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Der Tollwütige

Italien, 1977

  • Originaltitel: La belva col mitra
  • Alternativtitel:

    La loba con la ametralladora (ESP)

    Ultime violence (FRA)

    Beast with a Gun (USA)

    Ferocious (USA)

    Mad Dog

  • Regisseur: Sergio Grieco
  • Kamera: Vittorio Bernini
  • Musik: Umberto Smaila
  • Drehbuch: Sergio Grieco
  • Inhalt:

    Der von der Presse als »der verrückte Wahnsinnige« titulierte Mörder Nanni Vitali (Berger) schafft es, mit drei Komplizen aus dem Gefängnis zu türmen und hat nur ein Ziel: sich an allen zu rächen, die ihn hineingebracht haben. Nachdem er den Zeugen Barbareski (Ezio Marano) bestialisch ermordet hat, nimmt er dessen Freundin Giuliana (Mell) als Geisel und will mit ihr ein neues Leben beginnen. Kurzzeitig spielt die verängstigte Frau das Spiel mit, dann gelingt ihr die Flucht. Sie vertraut sich Kommissar Santini (Harrison), dem schneidigen Erzfeind Vitalis, an, der dem Miesnick schließlich eine Falle stellt.

  • Autor: André Schneider
  • Review:

    Die Internet Movie Database (IMDb) listet »La belva col mitra« heute zusammen mit Danger: Diabolik, Una sull’altra und Casanova 70 zu Mells vier bedeutendsten Filmen. Dies verdankt der Streifen nicht etwa seinem Erfolg — er war seinerzeit ein Flop —, sondern dem US-Regisseur Quentin Tarantino. Dieser, spätestens seit seinem Kultklassiker »Pulp Fiction« (1994) von Cineasten (und solchen, die sich dafür halten) hoch verehrt, adelte »La belva col mitra« auf eigenwillige Weise, indem er eine Schlüsselszene des Streifens in einem seiner eigenen Filme zeigte: In dem herrlichen, mit Filmzitaten nur so gespickten Gangsterepos »Jackie Brown« (1997) lümmelt die von Bridget Fonda gespielte Dauerkifferin Melanie zugedröhnt auf ihrer Couch und schaut sich einen poliziotteschi in der Glotze an. Samuel L. Jackson und Robert De Niro betreten das Wohnzimmer, Jackson blickt zum Fernseher und fragt: »Ist das Rutger Hauer?« — Fonda, in einem Tonfall, als ob man das doch wissen müsse: »Nein, das ist Helmut Berger«, woraufhin Tarantino eben diesen zeigt, wie er in »La belva col mitra« (in Zeitlupe) auf Marisa Mell zuschreitet, um diese erneut zu vergewaltigen. Im Abspann dankt Tarantino Helmut Berger und Marisa Mell, wobei er letztere posthum noch einmal mit falsch geschriebenem Namen — Marisa Mel — demütigt. Im Kielwasser des Erfolgs von Jackie Brown erlebte »La belva col mitra« (US-Titel: »Beast With a Gun«) eine kleine Renaissance auf Video und DVD und wurde 20 Jahre nach seiner Entstehung zum Kultfilm.

     

    Pikanterweise schrieb der aus Padua stammende Regisseur Sergio Grieco auch das Drehbuch zu »Quel maledetto treno blindato« (1978), besser bekannt als »The Inglorious Bastards«, welcher 2009 von Tarantino neu verfilmt zu einem Welterfolg wurde. In »La belva col mitra«, seinem letzten Film als Regisseur, erzählt Grieco eine genretypische Rachegeschichte:

     

    Hier wird gefoltert, geschossen, geprügelt und vergewaltigt, was das Zeug hält, Sergio Grieco verklebt die Löcher seines mäßig originellen Drehbuches mit nur allzu genüsslich vorgeführten Grausamkeiten, die das Publikum 1977 wohl schockiert haben mögen, heute aber nicht mehr so recht ziehen wollen. Der große Hingucker des Streifens ist und bleibt Helmut Berger, der — zugegebenermaßen eindrucksvoll beängstigend — im Wesentlichen sich selber spielt und seinen Fans damit Grund genug bietet, den Film zu lieben. Zwischen Kugelhagelorgien, Explosionen, zermanschten Gesichtern und dem sadistisch aufbereiteten Showdown — Nanni Vitali »streichelt« mit seinem Messer die entblößte Brust von Santinis Schwester (Marina Giordana) — fängt die Kamera immer wieder in gespenstischen Großaufnahmen den kokainklaren Wahnsinn in Bergers Blick ein, saugt sich förmlich an seinen Augen fest und zelebriert das asoziale Moment. Christian Keßler nannte den Streifen »exzessiv hinterhältig. Während die Geschichte über weite Teile solide und konventionell ihre kriminalistischen Bahnen zieht, lässt Grieco in den Gewalt verarbeitenden Szenen vollkommen die Sau raus, ein Kastenteufel mit Vampirzähnen.«

     

    Grieco setzt ganz auf das Potential seiner drei Hauptdarsteller, die ihre im Skript blass angelegten Charaktere mit Leben füllen müssen. Richard Harrison gibt sein Bestes, um aus dem schwach umrissenen Santini einen Menschen aus Fleisch und Blut zu machen, während die Handlungsmotive von Mells Figur kaum nachvollziehbar bleiben: man spürt, dass sie zwischen Ekel und Faszination für Bergers Figur mäandert, kann sie aber nicht recht greifen. Im letzten Drittel des Films ist sie ohne Erklärung verschwunden. Vom schauspielerischen Standpunkt ein unergiebiger Streifen für sie.

     

    »La belva col mitra« wurde in der Hafenstadt Ancona — der Name stammt aus dem Griechischen und bedeutet »Ellbogen« — und Umgebung gedreht. Die während des Drehs zu Werbezwecken entstandenen Nacktfotos von Mell und Berger erschienen zunächst im italienischen »Playboy« und wurden anschließend von zahllosen Gazetten weltweit veröffentlicht.

  • Autor: André Schneider
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