Der Tod eines Radfahrers

Italien | Spanien, 1955

  • Originaltitel: Muerte de un ciclista
  • Alternativtitel:

    Mort d'un cycliste (FRA)

    Gli egoisti (ITA)

    Age of Infidelity (USA)

    Death of a Cyclist

  • Deutsche Erstaufführung: 19. September 1958
  • Regisseur: Juan Antonio Bardem
  • Kamera: Alfredo Fraile
  • Musik: Isidro B. Maiztegui
  • Drehbuch: Juan Antonio Bardem, Luis Fernando de Igoa
  • Inhalt:

    Auf einer einsamen Landstraße fahren das Liebespaar Maria de Castro (Lucia Bosé) und Juan Soler (Alberto Closas) einen Radfahrer an. Dieser ist schwer verletzt und ohnmächtig aber noch am Leben. Doch die Beiden lassen ihn dort liegen, denn Maria ist verheiratet und Juan nur ihr Geliebter, den sie schon seit Kindertagen kennt.

     

    Juan ist ein Assistenzprofessor an der Universität, eine Position, die er nur durch die Protektion des Ehemannes seiner Schwester erlangt hat. Dessen ist er sich nur allzu bewusst und deshalb nicht besonders ehrgeizig, denn je mehr aufsteigt desto mehr „verdankt“ er seinem Schwager, den er eigentlich verachtet. Juans große Liebe war Maria, die jedoch nach seiner Rückkehr aus dem Bürgerkrieg bereits mit dem wohlhabenden Miguel Castro (Otello Toso) verheiratet ist. Die Beiden begegnen sich jedoch gelegentlich auf den Partys ihres Mannes, was zum Wiederaufflackern der einstigen Jugendliebe geführt hat.

     

    Ebenfalls Gast auf diesen Partys ist der Kunstkritiker Rafa, der Maria gegenüber Andeutungen macht, er wisse um ihr und Juans Geheimnis. Diese Andeutungen verwandeln sich jedoch schnell in eine handfeste Erpressung, in der Rafa nicht nur Geld sondern auch Maria fordert. Unklar bleibt, ob Rafa nur von der Affäre weiß oder ebenfalls von der Fahrerflucht.

     

    Juan liest während der Prüfung der Studentin Matilde (Bruna Corra) in der Zeitung vom Tod des Radfahrers. Er unterbricht die Ausführungen Matildes, was dazu führt, dass diese ihre Prüfung nicht besteht. In einem Studentenaufstand fordern diese Juans Rauswurf, doch der spricht sich Matilde aus, die ihm sehr zugetan zu sein scheint.

     

    Auf einer Party im Haus der Castros kommt es zur Eskalation mit dem Erpresser Rafa, der in betrunkenem Zustand Marias Ehemann von der Affäre erzählt. Doch der reagiert nicht wie erwartet.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    Bardem inszenierte hier eine Mischung aus Melodram und Film Noir, doch das ist noch nicht alles. In die nur knapp 85 Minuten Laufzeit gelang es ihm, zudem Anspielungen auf das Franco-Regime, den vergangenen Bürgerkrieg, soziale Ungerechtigkeit, spanische Folklore, die Kirche und ein paar vielschichtige und glaubwürdige Charaktere unterzubringen. Das hebt den Film vom gewöhnlichen Melodram ab. Erzählt wird das Ganze mit teils sehr kurzen Kameraeinstellungen, und das ist eines der Hauptmerkmale des Films. Kurze, aber aussagekräftige Bilder und ebenso klare, wenig ausschweifende Dialoge, trotz der vielen Subthemen, die hier mit eingebaut wurden.

