Tote Zeugen singen nicht

Italien | Spanien, 1973

  • Originaltitel: La polizia incrimina la legge assolve
  • Alternativtitel:

    La policía detiene, la ley juzga (ESP)

    Le témoin à abattre (FRA)

    The Marseilles Connection (GBR)

    Crime de Alto Nível (POR)

    Streets of Eternity

    Straße ins Jenseits

    High Crime

  • Deutsche Erstaufführung: 09. August 1974
  • Regisseur: Enzo G. Castellari
  • Kamera: Alejandro Ulloa
  • Musik: Guido De Angelis, Maurizio de Angelis
  • Drehbuch: Maurizio Amati, Tito Carpi, Enzo G. Castellari, Gianfranco Clerici, Vincenzo Mannino, Leonardo Martín
  • Inhalt:

    Da zu Beginn der 70er Jahre in der beschaulichen Hafenstadt Genua allerorts das organisierte Verbrechen regiert, hat der unnachgiebige Kommissar Belli (Franco Nero) alle Hände voll damit zu tun, die drogenverseuchten Strassen von den kriminellen Subjekten zweier konkurrierender Organisationen zu säubern. Doch leider hat er dabei die Rechnung ohne die landeseigene Justiz gemacht, welche ihm aufgrund einer unausgegorenen Gesetzgebung andauernd unüberwindbare Steine in den Weg legt, so dass sein aussichtsloser Kampf dem eines Don Quichottes gegen spanische Windmühlen gleicht. Am meisten verärgert ihn aber schlussendlich die Tatsache, dass seinem Vorgesetzten Scavino (James Whitmore) bereits seit langer Zeit stoßweise belastendes Material in Form eines eigens verfassten Dossiers vorliegt, dieser aber mit einer entsprechenden Anklage dennoch weiterhin abwarten möchte, bis er schließlich auch über die alles entscheidenden Beweise zur Überführung der eigentlichen Strippenziehern verfügt. Da aber Belli von Natur aus ein sehr ungeduldiger Mensch ist, der zudem am liebsten alle Verbrecher Genuas gleich auf einen Schlag hinter Gitter bringen möchte, geht dieser kurzerhand eine rechtlich nicht gerade einwandfreie Zusammenarbeit mit dem bereits in die Jahre gekommenen Don Cafiero (Fernando Rey) ein, welche ihm aber schlussendlich nicht unbedingt in seinen Ermittlungserfolgen weiter bringt, da der Don wiederum sein eigenes Spiel mit Belli zu spielen scheint. Doch dann vermehren sich urplötzlich die Schicksalsschläge im Lebensumfeld des launischen Kommissars, indessen Folge ihm dann auch allmählich die Augen auf gehen. Bleibt nur zu hoffen, dass es zu diesem Zeitpunkt für Betti nicht schon zu spät ist.

  • Autor: Richie Pistilli
  • Review:

    "Die Polizei klagt an, das Gesetz spricht frei"

     

