Sonne, Sand und heiße Schenkel

Italien, 1975

  • Originaltitel: Peccati di gioventù
  • Alternativtitel:

    Pecados de juventud (ESP)

    Si douce, si perverse (FRA)

    So Young, So Lovely, So Vicious...

    Jung, Schön und Lasterhaft

  • Deutsche Erstaufführung: 06. Juni 1980
  • Regisseur: Silvio Amadio
  • Kamera: Antonio Maccoppi
  • Musik: Roberto Pregadio
  • Drehbuch: Silvio Amadio, Roberto Natale
  • Inhalt:

    Was für ein Leben! Als Beruf Tochter, die Sonne Sardiniens genießen, regelmäßig den attraktiven Sandro vernaschen, Partys, Whisky, (Sonnen-) Baden, und in absoluter Freiheit Papis reichlich vorhandenes Geld verprassen. Angela genießt das Leben und ihre Jugend in vollen Zügen. Doch eines Tages kommt das bittere Erwachen: Der Vater bringt eine neue Flamme mit, die ältere Irene, es wird von Heirat gesprochen, und Angela sieht ihre Freiheit in Gefahr, scheint Irene doch eine moralische und spießige Person zu sein. Irene muss weg, so lautet das Motto, und der Plan, den Angela dafür ausheckt, ist wahrhaft hinterhältig und abgründig. Irene hat eine, wie man so sagt, Vergangenheit, und Angela weiß darum. Und sie wendet dieses Wissen erbarmungslos gegen Irene an.

  • Autor: Maulwurf
  • Review:

    Sünden der Jugend lautet die Übersetzung des italienischen Originaltitels. So ein schöner, heitere Gelassenheit versprechender Titel. Der eine assoziiert dazu vielleicht einen leichten Film wie MALIZIA, der andere einen ein wenig schwergängigeren wie NENÈ – DIE FRÜHREIFE (beide Filme übrigens von Salvatore Samperi, und beide empfehlenswert). Aber trotzdem, eine Sünde ist, zumindest in der heutigen Zeit und nach Meinung der Meisten, etwas lässliches, nicht wirklich schwerwiegendes. Kein Verbrechen, sondern ein mehr oder weniger tolerierbarer Verstoß gegen die herrschende Moralvorstellung.

     

    Aber wie anders wird Sünde hier, im Italien des Jahres 1975, definiert. Dabei ist der Begriff zweideutig: Zum einen geht es um die Verfehlungen Irenes in ihrer Jugend, die zwar aus heutiger Sicht vollkommen unerheblich sind, damals aber schwerwiegende Verbrechen waren. Zum anderen geht es aber auch um die Taten Angelas, die ein milder Richter im Nachhinein sicher als “Fehltritt“ abtun und mit ein paar Stunden Sozialarbeit abtun kann. Er könnte aber auch auf Vorsatz erkennen, und dann wäre die “Sünde“ eine Schönfärberei …

    Über verschiedenen Teilen des Films liegt eine fast giallo-eske Stimmung, manche Vorgänge würden auch besser in einen Thriller passen als in einen vermeintlichen Erotikseichtler, und da wirkt der Begriff Sünde halt merkwürdig verschoben. Wobei: Auf dem Plakat groß die Worte Sünde und Jugend, und dazu eine laszive und fast nackte Gloria Guida, das hat 1975 die Jungmänner ins Kino gezogen und würde es sicherlich auch heute noch. Ob wohl in Italien damals die Erwartungshaltungen genauso enttäuscht wurden wie beim Zuhause-Glotzer heute? Erwartet man(n) bei dieser Aufmachung doch einen Erotikschmuddler mit viel nacktem Fleisch, und bekommt etwas ganz anderes vorgesetzt.

     

    Das beginnt schon bei der Hauptfigur: Angela ist eine Drecksau vor dem Herrn, und sie kann ohne mit der Wimper zu zucken einen süßen Schmollmund ziehen, liebevoll schauen und dabei ihr Gegenüber ans Messer liefern. Und wenn ich ehrlich sein soll: Gloria Guida ist sicher nicht mein Typ, aber als Schauspielerin taugt sie wirklich was. Ihre Performance als Lolita des Grauens kann sich ohne weiteres sehen lassen, die spielerische Leichtigkeit ihrer Darbietung fasziniert jederzeit.

     

    Genauso wie das, was Dagmar Lassander hier abliefert. Die etwas ältere Frau, intellektuell und gebildet, emotional ein ziemliches Krisengebiet und dadurch oft unnahbar und spießig wirkend, die noch einmal eine Chance hat ihr Leben in den Griff zu bekommen. Jede Geste sitzt, jeder Blick lässt Tiefen ahnen, und wenn Irene aufgefordert wird zu einer Party zu erscheinen und sie im feinen Abendkleid dasteht und die bewundernden Blicke der versammelten Dorfjugend spürt, dann lebt sie sichtlich noch einmal auf und genießt, ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit das Leben. Großartig!

