Die unglaublichen Abenteuer des Herkules

Italien | Spanien, 1958

  • Originaltitel: Le fatiche di Ercole
  • Alternativtitel:

    Los trabajos de Hércules (ARG)

    Los viajes de Heracles (ESP)

    Les travaux d'Hercule (FRA)

    O Triunfo de Hércules (POR)

    Hercules

  • Deutsche Erstaufführung: 13. Januar 1959
  • Regisseur: Pietro Francisci
  • Kamera: Mario Bava
  • Musik: Enzo Masetti
  • Drehbuch: Ennio De Concini, Pietro Francisci, Gaio Frattini
  • Inhalt:

    Halbgott Herkules (Steve Reeves) befindet sich auf dem Weg nach Iolcus, wo er den Sohn von König Pelias (Ivo Garrani) in der Kampfkunst unterrichten soll.

     

    Während einer Grillpause prescht das Gespann der Königstochter Iole (Sylva Koscina) an ihm vorbei, der die Pferde durchgegangen sind. Er rettet ihr das Leben und die Beiden verlieben sich ineinander. In einem Gespräch mit Iole kommen deren Kummer und Einsamkeit zum Vorschein, sowie die Gerüchte, dass ihr Vater seinen eigenen Bruder ermordet haben soll, um auf den Thron zu gelangen. In derselben Nacht verschwand auch der junge Sohn des früheren Königs - Jason (Fabrizio Mioni) - und mit ihm das Goldene Vlies, welches die Legitimation für den Thron von Iolcus darstellt.

     

    An seinem Ziel angekommen, erweist sich Ioles Bruder - und somit Herkules‘ Schüler - Iphitus (Mimmo Palmara) als arroganter und wenig talentierter Muskelprotz ohne Verstand. Herkules stellt ihn bloß. Nachdem vier Dorfbewohner von einem Löwen getötet wurden, will Herkules diesen töten und der wütende Iphitus folgt ihm und stirbt dabei. So fällt Herkules beim König genauso in Ungnade wie bei seiner Angebeteten Iole, die ihm die Schuld für den Tod von Iphitus geben.

     

    Herkules hat dagegen ganz persönliche Probleme. Er weiß, dass er Iole liebt und dass er Schuld für den Tod ihres Bruders empfinden sollte, doch er ist ein Halbgott und fühlt nicht wie andere Menschen. So bittet er die Sibylle am Hof des Königs (Lidia Alfonsi) für ihn in Kontakt mit den Göttern zu treten und in seinem Namen darum zu bitten, ihn zu einem gewöhnlichen Sterblichen zu machen. So verliert er seine übermenschlichen Kräfte.

     

    König Pelias und sein intriganter Berater Eurysteus (Arturo Dominici) ersinnen währenddessen ein Plan, um Herkules zur Strecke zu bringen, denn neben seinem Groll wegen des Tods seines Sohnes scheinen die Gerüchte um die Art und Weise, wie Pelias auf den Thron gelang, der Wahrheit zu entsprechen. Herkules soll gegen den wilden Stier von Kreta kämpfen. Dabei findet er in einer Höhle den verschollenen Jason und bringt ihn mit nach Iolcus.

     

    Jason ist natürlich der legitime Thronfolger, doch Pelias verlangt, dass er zu seiner Legitimation das Goldene Vlies herbeischaffen soll. So beschließen Herkules, Jason und die stärksten Krieger von Iolcus (die Argonauten, genau) sich auf die lange und gefährliche Schiffsreise nach Kolchis zu begeben und nicht eher wieder Land zu betreten, bis das Ziel erreicht ist. Irgendwann gehen ihnen jedoch die Vorräte aus und man macht sich auf einer unbekannten Insel auf die Suche nach Proviant. Sie fallen in die Hände eines Amazonenstammes und Jason verliebt sich in deren schöne Anthea (Gianna Maria Canale).

