Die Verdammten

Deutschland | Italien, 1969

  • Originaltitel: La caduta degli dei (Götterdämmerung)
  • Alternativtitel:

    Os deuses Malditos (BRA)

    La caída de los dioses (ESP)

    Les damnés (FRA)

    Os Malditos (POR)

    The Damned (USA)

  • Deutsche Erstaufführung: 27. Januar 1970
  • Regisseur: Luchino Visconti
  • Kamera: Pasqualino De Santis, Armando Nannuzzi
  • Musik: Maurice Jarre
  • Drehbuch: Nicola Badalucco, Enrico Medioli, Luchino Visconti
  • Inhalt:

    Deutschland, Ruhrgebiet 1933: die Industriellenfamilie von Essenbeck hat sich versammelt, um den Geburtstag ihres Oberhaupts Baron Joachim Von Essenbeck (Albrecht Schoenhals) zu feiern. Auf einer hauseigenen Bühne tragen die beiden Töchter seines Neffen Herbert Thallmann (Umberto Orsini) und dessen Frau Elisabeth (Charlotte Rampling) dem Familienoberhaupt ein Gedicht vor, und sein Enkel Günther (Renaud Verley) spielt auf dem Cello. Dann wären da noch Günthers Vater Konstantin (Reinhard Kolldehoff), der nichts für die musischen Talente und das Studium seines Sohnes übrig hat, sein Betriebsleiter Frederick Bruckmann (Dirk Bogarde), der SS-Mann Aschenbach (Helmut Griem) und – hinter der Bühne – Sophie von Essenbeck (Ingrid Thulin), die nicht nur hinter der kleinen Bühne Einfluss auf das Familienunternehmen ausübt.

     

    Schließlich ist es aber Sophies Sohn Martin (Helmut Berger), der die Gesellschaft mit einer Travestie-Nummer zu schockieren gedenkt, doch seine Rechnung geht nur sehr kurz auf, denn die Nachricht vom Reichstagsbrand in Berlin stiehlt ihm die Show.

     

    Die bevorstehende Machtübernahme Hitlers veranlasst Joachim von Essenbeck zu einem drastischen Schritt: da weder er selbst noch sein Betriebsleiter oder sein Neffe Hitler sehr zugetan sind, will er die Geschäfte an den der SA-angehörigen Konstantin übergeben. In derselben Nacht wird Joachim mit Herbert Thalmanns Pistole erschossen, und da er deshalb natürlich flieht, gibt man ihm die Schuld an dem Mord. Etwas verfrüht, wie sich später zeigt.

     

    Und dann ist da noch Martin, der neben seiner Geliebten Olga (Florinda Bolkan), kleine Mädchen etwas zu sehr mag und seine Mutter Sophie dagegen abgrundtief zu hassen scheint. Als sich ein kleines Mädchen, das er missbraucht hat, erhängt, wird er von Baron Konstantin erpresst. Sophie v. Essenbeck will ihrem Sohn helfen, wofür sie sowohl ihren Geliebten Bruckmann als auch dessen SS-Freund Aschenbach einspannt, nur einer der Gründe, der zu einer blutigen Auseinandersetzung zwischen SA und SS führt. Schließlich soll ausgerechnet der labile Martin die Firmengeschäfte übernehmen und auch Aschenbach taucht wieder bei der Familie auf, um die Identität von Joachim von Essenbecks Mörder preiszugeben.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    Die Inhaltsangabe gibt nur einen Teil der Intrigen dieser im Dritten Reich angesiedelten zweieinhalbstündigen Frühversion vom „Denver-Clan“ wieder. Respektlos dieser Vergleich, ich weiß. Außerdem ist die Geschichte natürlich eher an die Krupp-Familie angelehnt, Ähnlichkeiten selbstverständlich rein zufällig.

