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Verdammt zu leben - Verdammt zu sterben

Italien, 1975

  • Originaltitel: I quattro dell'apocalisse
  • Alternativtitel:

    Os Quatro do Apocalipse (BRA)

    Los cuatro del apocalipsis (ESP)

    Les quatre de l'apocalypse (FRA)

    Os Quatro do Apocalipse (POR)

    Four of the Apocalypse (USA)

    Four Gunmen of the Apocalypse

    Four Horsemen of the Apocalypse

  • Deutsche Erstaufführung: 15. April 1977
  • Regisseur: Lucio Fulci
  • Kamera: Sergio Salvati
  • Musik: Franco Bixio, Fabio Frizzi, Vince Tempera
  • Drehbuch: Ennio De Concini
  • Inhalt:

    Ein Spieler, eine schwangere Hure, ein Säufer und ein liebenswerter, aber geistig zurückgebliebener Schwarzer mit einer merkwürdigen Affinität zu Toten und Friedhöfen auf einem Roadtrip durch die Einöde des Westens. Das sind die „Four of the Apocalypse“ und jeder von ihnen wird auf dieser Reise seinem Schicksal gegenübertreten müssen...

  • Autor: Christian Ade
  • Review:

    Folgte Fulcis erster Western DJANGO – SEIN GESANGSBUCH WAR DER COLT noch treu den gängigen Genre-Reglements, verlässt er mit seinem merkwürdigen, fast schon (alp-) traumwandlerischen FOUR OF THE APOCALYPSE (dt.Titel: VERDAMMT ZU LEBEN – VERDAMMT ZU STERBEN) die gewohnten Pfade.

     

    In der Rezeption wurde Fulcis zweiter Western gerne als Erlösungsdrama aufgefasst. Da ein Erlösungsdrama per definitionem allerdings stets ein gutes Ende anstrebt, will der Begriff nicht so richtig zu dem seltsam melancholischen, öfter gar gnadenlos nihilistischen FOUR OF THE APOCALYPSE passen. Tatsächlich repräsentiert der Film recht treffend das bekannt düstere Weltbild seines Regisseurs. Hier wird jeder Hoffnungsschimmer von unsäglichem Leid erstickt; jede Freude, jedes Erfolgserlebnis ist bestenfalls flüchtig.

     

    Hier ist der Westen nicht die Straße ins Glück. Er ist durch und durch menschenfeindliches Gebiet.

     

    So lernen sich die Hauptprotagonisten in einer Gefängniszelle kennen. In einer Nacht, wo maskierte Namenlose ein grausames Massaker in der Stadt anrichten. Wo in vielen Western selbst in den fortgeschrittenen Siebzigern noch ohne Einschusslöcher im Hemd „gestorben“ wird, holt Fulci im Vorgriff auf seine späteren Blood & Guts-Eskapaden im Zombiefilm die Kutteln schon hier raus: Schrotflintensalven reißen basketballgroße Löcher in die Leiber der Cowboys; in die Pferdetränken wird mit heraushängendem Gedärm gestürzt. 

     

    Natürlich werden unsere vier Hauptfiguren im weiteren Verlauf der Geschichte vor allem in Gestalt des einmal mehr äußerst wandlungsfähigen Tomas (DER GEHETZTE DER SIERRA MADRE, DJANGO KILL!) Milian, der diesmal einen extrem brutalen wie blutrünstigen Desperado namens Chaco mimen darf, noch häufiger mit wüsten Gewaltausbrüchen konfrontiert – oder selbst zu Opfern.  

     

    In einem Interview, in welchem Hauptdarsteller Fabio Testi ansonsten sehr respektvolle Erinnerungen an den unvergessenen Fulci hegt, sieht der Schauspieler in einer tatsächlich recht garstig inszenierten Vergewaltigungsszene gar Fulcis Weg hin zu seinen umstrittenen, exzessive Gewalt betreibenden Werken in den frühen 80ern vorgezeichnet. Eine These, deren Wahrheitsgehalt durch eine weitere barbarische Szene (nämlich einer Häutung bei lebendigem Leib) noch unterstrichen wird.

