The Sect

Italien, 1991

  • Originaltitel: La setta
  • Alternativtitel:

    La secta (ESP)

    La secte (FRA)

    The Devil's Daughter (USA)

    Demons 4

  • Regisseur: Michele Soavi
  • Kamera: Raffaele Mertes
  • Musik: Pino Donaggio
  • Drehbuch: Dario Argento, Gianni Romoli, Michele Soavi
  • Inhalt:

    Auf einer Landstraße nahe Seligenstadt überfährt die Lehrerin Miriam (Kelly Curtis) fast den alten und anscheinend schwer herzkranken Moebius (Herbert Lom). Sie nimmt ihn mit zu sich nach Hause, damit er sich dort für einen Moment erholen kann. Doch die Begegnung ist keineswegs ein Zufall. Moebius steht kurz vor der Erfüllung eines seit Jahrzehnten von einer Sekte geplanten wichtigen Ereignisses, und Miriam, die sich bisher ohne Vergangenheit oder Familie glaubte, die ahnungslose Hauptfigur.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Review:

    Michele Soavis „La Setta“ gehört zu den letzten großen Horrorfilmen Italiens, auch wenn er weitaus weniger erfolgreicher war als Soavis „La Chiesa“ (1989) oder „Dellamorte Dellamore“ (1994), den man wohl als das Ende der italienischen Horror-Ära bezeichnen kann.

     

    Das Projekt kam – wie so oft – durch einige verwickelte Ereignisse und geplante (nie umgesetzte) Filme und Drehbücher zustande, die schließlich vier Hauptprotagonisten zusammen führte: Die Geldgeber von Cecchi Gori, Dario Argento als ausführenden Produzenten und Co-Ideengeber, Michele Soavi als stilgebenden Regisseur und Symboliker und Gianni Romoli als Autor des Drehbuchs. Im fertigen Films sieht die inhaltliche Beteiligung der letzteren Drei so aus, dass Argento die komplette Anfangsszene erdachte, Soavi die Richtung der Story, die Symbolik und die Traumszenen ersann und Romoli dem ganzen die Hauptprotagonisten und die inhaltlichen Zusammenhänge bescherte und diese zu Papier brachte. Nicht Alles aus dem Originaldrehbuch schaffte es – aus Kostengründen und wegen der Länge – in das Endergebnis.

     

    „La Setta“ ist ein faszinierendes visuelles Erlebnis, und bisweilen hat man den Eindruck, dass eine ganze Reihe von kurzen, episodenhaften Ideen schließlich mühsam zusammengefügt wurden, um ein sinnvolles Ganzes zu ergeben. Lange bleiben wir Zuschauer im Unklaren, worauf das Ganze hinzielt, und hier ist es sehr sympathisch, dass weder Soavi noch der Autor Romoli im Interview einen Hehl daraus machen, wo ihre Vorbilder lagen. Ich hasse es, wenn andere Regisseure ganz offensichtlich irgendwo abkupfern, und auf Nachfrage dann immer behaupten, „was, von wem, nein, nie gehört, kenne ich nicht, nie gesehen“, das glaubt doch eh keiner. Aber „La Setta“ ist nicht natürlich nicht einfach abgekupfert, eine Vielzahl neuer Ideen und Inhalte wurden dem filmischen Vorbild hinzugefügt. In diesem Zusammenhang sind auch die Schnitte der alten deutschen Kinofassung (oder VHS) ärgerlich, die „La Setta“ zwar mehr Tempo verleihen, aber doch stark seinen Stil beschädigen.

     

    Symbolik ist ein fester Bestandteil der Geschichte, auch wenn die Bedeutung im Einzelnen nicht immer klar ist. Manches ist jedoch sehr offensichtlich, wie z. B. die Verbindung zwischen Hauptprotagonistin Miriam (sie ist das Kaninchen), und dem geheimnisvollen Moebius (der Marabu). Und schon zu Anfang als der kleine Junge beim Pinkeln eine Schlange beim fressen eines Geleges aufschreckt, und aus der Richtung in der die Schlange entschwindet, taucht anschließend der todbringende Damon (Tomas Arana) auf. Manchmal treibt Soavi es allerdings auch zu weit, etwa wenn das weiße Kaninchen – während Miriam schläft – die Fernbedienung per Pfote bedient und dabei einen äußerst kuriosen TV-Programmgeschmack beweist. Wo wollte Soavi da mit uns hin? Zum Glück verfolgt er das nicht weiter. Ich war auch selbst noch nie in der Leichenhalle eines Krankenhauses, aber dass es dort so aussieht wie in „La Setta“, möchte ich doch stark bezweifeln.

