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Das Schloss des Grauens

Italien, 1963

  • Originaltitel: La vergine di Norimberga
  • Alternativtitel:

    A Mansão do Homem Sem Alma (BRA)

    El justiciero rojo (ESP)

    La vierge de Nuremberg (FRA)

    The Castle of Terror (GBR)

    Horror Castle (USA)

    Back to the Killer

    Terror Castle

    The Virgin of Nuremberg

    Die Gruft der lebenden Leichen

  • Deutsche Erstaufführung: 15. Mai 1964
  • Regisseur: Antonio Margheriti
  • Kamera: Riccardo Pallottini
  • Musik: Riz Ortolani
  • Drehbuch: Ernesto Gastaldi, Edmond T. Gréville, Antonio Margheriti
  • Inhalt:

    Mary Garson hätte sich eine romantischere Nacht in ihrem neuen Zuhause, ein altes Schloss in Nürnberg, vorstellen können. Von einem Todesschrei aus dem Schlaf gerissen zieht es die junge Schlossherrin in den Rüstungsraum, wo sie postwendend mit den tödlichen Vorzügen einer „Eiserne Jungfrau" konfrontiert wird. Der rote Lebenssaft fließt aus den Nischen des Folterinstruments, welches eine junge Frau von allem Irdischen befreite. Doch am Folgetag ist die Leiche verschwunden. Marys Mann, Burt, schenkt seiner Frau keinen Glauben. Als die Haushälterin, Martha, jedoch erwähnt, dass ein Richter (und Henker) durch das Schloss schleicht, um seinen Blutdurst zu stillen, macht sich Mary auf die Suche nach dem ominösen Kapuzenmann und möglichen Mörder.

  • Autor: Frank Faltin
  • Review:

    Die Inhaltsangabe gibt uns unmissverständlich zu verstehen, dass wir in einem klassischen Gruselvehikel zu Gast sind, denn Margheriti spielt bei „Schloss des Grauens“ mit jenen traditionellen Ingredienzien, die zu einem Schauerstück der alten Schule dazugehören. Also Licht aus, die Vorhänge zugezogen, Player angeschmissen, die Disc eingelegt, hinsetzen, die Fernbedienung in die Hand nehmen und auf „Play“ drücken. Die Zeit ist reif, um in die „gothischen Tiefen“ des „Château de Nuremberg“ einzutauchen.

     

    Mit dem Start unserer Reise wird die Atmosphäre auch postwendend angeheizt, denn wir gleiten durch schauerlich-gespenstische „Gewässer“. Eine, in ein weißes Nachthemd gehüllte, junge Dame (Mary Garson) durchquert die finsteren Räumlichkeiten ihres neuen Wohnsitzes. Dabei wird sie durch den Einsatz von Beleuchtungsscheren in den Mittelpunkt des Geschehens gerückt, wodurch das Unheimliche und Ungewisse dieses Szenariums deutlich verstärkt wird. Dieser, u. a. durch das Lichtspiel erzeugte, Funke springt umgehend auf den Rezipienten über. Ein Impuls, der uns Zuschauer in die Rolle eines akribisch beobachtenden Begleiters drängt, welcher der Macht von auditiven wie visuellen Reizen erliegt. Folglich lässt ein knallroter Teppich augenblicklich die individuelle Alarmsirene ertönen und uns wird klar, dass Gefahr im Anmarsch ist. Diese akuten Situationen werden von punktgenauen Soundsetzungen signifikant unterstützt. Dabei macht sich der Komponist die menschlichen Urängste zunutze, denn wir Erdensöhne und Erdentöchter reagieren auf besonders hohe und besonders tiefe Tonebenen ebenso empfindlich sowie empfänglich. Ergo rückt die subjektive Alarmbereitschaft in die dominierende Position, da sich die Soundkreationen mit den warnenden Signalen des Alltags assoziieren lassen.

