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Weiße Nächte

Frankreich | Italien, 1957

  • Originaltitel: Le notti bianche
  • Alternativtitel:

    Noites Brancas (BRA)

    Hvide nætter (DEN)

    Noches blancas (ESP)

    Nuits blanches (FRA)

    Fehér éjszakák (HUN)

    Byakuya (JAP)

    Biale noce (POL)

    Vita nätter (SWE)

    White Nights (Int.)

  • Deutsche Erstaufführung: 21. Februar 1958
  • Regisseur: Luchino Visconti
  • Kamera: Giuseppe Rotunno
  • Musik: Nino Rota
  • Drehbuch: Suso Cecchi D'Amico, Luchino Visconti
  • Inhalt:

    Als Mario (Marcello Mastroianni) am Abend durch eine nicht näher benannte italienische Stadt schlendert, offenbar auf der Suche nach einer Prostituierten, begegnet er der jungen Slawin Natalia (Maria Schell). Sie weint, und er will sie trösten, sie dagegen scheint unentschlossen, ob sie sich ihm anvertrauen oder lieber doch abschütteln will.

     

    Am nächsten Abend treffen sie sich wieder, denn Natalia steht immer am selben Abend an derselben Stelle. Sie erzählt Mario ihre Geschichte, wie sie sehr behütet bei ihrer Großmutter als Teppichknüpferin lebt und sich in einen Untermieter (Jean Marais) verliebt hat. Doch der musste schließlich beruflich für ein Jahr die Stadt verlassen, hat ihr aber versprochen, dann zu ihr zurückzukehren. Und Natalia wartet auf ihn, ein Jahr lang.

     

    Mario bricht in Gelächter aus, denn zunächst hält er sie für völlig verrückt und kann ihr kaum glauben. Zu fremd ist seiner moderneren Denkweise diese altmodische Liebesschnulze. Nichtsdestotrotz lässt er sich von Natalia überreden, dem geheimnisvollen Untermieter, der nach ihrer Aussage bereits wieder in der Stadt weilt, einen Brief zu schreiben und ihn um sein Kommen zu bitten, dass sie noch immer sehnsüchtig erwartet.

     

    Längst hat sich Mario jedoch in sie verliebt und zerreißt später den Brief, anstatt diesen zu überbringen. Gut durchdacht hat er das nicht, denn am nächsten Tag erwartet Natalia natürlich eine Antwort. Vorübergehend gelingt es Mario sie abzulenken, in einem Tanzlokal bei ihren ersten Rock ‚n‘ Roll-Versuchen. Doch will er sie wirklich weiter belügen?

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    Recht stiefmütterlich ist es diesem Visconti-Kleinod bisher in deutschen Landen ergangen, der seit seiner Kinopremiere bei uns nicht mehr veröffentlicht wurde. Dabei ist es ein wirklich guter Film, nach einer Story von Dostojewski, preisgekrönt 1957 mit dem Silbernen Löwen.

     

    Womit wir beim Thema werden, denn zu Anfang möchte ich mal ein bisschen auf wikipedia rumkloppen, welches schreibt: „Der Titel bezieht sich auf die weißen Nächte von St. Petersburg, die Zeit der Sonnenwende im Sommer, wo es nachts nie richtig dunkel wird. Im Film wurde die Bedeutung insofern abgewandelt, als dass in den Nächten Schnee liegt und die Nächte daher weiß sind.“ Nö. Auch wenn ganz am Ende des Films tatsächlich noch Schnee fällt, liegt die Bedeutung des Titels „Le notti bianche“ ähnlich wie im Englischen hier eher bei der Schlaflosigkeit der Protagonisten. Da es das im Deutschen so nicht gibt, sind wegen des Titels Missverständnisse wohl vorprogrammiert. Und bitte, der Untermieter Jean Marais heißt im Film nicht „Tenant“ sondern ist ein Tenant, nämlich ein Untermieter. Ist natürlich ein bisschen gemein von Visconti, hat er doch mit Ausnahme von Mario und Natalia sonst niemandem im Film einen Namen gegeben, was auch Dostojewski gelegentlich getan hat, wenn er nicht gerade – wie zum Beispiel in „Die Brüder Karamasow“ -den Leser mit Namen förmlich zugebombt hat.

