Suchen

Sieben Schönheiten

Italien, 1975

  • Originaltitel: Pasqualino Settebellezze
  • Alternativtitel:

    Pascualino Siete Bellezas (ESP)

    Pasqualino (FRA)

    Pasqualino das Sete Beldades (POR)

    Seven Beauties

  • Deutsche Erstaufführung: 26. September 1985
  • Regisseur: Lina Wertmüller
  • Kamera: Tonino Delli Colli
  • Musik: Enzo Jannacci
  • Drehbuch: Lina Wertmüller
  • Inhalt:

    Pasqualino Frafuso (Giancarlo Giannini) – genannt „Pasqualino Settebelleze“ wegen seiner sieben hässlichen Schwestern – befand sich gerade auf dem Weg zur Front in Russland, doch nachdem sein Zug bombardiert wurde, ist er desertiert und irrt nun durch Deutschland. Dabei trifft er Francesco (Piero Di Iorio), der ebenfalls in jenem Zug saß. Sie folgen dem Rhein und werden dabei Zeuge einer Massenerschießung von Dorfbewohnern durch die Nazis. Während Francesco eine gewisse Selbstverachtung an den Tag legt, weil er nicht bereit ist, dem Gegner ins Gesicht zu spucken, sieht Pasqualino das eher fatalistisch, kein persönliches Opfer sei gerechtfertigt, wenn man dabei das eigene Leben verliert. Doch Pasqualinos Einstellung wird bald auf eine harte Probe gestellt.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    In „Pasqualino Settebelleze“ schneidet Lina Wertmüller wieder einmal viele unterschiedliche Themen an, doch letztendlich dient alles nur einem Zweck. Sie will uns einen Menschen zeigen, einen Menschen, der so menschlich (Ich-Bezogen) ist, dass einem dessen Gegenwart als Zuschauer immer unerträglicher wird, am Ende sogar sich selbst.

     

    Der Film beginnt mit Dokumentaraufnahmen aus der Nazizeit und dem zweiten Weltkrieg, die mit typischen Zitaten eines „Jedermann“ unterlegt sind. Eines im Grunde unpolitischen Menschen, der es aber gut findet, wenn man ihm für sich und sein Land mehr Achtung, Respekt und Macht verspricht. Kontrolle über vorgebliche Feinde. Und so ist auch unser Protagonist Pasqualino, ein Mann der Mussolini und dessen Versprechungen zunächst gut findet, den aber ein Sozialist in einer der Rückblenden in weniger als einer Minute so aus dem Konzept bringen kann, dass er nicht mehr weiß, was er glauben soll.

     

    Es gibt viele Rückblenden in „Pasqualino Settebelleze“, die uns diesen Jedermann näherbringen sollen, nachdem er und Francesco von den Nazis gefangen genommen wurden. Wir sollen verstehen, wie er funktioniert und wozu er bereit ist, ungeachtet dessen, wie hoch der Preis dafür sein mag. Pasqualino beginnt als kleiner Gauner und Macho in Neapel, wo er über die Ehre seiner sieben hässlichen Schwestern wacht. Die Älteste macht ihm den größten Ärger, ist an den Zuhälter Totonno „18 carati“ (Mario Conti) geraten, der versprochen hat sie zu heiraten, und das will Pasqualino in Macho-Manier mit der Waffe in der Hand schließlich auch durchsetzen. Selbstredend gelingt ihm das nicht, und so beschließt er – auf Anraten des örtlichen Mafiabosses Don Raffaele (Enzo Vitale) – Totonno zu töten.

     

    Tatsächlich erschießt er diesen Totonno, allerdings eher aus Versehen. Don Raffaele ermahnt ihn, niemand dürfe den Leichnam je finden, denn Totonno war nicht bewaffnet, und so würde Pasqualinos Ehre nicht gerettet, sondern stattdessen würde er zum Tode verurteilt. Pasqualino ist allerdings nicht sehr klug, er zerstückelt zwar die Leiche, versteckt die Teile aber in Koffern, die er per Zug in drei verschiedene Städte transportieren lässt. Im Nu hat ihn die Polizei gefasst. Und so muss Pasqualino – auf Anraten seines Anwalts – eine Entscheidung treffen, in der er sein Leben über seine Ehre stellt. Nicht zum letzten Mal.

     

    Pasqualino lässt sich für verrückt erklären und landet in einer Irrenanstalt anstelle eines Erschießungskommandos. Nachdem er dort sieben Monate ohne Frau war, vergewaltigt er eine gefesselte Patientin und wird infolge einer Schocktherapie unterzogen. Da er in der Klinik ganz gute Kontakte geknüpft hat, gelingt es ihm eine der Ärztinnen zu überreden, ihn für gesund zu erklären, wenn er dafür bereit ist, in den Krieg zu ziehen. Dort könne es nicht schlimmer sein als in der Irrenanstalt. Er irrt sich. In einem Konzentrationslager, das unter der Knute einer kalten und sadistischen Aufseherin (Shirley Stoler) steht, muss er sich ein weiteres Mal entscheiden – zwischen seinem Überleben und seiner Menschlichkeit.