     

    Wobei manche unbequeme Szenarien nicht einmal den Einsatz von Kunstblut erfordern. Irgendwie geht das demütigende Spiel Chacos mit der Alkoholsucht der übrigens von Michael J. Pollard superb gespielten Figur des „Clam“ ebenso beunruhigend schmerzhaft unter die Haut wie zuvor Chacos Messer unter die des Sheriffs.

     

    Trotz der sadistischen Ausfälligkeiten, die dem Film in einigen Ländern heftigen Ärger mit der Zensur eingehandelt haben, ist das Tempo über weite Strecken überraschend ruhig. Für manche –nicht für mich- eventuell sogar zu ruhig. Außerdem hat der Film wegen seiner episodenhaften Erzählweise bei vielen Rezipienten –darunter ganz prominent auch bei Tomas Milian himself- einen Eindruck von Unfertigkeit erweckt. Allerdings gibt Milian im selben Interview zu Protokoll, dass er FOUR OF THE APOCALYPSE für einen guten Film und Fulci für einen hochbegabten Regisseur hält.

     

    Tatsächlich verweigert sich Fulcis Erzählweise in diesem Film des Öfteren den Gepflogenheiten des Spannungskinos. Im letzten Drittel, wo in anderen Italowestern der Bleigehalt in der Luft signifikant erhöht und sich schon fleißig für den Showdown warmgeschossen wird, verweilt Fulci genüßlich lange in Altaville, einer unwirklich erscheinenden Männer(!)-Enklave irgendwo im Nirgendwo und besiegelt dort ein Schicksal, während er einem anderen in einem seltenen Anflug von Menschlichkeit Hoffnung gewährt.

     

    Der Showdown mit Chaco findet wiederum eher beiläufig statt. Und auffallend unspektakulär. Doch gerade dieses kurzangebundene, aber grausame Sterben in einer Scheune am Ende des Films passt recht gut zum Grundton von FOUR OF THE APOCALYPSE. Zumal der eigentliche Höhepunkt schon zuvor in der grandiosen „Geisterstadt“-Episode gefeiert wurde. Da sind diese verlassene Ruinen und dieser fast im Regen ertrinkende verwitterte Friedhof. Dann diese längere Sequenz, die durch bedrohliche Kamerawinkel, einer seltsam entrückten gespenstischen Atmosphäre sowie einer verdammt unappetitlichen Überraschung glänzt. Hier geht nicht nur der farbige Geisterflüsterer ganz in seiner Abseitigkeit auf.

     

    Zuguterletzt sei noch erwähnt das der hierzulande unter dem Titel VERDAMMT ZU LEBEN-VERDAMMT ZU STERBEN bekannte Film außerordentlich von seiner hervorragenden Besetzung profitiert. Auf Pollard und Milian bin ich schon eingegangen, aber auch die Rollen des Spielers und der Hure sind mit Fabio (DAS SYNDIKAT DES GRAUENS, KNIE NIEDER UND FRISS STAUB) Testi und der aus Horrorfilmen wie CIRCUS DER VAMPIRE und PHASE IV bekannten Lynne Frederick wie maßgeschneidert besetzt.

     

    Einzig und allein der Soundtrack des renommierten Komponistentrios Frizzi, Bixio und Tempera vermag diesmal nicht auf ganzer Linie zu überzeugen. Manche Stücke –insbesondere die gesungenen- klingen dann doch zu schnulzig und treffen nicht den (abgründigen) Ton der Bilder.

     

    Trotzdem ist FOUR OF THE APOCALYPSE nicht nur der Fulci-Western, in welchem man die Handschrift des Maestro am deutlichsten erkennt, sondern auch sein bester. 

  • Autor: Christian Ade
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