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Die Versuchung heißt Jenny

Frankreich | Italien | Spanien, 1965

  • Originaltitel: Los pianos mecánicos
  • Alternativtitel:

    Jenny, a Mulher Proibida (BRA)

    Les pianos mécaniques (FRA)

    Amori di una calda estate (ITA)

    Os Abismos da Vida (POR)

    The Uninhibited (USA)

    The Player Pianos

  • Deutsche Erstaufführung: 29. Juli 1966
  • Regisseur: Juan Antonio Bardem
  • Kamera: Gábor Pogány
  • Musik: Georges Delerue
  • Drehbuch: Juan Antonio Bardem, Henri-François Rey
  • Inhalt:

    Vincent (Hardy Krüger), ein junger Mann aus Paris der kurz vor seinem 35. Geburtstag steht, leidet an einer schweren Lebenskrise und wird von seinem Gönner Reginald ausgerechnet in den Sündenpfuhl Caldeya an der spanischen Küste geschickt. Und er wird dort erwartet. Der Schriftsteller Pascal Regnier (James Mason) bringt ihn bei sich unter und macht ihn mit der Barbesitzerin Jenny (Melina Mercouri) bekannt, die in Caldeya eine Legende ist. Der nicht mehr so ganz jungen Frau liegen Männer und Frauen gleichermaßen zu Füßen, und so wird Vincent auch schon kurz nach seiner Ankunft Zeuge eines Selbstmordversuches von Jennys Ex-Geliebter Nora (Keiko Kishi).

     

    Am nächsten Tag möchte Jenny, dass Vincent eine Affäre mit Nora beginnt, um diese von ihrem Kummer abzulenken. Vincent ist allerdings längst Jenny zugetan, und die beiden beginnen eine Liebesaffäre, die unter keinem guten Stern steht. Bei einem Ausflug nach Barcelona zeigt Jenny ihm ihre Vergangenheit, und Vincent reagiert angewidert. Zudem entpuppt sich das Ganze als abgekartetes Spiel, denn eigentlich ist Vincent der Geliebte von Reginald und wurde von diesem nur nach Caldeya geschickt, damit Jenny ihn auf den rechten Weg zurück führt. Die Affäre soll Vincent klar machen, dass er eben keine Frauen mag.

     

    Unterdessen hat Regnier Probleme mit seinem jungen Sohn, der es satt hat, dass sein Vater eine junge Frau nach der anderen bei sich einlässt, nur um diese dann wieder rauszuwerfen, wenn er genug hat. Zudem naht der Winter, und schon bald wird Caldeya bis zum nächsten Sommer zu einer ausgestorbenen Stadt. Doch Regniers Sohn hat einen Plan.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    Nach dem Genuss des deutschen Kinotrailers zu „Die Versuchung heißt Jenny“ auf dem letzten Italo Cinema Festival war ich neugierig, zudem bin ich ein großer Bewunderer von Bardems „Der Tod eines Radfahrers.“ Mein Eindruck dieses deutschen Trailers war allerdings eher nicht so gut, das Ganze wirkte chaotisch und ich dachte am Ende nur, was wollen die von mir? Worum soll es in dem Ding da überhaupt gehen? Und ehrlich gesagt, ich ahne Böses, was die deutsche Synchro betrifft. Und ein Film mit Hardy Krüger, der seit seiner Kinoaufführung 1966 von der Bildfläche verschwunden scheint? Seltsam.

     

    Aber der Reihe nach. „Die Versuchung heißt Jenny“ ist ein weitgehend wundervoller Film. Bardem inszenierte diesen nach dem Roman „Les pianos mécaniques“ des französischen Autors Henri-Francois Rey, welcher auch Hand an die Dialoge des Bardem-Films legte. Die Dialoge sind großartig, ebenso wie bei „Der Tod eines Radfahrers“ gibt es kaum Passagen, die nicht auf wundervolle Weise mehrdeutig oder gar tiefsinnig sind. Stilistisch mag man „Die Versuchung heißt Jenny“ gar als einen europäischen Versuch bezeichnen, an die Tennesse Williams-Verfilmungen Hollywoods anzuknüpfen. ImdB bezeichnet die Originalfassung des Films als Spanisch, ich wette dagegen. Es gibt gleich zu Anfang ein paar spanische Sätze an einer Tankstelle zwischen Hardy Krüger und zwei heimischen Mechanikern, danach geht es aber in Französisch weiter. Hier sei noch die kleine, respektlose Anmerkung gestattet, dass ich mir nicht sicher bin, ob französische Kinozuschauer wirklich verstanden haben, was Melina Mercouri da spricht, sehr gewöhnungsbedürftiges Französisch mit starkem Akzent.