     

    Der Verlust von Pasqualinos Menschlichkeit wird schließlich durch die kleine Nebenhandlung um das Mädchen Carolina (Francesca Marciano) manifestiert. Einst hat Pasqualino ihr – fast schon im Vorbeigehen – auf dem Markt mal gesagt, dass wenn andere Männer zudringlich würden, könne sie sagen, sie sei mit Pasqualino Settebelleze verlobt. Am Ende des Films begegnen sie sich wieder. Seine Schwestern gehen inzwischen alle auf den Strich, und auch Carolina ist Prostituierte – und Pasqualino findet das gut, denn auch er hat sich prostituiert und so überlebt. Doch sein Blick ist gebrochen.

     

    Es gibt ein paar verdammt gute analytische Texte zu diesem Film, und genau deshalb habe ich mir diesen Teil geschenkt und verfahre stattdessen wie üblich. Mit kurzen Eindrücken und spontanen Gedankengängen unmittelbar nach dem Anschauen des Films. Und ein paar Infos. „Pasqualino Settebelleze“ war 1977 für vier wichtige Academy Awards nominiert: als Bester Ausländischer Film, Lina Wertmüller (als erste Frau) für die beste Regie und Bestes Drehbuch, Giancarlo Giannini als Bester Hauptdarsteller. Leider gingen alle leer aus.

     

    Eine interessante Nebenrolle hat hier Fernando Rey als ein Gefangener mit kuriosen Ansichten im Konzentrationslager, die Protagonist Pasqualino am Ende dann auch entsprechend fehlinterpretiert. Shirley Stoler (The Honeymoon Killers, 1970/Klute, 1971) spielt die Rolle der KZ-Aufseherin wortkarg und furchteinflößend, wobei sie am Bedrohlichsten wirkt, wenn sie schließlich doch mal spricht. Ihre Figur ist offensichtlich der realen Irma Grese nachempfunden. Nebendarstellerin Francesca Marciano war in nur wenigen Filmen zu sehen, nach „Pasqualino Settebelleze“ spielte sie in Pupi Avatis „Das Haus der lachenden Fenster“ (La casa dalle finestre che ridono, 1976) und „Neun Leichen hat die Woche“ (Tutti defunti... tranne i morti, 1977). Bekannter ist sie als Roman- und Drehbuchautorin. Unter anderem verfasste sie die Drehbücher für Gabriele Salvatoris „Ich habe keine Angst“ (Io non ho paura, 2003) und Bernardo Bertoluccis „Ich und Du“ (Io e te, 2012), beide nach Romanvorlagen von Niccolò Ammaniti.

     

    Stilistisch unterscheidet sich – trotz einiger dramatisch-verstörender aber erträglicher Szenen – „Pasqualino Settebelleze“ nicht allzu sehr von anderen Wertmüller-Filmen. Drama, Tragik, Komik, alles wird miteinander vermischt, genau wie im richtigen Leben. Oder so ähnlich. Und Wertmüllers Anteil daran, aus dem guten Darsteller Giancarlo Giannini den herausragenden Schauspieler Giancarlo Giannini gemacht zu haben, ist keineswegs zu unterschätzen. Ohne Klischees kommt aber auch „Pasqualino Settebelleze“ nicht aus, man hört viel deutsches Kauderwelsch, Wagner’sche Klänge, und die deutschen Soldaten im Lager sind ständig am Durchzählen ihrer Gefangenen für Bestrafungen, Erschießungen, etc. Hier darf man Lina Wertmüller allerdings durchaus zutrauen, dass diese Klischees pure Absicht waren und der satirischen Erzählweise des Films bewusst dienen sollten.

     

    Sadomasochismus und Satire. Ich denke, das war genau das, was letztendlich dem Film den Academy Award verwehrt hat. Sein wechselhaftes Spiel mit der Ernsthaftigkeit (typisch für Wertmüller), was den durchschnittlichen US-Rezensenten oder Prize-Juror mächtig abgeschreckt haben dürfte. Aber genau das macht „Pasqualino Settebelleze“ so kraftvoll und hat ihn die Zeit so gut überdauern lassen.

     

    In Deutschland lief „Sieben Schönheiten“ erst 1985 kurzzeitig im Verleih der prokino, ist aber weder auf VHS oder DVD erschienen. Ich bin nicht mal sicher, ob diese späte Kinofassung überhaupt deutschen Ton hatte oder eher im untertitelten Off-Kino-Bereich anzusiedeln ist. In den USA gab es eine mehrere DVD- und eine Blu-ray-Veröffentlichung von Fox/Lorber bzw. Kino Lorber, alle mit bisweilen schrecklich asynchronem Ton. Hier gibt es Nachbesserungsbedarf.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Links

    OFDb
    IMDb

    Bitte Kommentar schreiben

    Sie kommentieren als Gast.