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Spuren auf dem Mond

Italien, 1975

  • Originaltitel: Le orme
  • Alternativtitel:

    Huellas de pisadas en la luna (ESP)

    Primal Impulse (USA)

    Footprints on the Moon

    Footprints

  • Regisseur: Luigi Bazzoni, Mario Fanelli
  • Kamera: Vittorio Storaro
  • Musik: Nicola Piovani
  • Drehbuch: Luigi Bazzoni, Mario Fanelli
  • Inhalt:

    Die Übersetzerin Alice (Florinda Bolkan) wacht eines Morgens auf und beginnt ihren Tag ganz normal mit der Arbeit. Wenig später stellt sich jedoch heraus, dass sie einen Abgabetermin versäumt und sich vor Tagen unentschuldigt vom Arbeitsplatz entfernt hat. Alice ist vollkommen verwirrt, aber es scheinen tatsächlich 72 Stunden aus ihrem Gedächtnis gelöscht zu sein. Das einzige, woran sie sich erinnern kann, ist ein bizarrer Traum über einen zurückgelassenen Mann in einer Raumstation auf dem Mond. Merkwürdige Anhaltspunkte zeigen sich im Tagesverlauf, so auch eine Postkarte eines Hotels auf Garma, wo sie schließlich kurzentschlossen hinreist. Zu ihrer Verwirrung wird sie dort von mehreren ihr unbekannten Personen als eine Frau namens Nicole identifiziert, die angeblich vor mehreren Tagen dort gewesen sei...

  • Autor: Prisma
  • Review:

    »Das Experiment hat begonnen!« Als dieser frühe Satz fällt, hört es sich zunächst so an, als sei er lediglich auf die Handlung und die damit verbundenen Personen in "Spuren auf dem Mond" bezogen. Interessanterweise stellt sich im weiteren Verlauf jedoch heraus, dass es sich um eine ultimative Ankündigung, vielleicht sogar eine regelrechte Kampfansage für den Zuschauer handelt. Luigi Bazzoni macht alles, was zu seinem Film gehört, zum Gegenstand eines Experiments, was sich zweifellos auch auf diejenigen übertragen lässt, die damit beschäftigt sind, diesen komplexen, verwirrenden, aber gleichermaßen hoch interessanten Beitrag zu ordnen. Die Frage nach Ursache und Wirkung dominiert das Geschehen, auch der ständige Impuls, entschlüsseln, verstehen und deuten zu wollen, erweist sich als Basis für dieses so unerhört elegant wirkende Mosaik, dessen Zusammensetzung dem Empfinden nach manchmal fast über die Grenzen des Machbaren hinausgeht. Die zentrale Figur des Geschehens ist die Simultandolmetscherin Alice, die den Verlauf unausweichlich dominieren wird. Als sie eines Morgens aufwacht, stellt sich nach und nach heraus, dass ihr unerklärlicherweise drei komplette Tage in der Erinnerung fehlen, die plötzlich aus ihrem Gedächtnis gelöscht sind. Vom Eindruck her hat man es mit einer gefasst wirkenden, pragmatisch veranlagten Frau zu tun, doch es werden Personen ihres Umfeldes sein, die andere Facetten reflektieren. Ob Arbeitskollegin, Vorgesetzte oder eine Freundin - das Bild fängt an zu bröckeln. So soll Alice während einer Übersetzung ohne Angabe von Gründen fluchtartig den Arbeitsplatz verlassen haben. Auch ihre eigenen Aussagen zeichnen eine Person mit massiven Versagensängsten, die sich in erster Linie mit ihrer Tätigkeit als Kabinendolmetscherin in Verbindung bringen lässt, die eine hohe physische und psychische Belastung darstellt.

