Die Verirrten

Italien, 1955

  • Originaltitel: Gli sbandati
  • Alternativtitel:

    Os Revoltosos (BRA)

    Abandonada (BRA)

    Les égarés (FRA)

    Os evadidos (POR)

    Abandoned

  • Regisseur: Francesco Maselli
  • Kamera: Gianni Di Venanzo
  • Musik: Giovanni Fusco
  • Drehbuch: Eriprando Visconti, Francesco Maselli, Ageo Savioli
  • Inhalt:

    Im Sommer 1943 beginnt die Invasion der Alliierten in Italien. Die Contessa Luisa (Isa Miranda) zieht sich aus Mailand mit ihrem Sohn Andrea (Jean-Pierre Mocky) auf ihren Landsitz in der Lombardei zurück, um den Bombardierungen zu entgehen. Ebenfalls auf dem Landsitz befinden sich zwei junge Freunde ihres Sohnes: Carlo (Anthony Steffen) – Sohn eines Faschisten aus der Schweiz, der sich weigert zu seinem Vater zurückzukehren, da er dessen Überzeugungen verachtet, die zur Zerstörung Europas führen, und Ferruccio (Leonardo Botta), ein kleiner Egoist wie er im Buche steht, der zudem mit den Faschisten sympathisiert. Überhaupt gehören sie alle eher der versnobten Oberschicht an.

     

    Als im Dorf Flüchtlinge ankommen, die durch Bombardierungen ihre Dörfer verloren haben, werden diese vom Bürgermeister auf die umstehenden Landsitze verteilt. Zur Contessa schickt man die junge Luisa (Lucia Bosé), die sich zusammen mit der Familie ihrer Tante auf der Flucht befindet. Andrea gelingt es nicht, dies zu verhindern. Außerdem hat er ein Auge auf Luisa geworfen, was ihm zupass kommt, da ihn seine Verlobte Isabella (Ivy Nicholson) zu langweilen beginnt.

     

    Nachdem die Contessa wegen eines Notfalls nach Mailand gerufen wird, bleiben die drei jungen Männer allein mit Luisas Familie zurück. Luisa fühlt sich zu Andrea hingezogen, doch die Klassenunterschiede zwischen den Beiden hindern sie daran, ihren Gefühlen nachzugeben. Andrea wiederum leidet unter dieser Zurückweisung.

     

    Als von einer ganz in der Nähe gelegenen Bahnstrecke einer Gruppe von italienischen Widerstandskämpfern die Flucht aus einem deutschen Gefangentransport gelingt, landen die Geflüchteten bald in der Nähe des Landsitzes. Einer von Ihnen (Terence Hill aka Mario Girotti) ist verwundet. Andrea fasst den Entschluss, die Soldaten in der Villa zu verstecken. Doch die Deutschen durchkämmen bereits die Gegend.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    Nach einer Reihe von Dokumentationen und einer Episode von „Liebe in der Stadt“ (1953) war „Die Verirrten“ (Gli Sbandati) der erste abendfüllende Spielfilm von Francesco Maselli. Nach einem Drehbuch von Ageo Savioli, Eriprando Visconti und Maselli selbst entstand dieses mehr als nur sehenswerte Drama, dass neben Ereignissen und Randnotizen aus der italienischen Geschichte der letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs mit guten Hauptprotagonisten aufwarten kann und gekonnt mit Spannung und Dramatik eine zwiespältige Liebesgeschichte erzählt.

     

    Auf der einen Seite findet man die Wohlhabenden – Landbesitzer, Bürgermeister etc. – die oft selbst Sympathisanten der Faschisten sind. Auf der anderen Seite die Landarbeiter und Flüchtlinge, die von vornherein nur wenig von Eroberungsgelüsten irgendwelcher Diktatoren hielten, viel mehr damit beschäftigt waren, sich hart ihren Lebensunterhalt zu verdienen – bis man ihre Söhne in den Krieg schickte und später ihre Dörfer zerstörte.

     

    Interessant sind die Charaktere der drei jungen Männer Andrea, Carlo und Ferruccio da sie zwar alle ziemlich versnobt sind aber angesichts von Not und Gefahr völlig unterschiedlich reagieren, wobei natürlich ihr persönlicher Hintergrund eine Rolle spielt. Carlo hat einen Komplex wegen der faschistischen Anhängerschaft seines Vaters und ist von Anfang an der milder gestimmte Typ, der später zum dominanten Akteur wird. Für ihn steht außer Frage, dass es seine Pflicht ist, den geflüchteten Soldaten zu helfen. Er ist auch eher der Mann, den man sich als Zuschauer eigentlich für die junge Lucia wünscht. Ungewohnt ist es zunächst, Mr. Hölzern Antonio de Teffè alias Anthony Steffen in einem handfesten Drama zu sehen, und er agiert schon sehr vorsichtig. Wie man aber feststellen kann, ist unter einer guten Regie alles möglich, und Anthony Steffen fällt keineswegs unangenehm auf, im Gegenteil, er und Lucia sind die wirklichen Sympathieträger des Films.