     

    Ach, Irene wäre gerne (noch einmal?) so wie Angela: Jung, wild, freizügig und ausschweifend. Die Vorrechte der Jugend und die Sünden der Jugend genießend. Und vielleicht, aber nur vielleicht, wäre Angela auch gerne ein wenig so wie Irene: Gebildet, distinguiert, mit natürlichem Charme und einer Menge Ausstrahlung gesegnet. Vielleicht ist genau dies das Problem der beiden Frauen, dass jede in der anderen das sieht was sie selber gerne wäre, womit der natürlichen Abneigung Tür und Tor geöffnet ist. Eifersucht auf das Dasein der jeweils anderen? In Verbindung mit der Angst, plötzlich alleine da zu stehen? Sicher ist letzteres das Motiv vor allem für Irene, gerade gegen Ende ist diese Angst deutlich zu spüren. Aber Angela, was treibt Angela um? Wirklich nur die Furcht gegängelt zu werden und die eigene Freiheit zu verlieren? Kaum, sie müsste eigentlich recht schnell merken, dass Irene kein “böser“ Mensch ist, und eigentlich Angelas Freundschaft sucht. Nein, da steckt mehr dahinter, und der Film tut sich mitunter schwer zu zeigen, dass die Angela mit den Engelsaugen ein ziemlich durchtriebenes Luder ist, dessen Lieblingsbeschäftigung halt nun mal das Intrigieren ist. Da wird dem Papi auch mal ein wertloses Strandgrundstück für einen Haufen Geld angedreht, nur so, um die eigene Machtposition auszukosten (und natürlich auch um an Geld für die Aktion gegen Irene zu kommen), und die Sache mit den Fotos ist nicht nur abgründig sondern auch, vorsichtig ausgedrückt, ganz klar kriminell. Also ich würde mal prophezeien, 10 Jahre nach dem Film ist Angela Puffmutter in Sassari. Oder, wahrscheinlicher, Abgeordnete in Rom …

     

    So, und nun habe ich schon so viel geschrieben, und noch nicht einmal sind Wörter aufgetaucht wie: Brüste, nackt, lesbisch, Sex (womit die Suchmaschinen auch ordnungsgemäß gefüttert worden wären) … Das könnte vielleicht damit zusammenhängen, dass solche Sachen hier so gut wie gar nicht auftauchen! Der alte deutsche Verleihtitel SONNE, SAND UND HEISSE SCHENKEL ist eine ganz schlimme Verarschung und führt gnadenlos in die Irre. Gerade dass auf Sardinien die Sonne scheint, aber selbst der Strand besteht aus Steinen. Der alternative Titel JUNG, SCHÖN UND LASTERHAFT trifft die Sache schon erheblich besser, beschreibt er doch, wenngleich etwas euphemistisch, das Wesen von Angela. Nur, mit Sex und Erotik hat das alles nichts zu tun. Eine unterschwellige Erotik ist natürlich fast permanent vorhanden: Gloria Guida ist öfters mal nackt zu sehen, seift sich unter der Dusche genussvoll ein und macht große Kulleraugen, während Dagmar Lassander gerne mal ein tiiiiiiiiiiiiefes Dekolleté präsentiert oder einen Schlitz im Kleid wunderbar findet. Schöne Frauen, die in einem warmen Land aparte Wäsche anziehen, aber auch nicht mehr. Die Liebesszene am Strand findet ausschließlich auf einigen Fotos statt (die kaum zu sehen sind), und mögliche Rammelszenen werden alle rechtzeitig ausgeblendet.

     

    Nee nee, der Film ist eigentlich ein reines Drama mit einem leichten Hang zum Giallo, ich erwähnte es bereits, und damit leider auch etwas problembehaftet, denn dummerweise ist die Geschichte sehr langsam erzählt und filmisch recht einfallsarm umgesetzt. Vielleicht habe ich ja in letzter Zeit zu viel modernes und schneller erzähltes Zeugs gesehen, kann ja auch sein, aber ich hatte beim Anschauen das Gefühl, dass sich die Zeit ziemlich zieht. Angela fasst ihren Plan zwar recht schnell (und ohne Einbeziehung des Zuschauers), aber bei der Ausführung  lässt sie sich gefühlt einige Zeit. Kann sie ja auch, was aber eben nur mäßig spannend ist. Und was dann wiederum dazu führt, dass hier vor allem eines regiert: Die Urlaubsstimmung. Mit dem Buggy durch die Dünen von Sardinien hüpfen und Dagmar Lassander in den Ausschnitt schauen, dazu einen Schwung Cocktails, sommerliche Musik und das Ambiente eines gehobenen Lebensstils – Das chillt schon ziemlich. Umso gemeiner dann das Erwachen, wenn der Zuschauer feststellt, dass da eben noch mehr ist als nur Sonne, Sand und heiße Schenkel, und in diesem Moment hat der Film denn auch seine besten Momente. Etwa wenn Angela des nächstens im Schatten steht und sich vorbereitet, das Opfer einer Vergewaltigung zu spielen. Noch ein-, zweimal schnell durch die Haare gewuschelt, das Kleid ein wenig mehr in Unordnung gebracht, und los geht das Gekreische. Irene fällt natürlich darauf rein – jeder würde darauf reinfallen (das wurde in der Presse in den letzten Jahren bei mehreren Vergewaltigungsprozessen mit Prominenten schließlich immer wieder bewiesen).

