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Von Angesicht zu Angesicht

Italien | Spanien, 1967

  • Originaltitel: Faccia a faccia
  • Alternativtitel:

    Cara a cara (ESP)

    Le dernier face à face (FRA)

    Halleluja, der Teufel lässt euch/schön grüßen

    Zwei links, zwei rechts und Halleluja

    Face to Face

  • Deutsche Erstaufführung: 19. Juli 1968
  • Regisseur: Sergio Sollima
  • Kamera: Rafael Pacheco
  • Musik: Ennio Morricone
  • Drehbuch: Sergio Sollima, Sergio Donati
  • Inhalt:

    Der Universitätsprofessor Brad Fletcher muss aus gesundheitlichen Gründen eine Lehrpause einlegen. Im südlichen und trockenen Texas soll er seine Lungenkrankheit auskurieren um daraufhin seine Lehrtätigkeit wieder mit voller Kraft aufnehmen zu können. Dort gerät er allerdings in die Fänge des Banditen Beauregard Bennet und seiner Wilden Horde und erliegt im Laufe der Zeit der Faszination von Macht und Gewalt was letztendlich in einer Katastrophe mündet.

  • Autor: nerofranco
  • Review:

    "Faccia a Faccia" (Von Angesicht zu Angesicht) ist der Mittelteil von Sergio Sollimas Westerntrilogie, die 1966 mit "La resa dei conti" (Der Gehetzte der Sierra Madre) begann und zwei Jahre später mit "Corri uomo corri" (Lauf um dein Leben) endete. Nachdem Sollima für "La resa dei conti" noch auf ein Sujet eines anderen zurückgreifen musste konnte er diesmal seinen Ideen freien Lauf lassen und hatte zudem auch noch mehr Budget zur Verfügung, was wohl dem mit allein in Italien knapp 1,5 Milliarden Lire sehr erfolgreichen ersten Teil geschuldet war (1). Dabei griff er auf seine eigenen Erfahrungen zurück, die er während des Zweiten Weltkrieges gemacht hatte. Sollima war, wie auch andere Vertreter des italienischen Westernkinos wie etwa Giulio Questi, Franco Solinas und Giulio Petroni, Teil der Resistenza (2).

     

    In "Faccia a Faccia" geht es Sollima daher darum, wie sich der Charakter von Menschen durch ihre Umwelt formt und vor allem wie er sich dadurch verändern kann (Sollima: "Für mich gilt immer: die Umwelt prägt deinen Charakter, dein ganzes Sein. Sie kann dich sowohl im Guten, als auch im Bösen beeinflussen. Charaktere, die ins Extreme fallen war mein Konzept zum Film") (3). Diese Ansicht Sollimas wird in der Figur des Wallace deutlich. Wallace wird von der Detektei Pinkerton in die Bande eingeschleust, die nun bereits von Fletcher angeführt wird. Brad enttarnt den Spion aufgrund seiner offensichtlichen Bildung und Kultiviertheit allerdings recht schnell und führt mit ihm einen entscheidenden Dialog um die Intention des Regisseurs besser verstehen zu können (Wallace: "Sie sind höflich unter höflichen Menschen und gewalttätig unter Gewalttätigen. Sie passen sich an Ihre Umgebung an wie ein Parasit.")

     

    "Da ist nur eins was unverständlich ist, dass ich so viele Jahre ein Niemand war, der von keinem beachtet wurde. Bis ich meine Fähigkeiten erkannte". (Fletcher)

     

    Gian Maria Volonté spielt den Bostoner Geschichtsprofessor Brad Fletcher, der augenscheinlich an einer renommierten Lehranstalt unterrichtet. Bei Fletcher handelt es sich um einen intelligenten, gebildeten, kultivierten und sehr höflichen Menschen, der sich allerdings allzu gerne unterordnet und kaum Durchsetzungsvermögen besitzt. Schon bei seiner Verabschiedung von der Schule wird er von seinem Vorgesetzten kritisiert, er sei viel zu schwach und unterwürfig und hätte mit seinen Fähigkeiten schon längst Karriere machen müssen (Direktor: "Bei Ihrer überdurchschnittlichen Begabung müssten Sie schneller Karriere machen." - Fletcher: "Ich hab mich nie darüber beklagt." - Direktor: "Den Erfolg muss man wollen. In unserem Land gibt es keine Grenzen für einen Mann der kämpfen will. Wer nicht kämpfen will, ist schon besiegt. Sie haben immer alles erduldet, anstatt sich zu wehren. Tun Sie das wenigstens jetzt"). Im Grunde ist im Prolog, welcher Fletchers Ansprache vor den Studenten und die Verabschiedung durch den Direktor enthält, schon alles wesentliche enthalten was uns im Verlauf der Geschichte erwartet.