     

    Anthea erzählt ihm die Geschichte, wie vor 100 Jahren alle Männer auf der Insel bei einem Vulkanausbruch getötet wurden, und wie die hinterbliebenen Frauen Opfer der Triebhaftigkeit der ersten Seeleute wurden, die die Insel danach betraten. Nach dieser bitteren Erfahrung lernten die Frauen sich zu wehren und alle künftigen Männer, die es in ihre Domäne verschlug, nach der Paarung zu töten. Durch eine List gelingt es den Argonauten, den Amazonen zu entkommen.

     

    Schließlich gelangen sie an ihr Ziel, und während die Männer gegen eine Horde urzeitlicher Affenmenschen kämpfen, erbeutet Jason im Kampf mit einem Drachen das Goldene Vlies, in dessen Innerem der Mörder von Jasons Vater geschrieben steht. Endlich kann man nach Iolcus zurückkehren und den Thron beanspruchen, doch wird Pelias wirklich freiwillig zurücktreten?

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    1957 war es so weit. Mit dem Beginn der Dreharbeiten zu „Le Fatiche di Ercole“ wurde ein wichtiger Meilenstein für ein künftiges Subgenre des Monumentalfilms gelegt. Fortan dürfte man sehnige Muskelprotze in oft recht verquastem Handlungsgewirr durch bunte Abenteuerspektakel mit Fantasy-Einlagen kloppen sehen. Nicht jeder mag diese Filme, und man muss zugeben, dass die meisten davon den Zahn der Zeit nicht sehr gut überstanden haben. Ist man aber bereit, sich auf diese Art von Abenteuer einzulassen, bringen diese Werke sehr viel Spaß mit sich, denn es wird doch einiges geboten.

     

    „Die unglaublichen Abenteuer des Herkules“ bietet zum Beispiel ein Handlungsgeflecht, das wild aus den verschiedensten mythologischen Quellen zusammengetragen wurde und Fragen aufwirft. Wieso benutzen die Griechen hier die römischen Namen der Götter? Oder ist das erst beim englischsprachigen Dubbing passiert? War Herkules schon immer bei den Argonauten? Und wieso ist Ulysses (Odysseus) so ein schmales Hemd?

     

    Ich wollte das heute wirklich mal ernst angehen, aber ich schaffe das nicht, nicht bei einem Peplum, tut mir leid. Für Hauptdarsteller Steve Reeves fand sich mit „Die unglaublichen Abenteuer des Herkules“ eine Paraderolle, und Regisseur Pietro Francisci lässt ihn einige Dialoge mit großer Theatralik vortragen. Die Idee, ihn einen Bart tragen zu lassen, nahm einst Mario Bava für sich in Anspruch, und tatsächlich dürfte es nur wenige Helden der griechischen Antike gegeben haben, die keinen Bart trugen. Ein wenig irritiert bin ich über die Größenangaben zu Steve Reeves in den Datenbanken. Der Mann soll 1,85 m groß gewesen sein, steht dort geschrieben. In mehreren Szenen ist aber zu sehen, dass die Sohlen seiner Sandalen mehrere Zentimeter dick sind, und insbesondere in der ersten halben Stunde platzierte man ihn auf höhere Punkte, damit er die anderen Darsteller überragt.

     

    Ein unfreiwillig komisches Beispiel hierfür ist eine Szene zu Anfang. Reeves kniet neben der am Strand liegenden Sylva Koscina (1,74 m), dann steht sie auf und zunächst bleibt er auf den Knien. Als er beginnt, ihr zu folgen und neben ihr hergehen soll, sieht man deutlich, dass Reeves plötzlich schräg hoch geht, um dann viel zu erhöht neben ihr herzulaufen, so als hätte man eigens für ihn einen Laufsteg gebaut, damit er sie überragen kann. Interessant ist dagegen ein Aspekt der Handlung in Verbindung mit dem Genre: Herkules gibt seine Kräfte als Halbgott auf, weil er wie ein Mensch leben und mit seiner von ihm geliebten Iole eine Familie gründen will. Und so geschieht es, nichts wird später rückgängig gemacht. Herkules ist und bleibt ein Mensch. Vielleicht ändert sich das erst in der Fortsetzung, mal sehen.