     

    Der Fachterminus Décalage, der aus dem Bereich des Simultandolmetschens stammt, lässt sich spielend auf ihren Alltag und die jetzige Situation übertragen. Gemeint sind die Verschiebungen in ihrer eigenen Realität, die Diskrepanz zwischen Illusion und Wirklichkeit, die Unterschiede in der Eigen- und Fremdwahrnehmung, sowie die Differenzen im Rahmen ihrer mentalen Verfassung. Es fällt schließlich der Begriff »Perfektionsbesessenheit«, der bei dem Blick auf diese Frau möglicherweise einen bevorstehenden Kollaps impliziert. Oder ist es längst schon so weit gewesen? Kippt Alice schlicht und einfach unter den hohen Anforderungen einer unerbittlichen Gesellschaft um? Ist sie möglicherweise ein Opfer ihrer selbst? Die Geschichte verweigert hierzu sämtliche Erklärungen und ein ausladender Verlauf schildert den mühsamen Aufschluss dieser rätselhaften Angelegenheit, der dem Zusammentragen eines Scherbenhaufens gleichkommt. Beim Ordnen der Lage bleibt die Erinnerung an die im Vorspann gezeigten Bilder vom Mond, die so vollkommen konträr zur sich aufbauenden Handlung stehen. Als die Protagonistin im Gespräch mit einer Kollegin selbst die gedankliche Brücke zu diesen Eindrücken und dem Titel von Luigi Bazzonis Film schlägt, wird man hellhörig und ist an jeder kleinsten Information interessiert. Irritiert nimmt man die Erklärungen über einen Film zur Kenntnis, den Alice vor vielen Jahren gesehen hatte und der den Titel "Spuren auf dem Mond" trug. Dieser soll nach eigenen Angaben so strapaziös und beängstigend gewesen sein, dass sie ihn seinerzeit nicht durchstehen konnte, doch mittlerweile sind diese Bruchstücke der Erinnerung wieder Gegenstand ihrer Träume. Für den Moment sind die außerirdischen Szenen damit zwar noch nicht erklärt, aber zumindest gerechtfertigt und es baut sich eine massive Getriebenheit von Alice auf, die die aufklärende Funktion selbst in die Hand nehmen wird.

     

    Das Szenario geht ein interessantes Wechselspiel mit Florinda Bolkan ein. Einerseits dominiert die Brasilianerin das Geschehen sehr intensiv, um im Wechsel jedoch von den Rahmenbedingungen dominiert zu werden. Diese Maßnahme erweist sich immer mehr als treibende Kraft, denn Zweifel werden geschürt, um sie unmittelbar im Anschluss wieder zu verwerfen, bis sie in mehrfacher Potenz wieder auftauchen können. Dem Zuschauer ist unklar, ob man den Augen von Alice trauen kann, ob man ihre Gedanken und Recherchen für bare Münze nehmen sollte, ob sie Opfer eines doppelten Spiels wurde, oder sie einfach nur Schimären nachjagt. Je konsequenter die verwirrenden Elemente aufgebäumt werden, desto fraglicher wird die Plausibilität des Ganzen. Betrachtet man die Mitte 30jährige Frau, liegt der Verdacht nahe, dass es sich um Folgen ihres unzumutbaren Lebenswandels handelt. Dies bedeutet jedoch nicht, dass es sich um einen klassischen Fall eines ausschweifenden Lebens handelt; eher das Gegenteil ist der Fall. Die Aufopferung für den Beruf brennt die ohnehin angeschlagene Frau aus. Kontakte, Gespräche und Alltag scheinen ausschließlich nur noch mit der Arbeit zu tun zu haben. Schlafstörungen und Erschöpfungszustände lassen Tablettenkonsum folgen, der allerdings nur darauf angelegt ist, die temporären Symptome zu kaschieren. Alice ist einsam und wirkt dementsprechend isoliert. In jeder Szene, in der sie vor einem Spiegel steht, kommt es zu deutlichen Gewissheiten. Sie schaut sich nicht an, sondern sieht durch sich durch und nicht das, was mit ihr passiert. Immer wieder schießen die Fragmente ihres Alptraums ein, die eine Art Kontrollzentrum und die mysteriösen Szenen vom Mond zeigen. Nach dieser auffällig intensiven Vorstellung der Hauptperson werden weitere Schritte von der Regie eingeleitet, die die Geschichte beinahe behutsam vorantreiben.

