ein Grauschleier, hinter dem ein undefinierbares Etwas lauert, das jederzeit sein Refugium verlassen kann, um das kleinste Anzeichen von Glückseligkeit mit seinen satanischen Krallen zu vernichten. Langsam tastet sich der Zuschauer (den Protagonisten folgend) durch labyrinthartige, schmale Gassen, die eine immer stärker werdende Neugier hervorrufen. Die Neugier auf das Unbekannte, das Undefinierbare - das Andere, das sich im dunklen Herzen der Stadt vorborgen hält und von unheilverkündenden Grachten durchzogen ist.

     

    Hier greift Roeg gar den Forschungen des Japaners Masaru Emoto voraus und nutzt die Fähigkeit des Wassers Informationen aus jeglichen Quellen aufzunehmen. Der Regisseur kombiniert diese Gabe mit der Spiegelungskraft des Wassers und der Möglichkeit Informationen weiterzuleiten. So schwingt der Film (mithilfe der beschriebenen Eigenschaften) zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Imagination und lässt diese Ausdrücke im Zentrum, John Baxter, kollidieren. Christine kurz vor ihrem Tod - real und imaginär, sowie der Gnom im roten Regenmantel, dessen mörderisches Dasein Baxter ignoriert, da er den Zwerg nur aufgrund seiner Kleinwüchsigkeit und seines knallroten Regencapes registriert und ihn einzig mit seiner verunglückten Tochter assoziiert. Diese Ignoranz ist schlussendlich der wesentliche Ansporn für einen in den tiefsten Sphären der Hölle lauernden Zynismus seinen Schlund zu verlassen, um John Baxter in denselben herunterzuziehen.

     

    „Die Idee des Doppelgängers gibt es in der Literatur, von Dostojewski bis zum Film, vielleicht, weil man so den moralischen und den amoralischen Aspekt der Dinge visualisieren kann.“ (Andrzej Zulawski)

     

    Wer einen Film gern nach Verweisen und Metaphern durchforstet, der wird bei den „Trauertragenden Gondeln“ viel Freude haben. Kniestrümpfe, die von Knallrot in ein Weiß mit Blutflecken transformieren, drei goldene Mosaiksteine, die in Dreiecksform auf dem Boden landen…, die Liste kann beliebig weitergeführt werden, würde allerdings einerseits den Rahmen sprengen, andererseits dem Rezipienten der Möglichkeit berauben seinen Blick weiter zu schärfen, um Zusammenhänge selbst zu ergründen.

     

    Demzufolge verabschiede ich mich aus einem von schwarzer Romantik nur so strotzenden Venedig und hoffe, dass ich die Leute, die diesen grandiosen Film immer noch nicht kennen sollten, zu einer Erstsichtung motivieren konnte. Lasst euch von Anthony Richmonds grandiosen Bildern und Pino Donaggios bravourösem Soundtrack verzaubern und taucht ganz tief ein, in Nicolas Roegs – sorry, ich muss das abgenutzte Wort nutzen – Meisterwerk.

     

    Fazit: Roegs „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ bietet ein fesselndes Spiel zwischen Imagination und Realität, dessen finaler Clou alle Fragen per resümierenden Blick des Hauptprotagonisten klärt und ein durchweg schlüssiges Gesamtkonstrukt präsentiert. Ein Film, der einen festen Platz in meinem Herzen, sowie innert meiner Top 25 Filme besitzt. Wer diese Ansicht nicht teilen mag, der darf trotzdem zugeben, dass er das Antlitz des Gnoms niemals vergessen konnte!

  • Autor: Frank Faltin
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