     

    Die Charaktere im Film haben eigenartige, im positiven Sinne vorherbestimmte Charaktere, ohne diese als schablonenhaft bezeichnen zu wollen, denn dafür leisten die Darsteller zu gute Arbeit. Miriam – gespielt von Kelly Curtis - ist das Opfer, führt ein Leben, dass andere für sie geplant haben, mit vorgezeichnetem Weg, aber unbestimmtem Ausgang. Ihr ist es allerdings später möglich, vom Opfer zur Akteurin zu werden. Ein eher tragischer Charakter ist Miriams Lehrerkollegin Kathryn (Mariangela Giordano), eine Frau, die auf ihr Leben eher in Bitterkeit zurückblickt, einsam, und zum Sterben prädestiniert. Eine fast komische Figur ist der Arzt Frank (Michel Adatte), ein Mann mit denkbar schlechtem Timing. Will sich mit der Frau verabreden, die gerade einen Toten in ihrer Wohnung hatte, will sie zum ersten Mal küssen vor dem Betreten der Leichenhalle, will Sex mit ihr nach der Einnahme eines Schlafmittels, und selbst für das Verlassen des schier endlos in die Tiefe reichenden Brunnens ins Miriam Keller hat er sich einen ungünstigen Moment ausgesucht. Moebius (Herbert Lom) dagegen der böse Alte, der Marabu, der Vater, der Dämon, und doch krank und hinfällig.

     

    Von seiner Hauptdarstellerin Kelly Curtis war Soavi zunächst gar nicht so begeistert, empfand sie – nachdem er seine Wunschkandidatin Lisa Wilcox nicht bekommen konnte – nach ihrer Ankunft in Rom als zu klein und nicht so hübsch. Es gelang Kelly Curtis aber, ihn mit ihrer Leistung zu überzeugen, und (vielleicht aus schlechtem Gewissen?) bezeichnet es Michele Soavi als eine Ehre, mit so einer bekannten Schauspielerin gedreht zu haben. Nun, so bekannt ist sie nicht. Zu Herbert Lom kann Soavi nicht so viel erzählen, vermutlich weil Soavi kein Englisch spricht, so dass ein Dialog nur durch Übersetzer möglich war. In einer kleineren Rolle Giovanni Lombardi Radice, für den die Aufnahmen zu „La Setta“ wohl ein eher anstrengendes Zwischenspiel während eines Theaterengagements war, sowie Donald O’Brien und Michele Soavi als Nebendarsteller auf dem TV-Bildschirm. Um Daria Nicolodi zu finden, muss ich den Film wohl noch mal anschauen.

     

    Michele Soavi gibt an, ca. 90% der Kameraarbeit selbst vorgenommen zu haben, aber trotz starker Beteiligung sähen das der Kameramann Raffaele Mertes sowie die zwei Steadycam-Operateure wohl anders. Überhaupt wird sehr viel mit der Steadycam gearbeitet, was interessante Bewegungen und Interaktion zwischen kamera und Darstellern ermöglicht. 1991 stellte das allerdings noch wegen des Gewichts der Steadycams eine Schwerstarbeit dar. Einer der Operateure fiel nach der Szene mit Giovanni Lombardi Radice im U-Bahnhof nach einem schweren Sturz allerdings aus. Nicht so recht begeistern kann ich mich für den größten Teil der Musik von Pino Donaggio. Sicher, das Titelthema ist klasse, aber der Rest klingt nicht viel hochwertiger als Carlo Maria Cordios Filmirage-Kram.

     

    Mein persönlicher Eindruck von „La Setta“: der Film ist ein Horror-Klassiker. Punkt und aus.

  • Autor: Gerald Kuklinski
  • Veröffentlichungen:

    Die Koch Media Veröffentlichung von „The Sect“ ist schlichtweg der Hammer. Ungekürzte Fassung auf Blu-ray (1080p) plus Deutsche Kinofassung in HD, und nochmal die Uncut-Fassung auf DVD und eine Bonus-DVD mit Interviews mit Regisseur Michele Soavi, Drehbuchautor Gianni Romoli, Set-Designer Massimo Antonello Geleng, Kameramann Raffaele Mertes, Komponist Pino Donaggio, Nebendarsteller Giovanni Lombardi Radice, sowie Filmhistoriker Fabrizio Spurio, den wir natürlich alle kennen und... egal.

     

    Außerdem gibt es ein 16-seitiges Booklet mit einem Text von Oliver Nöding.

  • Autor: Gerald Kuklinski
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