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Todesmelodie

Italien, 1971

  • Originaltitel: Giù la testa
  • Alternativtitel:

    Duck you, sucker (US)

    A fistful of dynamite (US)

    One upon a time in the revolution (US)

  • Deutsche Erstaufführung: 2. März 1972
  • Regisseur: Sergio Leone
  • Kamera: Giuseppe Ruzzolini
  • Musik: Ennio Morricone
  • Drehbuch: Sergio Donati, Sergio Leone, Luciano Vincenzoni
  • Inhalt:

    Juan ist ein Strauchdieb in Mexiko während der Revolution. Sean ist ein irischer Revolutionär der nach Mexiko fliehen musste, und dort mit seinem Motorrad und jeder Menge Sprengstoff durch die Gegend fährt. Juan und Sean. Sean und Juan, eh? Die beiden freunden sich an, und Sean kann den unpolitischen Banditen Juan tatsächlich für die Revolution begeistern. Gemeinsam versuchen sie für die Gerechtigkeit und die Befreiung zu kämpfen. Aber eine Revolution ist kein geselliges Dinner und kein literarisches Ereignis [..], sie kann nicht mit Eleganz und Höflichkeit durchgeführt werden. Die Revolution ist ein Gewaltakt.

  • Autor: Maulwurf
  • Review:

    Was soll man zu so einem Film schreiben, was nicht schon hundertmal geschrieben wurde? Kürzlich nach langer Zeit mal wieder gesehen, und vor allem das erste Mal ungeschnitten gesehen (soweit das möglich ist, aber bislang kannte ich tatsächlich nur eine VHS-Version). Mann Mann Mann, was für ein Film, was für eine unglaubliche Flut an Bildern und Gefühlen vor dem Herrn ...

    Ich gehe mal davon aus dass die meisten den Film kennen und spoilere mal ein wenig vor mich hin. Dies nur als Warnung. Wer den Film noch nicht kennt sollte ihn sich sowieso so schnell wie möglich anschauen! Es lohnt!!

     

    Der Film startet fulminant mit der Kutschensequenz, und hier zeigt sich bereits das Genie des Herrn Leone in ganzer Größe. Durch die Montage der Bilder und des Tons sowie die Schnitttechnik wird ganz großes Kino geschaffen - spannende Unterhaltung mit reichlich sozialer Spötterei und Bildern zum Süchtigwerden. Ein Mund, Augen, Zähne, das Essen, wieder ein Mund, Augen, dazu im Hintergrund die höhnischen Kommentare der Passagiere. Eine Schnitttechnik wie sie nur wenige beherrschen.

    Dann das Kennenlernen von John und Juan, in seinem Grundzug aufgebaut wie ein klassisches IW-Duell, aber immer wieder gebrochen, immer wieder ironisch, und vor allem nicht einfach nur abgespult, sondern wirklich spannend erzählt. Der Zuschauer bleibt dabei und will wissen was als nächstes passiert. Ein paar Mal sind Musik und Schnitt perfekt aufeinander abgestimmt. Was ist die Steigerung von "Perfekt"? Leone?

     

    Auch in der Sequenz des Banküberfalls werden Musik, Bilder und Schnitt zu einer Einheit. Wie Morricone seine Musik auf die Bilder abstimmt, aber trotzdem nie den Faden verliert und eine Komposition wie aus einem Guss abliefert, das muss erst mal jemand nachmachen. Spätestens in dem Augenblick, in dem Juan sich umdreht und erstaunt feststellt wieviele Leute ihm mittlerweile hinterherlaufen, die Musik sich für einen Moment zurücknimmt, die Menschenmasse gezeigt wird, um dann wieder voll loszulegen, die letzte Tür wird gesprengt - und Juan steht wieder auf der Straße ... Das ist Komposition - das Zusammenführen verschiedener einzelner Komponenten zu einem stimmigen Gesamtbild. Bach oder Lennon/McCartney haben das in ihrem jeweiligen Fach nicht anders gemacht. Ennio Morricone im Übrigen ebenfalls …

     

