Verliebt in scharfe Kurven

Italien, 1962

  • Originaltitel: Il sorpasso
  • Alternativtitel:

    Aquele Que Sabe Viver (BRA)

    La escapada (ESP)

    Le fanfaron (FRA)

    A Ultrapassagem (POR)

    The Easy Life

  • Deutsche Erstaufführung: 18. Oktober 1963
  • Regisseur: Dino Risi
  • Kamera: Alfio Contini
  • Musik: Riz Ortolani
  • Drehbuch: Dino Risi, Ettore Scola, Ruggero Maccari
  • Inhalt:

    Der Jurastudent Roberto Mariani (Jean-Louis Trintignant) bereitet sich gerade auf seinen Abschluss vor, während er gelegentlich schmachtend Valeria von gegenüber beobachtet, für die er zwar eine Schwäche, aber nie gewagt hat, tatsächlich mit ihr zu sprechen. Unterbrochen wird er von dem ihm völlig unbekannten Bruno Cortona (Vittorio Gassman), der ihn am Fenster stehen sieht und ihn darum bittet, ob er eine Freundin von ihm anrufen könne, um ihr zu sagen, dass er – Bruno - sich verspätet. Roberto bittet ihn herein und findet sich kurz darauf in Brunos Cabrio wieder, der ihn auf eine Spritztour in seinem Cabrio mitnimmt.

     

    Die beiden Männer könnten kaum verschiedener sein. Roberto, zögerlich, bieder, auf seine Zukunft bedacht. Sieht er ein Mädchen, das ihm gefällt, sagt ihm seine Erziehung dass er sie dann auch heiraten muss. Bruno dagegen ist ein extrovertierter, leichtlebiger Windhund, Mitte Dreißig und in windigen Geschäften tätig, wie es scheint.

     

    Und so führt die Fahrt der Beiden die so unterschiedlichen Männer aufs Land, bis ihre Fahrt sie nach zwei Tagen und einer Prügelei zu Brunos Familie im Ferienort Viareggio führt.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    Die Inhaltsangabe klingt erst mal nicht so überwältigend, ist aber auch schwierig, wenn man nicht näher auf die eigentlichen Inhalte eingehen kann, was jetzt aber nachgeholt wird. Dino Risis „Verliebt in scharfe Kurven“ (Il sorpasso, übersetzt „das Überholen“) ist eines der wichtigsten Werke der Commedia all’Italiana und zugleich ein tragikomisches Roadmovie, dass allgemein auch als Risis gelungenste Regiearbeit angesehen wird.

     

    Dabei liegt die Komik des Drehbuchs von Ettore Scola, Ruggero Maccari und Dino Risi selbst nicht in den Handlungsabläufen sondern eher in den Dialogen zwischen den beiden ungleichen Hauptprotagonisten. Ausgangspunkt der Geschichte ist der Feiertag Ferragosto (Festtag des Augustus und zugleich Mariä Himmelfahrt), an dem Rom nahezu ausgestorben scheint, alle Läden geschlossen, die Straßen menschenleer, denn außerdem gilt dieser am 15. August begangene Feiertag als einer der heißesten Tage des Sommers. Roberto lernt – wie bereits erwähnt – für seinen Juraabschluss, begibt sich aber kurzzeitig ans Fenster, um nach Valeria, der Frau von gegenüber, Ausschau zu halten. Unten steht mit seinem Lancia Aurelia Cabrio der extrovertierte Bruno und bittet ihn um einen Anruf bei einer Freundin. Roberto lässt Bruno in seine Wohnung und so wird der zögerliche und zaghafte Student komplett von dem ihm völlig fremden Draufgänger überrumpelt und zu einem Ausflug überredet, der schließlich zwei Tage dauern wird.

     

    Auf der Fahrt lernen sich die beiden Männer näher kennen. Roberto bemerkt, dass Bruno zwar recht großspurig agiert, letztendlich aber keine Lira in der Tasche hat. Auch in punkto Frauen gibt sich Bruno als Lebemann, scheint aber im Grunde dabei fast genauso wenige Erfolge mit dem anderen Geschlecht vorweisen zu können wie Roberto selbst. Mehrmals versucht Roberto, sich heimlich abzusetzen, schafft es aber nicht und irgendwie hat er ja schon Spaß an dem Ganzen, kämpft dabei aber mit seinem zaghaften Naturell. Dieses zeigt sich auch in einer herrlichen Szene, in der Roberto sich versehentlich in einer Cafétoilette einsperrt und sich eine halbe Stunde nicht meldet, weil es ihm peinlich ist.

     

    Die Fahrt führt sie entlang der tyrrhenischen Küste über Civitavecchia, bis Roberto vorschlägt, man könne in Grosseto das Landgut seines Onkels besuchen. Als Kind hat sich Roberto dort sehr wohl gefühlt, wohler als bei seinem anscheinend sehr streitbaren Vater, doch Bruno bringt die Fassade zum bröckeln. Es gelingt Bruno, Roberto beizubringen, dass der Sohn seines Onkels nicht von seinem Onkel sondern vom Gutsverwalter gezeugt wurde. Außerdem erklärt er ihm, warum sein zweiter Onkel, ein sehr sanftmütiger Mann, von allen „Occhiofino“ genannt wird, was eine Abwandlung des Wortes „Finnochio“ (ein Homosexueller) ist. Roberto sieht ein, dass er wohl ein etwas verklärtes Bild von seiner Kindheit hatte.

