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Sieben Stunden der Gewalt

Italien, 1973

  • Originaltitel: Sette ore di violenza per una soluzione imprevista
  • Alternativtitel:

    Un homme appelé Karaté (FRA)

    7 Horas de Violência (POR)

    7 Hours of Violence

  • Regisseur: Michele Massimo Tarantini
  • Kamera: Federico Zanni
  • Musik: Alessandro Alessandroni
  • Drehbuch: Giorgio Capitani, Lucio Chiavarelli, Paolo Levi, Sauro Scavolini
  • Inhalt:

    Durch eine Fotoserie wird der Ex-Killer George von seinem früheren Brötchengeber, dem Anwalt Sam, erpresst, einen Hit in Griechenland zu erledigen: Rein ins Land, Mann umlegen, raus aus dem Land. Er hat 7 Stunden Zeit zwischen Ankunft und Abflug, und der Job ist gut geplant. Aber nicht gut genug, es gibt Scherereien, und irgendwann steht George da mit einer Leiche die er nicht zu verantworten hat, den Killern von Sams Auftraggebern im Genick, und der Polizei, die ebenfalls nach ihm fahndet. Die Priorisierung ist also klar: Dafür sorgen dass das die ihn belastenden Fotos in seine Hände kommen, und das Land verlassen, in dieser Reihenfolge. Aber auch das geht schief, plötzlich finden sich die Fotos in den Händen von Sams Auftraggeber wieder, dem kriminellen Großreeder Kalafris. Und der wittert eine Möglichkeit die Sache zu seinen Gunsten zu beenden und den Killer, der ja schließlich ein überflüssiger Mitwisser ist, zu beseitigen.

  • Autor: Maulwurf
  • Review:

    Ein Killer in einem fremden Land, das bietet so einiges an Möglichkeiten: Eine unverständliche Sprache, möglicherweise keinen oder einen der Polizei bekannten Pass, kein Netzwerk zur Verfügung auf das man zugreifen kann, unbekannte Örtlichkeiten, keine Freunde, … Auf Anhieb fällt mir da Jacques Derays BRUTALE SCHATTEN ein, wo Jean-Louis Trintignant als Franzose in Los Angeles arbeiten muss. Oder, ganz andere Kajüte, DOG BITE DOG – WIE RÄUDIGE HUNDE von Soi Cheang, wo sich ein kambodschanischer Berufskiller in Hongkong aufführt wie, ja, wie ein räudiger Hund. Was beide Filme gemeinsam haben, und das Sujet bietet das ja geradezu auf dem Silbertablett an, ist das Motiv des Gehetzten, der durch den Dschungel der (fremden) Großstadt gejagt wird.

     

    BRUTALE SCHATTEN ist von 1972, der Regisseur heißt Jacques Deray. SIEBEN STUNDEN DER GEWALT ist von 1973, und der Deckname von George Hilton lautet Jacques Debray. Na, klingelt was? So richtig Mühe haben sich die Drehbuchautoren irgendwie nicht gegeben. Macht ja nix, wenn dabei was Gutes rumkommt. Aber, und da muss ich dann leider einhaken, SIEBEN STUNDEN DER GEWALT erinnert manchmal an einen 4-Zylinder-Motor, bei dem nur 3 Zylinder funktionieren: Der Motor läuft, und er tut seine Arbeit, aber die völlige Zufriedenheit bleibt aus.

     

    Der Film beginnt mit George Hilton, der in Zeitlupe Karate trainiert. Im Lauf des Films hat er dann auch einige Gelegenheit dieses Können einzusetzen, und die Kampfszenen sind, so sie nicht gerade in Zeitlupe sind und zum Kopfschütteln reizen, auch gar nicht schlecht gemacht. (Anmerkung: In Deutschland ist der Film auf Video und in 4:3-Vollbild erschienen. Es kann also ohne weiteres sein, dass gerade die Actionsequenzen im korrekten Bildformat richtig wuchtig rüberkommen. So beschnitten wie sie jetzt vorliegen sind sie … ääh … gut.) Das stark hallhinterlegte Geschrei auf der Tonspur klingt dann eher wie Hall-igalli und wirkt oft leicht lächerlich, geht aber recht flott vorbei und passt ja auf eine merkwürdige Art dann doch wieder.

    Aber irgendwie wirkt das alles so trocken. Staubtrocken. George Hilton ist hier entweder am Limit seines Könnens angelangt, oder aber er hatte keine rechte Lust auf den Film. Die Frisur hält bei jeder Klopperei, es scheint als ob gerade die Schlägereien ihn überhaupt nicht tangieren, und die Mimik geht eher einseitig in Richtung Desinteresse. Seltsam, denn außerhalb der Actionszenen kann er glaubhaft den Gehetzten mimen, kann er überzeugen, und eigentlich sollte Hilton Actionszenen aus seinen Western heraus ohne weiteres drauf haben. Aber wenn der Hauptdarsteller zumindest stellenweise lustlos wirkt, dann kann das einem Film schon ein wenig den Wind aus den Segeln nehmen. Aber möglicherweise ist das Empfinden auch hier dem eingeschränkten Bildausschnitt der VHS geschuldet.