     

    Eher beiläufig tauchen mehrere Indizien für die Eigenartigkeit der Situation auf, die allerdings nur aufgrund der Verwunderung von Alice ins Gewicht fallen. Ein verschwundener Ohrring, die zerrissene Postkarte eines Hotels, ein nicht zu identifizierendes gelbes Kleid mit Blutflecken darauf oder anonyme Anrufe, bis hin zu der unerklärlichen Tatsache, dass sie das Datum nicht weiß und ihr ganz offensichtlich 72 Stunden im Gedächtnis fehlen. Ein oberflächlicher Blick durch Alices Wohnung zeigt, dass sie offenbar recht gut situiert ist, dass es ihr materiell an nichts zu fehlen scheint. Dennoch wirkt die mittlerweile beunruhigte Frau unglücklich und mental ausgebrannt. Florinda Bolkan hat in Luigi Bazzonis Film sozusagen die darstellerischen Hoheitsrechte, denn keine Rolle kann ihr vom Umfang, aber auch von der präzisen Zeichnung her das Wasser reichen. Sie verbindet eine eigenartige Ruhe mit verborgener Hysterie, die ihre greifbaren Spitzen immer nur in Momenten der absoluten Verwirrung oder Verzweiflung erfährt. Ihr subtiles, abwartendes, beinahe hinhaltendes Schauspiel tut höchsten Ansprüchen Genüge, eben genau denjenigen, die der Film sich offenbar selbst gesetzt hat. Bolkan gewährt wenige Momente der Transparenz. Obwohl man als Zuschauer ihre zeitlich sehr begrenzte Amnesie teilen muss, fällt es aufgrund des hohen Distanzaufbaus ihrerseits entsprechend schwer, sich mit dieser Dame zu solidarisieren, auch wenn man in vielerlei Hinsicht dazu gezwungen wird. Florinda Bolkans hochklassige Leistung veredelt den Film in einer Weise, die absolut notwendig für das Funktionieren dieser Geschichte ist. Man folgt ihr zwar, aber nur unter Vorbehalten, man möchte ihr glauben, doch es ist kaum zu ignorieren, dass diffuse Zweifel an ihrer dramaturgischen Integrität bestehen. Eine hoch komplexe Anlegung der Rolle und die hervorragende Lösung dieser schwierigen Anforderung lassen einen jedoch buchstäblich den Hut vor ihr ziehen.

     

    Da immer mehr Bruchstücke der Erinnerung auftauchen, begibt sich Alice auf eine Reise nach Garma und dies geschieht mit einer Zielstrebigkeit, die etwa vergleichbar mit der Anziehungskraft des Erdtrabanten auf Mondsüchtige ist. Dem Zuschauer und der Protagonistin ist klar, dass es sich um keinen Erholungsurlaub handeln wird. Zur allgemeinen Verwunderung scheint man die Frau dort tatsächlich zu kennen, doch eigenartigerweise wird sie von allen als Nicole identifiziert. Der Startschuss ist gegeben; immer mehr Bruchstücke der Erinnerung kehren zurück und die Aufarbeitung des unbekannten Elements, das auch gleichzeitig für Unbehagen, Gefahr und Angst steht, nimmt unberechenbare Züge an. Alices Albtraum reist in Form des Prototypen für beängstigende Eindrücke in persona von Klaus Kinski als Professor Blackmann mit, der die Intensität seines Auftritts im Rahmen kurzer Szenen bis ins Unerträgliche bündeln kann. Diese einschießenden Bilder in Schwarzweiß zeigen das Phantom mit Gesicht in demonstrativer Bedrohlichkeit. Er gibt stakkatoartige Anweisungen und Kinski delegiert ein im Dunkeln liegendes Element äußerst eindringlich, sodass ein großartiger Gesamteindruck zurückbleibt und er folglich permanent wie ein stahlblauer Schatten über der Protagonistin schwebt. Ohnehin tauchen fast ausschließlich Charaktere auf, deren Verhalten und Beweggründe nicht zu ordnen sind. Die Hauptattraktion in diesem Zusammenhang ist Kinderstar Nicoletta Elmi, deren Aura in gewissen Szenen kaum auszuhalten ist. Auch sie spricht Alice mit dem Namen Nicole an und behauptet, dass sie bereits vor Tagen vor Ort gewesen sei, wie es etliche andere Personen übrigens auch tun. Dem Mädchen wird allerdings nachgesagt, dass sie eine Neigung für Fantasiegeschichten habe, was die Verwirrung wie eine Platte wirken lässt, die einen Sprung hat, da sie immer und immer wiederkehrt.