     

    Der Name Mario Bava ist bereits bezüglich der Bartfrage gefallen, und tatsächlich fielen Bava bei „Die unglaublichen Abenteuer des Herkules“ mehrere Aufgaben zu. Neben der Kameraarbeit war er für die Beleuchtung, Kameraeffekte, Spezial-Effekte und ein paar Tricks in Verbindung mit der Set Decoration verantwortlich. Ich hoffe, jeder kennt das alte Bildmaterial, in dem Bava in einer italienischen TV-Show unter anderem demonstrierte, wie man Schauspieler in Miniaturgebäude bekommt. Es gibt ein paar Szenen, in denen Bavas Handschrift deutlich sichtbar ist, und auch in der Fortsetzung, wieder unter der Regie von Pietro Francisci - „Herkules und die Königin der Amazonen“ – war er erneut mit dabei.

     

    Neben Mario Bava nennen die Credits Flavio Mogherini als Set- und Art-Director, der 1977 den Giallo „Blutiger Zahltag“ (La ragazza dal pigiama giallo) drehte. Zur mythologischen Sage um das Goldene Vlies und zum Thema Special Effects gehört natürlich die Hydra, die das Goldene Vlies bewacht. Das war wohl aber budgetbedingt zu schwierig, und so wurde aus der Hydra ein Drachenwesen, das frappierende Ähnlichkeit mit Angilas („Godzilla kehrt zurück“, 1955) aufweist und bei dessen Brüllen es sich um eine Verzerrung der Laute von „Godzilla“ (1954) handelt. Wer dieses Monster aus „Die unglaublichen Abenteuer des Herkules“ tatsächlich kreiert hat, ist nicht bekannt, es könnte sich aber durchaus um eines der vielen anonymen Frühwerke von Carlo Rambaldi handeln.

     

    Erwähnenswert ist ein Aspekt in Bezug auf die Szenen mit den Amazonen. Jason – gespielt von dem ca. 27jährigen Fabrizio Mioni – ist ein recht unschuldiger Knabe, unsterblich verliebt in die führende Amazone Anthea. Die wird gespielt von Gianna Maria Canale, die nur drei Jahre älter als ihr Filmpartner war, der man jedoch eine in den Dialogen, in der Gestik und im Make-Up deutlich spürbare Mütterlichkeit verliehen hat. Was eine gewisse Absicht nahelegt, wenn man nur wüsste, welche. Während dieses Szenarios auf der Amazonen-Insel tritt die Figur des Herkules auch für einige Zeit völlig in den Hintergrund.

     

    In kleinen Rollen sieht man Luciana Paluzzi als eine von Ioles Dienerinnen, Gina Rovere („Diebe haben‘s schwer“) als Amazone und Paola Quattrini („Das Geheimnis der blutigen Lilie“) als jugendliche Iole in der Rückblende zu Anfang. Übrigens bedeutet der Name Iole laut Google-Übersetzer Jolly-Fledermaus, aber da habe ich so meine Zweifel.

     

    Bleibt die Frage, warum dieser Erfolg von „Le Fatiche di Ercole“, der so viele weitere Filme und Muskelmänner nach sich zog? Die erste Antwort liegt in einer unbeschreiblichen Werbekampagne vor Veröffentlichung des Films. Ein weiterer Faktor werden wohl die Amazonen gewesen sein, immerhin kam der Film 1958 in die Kinos, mehr an Freizügigkeit war da kaum machbar. Auch hier findet sich ein amüsantes Detail, denn in einer Szene tragen eine Gruppe von Amazonen-Tänzerinnen unter ihren durchsichtigen Gewändern noch robuste Badeanzüge. Zu den Einnahmen an den Kinokassen gibt das italienische Wikipedia 887.384.717 britische Pfund bis 1965 an. In den USA spielte die von Joseph E. Levine dort vermarktete Fassung an den Kinokassen unglaubliche 20 Millionen Dollar ein.

     

    Die deutsche DVD ist gekürzt, uncut soll die mal auf arte gesendete Fassung mit einer Laufzeit von knapp 98 Minuten sein.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Bitte Kommentar schreiben

    Sie kommentieren als Gast.