     

    Kontext des Films, abgesehen von ablenkenden Einzelheiten, ist eine Industriellenfamilie aus der Stahlbranche, die entgegen eigener Überzeugungen einen Pakt mit dem sich anbahnenden Nazi-Regime schließen will, nicht zuletzt, da hohe Gewinne in der Rüstungsproduktion in Aussicht stehen – und wie jedes einzelne Familienmitglied durch diesen Pakt zunehmend korrumpiert wird. Profiteure also, die für ihren Selbsterhalt selbst einen Pakt mit dem Teufel eingehen würden, nur dass es gerade dieser Pakt ist, der ihre Selbstzerstörung besiegelt.

     

    Ein zentrales geschichtliches Thema von „Die Verdammten“ ist auch der Röhm-Putsch. Röhm findet seine Entsprechung hier in der Figur des Konstantin von Essenbeck, einem großmäuligen SA-Mann, der auch der Homosexualität nicht abgeneigt ist, was auch auf Röhm selbst zutraf und der auch kein Geheimnis daraus machte. Und so inszeniert Visconti (nicht wirklich historisch korrekt) den letzten Abend in Bad Wiessee als bierseliges, urbayerisches Besäufnis von SA-Leuten, die sich von Hitler nicht ausreichend geschätzt fühlen. Da sich die anwesenden Damen eher unwillig zeigen, verkleiden sich SA-Leute schließlich als Frauen und es kommt zu nächtlichen homosexuellen Massenaktivitäten, bis schließlich die SS eintrifft und alle erschießt. Im Film wird Konstantin von Friedrich Bruckmann (Dirk Bogarde) vor Ort persönlich getötet, Ernst Röhm dagegen wurde im wahren Leben natürlich erst verhaftet und erst später im Gefängnis München-Stadlheim erschossen.

     

    Was kann man angesichts der traumhaften Besetzung dieses Films Negatives über die Akteure sagen? Nicht viel, außer dass Visconti ein kleiner Fauxpax unterlief als er – natürlich ohne es zu wissen – die Nebenrolle eines NS-Offiziers an den damals bereits für Tot erklärten Kriegsverbrecher Karl Hass vergab.

     

    Erstmals treffen hier Dirk Bogarde und Charlotte Rampling aufeinander, die einige Jahre später ein „Traumpaar“ in Liliana Cavanis „Der Nachtportier“ bilden. Ingrid Thulin spielt die eher im Hintergrund intrigante Baroness Sophie von Essenbeck, und sorry, genau da kam mir der Gedanke an Joan Collins in „Denver Clan“, die könnte sich durchaus ein wenig von Thulins Rolle abgeguckt haben. Neben weiteren hervorragenden Darstellern (siehe Besetzungsliste) wirkt Florinda Bolkan leider eher unauffällig, ihr Part ist nicht sehr groß und man erkennt sie kaum. In einer Nebenrolle als Krankenschwester gegen Ende findet Man Jessica Dublin (respektlos angepinkelt in Nico Mastorakis „Die Teuflischen von Mykonos“) und Al Cliver hat mal behauptet, einen der SS-Soldaten gespielt zu haben.

     

    Die große Entdeckung dieses Films war damals natürlich Helmut Berger – hier in seiner ersten großen Rolle – und WAS für eine Rolle! Als Transvestit, als SS-Mann, als Kinderschänder und schließlich schläft er mit seiner Mutter. Bergers Part führt auch zu einigen der erschütterndsten Szenen des Films, der Vergewaltigung seiner Geliebten durch die SA, ein kleines Mädchen, das sich nach dem Missbrauch durch ihn auf dem Dachboden erhängt, und der seelische Verfall seiner Mutter nach dem gemeinsamen Beischlaf, was zu einem geisterhaften Finale mit einer bizarren Hochzeit führt.

     

    Kurzum, ein Meisterwerk, dass auch für die Zuschauer geeignet ist, die bei „Tod in Venedig“ oder „Ludwig II.“ eingeschlafen sind. Hierfür bitte ich meine Sitznachbarn nachträglich vielmals um Entschuldigung...

  • Autor: Gerald Kuklinski
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