    Keinen eingeschränkten Bildausschnitt hat Rosemary Dexter, sie läuft definitiv unter der Rubrik “deplatziert“. Ihr Charakter schneit in den Film wie ein Deus Ex Machina, und ihre einzige Aufgabe scheint es zu sein, den Showdown herbeizuführen. Ansonsten schaut sie treudoof den Georg an und äußert symbolische Schwurbelsätze. Angenehmerweise hat sie kaum Screentime, und ich hätte nie gedacht, dass ich über Rosemary Dexter mal so etwas schreiben würde, aber ihr Rolle ist tatsächlich für’n A…

     

    Wer dafür punkten kann ist Steffen Zacharias als Anwalt Sam, der George in die Geschichte überhaupt erst hineintreibt, und vor allem George Wang als Anführer der Killer-Chinesen. Wenn der mit hochmütig-wollüstigem Grinsen durch eine Kneipe geht spürt man instinktiv, dass hier gleich irgendwelche Knochen zu Bruch gehen werden. Wat enne fiese Charakter, aber eine 1A-Ausstrahlung. Genauso wie Giampiero Albertini als Inspektor, der mit knorziger Stimme die Schnauze voll hat von seinem Job und den etwas blass wirkenden Assistenten Carlo Gaddi mit der ganzen Scheißarbeit betraut. Diese Darsteller sorgen für Stimmung und dafür, dass die Zeit trotz gelegentlichem Fuß auf der Bremse recht unterhaltsam vorbei geht. Die Musik von Alessando Alessandroni tut ein Übriges: Mal groovt sie beschwingt, und dann klingt sie wieder als ob Alessandroni und die Einstürzenden Neubauten gemeinsam einen draufgemacht hätten.

     

    Abwechslung ist also auf jeden Fall geboten, wenngleich die Handlung jetzt das Rad nicht neu erfindet. Dafür werden aber ein paar Features eingebaut, die dem Film wiederum so einiges an Wohlwollen rauben. So kann George Hilton nach einer Schussverletzung im Schulterblatt noch mühelos mehrere Runden Karate gegen George Wang bestehen, ohne dass ihm auch nur leichteste Schmerzen anzumerken sind. Ich bin nun der Letzte der sich für Logik in italienischen Genrefilmen stark macht, aber so einen gewissen grundlegenden Realismus erwarte ich in einem Thriller durchaus, zum Beispiel dass ein Held, so er im Schlussfight verletzt auftritt, auch verletzungsbedingte Probleme hat. Auch manch andere Merkwürdigkeit stößt mir ein wenig auf, etwa dass alle Personen immer zu wissen scheinen wo sich der von ihnen Gesuchte zuletzt befunden hat. Die Chinesen wissen genau in welcher Kneipe George mit welcher Hure verschwunden ist, die Polizei ist auch meistens auf der Höhe der Zeit, kann kryptische Hinweise in Rekordzeit mühelos knacken, und überwacht an und für sich Unverdächtige mit geradezu prophetischer Akribie (Personalmangel war bei der griechischen Polizei unter der Militärdiktatur wohl offensichtlich kein Thema). Insgesamt hat es einfach eine ganze Menge Unwahrscheinlichkeiten. Sprich, man sollte nicht allzu genau hinschauen respektive mitdenken.

     

    Aber mei, man soll ja nicht päpstlicher sein als der Papst, und auch wenn SIEBEN STUNDEN DER GEWALT kein Höhepunkt der Thrillerkunst ist, so ist auf jeden Fall ordentliche Unterhaltung mit netter Musik, vernünftiger deutscher Synchro und beliebten Schauspielern geboten. Ist ja auch schon was. Warum der Flick in Deutschland allerdings 25 Jahre lang indiziert war erschließt sich mir nicht. Weder außerordentliche Gewaltspitzen noch irgendwelche nackte Haut sind zu sehen, da hat man als Italo-Afficionado schon ganz andere Sachen gesehen.

    Zu erwähnen sind auch noch, da der Film ja in Griechenland spielt, die ganzen lustigen Namen, die sich kein Mensch merken kann: Sam heißt mit Nachnamen Fastiropoulos, der Kommissar hört auf den schönen Namen Athanasiatis, und das Mordopfer Mike lautet auf das vermutliche griechische Äquivalent zu Schmidt: Papadopoulos. Weswegen die Review auf der IMDB mit Buchstaben anstatt mit Namen hantiert: F heuert G an um P zu ermorden … *Lach*

  • Autor: Maulwurf
  • Veröffentlichungen:

    In Deutschland ist der Film als VHS bei International Home Video (IHV) erschienen, und zwar wie erwähnt im gruseligen 4:3-Vollbild, aber wenigstens ohne nervendes Pan and Scan. Laut OFDB soll die Veröffentlichung mit 86 Minuten ungeschnitten sein, allerdings geben die italienische Wikipedia und die IMDB eine Laufzeit von 93 Minuten an. Aufgefallen sind mir jetzt keine Schnitte, aber für einen italienischen Film aus dieser Zeit kommt er (in der deutschen Fassung) schon auffällig sauber daher. Man kann wohl davon ausgehen, dass vor allem die Prügeleien (George Hilton vs. Mike, George Wang vs. Hure) um einige derbere Szenen erleichtert wurden.

  • Autor: Maulwurf
  • Links

    OFDb
    IMDb

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