Der unerbittliche Vollstrecker

Frankreich | Italien, 1973

  • Originaltitel: La polizia sta a guardare
  • Alternativtitel:

    La polizia sta a guardare (ESP)

    Le grand kidnapping (FRA)

    The Great Kidnapping (GBR)

  • Regisseur: Roberto Infascelli
  • Kamera: Riccardo Pallottini
  • Musik: Stelvio Cipriani
  • Drehbuch: Augusto Caminito, Marcello D'Amico, Roberto Infascelli
  • Inhalt:

    Eine völlig neue Dimension des organisierten Verbrechens erschüttert Mailand in seinen Grundfesten, da kriminelle Banden die recht risikofreie und zudem äußerst lukrative Geschäftsidee von Entführung und Geiselnahme für sich entdecken konnten und diese nun hemmungslos für sich ausnutzen. Dabei begünstigt das solidarische Verhalten der erpressten Angehörigen den Erfolg des neuentdeckten Entführungsgeschäfts immens, da das geforderte Lösegeld bisher immer anstandslos und zudem hinter dem Rücken der ahnungslosen Polizei gezahlt wurde. Aber auch die viel zu sanft gefahrene Linie der Justizbehörde trägt ihren Teil zum Erfolg dieser neuen Verbrechensdimension bei, indem auch sie die entsprechenden Forderungen der skrupellosen Geiselnehmer kurzer Hand zum Schutz der todesgefährdeten Opfer erfüllen.

     

    Als Opfer werden ausschließlich Kinder reicher Eltern auserkoren, da logischerweise bei der wohlhabenden Gesellschaftsschicht am meisten abzuräumen ist. Und da den Familien natürlich die Unversehrtheit ihrer verzogenen Sprösslinge am aller wichtigsten ist, versuchen diese unter allen Umständen die Polizei aus dem Spiel zu lassen und zahlen daher bereitwillig hinter deren Rücken die geforderten Lösegeldsummen an die hocherfreuten Geiselnehmer.

     

    Als dann auch noch eines Tages der resignierte Kommissar Jovine (Lee J. Cobb) völlig unverhofft sein Amt niederlegt, tritt der als kompromisslos und knallhart geltende Kommissar Cardone (Enrico Maria Salerno) an seine Stelle, der hierfür eigens aus Rom entsendet wurde. Cardone gilt als Hardliner seines Fachs, der sich jeglichen Forderungen krimineller Subjekte gegenüber völlig renitent zeigt und dadurch ganz bewusst das Leben der Entführungsopfer aufs Spiel setzt. Denn seiner Meinung nach, könne nur durch eine völlig unnachgiebige Haltung gegenüber den Erpressern ein Ende dieser florierenden Entführungswelle herbeigeführt werden.

     

    „Hören Sie, ich bin hier der Chef! Man hat mir alle Ihre Forderungen mitgeteilt. Ich habe NICHT die Absicht, diese zu akzeptieren... diese nicht und keine anderen! Theoretisch sind Sie schon im Gefängnis, also lassen Sie die Geiseln frei und kommen Sie ohne Waffen und mit den Händen über dem Kopf heraus. Ende!“

     

    Seine schonungslose Haltung gegenüber Verbrechern und Opfern bringt ihm aber nicht nur Lob ein, sondern führt in Großteilen der Bevölkerung auch zur maßlosen Empörung, da diese um das Wohl der hilflos ausgelieferten Entführungsopfer bangen. Zudem ist er mit seiner unbändigen Vorgehensweise dem zuständigen Staatsanwalt Aloisi (Jean Sorel) ein heftiger Dorn im Auge, da bei diesem das Wohl der Geiseln an aller erster Stelle steht und somit sehr nachsichtig und zurückhaltend den Erpressern gegenüber tritt.