     

    Stilistisches Vorbild war eindeutig der Neorealismus Italiens, den Bardem integriert, ohne ihn wirklich zu kopieren. Das Gesamtergebnis ist sehr eigenständig und individuell spanischen Verhältnissen angepasst. Lucia Bosé ist nicht nur hinreißend sondern darf in ihrer Figur für zwei überraschende Wendungen zum Ende des Films hin sorgen – das kommt unerwartet. Der Charakter ihres Liebhabers Juan hingegen ist eine ebenso vielschichtige und dem Zuschauer umgehend sympathische Figur, die sich nichtsdestotrotz nicht mal seiner eigenen Mutter völlig erschließt. Ein sehr unangenehmer Zeitgenosse ist der Erpresser Rafa, und hier werden die Anspielungen an das Franco-Regime besonders deutlich. Rafa ist ein gerngesehener, weil unterhaltsamer Gast auf den Partys der reichen Oberschicht, aber er gehört nicht wirklich dazu. Später wird deutlich, dass es sein großer Traum ist, all die schmutzigen Geheimnisse seiner Gastgeber in Erfahrung zu bringen, um zu erpressen durch die Androhung von Denunziation und öffentlicher Demütigung. Ein unbedeutender, kleiner Wicht, der nach Macht über andere – vermeintlich über ihm stehende - Menschen dürstet.

     

    Neben der Welt der Reichen und des Universitätscampus existiert noch die Welt des getöteten Radfahrers. Als Juan sich als Reporter ausgibt, um Näheres über ihn und den Ermittlungsstand der Polizei (hier lässt Bardem auch das Wort Geheimpolizei fast schon nebenbei fallen) zu erfahren, sehen wir eine Arbeitersiedlung, Kinder die auf schlammigen Höfen spielen, Wohnungen auf engstem Raum aneinander gepfercht, in denen es nicht mal fließend Wasser gibt. Dass der Radfahrer eine Frau und zwei kleine Kinder in Armut hinterlässt, trägt nicht gerade dazu bei, Juans Gewissen zu entlasten.

     

    Obwohl das Franco-Regime zunächst Bardems Projekt tolerierte, da man sich eine größere internationale Achtung auf dem Filmmarkt versprach, war „Der Tod eines Radfahrers“ vorübergehend in Spanien verboten, Bardem selbst wurde verhaftet (er war zudem Mitglied der in Spanien verbotenen Kommunistischen Partei PCE), kam aber ebenfalls schnell wieder auf freien Fuß. Bei den Filmfestspielen in Cannes lief „Der Tod eines Radfahrers“ nicht im offiziellen Wettbewerb, da Bardem selbst Mitglied der Jury war, erhielt aber den Internationalen Preis der Filmkritiker. Noch ein Wort zu den zwei Wendungen am Ende des Films, ohne diese zu verraten. Die Erste davon, war wohl Bardems eigenes Wunschende. Die Zweite, die Abschlussszene, eine Konzession an die Filmzensoren, sozusagen ein nachträglicher moralischer Kontext. Ich sage es nicht gerne, aber ich hätte diese Szene sehr vermisst, hätte Bardem sie weggelassen.

     

    In einer winzigen Nebenrolle findet man – wenn man sehr genau hinschaut – Fernando Sancho. Auch bei der Regieassistenz ein bekannter Name, der auch schon bei zwei früheren Filmen Bardems als Regieassistent dabei war: Jesús Franco. Der Film ist aber trotzdem sehr gut gelungen...

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Veröffentlichungen:

    Juan Antonio Bardems preisgekröntes Meisterwerk „Der Tod eines Radfahrers“ wurde hierzulande anscheinend nur in DDR-Kinos uraufgeführt. Eine Heimkino-Veröffentlichung blieb leider ebenfalls aus, kaum verständlich, denn der Film ist ziemlich brillant. Erhältlich bisher nur als DVD von Criterion, die es bekanntlich niemandem wirklich bei der Weitergabe von Rechten leicht machen, und da sind sie in den USA nicht die Einzigen.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Filmplakate

    Links

    OFDb

    IMDb

    Bitte Kommentar schreiben

    Sie kommentieren als Gast.