     

    Doch zurück zur Tankstelle. Der Co-Mechaniker schaut dort Hardy Krüger hinterher als dieser in seinem Sportwagen davonbraust und sagt sinngemäß: „Gott hat Männer und Frauen gleichermaßen erschaffen, doch manche sind eine Mischung aus Beiden.“ Diese abfällig klingende Bemerkung ist tatsächlich der erste Hinweis (bis zum anfänglichen Versagen beim Koitus mit Melina Mercouri), worum es bei der Figur Vincent geht. Um einen gutgekleideten Lebemann im Sportwagen, doch nichts davon gehört ihm, er wird gesponsert von seinem älteren Geliebten Reginald. Ob die deutsche Synchro das damals so wiedergegeben hat? Homosexualität in deutschen Kinos? Die wenigen Inhaltsangaben, die man im Internet findet, lassen nicht darauf schließen. Die zum Zeitpunkt des Drehs 44-jährige Melina Mercouri macht jedenfalls eine wundervolle Figur, auch im Bikini. Sie ist die auf den ersten Blick warmherzige (aber innerlich eher kalte, bzw. auf sich selbst fixierte) Barbesitzerin, die jeder kennt und in die jeder sich verliebt. So auch Vincent, der sich vorgenommen hat, künftig ein „normales“ Leben zu führen und in Caldeya in Ruhe über sein Dasein nachzudenken. Schon am ersten Abend wird allerdings klar, dass Schluss ist mit der Ruhe. Noch mal zurück zum Koitus, diese Szene hat Bardem mit Zwischeneinblendungen eines Flamenco-Tanzes kombiniert, sehr schön gemacht, allerdings wird dabei sehr deutlich, dass beim Flamenco eben doch mehr Action drin ist, als 1965 in Kinofilmen zum Thema Koitus möglich war.

     

    Es gibt eine interessante Subebene, wo nicht so ganz klar ist, wo die eigentlich hinführen soll. Nach dem ersten chaotischen Abend in der Bar von Caldeya begegnen wir den Kindern und Jugendlichen des Ortes und werden Zeuge einer zunächst zarten Liebesgeschichte zwischen dem jungen Serge und dem Mädchen Nadine. Mit von der Partie ist auch der kleine Daniel (Didier Haudepin), von dem wir erst später erfahren, dass er der Sohn von Regnier (James Mason) ist, denn diese Kinder von und in Caldeya scheinen ein komplettes Eigenleben zu führen. Desöfteren fällt der Satz, dass sie nie so (verantwortungslos) werden wollen, wie ihre Eltern, und ihr größter Traum scheint es, Caldeya zu verlassen – ohne ihre Erziehungsberechtigten. Übrigens verdammt schade, dass diese charmante Sophie Dares, die die Figur der Nadine verkörpert, es nur auf drei Filme brachte, alle im Jahr 1965 veröffentlicht. Serge dagegen – dargestellt von Renaud Verley – kennen wir aus „Ein Toter lacht als Letzter“ oder Viscontis „Die Verdammten.“

     

    Thematisch bestehen die Erwachsenen in „Die Versuchung heißt Jenny“ aus Menschen, die das Leben in vollen Zügen genießen wollen, gleichzeitig aber übersättigt und ebendiesem Leben nicht selten auch überdrüssig sind. Ein würdiges Finale findet der Film nach etwa 75 Minuten, doch dann passiert etwas, was mir nicht so recht gefallen hat: der Film geht noch 20 Minuten weiter. Humoristisch und mit Happy End, Beides hätte ich hier nicht gebraucht. Das Ansehen lohnt sich aber, nicht zuletzt auch wegen der wunderschönen Fotografie von Gábor Pogány und einem hervorragenden Soundtrack von Georges Delerue, der – wie vom Originaltitel her zu erahnen – auch Verwendung für das mechanische Klavier findet.

     

    Dass „Die Versuchung heißt Jenny“ es 1965 im franco-faschistischen Spanien zu einer Kinoaufführung brachte, scheint dagegen erstaunlich. Homosexualität, Bilder von Armut und Alkoholikern des Straßenstrichs von Barcelona, ein Sündenpfuhl von einem Badeort, usw. Aber wie ich schon (glaube ich) zu „Der Tod eines Radfahrers“ schrieb, genoss Bardem trotz seiner Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei einen gewissen Ruf als international-tauglicher Filmemacher und man ließ ihm so einiges durchgehen. Zumindest eine Zeitlang.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Links

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    IMDb

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