     

    Aber jetzt wirds ernst, denn auch wenn „Weiße Nächte“ eine Liebeschnulze allererster Güte ist, der Film ist brilliant. Wir erleben drei Welten: das Alte, die Welt, in der Natalia lebt. Das Neue, die Welt, der Mario angehört und als Zwischenwelt die Ruinen des 2. Weltkriegs, in der Mario und Natalia zunächst interagieren, denn ihre beiden Universen sind erst in Annäherung begriffen. Das Setting spiegelt diese drei Welten wieder, mit ein paar herrlichen Bauten, in wunderschönem Schwarzweiß fotografiert. In Natalias Welt ist es düster und muffig, in der Zwischenwelt brennen Lagerfeuer zwischen den Ruinen, entfacht von deren Bewohnern, Bettlern und Prostituierten, die dort mit ihren Freiern zugange sind. Ihre Freier treffen diese Prostituierten natürlich in Marios Welt, wo Cafe’s, Tanzlokale und Tankstellen mit ihren Leuchtreklamen dominieren.

     

    Maria Schell spielt die wirklich absurd-altmodische Natalia mit einer Fremdartigkeit, zwischen Kichern, Lachen, Weinen und Schamhaftigkeit, dass es eine Freude ist. In der Szene im Tanzschuppen hat sie so viel Spaß und wirkt dabei doch so fremdartig, was aber schließlich keinem der anderen, moderneren Gäste am Ende als störend empfinden zu scheint, da Natalia sich in ihrer Ausgelassenheit keiner Fremdartigkeit mehr bewusst ist. Wer die Augen offenhält, kann in dieser Szene auch Corrado Pani entdecken. Außerdem sei erwähnt, dass Maria Schell die italienische Crew damit beeindrucken konnte, dass sie in Rekordzeit ihren gesamten Text in Italienisch beherrschte, so dass man sich dann entschied, sie nicht zu dubben.

     

    Und wer ist die etwas ältlich wirkende Prostituierte, die Marcello Mastroianni als Mario schöne Augen macht und deren Gesicht einem sofort ins Auge fällt? Es ist Clara Calamai, die verrückte Mutter aus Dario Argentos „Profondo Rosso.“ Und Clara Calamai, die Mario in mehreren Szenen immer nur verstohlen anfunkelt, hat schließlich auch eine sehr schöne Performance. Gerade als Mario richtig wütend auf Natalia ist und (sinngemäß) schreit, „wäre ich doch nur bei meinen Huren geblieben, die einen Frauen sind Huren, die anderen sind völlig verrückt“, bekommt Clara Calamai Gelegenheit ihm zu beweisen, dass es auch ganz schön verrückte Huren gibt.

     

    Eine filmhistorisch wichtige Szene ist die bereits erwähnte Szene im Tanzlokal, wo Visconti, selbst nicht gerade ein Rock n Roll-Fan, eine Tanzszene bringt, die von Godard bis Tarantino viele Nachahmer gefunden hat.

     

    Bei der Filmmusik findet man wieder im Ansatz die drei Welten des Films – Natalias altmodische Ebene wird verkörpert von „Der Barbier von Sevilla“, den sie mit Jean Marais, ihrer Großmutter und ihrer Tante in der Oper sieht. Die moderne Welt wird untermalt von Bill Haley und dazwischen ein absolut meisterhafter Score von Nino Rota.

     

    Zum Ausklang noch ein paar Namen: produziert wurde „Weiße Nächte“ von Franco Cristaldi, Camera-Operator war Silvano Ippoliti, und als Regie-Assistenten fungierten Albino Cocco, der oft in Viscontis Filmen dabei ist sowie Nando Cicero.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Links

    OFDb

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