    So lautet dann auch die eigentliche Übersetzung dieses genreprägenden Polizeifilms "made in italy", für dessen Inszenierung sich kein geringerer als der bis dahin vornehmlich im Westerngenre beihamatete Regisseur Enzo G. Castellari (EIN BÜRGER SETZT SICH ZUR WEHR, RACKET, KEOMA) verantwortlich zeigte. Der 1939 in Rom geborene Enzo Girolami Castellari entstammt einer filmbegeisterten Familie, dessen Oberhaupt dann kein geringerer als der bereits damals schon recht bekannte Regisseur Marino Girolami war. Somit ist es auch kaum verwunderlich, dass sein Sohnemann Enzo G. -nachdem er sich zunächst als Architekt und Boxer versuchte- irgendwann Mitte der 60er Jahre schließlich auch seinen festen Platz auf dem Regiestuhl einnahm und fortan erfolgreich Genreperlen jeglicher Couleur abdrehte. Dabei reiht sich seine erste Zusammenarbeit mit dem damals schon weltbekannten Schauspielstar Franco Nero (DJANGO, DER CLAN DER SEINE FEINDE LEBENDIG EINMAUERT, DAS VERFAHREN IST EINGESTELLT: VERGESSEN SIE'S) nahtlos in die bereits bestehende Riege früher Vertreter italienischer Polizeifilme ein, zu denen dann auch u.a. Stefano Vanzinas DAS SYNDIKAT, Roberto Infascellis DER UNERBITTLICHE VOLLSTRECKER oder auch Sergio Martinos VIOLENT PROFESSIONALS zählen. Im Gegensatz zu den späteren Polizeifilmproduktionen bewegen sich die prototypischen Ermittler aus der Entstehungszeit des Genres im Großen und Ganzen noch im rechtlichen Rahmen, wohingegen Merli und Co. gleich auf Anhieb die rechtliche Grauzone links liegen lassen, um sich dann ohne große Umschweife auf dem direkten Wege genüsslich auf der schwarzen Piste der Illegalität völlig rechtsfrei austoben zu können. Des Weiteren entpuppt sich Signore Castellaris Inszenierung als ein sowohl sehr düsteres als auch höchst pessimistisches Genrefilmwerk, bei dem es sich vordergründig um die kriminelle Vernetzung von organisiertem Verbrechen, mächtigen Wirtschaftsvertretern, der landeseigenen Justiz, politischer Abgeordneter und der daraus resultierenden Handlungsunfähigkeit der polizeilichen Ordnungsmacht dreht. Zur Eröffnung seiner ersten Polizeifilmproduktion spendiert uns Herr Castellari gleich eine dermaßen auf den Punkt gebrachte Autoverfolgungsjagd, so dass diese im Handumdrehen in die Ahnen der Filmgeschichte einging und auch heute noch von Regisseuren wie z.B. Quentin Tarantino hoch gelobt wird. Nach eigenen Angaben diente die rasant inszenierte Verfolgungsjagd zudem als Inspirationsquelle für die ausufernde Blechschlacht in DEATH PROOF, welche er zudem mit dem Musikstück "Gangster Story" aus dem Soundtrack des vorliegenden Films veredelte.

     

    "Wer wird ihn stoppen, diesen Kommissar Belli!"

     

    Kommen wir zu Franco Nero, der dieses mal den nasensprayabhängigen Kommissar Belli verkörpert. Dabei legt er als ermittlungswütiges Nervenbündel eine äußerst aktive Darbietung an den Tag, welche dann von der Kritik oftmals als "overacted" bezeichnet wird. Da aber sein Rollencharakter Belli einen sowohl unbändigen, rastlosen, launischen als auch cholerischen Hitzkopf darstellen soll, liegt Herr Nero meines Erachtens nach mit seinem exaltierten Schauspielstil eigentlich genau richtig. Von seinem Vorgesetzten Scavino -welcher übrigens von dem Schauspielerurgestein James Whitmore (PLANET DER AFFEN, NUR NOCH 72 STUNDEN, TORA! TORA! TORA!) dargestellt wird- zu einem polizeilichen Windhund degradiert, versucht Belli nun das Übel bei der Wurzel zu packen und eröffnet somit im Übereifer des Gefechts eine ziellose Jagd auf die vermeintlich strippenziehenden Kaninchen. Doch dann kommt es wie aus heiterem Himmel zum ersten Schicksalsschlag im Lebensumfeld des rechtschaffenden Ermittlers, indessen Folge Belli seinen zukünftigen Platz auf dem Stuhl des Oberkommissars einnehmen darf. Und von dort aus wird er sich dann nicht nur auf einen Schlag der Dimension des korrupten Sumpfes bewusst, sondern deckt dabei auch noch zugleich die Identitäten der wahrhaften Kaninchen auf, was dann aber wiederum zum nächsten, weitaus tragischeren Schicksalsschlag im Lebensumfeld des Kommissars führt. Dies ist dann auch zugleich die herzzerreißendste Szene des Films, welche zudem nachhaltig in Erinnerung bleibt.

     

    "Vorsicht Kommissar, dieses Mal werden Sie sich auf die Polizei nicht verlassen können. Wenn sie Sie nicht kriegen können, kriegen sie die, die Ihnen nahe stehen, die sie lieben!"

