Suchen

Toy

Italien, 1980

  • Originaltitel: Vacanze per un massacro
  • Alternativtitel:

    Vacaciones para matar (ESP)

    Madness (USA)

  • Regisseur: Fernando Di Leo
  • Kamera: Enrico Lucidi
  • Musik: Luis Bacalov
  • Drehbuch: Fernando Di Leo, Mario Gariazzo
  • Inhalt:

    Ein Wochenende auf dem Land, im eigenen Wochenendhäuschen, wie aufregend! Sergio macht Jagd auf Vögel, seine Ehefrau Liliana die Einkäufe und ihre Schwester Paola für Sergio die Beine breit. Das Leben könnte so schön sein, wenn da nicht der entflohene Sträfling Giò wäre. Der hatte eigentlich lebenslänglich wegen Raub und Mord, und ist jetzt auf der Suche nach den 300 Millionen Lire die er nach dem letzten Raubzug versteckt hat – Und zwar in besagtem Wochenendhaus …

     

    Giò hat also im Wesentlichen zwei Aufgaben: Die vergrabene Sore holen ohne dass jemand dazwischenfunkt, und dabei gleichzeitig drei Personen auf Abstand halten. Was nicht so einfach ist, denn die dauergeile Paola hätte weder gegen die 300 Millionen noch gegen den gutaussehenden Giò etwas einzuwenden. In dieser Reihenfolge. Bloß muss Sergio dummerweise den harten Macho spielen und beweisen wie toll er ist, was unter Umständen der Funke an der sowieso schon explosiven Stimmung sein kann …

  • Autor: Maulwurf
  • Review:

    Nachdem ich in letzter Zeit viele Arthouse-Filme gesehen habe, also so richtig verkopftes Kunstkino mit Weltverbesserungsanspruch, habe ich dringend mal wieder einen dreckigen Film gebraucht. Einen verkommenen und schmutzigen Film, nach dessen Genuss(!) man vom Gefühl her sich erstmal ausgiebig waschen muss. Die Wahl fiel auf TOY, und die Wahl war ganz ausgezeichnet. Seit Aldo Lados MÄDCHEN IN DEN KRALLEN TEUFLISCHER BESTIEN habe ich nichts so räudiges mehr gesehen.

     

    Worum geht es hier? Ein Schwerverbrecher flieht aus dem Gefängnis und will die Beute aus dem letzten Raubüberfall ausgraben. Versteckt ist sie in einem Ferienhäuschen auf dem Land, wo sich gerade drei Großstädter gegenseitig das Leben schwer machen. Sergio vögelt seine Frau Liliana, und wenn Liliana grade mal nicht hinschaut vögelt er deren Schwester Paola. Paola allerdings ist ein richtig verkommenes Subjekt, das Sergio auch mal mit dem Kopf dorthin presst wo es am Schönsten ist, nur um ihn nach ein paar Minuten abrupt wegzudrücken und ihm dann lächelnd einen schönen Tag zu wünschen. Sergio wiederum findet diese Behandlung nicht so knorke und reagiert sich ab indem er Schattenboxen macht und Vögel jagt. Die beiden Frauen redet er vorzugsweise mit “Meine Sklavinnen“ an und überhaupt ist er ein Macho wie er im Buche steht. Liliana bleibt zwischen diesen beiden Polen der Verkommenheit ein wenig blass, glaubt sie doch tatsächlich an die Liebe ihres Mannes und die Zuneigung ihrer Schwester. Der Fall ist tief und schmerzhaft, als sie zusehen muss wie Sergio und Paola mit vorgehaltener Waffe zum einvernehmlichen Sex gezwungen werden …

     

    Giò, der Schwerverbrecher, ist zwar ein äußerst gewalttätiger Mensch, der einen Bauern auch mal mit der Mistgabel absticht um an dessen Auto zu kommen, aber vor allem ist er klug. Er observiert zuerst in aller Ruhe das Haus und seine Bewohner, um diese hinterher umso geschickter gegeneinander ausspielen zu können. Er beurteilt die notgeile Paola, er beobachtet den aufschneiderischen Sergio, und er zieht genau die richtige Schlussfolgerung: Teile und herrsche! Giò hat die Muckis, das Aussehen und den Grips um alle drei in Schach zu halten. Dass er dabei nicht zimperlich vorgeht sollte allerdings klar sein …

     

    Alle 4 Schauspieler sind hervorragend, und das schmierig-geile Kammerspiel geht nach kurzem Auftakt ab wie Schmidts Katze. Lorraine de Selle als Paola ist entweder im geschlitzten Tuch oder gleich ganz nackt zu sehen, und ihre vor Bosheit und Gier nach Sex triefenden Blicke treffen den (männlichen) Zuschauer ziemlich weit unten, genau da wo er empfindlich ist. Nach dem Film habe ich erstmal alle verfügbaren Filme der Dame auf meine Suchliste gesetzt …

     

    Joe Dallesandro ist seine damalige Alkohol- und Drogensucht leider deutlich anzusehen, und sein Blick ähnelt oft dem eines Gartenzwergs auf Speed. Aber auch wenn er seine beste Zeit deutlich hinter sich hatte, mit seiner cool-überlegenen Ausstrahlung und dem irren Blick ist er ganz klar der Herrscher dieses kleinen Königreichs.