     

    Nach einer Begegnung mit einem Geschäftspartner Brunos, dem dieser offenbar noch eine Menge Geld schuldet und einer Prügelei mit zwei Männern, die Bruno zuvor auf der Straße mit seinem Cabrio bedrängt hat, schlägt Bruno eine Ruhepause bei seiner Frau in Viareggio vor. Bis dahin wusste Roberto nicht, dass Bruno verheiratet ist. Und hier erfährt der Zuschauer Einiges über die Person Brunos. Seit Jahren von seiner Frau getrennt, die in ihm nur ein nie erwachsen gewordenes Kind sieht. Zudem hat Bruno eine fünfzehnjährige Tochter, Lilly, gespielt von Catherine Spaak. Diese trifft sich mit einem wohlhabenden älteren Mann, der sie auch heiraten möchte. Lilly sehnt sich nach Stabilität und Sicherheit, etwas, dass sie von ihrem Vater nicht kennt.

     

    Erzählerischer Hintergrund der Charaktere von Roberto und Bruno ist natürlich das sich vom Traditionellen zum Modernen wandelnde Italien. So sieht man etwa auf einem Dorffest nicht etwa traditionelle Tänze sondern Bauern und deren Kinder beim Twist. Musikalisch mutet „Verliebt in scharfe Kurven“ etwas ungewohnt für einen Riz Ortolani an, wenn er seichte Jazz-Klänge mit zahlreichen 1962 populären Schlagern vermengt. Die Erzählweise des Films gilt als Wegbereiter für spätere italienische Episodenfilme, denn eine wirklich zusammenhängende Story gibt es im Grunde nicht wirklich, und abgesehen von den zwei Hauptprotagonisten sind die übrigen Rollen recht kurz.

     

    Für Vittorio Gassman war „Verliebt in scharfe Kurven“ die erste wirkliche Hauptrolle in einem Kinofilm und die zweite von insgesamt fünfzehn gemeinsamen Arbeiten mit Dino Risi. Gassman, Sohn eines deutschen Bauingenieurs und einer Italienerin aus Pisa war zunächst hauptsächlich am Theater tätig, unter anderem bei der Theatergruppe von Luchino Visconti. Eigentlich habe ich selbst Gassmans Filme erst seit recht kurzer Zeit kennen und schätzen gelernt. Er ist ein sehr präsenter und dominanter Akteur, und irgendwie kann ich mir gut vorstellen, dass eine Zusammenarbeit mit ihm alles andere als einfach gewesen sein könnte. Seine Filmographie umfasst 127 Einträge – sowohl Kleine als auch große Rollen – und noch ein Jahr vor seinem Tod im Jahre 2000 war er in der Komödie „La bomba“ von Giulio Mase zu sehen. Insgesamt finden sich viele bekannte Titel in seiner Filmographie, z. B. Vittorio de Sicas „Bitterer Reis“, King Vidors „Krieg und Frieden“, die beiden Brancaleone-Filme von Mario Monicelli, Sergio Corbuccis (wenig gelungener) „Bete, Amigo!“ oder etwa „Der Duft der Frauen“, das Original natürlich, ebenfalls von Dino Risi.

     

    Zur Person Jean-Louis Trintignant, kennen wir alle, außerdem Franzose und kein Italiener, lass ich weg. Vielleicht ein anderes Mal.

     

    In Italien war „Verliebt in scharfe Kurven“ der erfolgreichste Film des Jahres 1962 und ausnahmsweise waren die Kritiken international durchweg positiv. Einziger Punkt, in dem einige Kritiker – und ich sehe das ebenso – ein leichtes Manko sehen, ist das abrupte und tragische Ende, das nicht so ganz die erhoffte Wirkung erzielt. Da fehlte ein wenig handlungsbezogene Vorbereitung, um den Zuschauer wirklich mitempfinden zu lassen. Natürlich könnte man in dieses Ende hinein interpretieren, dass Dino Risi zeigen wollte, wie schnell und plötzlich auch die gesellschaftliche Veränderung, die Hintergrund des Films ist, enden könne. Aber ich bin kein Freund von solchen Interpretationen, insbesondere wenn man es eben nicht weiß. Oft lachen Regisseure herzlich über all den Unsinn, den Kritiker ihren Filmen andichten.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Veröffentlichungen:

    Grundlage für diese Review war ein italienischer Pay-TV-Rip mit englischen Untertiteln, außerdem scheint es DVD und Blu Ray von Criterion zu geben. In Deutschland dagegen lief „Verliebt in scharfe Kurven“ 1963 im Kino, irgendwann in meiner Kindheit (und das ist wirklich verdammt lange her) mal im Fernsehen, aber seitdem anscheinend – nichts...?

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Links

    OFDb

    IMDb

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