     

    Doch dann wird plötzlich Cardones eigen Fleisch und Blut von einer erzürnten Verbrecherbande verschleppt, die daraufhin über die Presse eine „symbolische“ Lösegeldforderung in Höhe eines regulären Monatsgehalts Öffentlichkeit bekannt geben. Wird Kommissar Cardone seiner eingeschlagenen Linie treu bleiben, indem er zur Erreichung seiner ehrenwerte Ziele das Wohl seines eigenen Sohnes aufs Spiel setzt oder wird er gegenüber seinen selbstauferlegten Prinzipien letztendlich doch einknicken und den Forderungen der Entführer klein beigeben?

  • Autor: Richie Pistilli
  • Review:

    Nachdem Produzent und Drehbuchautor Roberto Infascelli („LUANA – DER FLUCH DES WEIßEN GOLDES“) bereits ein Jahr zuvor unter der Regie von Stefano Vanzina den als Prototypen des italienischen Polizeifilm geltenden „DAS SYNDIKAT“ abdrehen ließ, folgte 1973 der Nachfolger „EIN UNERBITTLICHER VOLLSTRECKER“, wobei der Produzent dieses mal gleich selbst den Platz auf dem Regiestuhl einnahm. Dabei ist ihm eine mitreißende Inszenierung gelungen, die aufgrund eines sehr gut aufgelegten Hauptdarstellers, einer außerordentlichen Kameraarbeit und des durchwegs hohen Spannungspotenzials zu begeistern vermag.

     

    Ähnlich wie beim Vorgänger stammen auch hier letztendlich die eigentlichen Strippenzieher aus den Reihen der Politik, die das angestiftete Chaos wiederum gnadenlos für ihre niederen Zwecke zu nutzen versuchen. Und auch hier sind der Polizei die Hände gebunden, da sowohl die Angehörigen der Opfer, als auch die Justizbehörde ihnen bei der Arbeit in den Rücken fallen und somit den bereits angeschlagenen Rechtsstaat weiterhin schwächen. Außerdem verhilft eine solch erpresserfreundliche Vorgehensweise dem gerade erst aufkeimenden Entführungsgeschäft zur Hochkonjunktur und begünstigt zudem die Erpressbarkeit des unterwürfigen Rechtsstaats. Infascelli zeigt somit ein rechtsstaatliches Dilemma auf, bei dem es letztendlich nur um eine vertrackte Fragestellung geht: Entweder eine bedingungslose Verteidigung der rechtsstaatlichen Prinzipien mit dem Risiko, dass einzelne Entführungsopfer dafür bluten müssen oder die Zurschaustellung der völligen Machtlosigkeit gegenüber dem immer mächtiger werdenden Verbrechen, indem der Unversehrtheit der leidgeplagten Opfer die höchste Prioritätsstufe zugesprochen wird.

     

    Wie bereits beim Vorgänger verkörpert „Enrico Maria Salerno“ („BETRACHTEN WIR DIE ANGELEGENHEIT ALS ABGESCHLOSSEN“, „AUF VERLORENEM POSTEN“, „MÄDCHEN IN DEN KRALLEN TEUFLISCHER BESTIEN“) auch hier einen knallharten und unbarmherzigen Gesetzeshüter, der sich aufgrund seines gesteigerten Drangs zur Selbstjustiz einfach die alleinige Entscheidungsmacht zuschreibt und dabei sowohl das opferschonende Bestreben der Justiz, als auch jegliche Forderungen krimineller Subjekte vehement ignoriert. Für ihn zählt somit nur die eine goldene Regel: Völlige Unnachgiebigkeit gegenüber den Entführern, auch wenn dabei das Leben der Geisel auf dem Spiel steht! Alles andere würde den bereits angeschlagenen Rechtsstaat weiterhin enorm schwächen und letztendlich wohl sogar noch in die Knie zwingen. Darüber hinaus lässt er ohne Einholung eines richterlichen Beschlusses die Telefonanschlüsse der potenziellen Erpressungsopfer überwachen, wodurch er auch sogleich einem versuchten Vertuschungsversuch eines brandaktuellen Entführungsfalls auf die Schliche kommt und daraufhin die Verhandlungen mit den Kidnappern ungefragt an sich reißt. Und so kommt es, wie es kommen muss: Nach außen hin scheint seine selbstherrliche Vorgehensweise plötzlich ein erstes Todesopfer gefordert zu haben, wofür er von der Öffentlichkeit herbe Kritik erntet. Dabei schickten die gewissenlose Geiselnehmer ihr Opfer bereits vor der Intervention durch die Polizei ins Jenseits, wodurch von vorne herein noch nicht einmal der Hauch einer Überlebenschance bestand.