     

    Auf Alice bezogen, baut sich dem Empfinden nach eine Doppelrolle auf, die allerdings jeweils keine wirkliche Identität herzugeben weiß. Zusätzlich wird eine Art Plausibilitätsprinzip permanent hergestellt, um es im selben Moment wieder zu unterwandern. Dieses Hin und her wirkt überaus zermürbend und stellt den Optimismus auf eine harte Probe, denn ein Zweifel wird ausgeräumt, damit der nächste wie ein giftiger Pilz aus dem Boden schießen kann. Die Geschichte beschäftigt den Zuschauer mit einer strapaziösen Mehrfachanforderung, die ihn im übertragenen Sinne mit Alice auf eine Stufe stellt. Auch sie ist momentan, aber vor allem angesichts der hohen Erwartungen ihres Berufs, permanent mit einer Vielzahl an unterschiedlichen und schnell hintereinander aufeinander treffenden Reizen konfrontiert, die ab einem gewissen Zeitpunkt in keine Struktur mehr zu bringen sind. Vollkommen konträr dazu steht jedoch die Inszenierung, die trotz allem linear, geordnet und eben strukturiert wirkt. Zudem irritiert sie mit einer unerklärlichen Ruhe, die dem Gesamtbild kaum entsprechen möchte. Versehen mit vielen, im Verborgenen liegenden Botschaften, bietet Luigi Bazzoni insgesamt Kognitionskino auf allerhöchstem Niveau an. Ein gutes, aber auch eines der vielen Beispiele ist das Bild eines Pfaus, den man in mehreren Einstellungen auf einem großen Bleiglasfenster zu sehen bekommt. Aufgrund der Symbolik Unsterblichkeit und Stolz, wartet man in diesem Setting förmlich auf des Rätsels Lösung oder sogar auf einen Showdown, der jedoch in weiser Voraussicht und in erschreckender inszenatorischer Härte bis zum beeindruckenden Finale aufgespart wurde. "Spuren auf dem Mond" präsentiert sich insgesamt als formvollendetes Gesamtpaket, bei dem höchstens seine zu ausladende Strategie zu bemängeln wäre. Einen solch minutiös geplanten und durchgeführten Aufbau bekommt man sicherlich nicht alle Tage zu sehen.

     

    Im Szenario kann es effektiv oder eher naturgemäß niemand anderen geben als die schöne Florinda Bolkan. Dennoch runden sehr gelungene Auftritte von Peter McEnery, mit dem man gleichermaßen Rätsel und Lösungen erleben wird; Ida Galli, die entsprechend ihres reservierten Profils agiert und Lila Kedrova in einer darstellerischen und hoch wirkungsvollen Präzisionsleistung, das Geschehen bemerkenswert professionell ab. Zwischen all dem sich aufbäumenden, leisen Chaos, schmeichelt die Kamera mit unheimlich erlesenen Bildkompositionen, stilechten Schauplätzen, begleitenden Details und hochwertigen Sets, die im Ganzen eine beeindruckende Eleganz verleihen. In diesem Zusammenhang fällt die besondere Struktur des Gezeigten auf, die sich auch durch hartnäckige Antagonisten wie beispielsweise psychologische Unruhe, den Rand der Verzweiflung oder getriebene Hektik nicht aufheben lässt. Bei Luigi Bazzonis "Spuren auf dem Mond" bleiben hochwertige Eindrücke zurück, die den Zuschauer beschäftigen, in ihm nachwirken und ihn fordern, aber auch die Frage nach der eigentlichen Botschaft. Der Verlauf offeriert eine Vielzahl von Interpretationsmöglichkeiten, die das breite Spektrum der menschlichen Psyche hergibt. Traum und Trauma, Wahn und Realität, Sehnsucht und Abwehrmechanismen, Ursache und Wirkung, Beklemmung und Befreiung; die Liste ist lang. Da der Film sich auf alternativ angelegten und eher ungewöhnlichen Ebenen anbietet und so gut wie ganz auf zeitgemäßes Spektakel oder plakative Inhalte verzichtet, ist es wahrscheinlich, dass die über weite Strecken ruhige Gangart nicht jeden begeistern dürfte. Das Geheimnis des Erfolges liegt jedoch genau in dieser himmelschreienden Ruhe, unruhig machenden Diskretion und herauszögernden Strategie. Alles in Allem konnte "Le orme" einen exzellenten Gesamteindruck hinterlassen.

  • Autor: Prisma
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