    Der (filmische) Höhepunkt ist dann die traurige Szene in der Höhle. Juan steht in der Höhle, und wir sehen nur sein Gesicht, seine Gefühle spiegeln sich in seinen Augen und in seiner Mimik. Von dem stattgefundenen Massaker sehen wir nichts, Leone weigert sich seine Geschichte zu ERKLÄREN, der Zuschauer darf selber mitdenken. Zudem wird so auch die Spannung gehalten. Dann wechselt der Fokus von Juan zu John, und während Juan vor der Höhle kämpft, sehen wir mit John die Leichen und hören die Schussgeräusche von Juans Kampf, was sich mit der Kamerafahrt zu einer grauenvollen Symphonie zusammenfügt. Juans Kampf kommentiert und untermalt das vergangene Geschehen, und der Zuschauer wird mitgenommen auf eine schreckliche Reise, ohne dass irgendwelche Gräueltaten und Grausamkeiten gezeigt werden müssen. Durch die Montage von Bild und Ton werden das vergangene und das aktuelle Geschehen gleichzeitig gezeigt, und trotzdem liegt der filmische Schwerpunkt auf den Gefühlen, nicht auf der Filmtechnik. So langsam gehen mir die Superlative aus ...

     

    Gleichzeitig verweigert sich Leone aber auch der einfachen Schuldzuweisung. Dass Villega ein Verräter mit einer schrecklichen Schuld ist, darüber braucht nicht diskutiert werden. Dass John ihn aber, auch aus seiner eigenen Erfahrung heraus, nicht verurteilt. das ist auch ein großer menschlicher Aspekt. In dem gut 40 Jahre später entstandenen A GANG STORY von Olivier Marchal taucht dieses Thema wieder auf und wird auch erklärt: "Irgendwann redet jeder während der Folter". Und der Arzt und Idealist Villega ist halt nun mal kein John Rambo der kaltlächelnd aller Folter widerstehen kann. John weiss das, und darum gibt er Villega eine Chance seine Schuld abzuarbeiten. Eine große humanistische Geste die Leone uns hier zeigt. In einer Zeit, die von Terroranschlägen gegen die breite Masse und entsprechender Rache-Terminologie gekennzeichnet war, eine umso bemerkenswertere Aussage.

     

    Zum Schluss hin flacht der Film ein wenig ab, die Spannung kann nicht ganz auf dem hohen Niveau der ersten 2 Stunden gehalten werden. Dafür sind die Bilder hier immer noch sehr schön, die Musik ist traurig und es breitet sich eine gewisse Melancholie aus. Etwas geht zu Ende (nämlich die Zeit in Mexiko, aber auch die Revolution), Abschiedsstimmung macht sich breit. Trotzdem kann der Zuschauer nach mittlerweile über 2 Stunden noch gefesselt werden, insofern er sich auf die stimmungsvollen Bilder einlässt. Aber der ganz große Druck des Beginns ist fort. Und so verlässt man mit Juans Schlusswort "Und was wird jetzt aus mir?" den Kinosaal und fragt sich "Was kann jetzt als Film noch kommen? Was soll aus mir als Liebhaber guter Geschichten jetzt werden?"

     

    Wie ein guter Koch die Zutaten perfekt komponiert, so fügt Sergio Leone zu Action, Drama und politischer Aussage auch noch genau die richtige Dosis Humor hinzu. Vielleicht zu Beginn eine Prise zu viel, und zum Ende eine Prise zu wenig. Aber auf dem Niveau dieses Films macht das nichts mehr aus,

    Ich für meinen Teil bin satt von diesem Film, so satt wie nach meinem Lieblingsessen. Und genauso rundum wohl, wie ich mich nach einem leckeren Nudelauflauf fühle, so wohl fühle ich mich nach TODESMELODIE. Am Tag danach hat mir nicht mal mehr ein Wallace-Film so richtig geschmeckt. Und dass ich von einem Film so beglückt werde dass ich keine Lust mehr habe auf andere Filme, das passiert ausgesprochen selten.

     

    Uap

  • Autor: Maulwurf
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