     

    Auch sehr intensiv geraten, ohne dabei aber seine spielerische Note zu verlieren, ist die Szene am Fels, wenn Angela versucht Irene zu verwirren und ihr Angst einzujagen. Vor allem auch dank der erstklassigen Darsteller herrscht plötzlich eine beklemmende und fast ein wenig klaustrophobische Stimmung, und fast musste ich an den im gleichen Jahr entstandenen PICKNICK AM VALENTINSTAG von Peter Weir denken, in dem ein Felsenlabyrinth ähnlich opak dargestellt wird.

    Solche Szenen hat es einige, und die tragen dann auch dazu bei, dass der Film nach dem Sehen wesentlich eindrucksvoller wirkt als während des Sehens. Das Phänomen ist euch bestimmt bekannt: Ihr schaut einen Film, und beim Schauen fallen euch fast die Augen zu. Mist verdammter, 100 Minuten Lebenszeit vergeudet! Doch im Lauf der nächsten Tage geht einem der Streifen dann gar nicht mehr aus dem Sinn, immer mehr Szenen fallen ein, Zusammenhänge werden klarer, bis man nach zwei Tagen feststellt, dass das alles gar nicht so übel war.

    Und genauso ist es hier! War ich mir nach dem Auswerfen der DVD noch sicher, dass ich mir diesen Quatsch nie wieder anschauen werde, neige ich inzwischen nach nur wenigen Wochen zur Zweitsichtung. Jetzt wo die Antennen für den Film sensibler geworden sind, möchte ich noch einmal in die flirrende Stimmung des Films eintauchen, den perfiden und gut durchdachten Plan Angelas in der Hitze Sardiniens hautnah miterleben, das geschickt gewebte Spinnennetz Faden für Faden noch einmal ablaufen, und staunen ob der Raffinesse der jungen Sünderin.

     

    Das einzige was im Moment ernsthaft dagegen spricht ist die Musik von Roberto Pregadio: Warum bitteschön hat niemand dem Mann seine Bontempi-Orgel weggenommen solange es noch nicht zu spät war? War das sein Weihnachtsgeschenk? Und auch wenn die Bildregie oft eher einfallsarm wirkt, die Musik (kann man dieses Gedudel wirklich so nennen?) ist das einzig wirklich Fürchterliche an diesem Film. Meist zerrt sie an den Nerven und besteht im Wesentlichen aus nichts anderem als Tonleitern, die in Schreck-Dur auf- und abgedudelt werden. Vor allem im Showdown hätte ich am Liebsten den Ton gleich ganz ausgemacht. So, das musste einfach mal gesagt werden …

  • Autor: Maulwurf
  • Veröffentlichungen:

    Die Veröffentlichung von Donau Film ist durchwachsen. Schön ist, dass der Film ungeschnitten und digital vorliegt, nach den vielen Video-Releases. Nicht so schön ist das etwas verwaschen wirkende Bild, welches oft mehr als nur einen Hauch von Sleaze ins Spiel bringt, und das in den dunklen Szenen oft zu dunkel ist und die Details verschluckt. Der Ton, vorliegend auf deutsch und italienisch mit zuschaltbaren Untertiteln, ist leicht rauschig und vor allem gegen Ende hin etwas übersteuert, das trifft aber nur auf den deutschen Ton zu. Der italienische dagegen ist ziemlich dumpf und leise. Die Veröffentlichung kommt in einem flatschenfreien O-Ring-Schuber und enthält als einziges Extra einen Schwung Trailer aus dem Donau-Programm. Aber immerhin wird auf der Hülle Corrado Pani als Mitwirkender angegeben – Da ist wohl irgendwas mit LEIDENSCHAFTEN EINER MINDERJÄHRIGEN durcheinander geraten, der ja ebenfalls von Donau vorliegt und auch mit Gloria Guida in der Hauptrolle besetzt ist …

  • Autor: Maulwurf
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