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Die Waffe, die Stunde, das Motiv

Italien, 1972

  • Originaltitel: L'arma, l'ora, il movente
  • Alternativtitel:

    La proie des vierges (FRA)

    The Weapon, the Hour, & the Motive (USA)

  • Regisseur: Francesco Mazzei
  • Kamera: Giovanni Ciarlo
  • Musik: Francesco De Masi
  • Drehbuch: Francesco Mazzei, Marcello Aliprandi, Mario Bianchi, Bruno Di Geronimo, Vinicio Marinucci
  • Inhalt:

    Ein junger Priester pflegt sexuelle Verhältnisse zu gleich zwei verheirateten Frauen, dann liegt er plötzlich ermordet vor der Kirchenorgel. Bei einem wahren Fundus an verschmähten Liebhaberinnen, gehörnten Ehemännern, mysteriösen Nonnen und Erpressern hat der ermittelnde Commissario Boito in Sachen Mordmotiv freie Auswahl. Während Boito sich in eine Tatverdächtige verliebt, kommt es zu einem weiteren Mord...

  • Autor: Christian Ade
  • Review:

    DIE WAFFE, DIE STUNDE, DAS MOTIV ist sicherlich kein exemplarischer Vertreter seiner Gattung. Auf dem ersten Blick scheint Regisseur und Drehbuchautor Mazzei von einer opulent inszenierten, von schwarzen Handschuhen und Rasierklingen dirigierten Mordoper sogar etwas Abstand genommen haben. Technische Kunststückchen, packende Scores, spektakuläre Kamerafahrten, blutige Messermorde, das hemmungslose Ausleben des Zeitgeists in knalligem 70er Jahre-Interieur; all das was man bei Giallo-Großmeistern wie Argento, Fulci oder Martino üblicherweise vorfindet, gibt es bei Mazzei bestenfalls spardosiert.

     

    Der Fokus ist nicht auf die Mordszenen gerichtet. Es gibt sie, doch werden sie mit einer Ausnahme nach dem Motto „kurz und schmerzlos“ abgehandelt; wenn sie nicht gar gleich ganz im Off verschwinden. Wie beim herkömmlichen Krimi steht bei DIE WAFFE, DIE STUNDE, DAS MOTIV viel mehr das klassische Whodunit im Vordergrund.  Zum Miträtseln lädt Mazzei ausdrücklich ein; wird das Gesicht des Killers tatsächlich erst ganz am Schluss enthüllt. Allerdings entpuppt sich der Fall trotz einiger falschen Fährten und der üppigen Auswahl an gehörnten Ehemännern, verschmähten Liebhaberinnen und suspekten Nonnen nicht als allzu vertrackt. Die letztendliche Auflösung kommt nicht wirklich überraschend.  

     

    Der Weg dorthin bleibt trotzdem reizvoll. Die Inszenierung ist ruhig und unaufgeregt, aber nicht ohne Spannung. Zumal am Ende noch ein packend inszenierter Showdown mit einer Handvoll memorabler Szenen auf den geduldigen Zuschauer wartet.

     

    Mazzei mag zwar nur geringen Enthusiasmus für Rasiermesser-Eskapaden entwickeln, dafür beherrscht er die anderen Königsdisziplinen des Giallo. Mit seinen moralisch korrupten Figuren, seiner verruchten Erotik und der unterschwellig bedrohlichen Atmosphäre qualifiziert sich DIE WAFFE, DIE STUNDE, DAS MOTIV durchaus als (genre-)würdiges Murder Mystery. Darüber hinaus wird mit dosiert eingesetzten, (alp-) traumwandlerischen Sequenzen  -wie sie im Giallo spätestens seit Fulcis A LIZARD IN A WOMAN'S SKIN oder Martinos DIE FARBEN DER NACHT zum guten Ton gehören - aufgewartet. 

     

    Als Beispiel diene Ferruccios nächtlicher Gang durch die Kirche. In der kleinen Hand eine Kerze, im Kinderherzen Unbehagen - schließlich hat der Junge eben erst einen Mord beobachtet. Mit zaghaften Schritten und weitaufgerissenen Augen führt er uns durch einen lichtlosen, engen Flur, während ausgestopfte Tiere und dunkle Winkel Spalier stehen. Der atonale Score unterstreicht die gespenstische Stimmung perfekt.

     

    In einer Atmosphäre unterkühlter, verbotener Leidenschaften darf natürlich die abseitige Erotik nicht fehlen. An diese entrichtet vor allem ein genußvoller Ausbruch gen Nunsploitation Tribut: In einem fast surrealen und definitiv orgiastischen Szenario geißeln sich die Ordensschwestern mit neunschwänzigen Katzen selbst. Auf der Tonspur knallen die Peitschen und es erhebt sich eine Litanei aus sakralen Klagelauten und Lustseufzern. Gegen Ende entlässt uns Mazzei aus der Hölle der Selbstkasteiung und schickt uns zum atmosphärischen Showdown in die mit Gerippen und Heiligenbildern ausstaffierten geheimen Kammern des Klostergewölbes. Dass man am Ende eine Brücke zu den verräterischen Herzen und schwarzen Katzen eines Edgar Allan Poe schlägt, rundet den Film angenehm ab.

  • Autor: Christian Ade
  • Veröffentlichungen:

    DIE WAFFE, DIE STUNDE, DAS MOTIV ist zusammen mit Vittorio Sindonis TÖDLICHES ERBE und Piero Schivazappas THE FRIGHTENED WOMAN Teil von Koch Medias ersten „Giallo-Collection“. Die DVD bietet  den italienischen Originalton mit deutschen Untertiteln sowie die deutsche Synchro. Außerdem gibt es eine elfminütige Featurette mit dem Regisseur. Das AMER-Regiegespann Hélène Cattet und Bruno Forzani bezeugen ihre Sympathie in einem Text zum Film, der in Form eines schöngestalteten Posters beiliegt.

  • Autor: Christian Ade
  • Links

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