     

    Die Figur des Andrea – überzeugend gespielt von Jean-Pierre Mocky – ist ein zwiespältiges Erlebnis. Er hat eine schöne Verlobte - Isabella - und scheint auch sehr in sie verliebt, bis Lucia in sein Leben tritt. Doch da ist etwas Seltsames, denn obwohl er sich um Lucia bemüht und Isabella schließlich kurzentschlossen zurückweist, entsteht nicht der Eindruck, er sei wirklich in Lucia verliebt. Vielmehr scheint ihn ein gewisser Schuldkomplex zu plagen. Reiches Söhnchen, von der Mutter durch Protektion vom Kriegsdienst verschont. Als es später darum geht, den geflüchteten Soldaten zu helfen, selbst da hat es den Anschein, dass er im Grunde nur Lucia mit dieser Haltung beeindrucken will, die ihn kurz zuvor noch mit einer Ohrfeige abgespeist hat. Kurz vor Ende des Films gibt es dazu eine vielsagende Szene mit Andrea und seiner eben aus Mailand zurückgekehrten Mutter.

     

    Der Dritte im Bunde ist Ferruccio, Egoist, Faschist und Denunziant. Ein Mann, mit dem man nur so lange befreundet sein kann, bis Schwierigkeiten auftauchen, dann ist kein Verlass mehr. Ferruccio ist sich selbst der Nächste. Die Charakteristika dieser drei Männer wird schon in einer frühen Szene sehr deutlich, wenn man ihre Reaktionen auf das Kriegstrauma von Lucias Tante sehen kann, jeder verhält sich seinem inneren Charakter entsprechend.

     

    Die weibliche Hauptrolle der Lucia wird gespielt von Lucia Bosé, die sich bereits zuvor einen Namen unter Regisseuren wie Luciano Emmer, Mario Soldati, Antonio Leonviola und natürlich in zwei Michelangelo Antonio-Filmen gemacht hat. Es gibt ein paar wundervolle Kameraeinstellungen von ihr in „Die Verirrten“ und ihrem eindrucksvollen Gesicht. Ihre Rolle meistert sie mit Links. Die Contessa Luisa wird von Isa Miranda gespielt, Darstellerin im italienischen Film seit 1933, später auch in Genrebeiträgen wie Massimo Dallamanos „Das Bildnis des Dorian Gray“, Mario Bavas „Im Blutrausch des Satans“ und in Liliana Cavanis „Der Nachtportier“ zu sehen. Ivy Nicholson dagegen, die Andreas Verlobte Isabella spielt, war dagegen nur eine kurze Filmkarriere beschert, die vier Filme in den Jahren 1964 und 1955 und einen Nachzügler im Jahre 1962 umfasst.

     

    In Nebenrollen findet man Giuliano Montaldo - Regisseur von „Top Job – Diamantenraub in Rio“ und dem herausragenden „Sacco und Vanzetti“ – sowie Marco Guglielmi und einem (fast) wortlosen Terence Hill. Nicht in die Filmdatenbanken geschafft hat es der „operatore alla macchina“ Erico Menczer, obwohl er im Vorspann genannt wird.

     

    Nun zur Gerüchteküche: „Gli sbandati“ geht nur 75 Minuten, was offenbar zu Gerüchten geführt hat, dass eine komplette Filmrolle fehle. Zumal imdb die Länge mit 102 Minuten angibt, aber man kennt ja die Längenangaben von imdb. Ich wüsste nicht, was in „Gli Sbandati“ inhaltlich fehlen könnte, das 21 zusammenhängende Minuten ergäbe. Zumal betrug die Laufzeit der italienischen Kinofassung lt. ofdb 79 Minuten – entspricht also der DVD-Länge von 75 Minuten – was sich auch mit der deutschen TV-Ausstrahlung von 1969 deckt. Und bei der Restauration des Films im Jahre 1998 unter Supervision von Giuseppe Rotunno soll man eine fehlende Filmrolle nicht bemerkt haben? Unsinn.

     

    Die Außenaufnahmen entstanden in der Villa Ripalta Guerrina bei Cremona in der Lombardei. Hier kann man auch ein paar schöne Aufnahmen mit der Po-Ebene als Hintergrund bewundern.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Veröffentlichungen:

    Problematisch bei der italienischen DVD-Veröffentlichung von RHV sind die englischen Untertitel. Die Dialoge sind allesamt übersetzt, nicht aber die extensiven Monologe aus der Sicht von Hauptprotagonist Andrea, die sicherlich einiges Licht in seine Handlungsweisen und die Hintergrundgeschichten seiner Freunde gebracht hätten. Das trübt den Genuss ein wenig, da man oft im der weiteren Handlungsverlauf bemerkt, dass einem da Dinge entgangen sind. Dafür sind Bild und Ton top.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Links

    OFDb

    IMDb

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