     

    Bemerkenswert, dass beide Damen darin übereinstimmen dass Giò ein guter Liebhaber ist, was ebenfalls wieder ein Zeichen für seine nicht nur körperliche sondern auch geistige Überlegenheit ist: Er wickelt die Mädels halt nicht mit Gewalt um den Finger sondern mit Zärtlichkeit …

     

    Stichwort körperliche Überlegenheit: Joe Dallesandro rumpelstilzt sich mit einer ungeheuren physischen Präsenz durch den Film – Immer im Trägershirt, und immer mit vollem Muskeleinsatz. Der Unterscheid zu Sergio ist klar zu sehen, dieser ist nämlich nur stark wenn er eine Waffe hat, und kann außer seiner behaarten Brust sonst nicht viel bieten. Klar dass die Frauen auf Giò fliegen, der ist nämlich richtig männlich. Die Aussagen Paolas über Sergios Fähigkeiten als Liebhaber bestätigen das Bild, und Gianni Macchia als Sergio bringt dann folgerichtig genau das Bild des Latin Lovers rüber: Stark mit Worten, schwach im Bett. Und auch schwach in seinen Entscheidungen, macht er doch letzten Endes nur das was Paola will. Und wer bei dem Pärchen Paola/Sergio der tatsächliche Sklave ist lässt sich leicht erraten. Gianni Macchia trifft den Punkt ganz genau, er übertreibt weder in die eine noch in die andere Richtung und ist der perfekte Funken für die Lunte an der Explosivmischung Giò/Paola. Diese beiden wiederum haben eines gemeinsam, nämlich eine gewisse psychopathische Orientierung bezüglich der Erfüllung der eigenen Wünsche, gleich ob es um Geld oder um Sex geht. Zwei Psychopathen und ein Macho auf 30 qm? Die Hölle, das sind die anderen …

     

    Patricia Behn, die hier als Patricia Bhen firmiert, kann da leider nur mit ihren perfekten Beinen punkten, denn die Rolle bietet ihr sonst nicht viele Möglichkeiten zur Entfaltung. Ausziehen wollte sie sich wohl nicht, und insgesamt pendelt sie immer zwischen den Polen Ehemann und Schwester hin und her. Der typische Mensch der immer versucht zu vermitteln, und nie auf den Tisch haut um mal Klar Schiff zu machen. Und doch ist Liliana das Zünglein an der Waage … Signora Behn macht ihre Sache durchaus gut, genauso wie in der Sleazegurke PLAY MOTEL, wo sie leider viel zu früh an ihrer Neugierde verstirbt. Hier darf sie länger im Bild bleiben, hat es aber zwischen den starken anderen Darstellern naturgemäß schwer sich herauszuheben. Was ausgesprochen schade ist …

     

    Kurzum: Ein gigantisches, böses, geiles, hinterfotziges, fesselndes Kammerspiel! Alle 4 Darsteller sind erstklassig, und Fernando di Leo weiß als alter Hase genau wie er die Geschichte aufbauen muss um sie optimal zu präsentieren. Nicht zu schnell und nicht zu langsam: Nach einer Vorgeschichte, welche die Charaktere vorstellt, wird die Balance zwischen ruhigeren Momenten und aggressiven Höhepunkten perfekt austariert. Dazu gibt es viel Gewalt und einiges an Sex, sowohl sauberem wie auch schmutzigem, und auch für die Fetischliebhaber ist gesorgt, wenn die beiden Frauen auf dem Bett gefesselt sind und versuchen mit dem Mund die Fesseln zu lösen. Als Verstärker dann dazu eine starke und oft psychedelische Musik von Luis Bacalov, die in MILANO KALIBER 9 schon perfekt gepasst hat, und auch hier die Klaustrophobie erstklassig unterstützt.

     

    Letzten Endes also eine ganz klare Empfehlung für alle die es gerne schmutzig, geil und gewalttätig mögen, dabei aber den Kopf nicht gänzlich ausschalten mögen. Ein Terrorfilm der feinen und, man glaubt es kaum, trotz allem etwas ruhigeren Art, dessen Schockmomente eher zurückhaltend sind, und der dadurch nicht übertrieben wirkt sondern ziemlich realistisch und fies, und der schlussendlich umso gründlicher wirkt. Mit dem oben erwähnten MÄDCHEN IN DEN KRALLEN … kann er sich freilich nicht messen, aber welcher Film kann das schon …

  • Autor: Maulwurf
  • Veröffentlichungen:

    Gesehen wurde die DVD von Raro Italia, die mit einem mittelprächtigem Bild und englischen Untertiteln zu manchmal etwas dumpfen Ton daherkommt. Technisch aber in jedem Fall eine Veröffentlichung mit der man problemlos leben kann. Als Extras liegen vor eine Bio- und eine Filmographie von Fernando di Leo (die Biographie sowohl auf italienisch wie auch auf englisch), der italienische Trailer, und ein 4 seitiges italienischsprachiges Booklet zum Film.

  • Autor: Maulwurf
  • Links

    OFDb

    IMDb

    Bitte Kommentar schreiben

    Sie kommentieren als Gast.