     

    Die Schule verlassen muss Brad, zumindest vorübergehend, da er an einer schweren Lungenkrankheit leidet und deshalb die trockene Luft von Texas benötigt um sich wieder erfangen zu können. Dort trifft er den Banditen Beauregard Bennet, der Fletcher bei seiner Flucht von seiner Eskorte als Geisel nimmt. Bennet wird gespielt, oder besser gelebt, vom gebürtigen Kubaner Tomás Milian, der auch in den beiden anderen Teilen der Trilogie eine der Hauptrollen spielte. Obwohl Beauregard Fletcher laufen lässt bleibt der bei dem Banditen und schließt sich letztendlich sogar dessen Bande an. Fletcher ist gleichermaßen angewidert wie fasziniert von Beauregard, der ein impulsiver, leidenschaftlicher und durchsetzungsfähiger aber keinesfalls skrupelloser Mensch ist. Je länger Fletcher mit Beauregard zusammen ist desto mehr bemerkt er wie er sich durch Gewalt Respekt verschaffen kann und plötzlich auch seine bisher unerfüllbaren Wünsche, wie etwa der einer Frau näher zu kommen, realisieren kann. Volonté spielt diese Verwandlung ganz fabelhaft, wie er vom unterwürfigen, schwachen Wesen zu einem skrupellosen, selbstsicheren Banditen wird. Fletcher etwa dabei zu beobachten wie er seine ersten zaghaften Versuchen mit der Schusswaffe macht sind einfach köstlich.

     

    Volonté und Milian sind die perfekte Besetzung für Fletcher und Bennet. Der eine Norditaliener, ein strukturierter Schauspieler, kultiviert, intellektuell. Der andere Kubaner, ein impulsiver Schauspieler, der aus dem Bauch heraus agiert, seine Rolle lebt nicht spielt. Eine ebenfalls äußerst interessante Figur spielt William Berger, in seiner meiner Meinung nach besten Westernrolle neben seinem Banjo aus Gianfranco Parolinis "Ehi amico... c'è Sabata. Hai chiuso!" (Sabata). Der von Berger verkörperte Sirringo ist ein Privatdetektiv von der berühmten Detektei Pinkerton, der um jeden Preis in die Bande von Beauregard will um sie zerschlagen zu können. Da Sirringo zunächst zu viel Misstrauen bei Beau erweckt erschießt er sogar einen Sheriff, der dabei ist Beauregard festzunehmen, um so in die Bande aufgenommen zu werden, was ihm daraufhin auch das erhoffte Vertrauen einbringt. Eine besonders witzige Szene gibt es hier beim Vorstellungsgespräch von Sirringo bei Beauregard als er seine Steckbriefe wie Zeugnisse präsentiert.

     

    "Ein Gewalttätiger ist ein Verbrecher. 100 sind eine Bande, aber 100.000 sind eine Armee. Der Staat darf alles. Persönliche Gewalttätigkeit ist kriminell, die muss man versuchen zu überwinden. Wenn du aber die Masse dazu bringst, machst du Geschichte." (Fletcher)

     

    "Faccia a Faccia" ist auch bis in die kleinsten Nebenrollen erstklassig besetzt. Ziemlich perfide sind beispielsweise Gianni Rizzo als Williams und John Stacy als Taylor. Williams engagiert Beauregard um Taylors Leute aus der Stadt zu jagen, schaut sich das Spektakel aber gemeinsam mit Taylor von seinem Wohnungsfenster aus an, wo sie natürlich den besten Blick haben, wie auf einem Balkon im Theater (Taylor: "Hier hat man ja eine wunderbare Aussicht." - Williams: "Herrlich nicht wahr?"). Die beiden freuen sich wie kleine Kinder im Süßigkeitenladen bei jedem Typen der abgeknallt wird. Zu Taylors Leuten gehören unter anderem Sheriff Federico Boido, Remo Capitani und Giovanni Scratuglia. Eine entscheidende Rolle spielt Nello Pazzafini, der nicht nur der Freund von Brads Angebeteter ist, sondern auch der erste Mensch ist, nachdem er einen Mann mehr oder weniger in Notwehr erschossen hat, den er in einem Zweikampf tötet. Brads Preis für seinen Sieg ist Jolanda Modio. Carol André gibt in einer ihrer ersten Rollen den jugendlichen Fan von Beauregard, die den Banditen umschwärmt wie einen modernen Rockstar.