     

    Das von Margheriti, Ortolani und Co. kreierte Gesamtkonstrukt aus Bild und Ton sowie deren harmonisches Zusammenspiel erinnern primär an die Erzeugnisse (zwischen ca. 1957 und 1967) aus der Hammer-Schmiede. Überdies lässt sich ein starker Bezug zu den gothischen Schauermodellen eines Mario Bava dechiffrieren. 

     

    „Ein Gespenst, das blutet, gibt es nicht.“ (Mary)

     

    Mag sein, aber in Mary Garsons neuem Domizil geht es nun mal nicht mit rechten Dingen zu. So entdeckt die Dame des Hauses in einem altertümlichen Folterinstrument die Leiche einer jungen Frau, die am nächsten Tag verschwunden ist. Natürlich glaubt der Ehemann seiner Teuersten kein einziges Wort. Eine Konstellation, die nicht gerade revolutionär klingt, aber für ein abendliches „Schauerstündchen“ absolut ausreichend ist. Doch wer „Schloss des Grauens“ vorrangig als einen klischeebeladenen und lapidaren Horrorfilm suggeriert, dem muss ich auf die Finger hauen. Margheriti bietet ein äußerst interessantes Gesamtwerk, das fundierte Wirkungsmechanismen nutzt, sich an diversen Genrebestandteilen bedient und (s)eine kreative Mannigfaltigkeit erfolgreich einsetzt. So kann man von einem klassischen Horrorfilm als auch von einem konventionellen Whodunit-Thriller sprechen.

     

    Des Rätsels zentrale Figur ist Mary Garson, die den Mysterien im Alleingang auf den Grund gehen will. Doch allzu einfach wird es ihr (sowie uns Rezipienten) nicht gemacht, denn obwohl der Täterkreis mit dem Hausdiener Edward, der Haushälterin Martha Maureen und Marys Ehemann, Burt, sehr klein ausfällt, wird simultan auch die Möglichkeit angeboten, dass Mary anhand von inszenierten Morden in den Wahnsinn getrieben werden soll. Überdies lässt sich nicht eindeutig entschlüsseln, ob der Richter mit der Henkersmaske ein übernatürliches Wesen oder der obligatorische Killer aus der „Nachbarschaft“ ist. Bei diesem Gemenge aus Mord, Trug und Wahn setzt der Regisseur auf eine autarke Vorgehensweise, die dem Logiker einige Sorgen bereiten wird, denn wir werden mit Opfern konfrontiert, die aus dem Nichts erscheinen und keinen individuellen Background besitzen.

     

    Die Hauptdarstellerin Rossana Podestà, die u. a. in einigen Peplum-Vehikeln aktiv war, spielt die Rolle der Mary Garson recht ordentlich. Das Highlight ist allerdings (wer hätte das eigentlich nicht erwartet?) Christopher Lee als der absonderliche Diener Ewald (im Original Erich). Diesen beiden (sowie allen weiteren) Charakteren gesteht Margheriti so wenig Transparenz wie möglich zu. Ein wirksamer „Schachzug“, da die Lösung bis zum erhellenden Finale offen bleibt.

     

    Abschließend sei gesagt, dass das musikalische Leitmotiv, „Il dubbio di Mary“, aus dem üblichen Rahmen der Horrorfilmmusikkompositionen heraus fällt. Das Musikstück lässt sich eher mit dem Kriminalfilmgenre assoziieren. Der Score „La vergine di Norimberga“ wurde übrigens (wenn mir die Recherche keinen Streich gespielt hat) 2015 von dem Label Contempo Records auf Vinyl veröffentlicht.

     

    Fazit: Ein von antinaturalistischer Farbgebung dominierter Horrorfilm mit gialloesken Konturen, dessen Finale den üblichen Lösungsschemen trotzt und dem Gesamtbild gar einen exploitativen Anstrich verleiht.

     

    PS: „Das Neue Lexikon des Horrorfilms“ hat übrigens ein ganz besonderes Kunststück parat, da die Auflösung des Filmrätsels bereits im ersten Satz einer Kurzkritik verraten wird.

  • Autor: Frank Faltin
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