     

    Neben der obligatorischen "schnauzbartragenden Brut" treten dann auch noch weitere namhafte Schauspieler ins Rampenlicht der vorliegenden Polizeifilmproduktion, wovon Fernando Rey (BLUTIGES BLEI, FRENCH CONNECTION - BRENNPUNKT BROOKLYN, DIE MACHT UND IHR PREIS) gemeinsam mit James Whitmore die Verdienstvollsten darstellen dürften. Sr. Rey verkörpert dabei den bereits in die Jahre gekommenen Don Cafiero, von dem sich dann Kommissar Belli eine erfolgsversprechende Zusammenarbeit erhofft. Doch leider spielt der Don sein eigenes Spiel, so dass unser energischer Kommissar letztendlich in die Röhre schaut. Daneben spielt dann der unverwüstliche Silvano Tranquilli (LA DONNA INVISIBILE, SMILE BEFORE DEATH, TÖDLICHER HASS) in der Rolle des über jeden Verdacht erhabenen Franco Griva auch noch ein weiteres, auf eigenen Regeln basierendes Spiel, was wiederum die sowieso schon nicht immer einwandfrei funktionierende Multitasking-Fähigkeit unseres aufbrausenden Kommissars endgültig an ihre Grenzen zu bringen scheint. Die italienische Schauspielerin Delia Boccardo (DAY OF THE CANNIBALS, BRATPFANNE KALIBER 38, DIE KILLERMAFIA) ist in der Rolle der Lebenspartnerin des Kommissars selten zu beneiden, da sie ständig als Blitzableiter für dessen schlechte Launen herhalten muss. Darüber hinaus tritt dann auch noch ein ganzer Haufen namhafter Nebendarsteller wie z.B. Bruno Corazzari (DER KILLER VON WIEN, DIE HEIßE NACHT DER KILLER, DIE GEWALT BIN ICH) in der fast schon obligatorischen Rolle eines Killers, die allgegenwärtig scheinenden Stuntmänner Massimo Vanni (DIE BLUTIGEN SPIELE DER REICHEN, RACKET, HIGHWAY RACER) und Giovanni Cianfriglia (HARLEY RIDERS - SIE KANNTEN KEIN ERBARMEN, KILLER COP, CAMORRA - EIN BULLE RÄUMT AUF), sowie der unverwüstliche Nello Pazzafini (IM DUTZEND ZUR HÖLLE, FÜNF RÄTSEL ZUM TOD, SONDERKOMMANDO INS JENSEITS) in der Rolle eines ganz üblen Zeitgenossen kurzzeitig in Erscheinung. Und zu guter Letzt treten dann auch noch sowohl der liebe Herr Regisseur höchstpersönlich im Rahmen eines Cameo-Auftritts (Fernsehjournalist) als auch dessen jüngeres Schwesterlein Stefania Girolami Goodwin (RACKET, THE LAST JAWS - DER WEIßE KILLER, THE RIFFS - DIE MACHT SIND WIR) in der Rolle der minderjährigen Kommissarentochter vor die laufende Kamera.

     

    Ferner versuchte Enzo Castellari auch noch etwas Sozialkritik in seine Inszenierung miteinfließen zu lassen, indem er im Rahmen der internationalen Handelskonferenz auf einen gerade von Statten gehenden Dockarbeiterstreik hinweist. Und etwas später findet sich dann auch unser hitzköpfiger Polizeiermittler inmitten der Streikunruhen wieder, da er unter den Aufständigen einen skrupellosen Mörder vermutet. Darüber hinaus serviert uns Castellari auch seine von da an fast typischen “peckinpahsche Zeitlupeneffekte”, welche er dann in den Folgejahren im Rahmen seiner Möglichkeiten zu perfektionieren versuchte. In unseren Breitengraden wurde dieses schonungslose Filmjuwel bis dato lediglich für seinen damaligen Kinoeinsatz als auch auf VHS ausgewertet, wobei die beiden Fassungen aber um zwei kurze Gewaltszenen geschnitten wurden. Dabei fielen sowohl die finale Entmannung des Industriellen Rivalta (Mario Erpichini) als auch Ricos (Daniel Martin) äußerst schmerzhafte Bekanntschaft mit dem todbringenden Eisenhaken der Schere zum Opfer. Im letzten Jahr kündigte dann aber das Filmlabel FilmArt endlich an, den Film zukünftig auch in digitaler Form auszuwerten.

     

    Abschließend sei auch noch auf die wunderschöne Filmmusik der beiden De Angelis Brüder hingewiesen, deren fantastischer Titeltrack dann nicht nur zu meinen Lieblingsfilmkompositionen zählt, sondern auch jedes Mal aufs Neue einen gehörigen Gänsehautalarm auslöst.

     

    Fazit: Ein unverzichtbarer Meilenstein des italienischen Polizeifilmgenres.

  • Autor: Richie Pistilli
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