     

    Auch in Bennets Wilder Horde finden sich neben Pazzafini jede Menge bekannte Gesichter. Frank Braña, Ángel del Pozo und José Torres zählen zu seinen engsten Freunden. Francisco Sanz spielt einen gewissen Busty Rogers, der stark an bekannte Figuren des des alten amerikanischen Westerns wie Roy Rogers erinnert und dem Fletcher einen stolzen Moment schenkt indem er ihm weiß macht wie berühmt und berüchtigt er doch ist. Die Wilde Horde versteckt sich in den Bergen im Puerto del Fuego, deren Bewohner hauptsächlich aus von der ehrenwerten Gesellschaft ausgeschlossen Menschen besteht: Arme, Alte, Menschen mit Behinderung, Migranten, Schwarze usw. Am Ende stellt sich auch hier die Frage wer denn nun Gerecht ist und wer nicht, die Aufrechten aus der Stadt oder die sogenannten Banditen. Die Thematik kennt man jedoch aus vielen Italowestern, man denke nur an die ehrenwerten Bürger in Giulio Questis "Se sei vivo spara" (Töte, Django).

     

    "Sterben oder gestorben sein. Das ist doch kein Unterschied." (Beauregard)

     

    Das Drehbuch schrieb Sergio Sollima gemeinsam mit Sergio Donati, mit dem er bereits bei "Requiem per un agente segreto" (Der Chef schickt seinen besten Mann) und "La resa dei conti" zusammengearbeitet hatte. Ennio Morricone lieferte zudem einen famosen Soundtrack ab, bei dem vor allem der Titeltrack richtig abgeht. Die Kameraarbeit von Rafael Pacheco ist ebenso famos, vor allen Dingen die Aufnahmen in der Wüste sind einfach wundervoll. In Deutschland erschien "Faccia a Faccia" doch tatsächlich ungekürzt und mit einer Synchronisation, die zwar recht brauchbar ist, der ich die italienische Fassung aber jederzeit vorziehen würde.

     

    Sergio Sollimas "Faccia a Faccia" ist eine faszinierende und spannende Studie über die Faszination von Gewalt und Macht, der nicht nur optisch hervorragend gelungen ist sondern auch in seinen eher zurückhaltenden Actionszenen überzeugen kann. Unterstützt wird Sollima von einer außergewöhnlichen Besetzung, bei der vor allem die beiden Hauptdarsteller Tomás Milian und Gian Maria Volonté, die die sich wandelnden Charaktere beeindruckend verkörpern, glänzen können. Dazu eine tolle Kameraarbeit von Rafael Pacheco und ein eindrucksvoller Soundtrack von Ennio Morricone und fertig ist ein perfekter Westernabend. Spannend, faszinierend, intelligent, was will man mehr.

     

    (1) Fisher, Austin: Radical Frontiers in the Spaghetti Western. Politics, Violence and Popular Italian Cinema. New York, I.B. Tauris, 2011. S.220
    (2) Fisher, Austin: Radical Frontiers in the Spaghetti Western. Politics, Violence and Popular Italian Cinema. New York, I.B. Tauris, 2011. S.94
    (3) Interview mit Sergio Sollima auf der Blu Ray der Explosive Media Veröffentlichung: 36min45sec -37min

  • Autor: nerofranco
  • Veröffentlichungen:

    Die mir freundlicherweise von Explosive Media zur Verfügung gestellte Blu-ay Special Edition aus der Reihe Wild Wild West stellt die momentan aktuellste Veröffentlichung von "Faccia a Faccia" dar. Darin befinden sich zwei Blu-rays mit der ungekürzten 112-minütigen Fassung sowie einer 94-minütigen US-Fassung. Da es leider keine qualitativ ausreichende HD-Version der Langfassung gibt hat sich Explosive Media dazu entschlossen zur gekürzten HD-Fassung die fehlenden Stellen in SD einzufügen und hochzuskalieren. (1)

     

    Neben der deutschen und italienischen Tonspur ist zudem noch die englische Sprachfassung mit an Bord. Im Bonusmaterial findet sich neben Trailern zum Film noch eine ca. 50 minütige Featurette mit den Interviewpartnern Sergio Sollima und Tomás Milian, dessen Informationen aber zu einem Großteil zu "La resa dei conte" stammen. Dazu gibt’s noch ein dünnes aber durchaus informatives Booklet als Draufgabe. Die Special Edition ist zudem auf 1000 Stück limitiert. Alles in allem eine gelungene Veröffentlichung, die ich jedem nur Empfehlen kann.

     

    (1) http://www.explosive-media.com/von-angesicht-zu-angesicht/

  • Autor: nerofranco
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