     

    Signor Salerno spielt die Rolle des unbändigen Kommissars Cardone mit absoluter Bravour und schafft es dabei sogar, seine nicht gerade unbekannten Mitstreiter recht blass aussehen zu lassen.

     

    Kommen wir zu „Jean Sorel“ („NACKT ÜBER LEICHEN“, „MALASTRANA“, „A LIZARD IN A WOMAN'S SKIN“), dessen unspektakuläre Darbietung als nachgiebiger und stets kompromissbereiter Staatsanwalt Aloisi leider etwas farblos bleibt. Etwas mehr Biss hätte seine Rolle zwar schon haben können, wobei er aber auch so eine immer noch recht solide Darbietung abzugeben vermag.

     

    In weiteren Rollen gibt es zudem “Lee J. Cobb” („DER TAG DER EULE“, „DER EXORZIST“, „DAS ULTIMATUM LÄUFT AB“) als unheilvollen Kommissar, “Luciana Paluzzi” („EXZESS - MORD IM SCHWARZEN CADILLAC“, „DER MAFIABOSS – SIE TÖTEN WIE SCHAKALE“, „MANHUNT IN THE CITY“) als undurchsichtige Millionärsgattin, “Claudio Gora” („GEFAHR: DIABOLIK!“, „DER CLAN, DER SEINE FEINDE LEBENDIG EINMAUERT“, „DAS RÄTSEL DES SILBERNEN HALBMONDS“) als zwielichtiger Anwalt und die reizende “Laura Belli” („DER BERSERKER“, „VON CORLEONE NACH BROOKLYN“, DIE EISKALTEN KILLER”) als (Ex)-Geliebte eines Entführungsopfers zu bewundern. Letztere wirkte übrigens schon beim Vorgänger “DAS SYNDIKAT” mit, wobei sie dort selbst das Entführungsopfer verkörperte und völlig unfreiwillig an der Seite von Jürgen Drews einen denkwürdigen Auftritt ablieferte.

     

    Obwohl es sich bei dieser italienisch-französisch co-produzierten Entführungssause um eine deutsche VHS-Erstveröffentlichung handelt, ist die deutsche Synchro recht ordentlich ausgefallen und kann sich gut hören lassen. Außerdem wurde der ernste Grundton dieses dialoglastigen Genreverteters sehr gut getroffen.

     

    Lediglich der deutsche Filmtitel „Der unerbittliche Vollstrecker“ wurde mal wieder etwas unpassend gewählt, da dieser eher eine schwer eisenhaltige Polizeifilmsause eines wild um sich herum prügelnden Maurizio Merlis vermuten lässt, aber unter keinen Umständen der vorliegenden Rolle von Kommissar Salerno gerecht wird. Viel besser hätte dem Film eine originalgetreue Übersetzung des italienischen Titels gestanden, denn „die Polizei kann nur zusehen“ trifft hier eigentlich genau ins Schwarze.

     

    Als abschließende Krönung wurde dem Ganzen dann auch noch eine aus der ciprianischen Erfolgssoundschmiede stammende Polizeifilmmusikkomposition verliehen, deren prägnante Titelnummer zu den bekanntesten ihrer Gattung zählt und außerdem weitere Einsätze in Filmen wie “DER TOD TRÄGT SCHWARZES LEDER” oder “DEATH PROOF” zugesprochen bekam.

     

    Fazit: Ein ausgezeichnetes Entführungsspektakel mit unerbittlichem Ausgang.

  • Autor: Richie Pistilli
  • Bitte Kommentar schreiben

    Sie kommentieren als Gast.